DER ZUSAMMENBRUCH des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges schien den Kurden den Weg in die Unabhängigkeit zu öffnen. Hauptkriegsziel der Alliierten war nach den Worten des amerikanischen Präsidenten Wilson eine neue Weltordnung, in der die Völker ihr Schicksal selbst bestimmen sollten. Bereits im April 1918, als sich die britischen Truppen Kurdistan näherten, war in Suleimanyia eine Regierung gebildet worden, die Anspruch darauf erhob, im Namen des ganzen kurdischen Volkes zu sprechen, und die Errichtung eines unabhängigen Staates forderte. Nach der Kapitulation der osmanischen Armee formierten sich im Herbst 1918 auch in den übrigen kurdischen Gebieten der Türkei politische Gruppen, die Kontakt untereinander suchten, um ihre Anliegen bei der bevorstehenden Friedenskonferenz zu vertreten. Mit Erfolg: In dem im August 1920 in Sèvres unterzeichneten Friedensvertrag zwischen den Alliierten und dem Sultan wurde den türkischen Kurden eine lokale Autonomie garantiert und zugleich die Möglichkeit völliger Loslösung von der Türkei in Aussicht gestellt.
Der Anspruch blieb auf dem Papier. Der Vertrag trat nie in Kraft. In der Türkei jagte die Bewegung von Kemal Atatürk den Sultan vom Thron und erzwang den Abschluss eines neuen Friedens mit den Alliierten. Zugleich hatten sich Frankreich und Grossbritannien im Streit um die Ausbeutung der zum Teil im Kurdengebiet liegenden reichen Erdölvorkommen bei Mosul und Kirkuk entzweit. Als nach langem Hin und Her Mitte der zwanziger Jahre die Grenzen in den umstrittenen Bereichen festgelegt wurden, waren die Kurden längst ausmanövriert. Schon im Frieden von Lausanne, der 1923 den Vertrag von Sèvres ersetzte, wurden sie mit keinem Wort mehr erwähnt. Das Grenzabkommen von 1926 riss ihre Wohn- und Siedlungsgebiete endgültig auseinander. Sie wurden aufgeteilt unter die Türkei, den Irak und Syrien; dazu kamen noch die zahlreichen im Nordwesten Persiens lebenden Kurden sowie einige Volkssplitter in Sowjetarmenien. Ausser Minderheitsrechten im Irak hatten die Kurden nichts erreicht.
Schuld daran war zunächst die Machtpolitik der Alliierten, voran Grossbritanniens, das im Vorderen Orient seine imperialen Ziele rücksichtslos durchzusetzen verstand. Ebensosehr aber wurden die Kurden Opfer des türkischen, persischen und arabischen Nationalismus, der einer freien Entwicklung Kurdistans keinen Raum liess. Zudem arbeiteten die untereinander verfeindeten kurdischen Gruppen ihren Gegnern selbst in die Hände. Der gemeinsame Wille zur Nation war unter den Kurden nur schwach entwickelt. Sie lebten weit verstreut, ohne dominantes urbanes Zentrum. Ihre politischen Führer, meist Stammesälteste aus traditionell herrschenden Familien, stellten die Interessen des Clans nicht selten über das Anliegen des gesamten Volkes.
Die neuen Grenzen vertieften die Spaltung unter den Kurden. Zwar gab es gelegentlich Zusammenkünfte zwischen Kurdenführern aus Persien, der Türkei und dem Irak, bei denen die nationale Einigkeit beschworen wurde, doch das blieben meist nur Lippenbekenntnisse. In den Augen der Realpolitiker und Strategen, die von Whitehall aus die Geschicke des britischen Empire lenkten, waren die Kurden ein Volk von Träumern, die an ihren Lagerfeuern alten Märchen und Legenden lauschten und sich an den Heldentaten ihrer Ahnen berauschten. Den das Kommando im Vorderen Orient führenden britischen Hochkommissaren und Generälen erschienen die Kurden als Phantasten, als ein Haufen von ungebärdigen Kriegern, auf die kein Verlass war. Im nahöstlichen Machtspiel stützte London sich lieber auf die befreundeten Araber sowie auf die Machthaber in Ankara und in Teheran, wo 1925 nach kemalistischem Vorbild der Soldatenführer Reza, Vater des späteren Schahs Reza Pahlevi, die kraftlose Herrscherdynastie abgesetzt und sich zum Schah eines die Modernisierung anstrebenden Iran proklamiert hatte.
Die zum Opfer einer Politik des «divide et impera» (teile und herrsche) gewordenen Kurden reagierten auf ihre Weise. Zwischen den beiden Weltkriegen tobte in der Türkei, in Iran und im Irak fast permanent ein unerbittlicher Kleinkrieg mit den die Guerillataktik souverän beherrschenden Kurden. Kaum war eine Rebellion niedergeschlagen, loderte der Aufstand an einem anderen Ort wieder auf. Die Methoden waren stets dieselben: Strafexpeditionen gegen die Aufrührer, Luftangriffe, Deportationen auf der einen Seite - Ausweichen und ein zähes Ausharren auf der anderen. Es war ein gnadenloser Kampf, doch die Kurden verstanden es, sich immer wieder den Feinden zu entziehen, und nutzten geschickt die Zwiste zwischen Bagdad, Ankara und Teheran aus. Moralischen Rückhalt fanden sie gelegentlich in dem mit der Türkei verfeindeten Syrien und vor allem in der Sowjetunion.
Auf kurdischer Seite waren es meist Stammesführer, die den Geist des Widerstandes hochhielten, doch alle blieben letztlich erfolglos. Aber das schreckte andere nicht ab, die Fackel der Freiheit erneut zu entzünden. Der kühnste Führer erstand den Kurden in Mullah Mustafa Barzani, der nach der Ausschaltung von Scheich Mahmud Barsinji 1932 sich gegen die Zentralgewalt in Bagdad erhob und von nun an während Jahrzehnten mit wechselndem Erfolg für ein unabhängiges Kurdistan kämpfte.
Barzanis Schicksal verkörpert symbolhaft die Geschichte der Kurden in unserer Zeit. Er wurde von den Briten gefangengenommen und interniert, entfloh aber nach zehnjähriger Haft. Als er 1943 wieder auf der politischen Bühne erschien, war der Zweite Weltkrieg bereits in seine entscheidende Phase eingetreten. Und durch das kurdische Gebiet liefen die wichtigsten Verbindungslinien, über welche die britisch-amerikanischen Hilfsgüter in die Sowjetunion gelangten. Um diesen Nachschubweg zu sichern, hatten britische und russische Truppen 1941 Iran besetzt und den deutschfreundlichen Schah Reza ins Exil abgeschoben.
Die Schwäche der Zentralregierung in Teheran verschaffte den iranischen Kurden grössere Bewegungsfreiheit. Sie erhielten dabei Unterstützung durch die Sowjetunion, die schon in den zwanziger Jahren für viele Kurden zum nahe gelegenen Asyl geworden war. Moskau verstand es, ohne sich politisch allzustark zu engagieren, den kurdischen Emigranten das Gefühl zu vermitteln, in der UdSSR fänden sie Verständnis und Unterstützung. In Eriwan entstand ein kurdisches Kulturzentrum, wo Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in kurdischer Sprache publiziert und in die Nachbarländer geschmuggelt wurden. Den kurdischen Intellektuellen, die in der Unabhängigkeitsbewegung mehr und mehr eine führende Rolle zu spielen begannen, bot die Sowjetunion einen Rückhalt, den sie anderswo nicht fanden.
Doch die Sympathie Moskaus für die Kurden hatte, wie sich zu Ende des Krieges zeigte, ihre Grenzen. Mit der Rückendeckung der Sowjets gelang es den iranischen Kurden unter der Führung von Kadi Mohammed, sich von der Zentralgewalt in Teheran zu lösen. Im Dezember 1945 wurde eine Volksrepublik ausgerufen, deren Regierung Sitz in Mahabad nahm. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da der amerikanische Präsident Truman darauf drängte, dass die Rote Armee - wie schon während des Krieges vereinbart - gleichzeitig mit den Briten und Amerikanern Iran räume. Nun machte Moskau Schwierigkeiten und suchte den Abzug hinauszuzögern. Washington und London schien die Proklamation der Kurdenrepublik, der die Schaffung einer aserbeidschanischen Volksrepublik auf iranischem Boden vorangegangen war, nur ein Trick zu sein, analog dem Vorgehen in Osteuropa die Sowjetmacht auch in Nordiran auf Dauer zu installieren.
Nach kurzer Zeit wich jedoch Stalin dem Druck der Amerikaner und opferte seine Position in Iran, nicht ohne vorher von Teheran noch Erdölkonzessionen ertrotzt zu haben. Der Rückzug der Sowjets im Frühjahr 1946 war zugleich der Anfang vom Ende der Republik von Mahabad. Die iranische Regierung schickte Truppen ins Land und übernahm im Dezember 1946 praktisch kampflos die Macht. Kadi Mohammed wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, gleich ihm andere Mitglieder seiner Regierung. Mullah Mustafa Barzani, der mit seiner kampfkräftigen Truppe dem Kadi zu Hilfe geeilt war, entzog sich den ihn verfolgenden iranischen Soldaten. Nach einem wochenlangen Marsch durch gebirgiges Gelände erreichte er im Juni 1947 sowjetisches Gebiet. Wieder war er für lange Jahre ausgeschaltet. Aus seinem Moskauer Exil kehrte er erst 1958, nun schon fast 60jährig, in den Irak zurück, wo wenig später der Kampf um ein unabhängiges Kurdistan nach altem Schema aufs neue entbrannte.
Im Vierteljahrhundert zwischen den Versprechungen des Vertrags von Sèvres und dem Kollaps der Republik von Mahabad hatte der Widerstand der Kurden seine eigene Taktik entwickelt. Sie führten einen ebenso heroischen wie erfolglosen Kleinkrieg gegen eine besser organisierte und besser ausgerüstete Übermacht. Niederlagen schreckten sie nicht. Hartnäckig nahmen sie den Kampf immer wieder auf, getreu dem Vorbild ihrer Sagen, die von strahlenden Helden und kühnem Wagemut berichten, aber auch von bösen Finsterlingen, von Heimtücke, List und Mord. Legenden prägen das Bewusstsein und sind heute noch oft präsenter als der nüchterne politische Alltag. Meist war das kurdische Volk auf dem Schachbrett der grossen Politik kaum mehr als eine umher geschobene Figur, die bedenkenlos geopfert wurde, wenn übergeordnete Interessen es geboten. Trotzdem haben sie ausgeharrt und an der Forderung nach einem eigenen Staat festgehalten, von dessen Grösse und Form sie nur verschwommene Vorstellungen haben. Zwei unvereinbare Prinzipien stossen in diesem Kampf aufeinander: einerseits der moderne, festgefügte Staat mit seinen organisatorischen Zwängen, auf der andern Seite die anarchisch-freiheitliche Ungebundenheit eines Volkes, dessen Gedankenwelt sich in magischen Bahnen bewegt und dessen Lebensformen bis heute von patriarchalischen Strukturen geprägt werden.
Alfred Cattani, Publizist, lebt in Egg ZH.