ASHENDEN SAH R. zwanzig Jahre später wieder, an einem Ort, wo er es nie erwartet hätte: einer Literatenparty. R., der bis weit hinein in den kalten Krieg ein hohes Tier im Geheimdienst gewesen war (viel höher als Ashenden), war stets die Nüchternheit in Person gewesen und hatte nie das geringste Interesse an schöngeistiger Literatur gezeigt.
«Ich schätze, wir gelten jetzt als Kollegen», grüsste R., der seinen zahnbürstenartigen Schnurrbart behalten, die restlichen Haare aber eingebüsst hatte.
Ashenden, ebenfalls ein wenig kahler, lächelte.
R. fuhr fort: «Auch wenn ich im Gegensatz zu Ihnen keine Komödien geschrieben habe. Das Leichte liegt mir weniger.»
«Sie haben Ihre Memoiren veröffentlicht?»
R. schüttelte den Kopf. «Geheimdienstleute, die ihre Memoiren schreiben, gehören entweder vor ein Erschiessungskommando oder an den Galgen. Ich habe Wichtigeres geschrieben: ein Buch über die Geschichte meiner Heimatgemeinde Coax.»
«Oh», sagte Ashenden.
«Coax ist eine der ältesten Siedlungen Mittelenglands und hat eine der reichsten Vogelwelten», sagte R. «Da ich auf Ihr Urteil als Berufsautor gespannt bin, werden Sie es lesen müssen, fürchte ich.»
Ashendens Mut sank. Neben Lyrikbänden waren Heimatbücher das, was er in der Hölle als Lektüre erwarten würde. «Ich werde mein Bestes tun», versprach er und dankte im stillen seinem Schicksal, als sie von ihrem Gastgeber abgelenkt wurden. Mr. Jones war rotgesichtig und freundlich - ein Mann wie ein Baby mit einer Bassstimme.
«Einen Drink?» sagte er.
«Wie wär's mit der Spezialität: zwei Wodka?» fragte R.
Jones zwinkerte R. gutmütig zu und machte sich auf den Weg. R. zündete sich eine Zigarette an und sagte: «Was halten Sie von ihm?»
Ashenden zuckte die Achseln: «Ein freundlicher Gastgeber.»
R. lächelte: «Er war mein bester Agent nach 1945. Der einzige, der wirklich etwas herausgefunden hat.»
Ashenden hob die Augenbrauen.
«Das war 1962, während der Kuba-Krise. Die Russen schickten ihre verdammten Raketen nach Kuba, die Amerikaner waren hysterisch, der Premierminister verständlicherweise nervös. Niemand wusste, ob Chruschtschew losschlagen würde oder nicht. Fatalerweise war kurz zuvor unser Netz in Moskau aufgeflogen, wir hatten kaum Personal - ausser Jones. Als Vertreter eines Stahlkonzerns hatte er überall Verbindungen.»
«Jones war der einzige?»
«Nun, wir hatten noch einen Informanten im Innenministerium - den Barkeeper. Wir machten ein Treffen aus, und Jones traf ihn im Gorki-Park. Es war eiskalt. Jones ging von oben bis unten in Mantel und Mütze vermummt, der Mann übergab ihm ein Papier: einen Mikrofilm, getarnt als I-Punkt in einem Rezept für Wodka bitter. Auf dem Rückweg ins Hotel merkte Jones, dass etwas schiefgelaufen war. Er wurde beschattet. Auf Spionage stand damals die Todesstrafe. Jones schwitzte Wasser und Blut, bewahrte aber einen kühlen Kopf. Es war ihm klar, dass er als Amateur in einer fremden Stadt professionelle Bewacher nicht loswerden könnte. Aber vielleicht würden sie ihn mit seinem recht auffälligen Pelz verwechseln. Er ging also schnurstracks ins Hotel, nahm das Wodkarezept und befahl seinem Sekretär, in seinem Mantel und seiner Mütze eine Besorgung zu machen. Danach machte er, dass er zum Flughafen kam. Sie verhafteten den Sekretär.»
«Und was geschah mit ihm?»
«Er wurde unglücklicherweise erschossen», sagte R. trocken. «Leider war der Mikrofilm von seinem I-Punkt abgefallen und in der Manteltasche hängengeblieben.»
Ashenden räusperte sich etwas schockiert: «Ich kann nicht sehen, was daran ein Erfolg gewesen sein soll.»
«Nun», sagte R., «erstens wären die Informationen so oder so nur Funktionärsklatsch gewesen. Und zweitens: Kennen Sie das Teflon-Paradox?»
«Teflon?» fragte Ashenden.
«Auch die Raumfahrt hat Milliarden und einige Menschenleben gekostet. Und das Resultat? Die Mondlandungsbilder und die Teflonpfanne. Glauben Sie mir, Ashenden, ich habe 30 Jahre kalten Krieg hinter mir, Unsummen an Spionageetat verbraucht und nicht wenige Leute verloren. Was hat sich dadurch verändert? Am Gleichgewicht der Blöcke nichts. Das einzige wirklich greifbare Resultat für mich ist das von Jones gerettete Wodka-bitter-Rezept.»
Ashenden starrte R., der Jones zwei hohe, gutgefüllte Gläser abnahm, fassungslos an.
«Aber für diesen Wodka bitter», sagte R., «hat sich die Mühe wirklich gelohnt.»
Übersetzung: Constantin Seibt.