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Beim Coiffeur -- Abends eine Frau umarmen
© Beate Kittl
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| Georgeo (Osvaldo Raúl Saucero), Buenos Aires, Argentinien. |
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Georgeo war einst der teuerste Coiffeur von Argentinien, aber die glanzvollen Zeiten sind vorbei. Dennoch: einmal Haareschneiden, bitte!
Von Beate Kittl
Georgeo (Osvaldo Raúl Saucero), Buenos Aires, Argentinien, ist 53 Jahre alt, hat zwei erwachsene Töchter und ist geschieden. Er arbeitet seit 35 Jahren als Coiffeur. Er wohnt allein in einer 2-Zimmer-Wohnung im Quartier Belgrano und bezahlt 270 Franken Miete. In seiner Freizeit tanzt er Tango oder geniesst mit Freunden einen «Asado», eine typisch argentinische Grillade. Seinen jetzigen Salon mietet er seit 5 Jahren. Georgeo verdient etwa 1000 Franken im Monat.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Dieses Jahr sind Mähnen in: durchgestuft, viele Mèches und starke Farben.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich schneide nach der Methode von Tony & Guy, bei der von der Wurzel zur Spitze geschnitten wird. Das Haar behält Volumen und Form.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Schon mit 11 oder 12 schnitt ich die Haare meiner Freunde, meines Opas, meiner Onkel und Tanten. Auch meine eigenen.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Ich wuchs in einem Dorf in der Provinz Entre Rios auf und kam nach Buenos Aires, um den Beruf zu erlernen. Um die Coiffeurschulen bezahlen zu können, habe ich gejobbt. Ich habe immer teure Schulen besucht, L’Oréal in Paris, Tony & Guy in London, Kurse in den USA.
Warum nur die teuersten Schulen?
Ich hatte vor, auf hohem Niveau zu arbeiten. In den guten Zeiten Argentiniens, in den 1980er Jahren, war ich der teuerste Coiffeur des Landes. Ich besass einen Salon in Cabildo, einer vornehmen Einkaufsmeile. Ich habe mit Künstlern, Stars und Models gearbeitet und Modeschauen gemacht.
Was geschah?
Vor fünf Jahren musste ich meinen Salon schliessen, weil die Wirtschaft im Land am Boden war. Niemand hatte Arbeit. Ich wollte den Salon verkaufen, doch meine Frau und Geschäftspartnerin weigerte sich. Es war eine harte Zeit, weil ich mein Geschäft verlor und mich von meiner Frau trennte. Dann fing ich neu an.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Genug zum Leben zu haben, mein Haus in Entre Rios zu geniessen und jeden Abend Tango zu tanzen. In einem Jahr möchte ich einen eigenen Salon in Entre Rios aufmachen, in Buenos Aires ist das zu teuer. Am liebsten würde ich jeweils 14 Tage hier und 14 dort verbringen. Der Frieden in der Provinz und dann wieder die Verrücktheit von Buenos Aires.
Haben Sie viele Stammkunden?
O ja, etwa 380. Viele sind mir seit über 30 Jahren treu. Eine Kundin bediente ich mit 18 das erste Mal, jetzt bin ich 53, und sie kommt immer noch zu mir. Sie ist mir treuer als ihrem Mann.
Welche Reaktionen haben Sie erlebt?
Einmal kam eine sehr hässliche Frau und wollte etwas, was ihr überhaupt nicht gestanden hätte. Ich sagte ihr: Damit siehst du hässlich aus. Sie antwortete, dass sie wisse, dass sie hässlich sei, aber sie wolle etwas tun, um hübscher zu sein. Doch da war nichts auszurichten. Am Schluss war sie zufrieden, sie ist bis heute Kundin und wird von Tag zu Tag hässlicher.
Haben Sie prominente Kunden?
Heute nur noch einen oder zwei Schauspieler vom Fernsehen. Früher waren es viele argentinische Stars. Einmal frisierte ich eine «Evita» für einen Film über die Frau des Präsidenten Perón. Zu der Zeit war ich sehr berühmt, und Argentinien ging es gut. Es war eine andere Epoche. Ruhm wie vor 20 Jahren gibt es heute für Stylisten nicht mehr.
Wann ist eine Frisur gelungen?
Wenn sie gut zum Gesicht der Person passt, sie hübsch aussehen lässt. Dann bin ich zufrieden, weil ich ein Kunstwerk aus ihrem Gesicht gemacht habe.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?
Es ist eine Grossstadt, die Tag und Nacht in Bewegung ist. Ausserdem sind die Leute fröhlich, die Frauen und Strassen wunderschön, und das Essen ist herrlich. Für meinen Salon wählte ich den Stadtteil Nuñez, weil es ein Quartier mit niedrigen Häusern ist. Die sind in der Stadt sehr teuer, also gibt es hier vielGeld. Ausserdem kann meine Klientel von meinem alten Salon in der Avenida Cabildo weiterhin zu mir kommen, das ist nur sieben Häuserblocks von hier.
Wie verbringen Sie Ihre Abende?
Ich verbringe meine Abende damit, eine Frau zu umarmen. Das ist die richtige Art, einen Tango zu tanzen. Du kannst geniessen und hast keine Zeit, über deine Probleme nachzudenken. Es kommt vor, dass meine Kunden zum Tango kommen. Oder Tangotänzer besuchen meinen Salon. Beides ist eine Kunst, das Tangotanzen und das Haareschneiden.
Beate Kittl ist freie Wissenschaftsjournalistin; sie lebt in Basel.
Georgeo Estilista Internacional Der Coiffeursalon liegt im wohlsituierten Quartier Nuñez, gleich neben dem reichen Belgrano. Er bietet auch Schönheitsbehandlungen wie Manicure, Pédicure, Gesichtspflege, Depilation sowie manuelle und maschinelle Massagen an. Ein Haarschnitt kostet im Schnitt 8 Franken 40, Waschen, Föhnen oder Legen werden extra berechnet.
Argentinien Einwohner: 40,5 Millionen BIP pro Kopf: 17 300 Fr. Milch: 1 Liter 0.66 Fr. Brot: 1 kg 1.65 Fr. Kinobillett: 6.70 Fr. Zigaretten: 1.50 Fr. Taxi: 10 km 10 Fr.
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