NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Böses Erwachen

Von Werner Morlang

MITGENOMMEN sehen beide aus, welche die pure Willkür in einem Park einer mitteleuropäischen Metropole zusammengeführt hat, wo sie nun, nebeneinander auf einer Bank sitzend, über ihr privates Ungemach sinnieren. A, ein ebenso unauffällig wie korrekt gekleideter Mann Anfang Dreissig, der es immerhin zum höheren Angestellten gebracht hat, ist hier heimisch. Dagegen wirkt B exotisch, ja geradezu rustikal, als wäre er stracks der niederländischen Genremalerei entstiegen. Seine Gewandung lässt in mancher Hinsicht zu wünschen übrig. Indessen sind beide ledig, und vielleicht hat die Ahnung eines gemeinsamen hagestolzen Daseins B dazu ermuntert, sein bekümmertes Schweigen zu brechen und auf seine beschädigte Physis hinzuweisen.

B:      In dem Augenblick, da ich dem Bett entsteig', ich hatte noch das Morgenlied im Mund, stolpr' ich in den Morgen. Und eh ich noch den Tag beginne, renkt unser Herrgott mir den Fuss schon aus.

A:       (dem seinerseits ein unangenehmes morgendliches Vorkommnis zu schaffen macht) Was mir geschehen ist, ist zwar nur ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es gegen viele geübt wird. Ich wurde früh im Bett überfallen, vielleicht hatte man es auf irgendeinen Zimmermaler, der ebenso unschuldig ist wie ich, abgesehen.

B:      (zweideutig) Ja, seht! Zum Straucheln braucht's doch nichts als Füsse. Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier? Hier bin ich gestrauchelt, denn jeder trägt den leidigen Stein zum Anstoss in sich selbst.

A:      (entrüstet) Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht bessere Vorsorge treffen können. Diese Leute waren überdies demoralisiertes Gesindel, sie schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen lassen, sie wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider herauslocken, sie wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen, nachdem sie mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen hatten.
 
B:      (skeptisch) Ihr seid ein Freund von wohlgesetzter Rede und habt Euren Cicero wohl studiert. Drückt Euren Ehrgeiz heut hinunter, hört Ihr? Es werden sich schon noch Fälle ergeben, wo Ihr mit Eurer Kunst Euch zeigen könnt.

A:      (in unbegrenztem Eifer) Ich will nicht Rednererfolg. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung eines öffentlichen Missstandes.

B:      Da seid Ihr bei mir an den Richtigen geraten. Erzählt! (kratzt sich professionell angeregt am Kahlkopf und zuckt dann wie ertappt zusammen) Äh, verwünscht, meine Perücke! Ich sitz und lese gestern abend ein Aktenstück, und weil ich mir die Brille verlegt, duck ich mich so tief in den Streit, dass mir bei der Kerze Flamme lichterloh die Perücke angeht. Und eh ich noch das Nackenband gelöst, brennt sie wie Sodom und Gomorra schon.

A:      (zweifelt an der Glaubwürdigkeit des possierlichen Alten) Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung. Ich erkenne auch an, dass Sie sich meiner Sache so sehr annehmen wollen, wie es Ihnen möglich ist. Indessen werde ich natürlich niemals versuchen, Sie, einen soviel älteren und erfahreneren Mann, von meiner Ansicht überzeugen zu wollen. Leben Sie wohl.

B:      (blickt dem Davongehenden gekränkt nach) Mein Seel! Es ist kein Grund, warum ein Richter gravitätisch wie ein Eisbär sein soll, wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt.

 Wer und wer? F. J. Koes und Richard D. Fermato natürlich!

Auflösung: A ist Josef K. aus Franz Kafkas "Der Prozess" (1915); B ist der Dorfrichter Adam aus heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug" (1806).


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