Thommy Haas, Tennisspieler Muttersöhnchen. Das Wort war irgendwann zu Beginn des Gesprächs gefallen: «Nur Muttersöhnchen spielten früher Tennis», hatte Vater Haas klargestellt. Und dabei eine Miene aufgesetzt, die unmissverständlich zu verstehen gab, dass einer wie er, ein Musterathlet, der Mann mit dem vielleicht stärksten Händedruck Oberbayerns, für derlei Freizeitvergnügungen nur Hohn und Spott übrig haben konnte; früher, in seiner Jugend. Mittlerweile sieht es Peter Haas, ehemaliger Judomeister und nun Tennislehrer im oberbayrischen Freising, etwas anders. «Heute gehört Tennis zu den Leistungssportarten, die einem alles abfordern», sagt er. «Da wird keinem etwas geschenkt.»
Mit einem gepressten Stöhnen setzt Peter Haas seinen beinharten Aufschlag ins Servicefeld des Centre Court; in die linke Ecke scheucht er seinen Gegner, in die rechte; er nagelt ihn mit angeschnittenen Topspin-Bällen hinter der Grundlinie fest, um ihm schliesslich mit einem präzisen Stoppball eine Lektion in tennistechnischem Raffinement zu erteilen. Ein Fluch zischt über die Lippen des Gegners, Peter Haas tadelt lautstark. Thommy, der Sohn, dünnarmig und schmächtig, wischt sich den Schweiss aus dem Gesicht, stakst hinter die Grundlinie zurück. Den nächsten Aufschlag retourniert er mit der gepeitschten Vorhand, die keiner in seiner Altersklasse härter schlägt.
Aufschlag, Vorhand, Rückhand, Volley - Thommy Haas stellt sich dem Duell, das sein Leben ist. Als er drei Jahre alt war, drückte ihm sein Vater ein Speckbrettchen in die Hand. Dann warf er ihm Bälle zu. Der kleine Thommy spielte sie fast alle zurück, und für den Vater war damit offenkundig, dass der Sohn mit einer herausragenden Begabung fürs Tennisspiel gesegnet sein musste. Mit sechs begann Thommy unter Anleitung des Vaters mit dem systematischen Training. Mit acht flog er zum ersten grossen Turnier; auf der Rückreise begleitete ihn ein Pokal, der fast so gross war wie er selbst. Unter den Jüngsten wurde er Deutscher Meister sowie - als Doppelbürger - Österreichischer Meister. Mit elf hatte er seinen ersten Ausrüstervertrag mit einer Schlägermarke. Heute ist er dreizehn, besucht während der längsten Zeit des Jahres die Tennisschule von Nick Bollettieri in Florida. Als Europameister seiner Kategorie ist er eine der grössten Nachwuchshoffnungen des deutschen Tennissports für die Ära nach Boris Becker. Bollettieri, der Name mit dem magischen Klang in der Tenniswelt, soll garantieren, dass es mit Thommys Tenniskarriere im gleichen Stil weiter aufwärts geht; im Camp der Tennislegende, das eigentlich im Besitze des grössten Sportvermarkters, McCormack, ist, wurden schon Weltstars wie André Agassi und Monica Seles geformt. Mit entsprechendem Stolz betont Peter Haas, dass er seinen Sohn nicht wie andere in die renommierte Tennisschule eingekauft habe; Talentspäher Bollettieri selbst habe Thommy nach Florida eingeladen, «weil der noch nie einen besseren Spieler dieser Altersklasse gesehen hat». Unter den Besten gehört Thommy zu den Privilegierten: Er braucht kein Schulgeld zu bezahlen und wird von Bollettieri höchstpersönlich zum potentiellen Top-ten-Spieler getrimmt.
Der Weg zur Spitze ist lang, unendlich lang, und der Einsatz hoch: Abgesehen von den persönlichen Entbehrungen, verschlingen allein die Reisen zu Turnieren, die Versicherungen gegen Sportverletzungen sowie die weiteren Spesen schnell einmal mehr als 100 000 Mark im Jahr - zuviel für einen Normalverdiener wie Peter Haas, der nicht nur seinen Sohn, sondern auch die ältere Tochter Sabine an die Tennisspitze bringen möchte. Durch nichts von der Leidenschaft für den weissen Sport abzubringen, sah sich die Tennisfamilie folglich nach weiteren Geldquellen um. Das Finanzierungsmodell, das Peter Haas schliesslich entwickelte, erinnert an spekulative Warentermingeschäfte: 15 Gesellschafter investieren fünf Jahre lang jeweils 10 000 Mark in die Ausbildung der Tenniskinder aus dem Hause Haas. Im Gegenzug ist jeder der Gesellschafter 15 Jahre lang mit einem Prozent an allen Einnahmen der potentiellen Tennisprofis beteiligt. Der Einsatz der Geldgeber werde mit traumhaften Gewinnchancen aufgewogen, wirbt der Vater für seinen Nachwuchs, denn in der Tennisbranche würden sich Preisgelder für Spitzenspieler schnell zu siebenstelligen Beträgen addieren.
Für die Gründung der Tosa GmbH, deren Substanz die Tenniszukunft seiner beiden Kinder ist, benötigte Peter Haas die Einwilligung der Vormundschaftsbehörde, die ihr Einverständnis an die Bedingung knüpfte, dass die minderjährigen Spekulationsobjekte jederzeit aus dem Vertrag ausscheiden können, falls sie die Lust am Tennisspielen verlieren sollten. Dass die beiden Kinder den vorgezeichneten Weg verlassen könnten, daran ist - vorläufig - allerdings nicht zu denken. «Wenn man ein Ziel hat, muss man sich dem unterordnen; man muss einfach abschalten», deklariert der mediengewandte Jungstar Thommy. Bollettieris Training nennt er «super, wenn auch sehr hart». Der Stundenplan im von der Aussenwelt abgeschirmten Camp ist fix, für tennisfremde Gedanken bleibt wenig Zeit. Um 6 Uhr 45 ist Tagwache. An drei Tagen besuchen die mutmasslichen Tenniscracks der Zukunft die lokale Highschool von 8 bis 12 Uhr 30, an zwei Tagen von 12 Uhr 30 bis 14 Uhr 30. Die übrige Zeit gehört dem Sport. Mindestens drei Stunden am Tag stehe er auf dem Tennisplatz, erzählt Thommy, dazu kommen Konditionstrainings, Exkurse in Tennistheorie. Am siebten Tag herrscht dagegen rigoroses Tennisverbot; in seiner Freizeit spielt Thommy dann am liebsten Fussball.
Wer zum erlesenen Bollettieri-Kreis gehört, der hat sich dem Regime des Meisters, auch «der Schleifer» genannt, unterzuordnen. Allerdings will dies nicht heissen, dass die Tennisschüler, im Gegensatz zu Kollegen in anderen Sportinternaten, auf alle Annehmlichkeiten verzichten müssten. Thommy lobt sein «schönes Apartment», das er ganz allein mit seinem Maskottchen, der Ente Paula, bewohnen dürfe. Das Essen ist reichhaltig, der körperlichen Anstrengung angepasst; «schon beim Frühstück haben wir die Wahl zwischen zehn verschiedenen Sorten Corn-flakes». Thommys Kinderaugen leuchten, wie er in angeregtem Plauderton erzählt, dass er sogar einmal gegen André Agassi, sein Idol, antreten durfte. Wortkarg wie Björn Borg nach dem missglückten Comeback gibt er sich hingegen, wenn das Gespräch die Monotonie des Tennisalltags, seine Gefühle streift. Heimweh? Ja, früher sei er manchmal schon sehr einsam gewesen, vor allem abends, wenn er dann so müde und allein in seiner Wohnung gesessen habe. «Und manchmal habe ich auch geweint.» Thommy rufe oft zu Hause an, sagt die Mutter. Manchmal dreimal am Tag.
«Tennis ist eine Lebensschule», sagt Vater Haas, «und das Training in Florida ist das beste, das intensivste.» Dort habe sich der Schüler dem Rhythmus des Trainers, den stets in hoher Kadenz gespielten, hohen, langen, kurzen, nach rechts, nach links geschlagenen Bällen total zu unterwerfen. Würde er in Freising, eher bekannt für die Brauerei-Fachhochschule Weihenstephan als für Tennislehrgänge, dasselbe fordern, ist der Tennislehrer überzeugt, so beschwerten sich die Eltern der Nachwuchsspieler sofort - weil sie befürchteten, die Kinder könnten den Spass am Spiel verlieren.
Für den Urlaub ist Sohn Thomas zurück in die propere Kleinstadt gekommen und spielt jetzt in der Altersklasse der 17- und 18jährigen am 4. Isar-Amper-Jugendturnier. Im Clubhaus hängen Zeitungsausschnitte, Berichte über den aufsteigenden Stern aus Bayern mit den Schlagzeilen: «Boris Beckers Nachfolger» oder «Der Wimbledon-Sieger 2000». Vater Haas stellt sich mit der Videokamera in Position. So wird festgehalten, wie Thommy das erste Spiel mit 6:0 und 6:0 für sich entscheidet. Das zweite Spiel gegen einen zwei Köpfe grösseren Bundesligaspieler mit Brutaloaufschlag endet 1:6 und 3:6. Thommys Aufschlag, analysiert Vater Haas, sei noch verhältnismässig zahm, weil er mit seiner Grösse von knapp einssechzig halt zuwenig Druck entwickeln könne; zudem sei bei dieser Statur ohnehin der Aufschlagwinkel relativ ungünstig. Aber das werde sich schon noch ergeben, das wichtigste sei im Moment die Verbesserung der Beinarbeit. «Nicht wahr, Thommy?»
Tommy nickt artig. Doch möchte er jetzt lieber ins Schwimmbad.
Martin Weibel, Kunstturner Der Geruch in Turnhallen ist von ganz eigner Art. Ein Muff von Schweiss, Bodenwichse und Magnesium, jedem vertraut, der während seiner Schulzeit im Pflichtfach seinen Leib zu üben hatte: Am Reck, am Barren, an den Ringen und am Pferd hat der Dilettant an der eigenen Schwerkraft gelitten, hat erfahren, dass Turnen kein Kinderspiel, sondern harte Arbeit ist.
In der Turnhalle der Zürcher Berufsmittelschule an der Lagerstrasse 55, hinter den 18 Geleisen des Hauptbahnhofs, wird diese Arbeit Tag für Tag verrichtet, stundenlang. Es riecht nach Schweiss und Bodenwichse. Im grellen Neonlicht flimmert feiner Magnesiumstaub. Die Kleinen, noch dünn und fragil, die Grösseren schon auffallend mit Muskeln bepackt und breitschultrig, allesamt käsebleich, selbst nach dem schönsten Sommer des Jahrzehnts, turnen ihr Programm. Übungen, die mit Schulturnen wenig gemeinsam haben. Martin Weibel, 16 Jahre alt und damit bereits einer der Ältesten, federt mit einem anderthalbfachen Salto über das Langpferd in die Schaumgummigrube. Sein nächster Sprung ist ein Tsukahara mit Schraube. Am Boden absolviert Martin viermal Radwende, Flickflack, Aufspringen, viermal Radwende, Flickflack, Salto rückwärts gestreckt, viermal Doppelsalto, viermal eine Bahn Salto vorwärts und dreimal den Krafthandstand.
In einem gewöhnlichen Training sind nach den Lockerungsübungen und dem Krafttraining je 25 Minuten für die Bodenübungen und die fünf Geräte vorgesehen. Zum Dessert gibt's dann noch einmal «Kraft und Ausdauer»: Klettern am Tau mit abgewinkelten Beinen und zwei Längen Froschhüpfen. Vier Stunden dauert ein solches Programm, das an sechs Wochentagen zu absolvieren ist. Gesprochen wird in der Turnhalle an der Lagerstrasse wenig, jeder weiss genau, was er zu tun hat.
«Wer es im Kunstturnen zur Spitze bringen will, muss schon sehr früh sehr viel investieren», hat Martin gelernt. Als er sieben Jahre alt war, schleppte ihn sein älterer Bruder, heute ebenfalls ein Spitzenturner, in den Turnverein von Henggart im Zürcher Weinland. Mit acht turnte Martin bereits viermal in der Woche, je eineinhalb bis drei Stunden lang. Mit dreizehn, nach der sechsten Klasse, wechselte er an die in Zürich neu eröffnete Oberstufenschule für künstlerisch und sportlich besonders begabte Jugendliche (K & S), deren Besonderheit darin besteht, dass der Stundenplan auf das Trainingsprogramm der Nachwuchssportler abgestimmt ist: Der Nachmittag ist für das Training reserviert; es werden keine Hausaufgaben und Zeugnisse vergeben, und erteilt wird ein individueller Unterricht, bei dem der Schüler weitgehend selber seinen Stundenplan und seine Lernziele festlegen kann. Die als Pilotversuch eingerichtete Bildungsstätte soll Schweizer Nachwuchshoffnungen eine Trainingsintensität ermöglichen, die mit den Bräuchen im internationalen Jugendhochleistungssport vergleichbar ist. Für Martins Trainer ist denn auch klar: «Wer nicht soviel trainieren kann wie die K & S-Schüler, ist im Spitzensport ohne jede Chance. Das tönt zwar brutal, ist aber leider so.»
«Fortschritt braucht Fleiss. Fleiss braucht Wille und Wille braucht jeder Sportler», diktiert ein Schriftzug an der Turnhallenwand in grossen Lettern. Wer flucht, ungehorsam ist, vulgäre Ausdrücke braucht oder das Gerät misshandelt, so ist am Anschlagbrett zu lesen, hat 50 Rappen Busse zu zahlen. Martin hat sich diese Woche noch nichts zuschulden kommen lassen. Er gilt als vorbildlicher Sportler. In stoischer Ergebenheit absolviert er sein Tagesprogramm: Sechs Uhr Aufstehen. Mit dem Postauto nach Winterthur. Von Winterthur mit der Bahn nach Zürich. Schule, Mittagessen, Training. Mit der Bahn nach Winterthur. Mit dem Postauto nach Henggart. Frühestens um acht Uhr ist Martin wieder zu Hause. Nach dem Nachtessen, so um neun Uhr, gehe er dann meistens zu Bett, sagt er. Die Mutter ergänzt, es komme allerdings ganz darauf an, was am Fernsehen auf dem Programm stehe. Sie, die aus Angst vor einem Unfall bei einem Turnwettkampf nie dabeisein will, möchte den Einwand allerdings nicht als Rüge verstanden wissen, eher als Hinweis, dass die Eltern auch Nachsicht walten lassen: «Der Martin braucht ja auch etwas fürs Gmüet.»
Der Martin Weibel sei ein stiller, etwas verschlossener Schüler, hatte der Lehrer der K & S-Schule gesagt. «Wenn man etwas angefangen hat, muss man es auch durchziehen», umschreibt Martin denn auch kurz und bündig seine Motivation. Bescheidenheit wäre ein weiteres Attribut. Erst als ihn der Vater dazu auffordert, zeigt er die eroberten Kränze, die Diplome aus Länderkämpfen, alles anständige Klassierungen, wenn auch keine Spitzenplätze. Die Nachwuchsturner aus dem Osten seien halt doch um einiges weiter als die Schweizer Turntalente. Denn im Osten fingen sie schon mit fünf Jahren mit dem harten Training an.
Mit einem noch intensiveren Training will Martin den Rückstand auf die Konkurrenz aus Asien und Osteuropa wettmachen. Was ihm vor allem fehle, jetzt, mitten in der Wachstumsphase, sei die Muskelkraft. Daran muss er nun «arbeiten». Und dosiert Eiweisspräparate zu sich nehmen. Denn ohne Kraftpakete an Armen und Schultern wird Martin den Sprung in die Nationalmannschaft, sein nächstens Ziel, kaum schaffen. Den Spagat zwischen Spitzensport und Berufsausbildung wird er mit einer Teilzeitlehre, vielleicht als Hochbauzeichner, versuchen.
«Wie steht es um deine Schulter? Musst du die Tabletten noch nehmen?» erkundigt sich der Vater, von Beruf Immobilientreuhänder, während des Abendessens. Es sei alles wieder in Ordnung, beruhigt ihn der Sohn. Es war nur eine leichte Verletzung, nichts Ernsthaftes gemäss Befund des Sportarztes, zu dessen Beruf es gehört, unter Turnern und Turnerinnen diejenigen mit Havarien an Gelenken und an der Wirbelsäule (Morbus Scheuermann und Spondylolysen lautet die häufigste Diagnose) auszusortieren. Martin wird ein wenig nachdenklich, wie er erzählt, dass die traumatischen Schläge bei der Landung nach den Sprüngen bei einem Kollegen ein Stück Wirbelsäule abgesplittert hätten; und das Schicksal eines Nachwuchsturners, der während eines Wettkampfs einer Hirnblutung erlegen ist, hat ihn erschreckt. Ich frage ihn noch, was es mit seinen geröteten, aufgeschwollenen Handgelenken auf sich habe.
«Ach, das, das ist ganz normal», winkt der Jungturner ab. «Nur die Anstrengung.»
Susen Hollmig, Eiskunstläuferin Die Eisprinzessin kommt ungeschminkt. Eingepackt in einen violetten Trainingsanzug, stapft Katarina Witt auf dicken Joggingschuhsohlen in die Eishalle des Sportforums, verschwindet in einer Umkleidekabine von realsozialistischer Nüchternheit. In der Halle an der Ho-Chi-Minh-Strasse in Berlin Ost nagt der Rost an den Stahlträgern, von den Backsteinmauern bröckelt der Putz, und die Heizung versagt gerade wieder einmal ihren Dienst. Später dreht Katarina Witt einer Schar von Eislaufkindern ihre Pirouetten aus der Glitzer-Show «Holiday on Ice». Bewundernde Blicke werden ihr von den Nachwuchsläuferinnen keine geschenkt. Nicht mehr.
Nur knapp zwei Jahre ist es her, da war Katarina Witt das grosse Vorbild aller. Auch von Susen Hollmig, dem vielleicht letzten grossen Talent aus der einst mit dem Stasi-Chef Erich Mielke als Vorsitzendem geschmückten Eislauffabrik Dynamo Berlin. Heute nennt sich der Verein schlicht SC. Und Susen zuckt bei der Frage nach ihrem Idol nur noch ratlos die Schultern. Kati Witt, die Vorzeigefigur des SED-Staats, ist zur Unperson erklärt worden, und ob aus Susens Eislaufkarriere noch etwas werden wird, ist mittlerweile ohnehin ungewiss. Zuviel ist noch ungeklärt.
Susen, dieses Jahr 14 geworden, übt sich schon so lange in der Kunst des Eislaufs, dass sie sich gar nicht mehr genau zu erinnern vermag, wie alles begonnen hat. «Eigentlich», so sagt sie schliesslich, «wollte ich Balletttänzerin werden. So wie meine Mutti.» Nach einer sportärztlichen Untersuchung der damals Fünfjährigen seien die Ballettfunktionäre jedoch zum Befund gelangt, dass ihre Muskulatur sie nicht zur Primaballerina prädestiniere. Als Ausweg blieb der Eiskunstlauf. Mit fünf wurde Susen in den Eiskunstlaufkindergarten geschickt, der erste Schritt zu Prestige und Privilegien im SED-Staat. «Wir wurden jeden Morgen abgeholt und am Abend nach Hause gebracht», erinnert sich Susen. «Den Tag über waren wir auf dem Eis, oder wir spielten.» Zwei Jahre später bestand sie, dank ihren eisläuferischen Fähigkeiten, die Aufnahmeprüfung in die Kinder- und Jugendsportschule (KJS), die ebenfalls auf dem weitläufigen Areal des Ostberliner Sportforums untergebracht ist. Doch der Sport blieb stets die Hauptsache: Schon für die Zehnjährigen war das Training auf mindestens vier Stunden festgesetzt.
Alle zwei Jahre wurden die Schwächeren aussortiert. Wer mit zwölf den Doppelaxel nicht stand, flog aus der Eiskunstlaufförderung. Als «ausgesprochen ehrgeiziges und physisch kräftiges Mädchen» (so Eiskunstlauftrainer Jürgen Bertko) schaffte Susen die Selektionen problemlos. Sie sei stets sehr engagiert und wisse selbstverständlich auch von ihrer Mutter, der Solotänzerin an der Komischen Oper, wie hart «das Geschäft» sei. (Der Vater, selbst Leichtathletiktrainer im Sportforum, wird bei einem späteren Gespräch klagen, «die Knochen» seiner Frau seien «total kaputt» und die Rente, auf die DDR-Künstler Anspruch hatten, sei gestrichen worden: «Wie es hier weitergeht, wissen wir ebenfalls nicht.»)
«Natürlich wurden im alten System sehr viele Talente verheizt», räumt Trainer Bertko ein. Im Rückblick äussert er sich kritisch über den ungeheuren Druck, der auf Sportlern und Betreuern stets gelastet habe. So sei jeder Trainer allein danach beurteilt worden, wie viele Medaillen die von ihm aufgebauten Athleten von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften nach Hause gebracht hätten. Allein davon hingen Status, Privilegien und Prämien des Trainers ab. Da habe selbstverständlich jeder seine Sportler entsprechend angepackt. Dass die Anforderungen heute geringer wären, bestreitet Bertko hingegen entschieden.
Die Sportkinder aus der ehemaligen DDR fühlen sich erst recht an den Rand gedrängt. «Von einem Tag auf den andern kostete die Verpflegung im Sportforum nicht mehr eine Mark, sondern vier Mark», erzählt die junge Eisläuferin. «Meine Eltern spüren das.» Lehrer wurden ausgewechselt, die sechsköpfige Eiskunstlaufklasse mit den Turnern und andern Klassen fusioniert, der Lehrplan von täglich vier Stunden Unterricht auf sechs Stunden erweitert. Der Sport ist zugunsten der Schule etwas in den Hintergrund getreten. Dafür wird jetzt intensiver trainiert, auch samstags und sonntags, denn: der Konkurrenzkampf ist erbarmungslos wie eh und je.
Bei den ersten gesamtdeutschen Meisterschaften belegte Susen - sehr nervös und mit dem Makel eines Sturzes in der Kür behaftet - den neunten Rang. Bei der nächsten Meisterschaft muss sie nun mindestens Fünfte werden, damit sie weiterhin in den Genuss der Sporthilfe kommt. Das sind derzeit 50 Mark im Monat.
Im Berliner Sportforum herrscht Endzeitstimmung. vor der Leichtathletikhalle schwatzen ein paar Halbwüchsige, vertrödeln die Zeit; drinnen, im Kraftraum, legt sich Staub auf Hanteln und Kraftmaschinen; an den aufgebockten Fahrrädern für Ausdauerprüfungen fehlen Sättel und Pedale - da haben sich einige noch schnell am Eigentum des liquidierten Staates bedient. Der Kasernengeist ist verscheucht worden, Einzug gehalten hat Existenzangst. Viele Trainer sind abgesprungen, während sich Susen, ihr Trainer und ihr Vater ratlos fragen, ob die ehemalige Athletenschmiede noch eine Zukunft haben kann. Bertko wartet noch immer auf die Anerkennung seines Trainerdiploms. Er hat eine Dissertation über die Biomechanik bei Sprüngen im Eiskunstlauf geschrieben. «Biomechanik bleibt Biomechanik, ob man das nun im Osten oder im Westen erforscht hat, spielt doch keine Rolle», macht er sich Mut.
Allen Zweifeln zum Trotz: am nächsten Tag steht Bertko wieder in der Halle, allein aus Liebe zum Sport, wie er sagt. Susen Hollmig übt die dreifachen Sprünge, an denen kein Weg zur Spitze mehr vorbei führt. Hart schlagen die Mädchen auf dem Eis auf, wenn sie stürzen. Und wenn Sprünge geübt werden, dann stürzen sie meistens. «Zeig doch mal den Butterfly oder den Toe-Loop», muntert Bertko auf.
Ausser den dreifachen Sprüngen fehle Susen eigentlich nur die Lockerheit, «die gewisse Ausstrahlung», urteilt der Trainer. «Sie müsste einfach noch etwas mehr Selbstvertrauen haben.» Aber Selbstvertrauen wurde hier nicht gelehrt.