NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

Family Life

Ein Tag mit Terry und Steve Haney.

Von Lili Binzegger

Terry Haney holt mich an dem kalten Spätfrühlingstag im Hotel im Zentrum von Asheville ab, um mir für einen Tag Einblick in eine «durchschnittliche amerikanische Familie» zu gewähren. Sie wurde mir von der örtlichen Handelskammer - einer Art Wirtschaftskammer und Fremdenverkehrsverein in einem - vermittelt, und Terry lacht sich halbtot über das Etikett, während ich sogleich fasziniert bin, wie sehr sie meinem Bild von der amerikanischen Frau entspricht: wallende rotblonde Mähne, ein breites Zahnpastalachen, ein sehr schmales Gesicht und ganz helle Augen. Ein bisschen Farrah Fawcett-Major und ein bisschen Barbra Streisand, dazu ein bisschen Doris-Day-Tapsigkeit, wenn auch gottseidank bei weitem nicht genug, um mir damit auf die Nerven zu gehen, kommt Terry mir derart amerikanisch vor, dass mir nicht einmal einfällt, sie beispielsweise nach dem Alter zu fragen. Und ihr fällt es nicht ein, es von sich aus zu sagen.

Wir fahren durch das wie immer fast ausgestorbene Zentrum zu einer der Ausfallschnellstrassen, von denen die Kleinstadt Asheville unverhältnismässig viele aufweist, ostwärts zum acht Kilometer entfernten Quartier Laurel Creek und machen unterwegs vor einer Kleindruckerei halt. Terry hat dort für eine Fundraising-Veranstaltung Tombolalose in Auftrag gegeben und holt sie nun ab. Seit Reagan sind die Schulen so kurz gehalten, dass die Eltern für Extras wie Spielzeug, Sportgerät, manche Bücher und sowie für Klassenausflüge selber aufkommen müssen. So finden denn, organisiert von der Parent-Teacher-Organisation, viele Male im Jahr solche Geldsammelanlässe statt, ein Spaghettiessen etwa oder eine Sportveranstaltung.

Das Haus von Terry und Steve Haney in La Lurel Creek, einem Neubauviertel im Osten der Stadt, steht - an rigide Schweizer Bau- und Waldabstandsgesetze gewöhnt, traut man seinen Augen nicht - im Wald! Da hat man einfach ein paar Bäume umgehauen, um Platz für ein Haus zu schaffen. Das sehr komfortable Achtzimmerhaus hat samt Umschwung um etliches weniger gekostet als das kleinere, ältere und unkomfortablere, das die Haneys in der Nähe von Los Angeles zurückliessen, als sie vor zwei Jahren mit ihren Kindern hierher, in Steves Heimat zogen. Die Preise für Häuser sind zwar in den letzten Jahren auch in Asheville gestiegen, doch kosten, wie ein Blick in den Liegenschaftenanzeiger zeigt, Einfamilienhäuser zum überwiegenden Teil noch immer weit unter 100 000 Dollar (ein 20jähriges Fünfzimmerhaus etwa, am Stadtrand gelegen, war für 80 000 Dollar ausgeschrieben), was den Liegenschaftenbesitz auch bei einem Hypothekarzins von 8 Prozent erschwinglich macht. Land wird in Asheville zurzeit per Acre (rund 4000 Quadratmeter) zu Preisen zwischen 1250 Dollar («Mobile homes welcome») und 5595 Dollar («Excellent apartment site») angeboten. In Asheville ist Wohneigentum die Regel.

Terry und Steve Haneys grosses Haus liegt, nicht zuletzt wohl auch wegen seiner Lage, freilich eine Preisklasse höher. Es hat, wie aus Bemerkungen zu schliessen ist (zu fragen hat einem diesmal eine spezifische schweizerische Eigenart verboten), um die 140 000 Dollar gekostet. Laurel Creek ist zwar nicht das teuerste Viertel - dieses ist zweifellos das zentral gelegene Villenquartier Grove Park -, aber eine der besseren Wohngegenden. Der Selfmademan Steve Haney, wenige Kilometer von Asheville entfernt als eines von elf Kindern in einer ärmlichen Bauernfamilie aufgewachsen, wollte der Anwaltstochter aus Los Angeles offensichtlich etwas bieten, wenn sie schon auf dem «Landleben» bestand. Ihm selber läge das Stadtleben mehr; er mochte die Vitalität der Los Angeles Ära und selbst den härteren Wettbewerb dort, während Terry sich rasch und gern an die gemächliche Gangart in der Kleinstadt gewöhnt hat. Auch Steve ein Amerikaner wie aus dem Bilderbuch: Gross, blond, kräftig, gutaussehend, ein sympathisches Rauhbein, steht er in der Tür, wie wir die Auffahrt hinauf vor die Garage fahren, wo Terry ihren staubigen Geländewagen, mit dem sie «fast den lieben langen Tag Kinder herumchauffiert», neben seinen frischgewaschenen Ford Mercury stellt.

Steve ist Verkaufsleiter und Teilhaber im Geschäft seines Bruders, der in der Los Angeles Area Teile für Werkzeugmaschinen herstellt. Beide haben sie erst als Erwachsene den Schulabschluss nachgeholt; für eine gute Schulbildung hatte man in der vielköpfigen Familie, aus der die Mutter früh wegstarb, wenig Sinn gehabt. Und beide erwarben sie sich, während die anderen Geschwister sich mit dem bescheidenen Rüstzeug abfanden und jetzt ihr Leben als Arbeiter oder kleine Angestellte in Ashevilles Umgebung fristen, einen Studienabschluss in Ökonomie. Für Steve - wie für manche, denen eine gute Schulbildung nicht einfach in den Schoss gefallen ist - zählt Ausbildung fast alles. So hat er auch Terry, die als junges Mädchen aus der Universität ausgeklinkt war, um in Los Angeles als Gerichtssekretärin ihr eigenes Geld zu verdienen, vor zwei Jahren dazu gedrängt, den Studienabschluss nachzuholen.

Das Haus ist im Innern überraschend hell, obwohl von Bäumen umgeben, die im Augenblick allerdings noch laublos sind; der Frühling hat dieses Jahr in den «Mountains» speziell lang auf sich warten lassen. Überhaupt wird mir bald klar, dass - so wie bei uns die Häuser oft um den Preis auch noch des letzten Rests von Ruhe nach der Sonne orientiert sind - hier das höchste Gut der Schatten sein muss. Asheville hat mit seiner Lage auf etwas über 700 m ü. M. ein für amerikanische Verhältnisse zwar vergleichsweise kühles Klima und ist nicht zuletzt deswegen als Ferienort für die hitzegeplagten Städter attraktiv. Doch ist es im Sommer selbst hier oft um 30 Grad heiss und relativ feucht. Jetzt werfen die kahlen Bäume nur einen blassen Schatten auf die hellgemusterten Tapeten und die grossgeblümten weichen Polstersessel, die um die beiden Cheminées im Wohn- und im Esszimmer gruppiert sind. In der offenen Küche ein Steinboden, sonst überall helle Spannteppiche im pastellfarbenen dreistöckigen Haus. Entweder hat Terry, die an der University of North Carolina in Asheville ihren Abschluss in Geschichte nachholt, zwei Tage freigemacht und das Haus geputzt - der halbe Tag Putzfrau pro Woche kann das unmöglich bringen -, oder es ist hier immer so: aufgeräumt bis in den letzten Winkel, staubfrei, keimfrei.

Und irgendwie sehr aufgeräumt kommt mir zunächst auch das Familienleben vor: Tagwache wochentags um 6 Uhr, die zwölfjährige Janet wird um halb 7, der zehnjährige Jon um 7 Uhr geweckt, Frühstück einer nach dem andern, und dann weg in die Schule, in die Ganztagesschule selbstverständlich: Terry kann es kaum fassen, als sie von unserem Sechstagewochen-Schulsystem mit Mittagspause hört und fragt, wie um alles in der Welt sich denn da die berufstätigen Mütter organisierten. (Das fragen sich diese in der Schweiz oft tatsächlich ja auch.) Alle drei Wochen ist die Reihe, die Kinder zur Schule zu bringen, an Terry; sie wechselt sich darin mit Müttern der Nachbarschaft ab. Die gelben Schulbusse, die über die Strassen von Asheville und des Buncombe County tuckern oder in streng ausgerichteten Reihen vor den Schulhäusern stehen, sind, wie es scheint, nur für die ärmeren Kinder da. Manche Kinder gehen offenbar kaum einen einzigen Schritt: Wie wir Janet und zwei Mitschülerinnen von der Schule abholen, lädt Terry diese nicht am Fusse der Auffahrt aus, wo sie noch ein paar Meter gehen müssten, sondern fährt sie - was ein umständliches Wendemanöver auf engem Raum nötig macht - bis ganz vor die Tür: zurzeit ist Kindsmisshandlung hier eines der grossen Boulevardthemen; da wird Vorsicht wohl leicht zum Sicherheitsfimmel.

Während Steve einen Grossteil seiner Arbeit zu Hause erledigt, verbringt Terry den Vormittag an der Universität. Wenn sie um 13 Uhr nach Hause kommt, hat Steve vielleicht Lunch gekocht - vielleicht aber auch nicht: bei ihm ist es mit den Worten über eine moderne Rollenaufteilung gelegentlich wohl auch weiter her als mit den Taten. Später holt sie die Kinder von den weit voneinander entfernten Schulhäusern ab - um sie meist gleich wieder wegzubringen: den einen ins Sporttraining, die andere ins Cheerleading-Training oder in die Musikstunde, nicht selten beides zur selben Zeit, aber an völlig unterschiedlichem Ort. Und fährt selber an den dritten Ort ins Aerobic-Training, mit dem sie sich - in den USA ein noch grösseres Erfordernis als hier - ihre gute Figur bewahrt.

So ganz aufgeräumt wirkt der Familienalltag nun schon lange nicht mehr, denn noch ist nichts für die Schulveranstaltung besorgt und noch sind keine Einkäufe gemacht, für die es schon wieder einer Autofahrt über tankstellengesäumte Ausfallstrassen zu einer der Einkaufs-Malls bedarf, wo es in den Vorbildern Spreitenbachs und des Glatt-Zentrums auf Tausenden von Quadratmetern Fläche freilich dann schlechterdings alles zu kaufen gibt. In der Stadt oder in Fussdistanz zu den Wohnquartieren findet sich kaum ein einziger Lebensmittelladen mehr, und das Bussystem ist eher dürftig. Was für die ärmere und ganz arme Bevölkerung Ashevilles, die nicht über Autos verfügt, also eine wahre Mühsal sein muss, ist für Terry Haney zumindest wieder eine zeitraubende Fahrt. Halb lachend, halb entnervt zeigt sie mir, nachdem sie mich an einem solchen durchschnittlichen Nachmittag hat teilhaben lassen, den Aufkleber am Heck ihres Autos: «If a woman's place is in the home, why am I always in this car?» Die Harmonie des Familienlebens wird dann überhaupt wohltuend relativiert, als sich Janet, aus der Schule zurück, als ziemlich missmutiger Teenager erweist, dem das Cheerleading - eine den Europäern fremde Art von Jungmädchen-Claque bei Sportveranstaltungen - wichtiger zu sein scheint als die Schule und den das Landleben offenkundig reichlich langweilt.

Jon hingegen ist ausnehmend nett. Er zeigt mir alle seine Schulhefte, fragt mich interessiert nach meinem Land, erzählt mir, wer und was die Indianer sind, oder besser gesagt: waren, bevor - offenbar wird den Kindern ein nicht unkritisches Geschichtsbild vermittelt - die Weissen sie praktisch ausgerottet haben. Anders als die meisten Erwachsenen in diesem riesigen Land, die sich nicht vorstellen können, dass jemand ihre Sprache nicht verstehen könnte, umschreibt Jon anschaulich und geduldig Vorgänge wie etwa das indianische Bärenfallenstellen, das mir auf englisch tatsächlich nicht vollends zugänglich ist.

Steve ist, obwohl katholischer irischer Abstammung, baptistisch, wie der Grossteil der Leute des «Bible Belt», des als besonders religiös geltenden Südstaatengürtels. Terrys Vorfahren waren polnische Juden, die Ende des letzten Jahrhunderts ihr Glück in Amerika suchten - und denen als erstes ein grosses Unglück widerfuhr: Terrys Grossmutter, zur Zeit der Einwanderung ein Kind, verlor im Gedränge von Ellis Island ihren kleinen Bruder von der Hand. Man fand ihn nie wieder.

Janet und Jon sind, wie ihre Mutter, jüdisch. Weder Terry noch Steve sind aber sonderlich religiös; zur Synagoge geht Terry nur gerade an Rosh Hashana, an Jom Kippur und zu Chanukka, und Steve sieht man zum Kirchenbesuch gleich überhaupt nie. Und das, erzählt Steve rauhbauzig lachend, und Terry sagt es etwas verlegen, und das, obwohl Terrys Grossvater Rabbiner und Steve in seiner Jugend im benachbarten Black Mountains Golfcaddy des grossen Evangelisten Billy Graham war. Terry wählt demokratisch, Steve republikanisch. Beide mögen weder Clinton noch Bush. Sie hätten, sagen sie beide, in Sachen Präsidentschaftskandidaten seit vielen Jahren nur mehr eine dürftige Auswahl gehabt und blicken fatalistisch der Wiederwahl Bushs entgegen, die wohl unvermeidlich sei.

Ich versuche herauszufinden, wie sie in politischen Dingen so denken, weniger, um sie einordnen zu können, als um mir ein Bild von ihren Familienthemen zu verschaffen: Drogen sollte man freigeben, finden die Haneys - wie zu meinem grossen Erstaunen fast alle Leute, die ich in dieser trotz intensivster polizeilicher Verfolgung von Drogenproblemen extrem geplagten Stadt danach frage. Zur Umwelt hat man das gleiche freundlich distanzierte Verhältnis wie etwa zur farbigen Bevölkerung: Man hat zu beiden keinen näheren Kontakt. Mit Festivitäten - in der Schweiz allemal ein Politikum - bekundet man hier noch nicht seine Mühe. So hoffen die Haneys, dass Asheville bei den Olympischen Spielen Atlanta 1996 die Wassersportwettbewerbe bekommt - die Stadt hat sich um deren Austragung beworben -, und können sich nicht vorstellen, dass einer in Asheville sich das nicht wünschte. Ebenfalls ausschliesslich schön finden sie das folkloristische Bele-Chere-Festival (eine Tradition der irischen Einwanderer), bei dem jeweils rund 300 000 Menschen aus der nahen und ferneren Nachbarschaft nach Asheville strömen.

Und wir sind gern Amerikaner, sind stolz, Amerikaner zu sein, erfahre ich am Abend, als im Backofen Terrys selbstgemachte Lasagne gart, wir am Kaminfeuer einen kalifornischen Cabernet Sauvignon trinken und mir alle vier samt Hund Bentley so vertraut geworden sind, dass ich mich sogar nach so delikaten Dingen wie dem Verhältnis zum eigenen Land zu fragen getraue.


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