NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Die weissen Besserwisser

Gespräch mit Ryszard Kapuscinski.

Von Peter Haffner

Herr Kapuscinski, Sie kennen Afrika seit nunmehr vierzig Jahren, haben den Kontinent als Reporter bereist und darüber berichtet, Aufstände, Bürgerkriege, Revolutionen miterlebt. Was ist so besonders an der Region der Grossen Seen, von der wir in letzter Zeit nur Schlimmes vernommen haben?

Zwei Tatsachen stehen für ihre Besonderheit. Erstens, dass die Region so abgelegen ist, abgeschlossen von der Aussenwelt sowohl geographisch wie historisch. Weder gab es Kontakte mit Europa noch mit der islamischen Welt, noch mit Asien. Es ist gerade hundert Jahre her, dass erstmals Europäer nach Rwanda kamen. So mangelte es am Austausch von Menschen, von Ideen. Und wenn es Kontakte gab - dies die zweite Besonderheit -, verliefen sie tragisch. Die Araber kamen als Sklavenhändler, die Europäer, das heisst die Belgier unter König Leopold II., des Elfenbeins wegen. Beides war kein Segen für die Einheimischen. Von dieser Erfahrung ist die Geschichte der Region geprägt. Das unterscheidet sie von anderen Gegenden Afrikas, deren Geschichte vollständig anders verlaufen ist. Auch ist die Natur in der Region der Grossen Seen unmenschlich, unwirtlich sogar für die Einheimischen. Ein grosser Teil der Gegend besteht aus Urwald, Krankheiten grassieren, der Boden ist schwierig zu bewirtschaften. Die Folge: Rückständigkeit bis heute. Die Probleme dieser Region sind alt, ja anachronistisch. Hinzu kommt ein Rassenhass, wie man ihn sonst nirgends mehr in Afrika findet.

Das klingt nicht danach, als ob sich daran so bald etwas ändern würde.

Nein, was Fortschritt betrifft, fürchte ich, ist es damit nicht weit her. Und dies hat wiederum zur Folge, dass das Interesse an Afrika in der Welt abnimmt. Es wird kaum investiert, und die paar Europäer, die bleiben, sind Flüchtlingshelfer oder IKRK-Delegierte.

Nun steht Zaire aber im Brennpunkt des Interesses.

Was in Zaire vor sich geht, ist die bedeutendste Wachtablösung in Afrika seit Beginn der Dekolonisierung in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts. Die traditionellen europäischen Kolonialmächte wie England, Frankreich, Portugal oder Belgien blieben ökonomisch präsent und somit einflussreich, auch als sie ihre Rolle als Kolonialmächte ausgespielt hatten. Vor allem Frankreich, das sogar seine Truppen einsatzbereit hielt und über eine afrikanische Elite, die in Frankreich studierte, die französische Identität mittels der Frankophonie aufrechterhielt. 1994, im Jahr des Genozids, war Frankreich sehr präsent in Rwanda. Das ist nun nicht mehr der Fall. Frankreich hat seinen Kampf um Afrika verloren. 1996/97 markiert die entscheidende Wende, ja eine Revolution in Afrika: Jetzt wird der europäische Einfluss vollständig eliminiert. Als letzte ziehen sich nun Frankreich und Belgien zurück, und der Kontinent als Ganzes wird Teil der Einflusssphäre der USA. Das kann man in Zaire sehen: Die Amerikaner sind die einzigen, die ihren Einfluss geltend zu machen versuchen. Wo sind Frankreich und Belgien? Wo ist die Organisation für Afrikanische Einheit, die OAU? Nirgends. Bisher war Afrika immer in Einflussbereiche aufgeteilt. Jetzt beginnt eine neue Periode, in der allein die USA die Lage im Auge behalten und Konflikte einzudämmen versuchen, sei es in Liberia, Somalia oder Zaire.

Nach den USA hat nun auch Frankreich Mobutu, den es über all die Jahre an der Macht hielt, fallengelassen. Was hat Mobutu falsch gemacht?

Der Fall Mobutus ist ein gutes Beispiel für das, was jetzt vor sich geht. Mobutu ist ein Produkt des kalten Krieges. Ich war dabei, als er an die Macht gehievt wurde. Ein Rückblick auf die sechziger Jahre, als die afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit entlassen wurden, ist nötig, um die heutige Situation zu verstehen. Im Westen wie im Osten befürchtete man damals für Afrika das Schlimmste. Die Sowjetunion suchte Machtsphären zu gewinnen, der Westen fürchtete, die seinen zu verlieren. Auch die Chinesen wollten Fuss fassen. Die USA hielten Ausschau nach Statthaltern, die ihnen treu bleiben würden. Ihre Wahl, wie auch die der Russen, fiel auf schreckliche Leute. Die meisten afrikanischen Führer der sechziger und siebziger Jahre waren schlichtweg Monster - Idi Amin in Uganda, Siad Barre in Somalia, Mobutu in Zaire, Mengistu in Äthiopien. Daran stiess sich niemand, solange sie ihren Geldgebern gegenüber loyal blieben. Loyalität war das einzige Qualifikationskriterium, für den Rest war man blind. Und natürlich haben das diese Führer, zynisch wie sie waren, rasch realisiert. Das ist das Paradoxon: Diese afrikanischen Politiker im Sold der USA und der Sowjetunion waren im Grunde genommen sehr unabhängig. Sie konnten tun und lassen, was sie wollten, bekamen so viel Geld, wie sie nur wünschten, durften bestechen und morden. Das war die afrikanische Version des kalten Krieges.

Und der ist nun auch in Afrika vorbei.

Ja. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich diese Generation afrikanischer Politiker von der Bühne verabschiedet. Entweder starben sie, so wie Kenyatta in Kenya, oder sie wurden ermordet, wie Doe in Liberia, oder sie wurden gestürzt, wie Banda in Malawi, oder sie mussten fliehen, wie Idi Amin in Uganda. In den achtziger Jahren waren sie allesamt verschwunden - mit einer Ausnahme, der von Mobutu. Er ist das letzte dieser, wie ich sie nenne, afrikanischen Monster des kalten Krieges.

Warum vermochte er über drei Jahrzehnte zu überleben?

Der Hauptgrund war, dass Mobutu den Privatunternehmern keine Schranken setzte. Es gab und gibt keinen Staat in Zaire, der irgend etwas einschränken würde. Es herrscht die totale Freiheit für jedermann - auch die Freiheit zu stehlen, zu morden. Mobutu störte niemanden, also liess man ihn gewähren. Er hatte keinerlei Pläne, was mit diesem riesigen Land anzufangen wäre, einem Land, in dem es nicht nur keine staatlichen Strukturen gibt, sondern auch keine Armee, die diesen Namen verdient, keine Sicherheitskräfte. Es gibt schlichtweg nichts. Zaire ist weder ein Land noch ein Staat - Zaire ist eine Gegend. Eine Gegend ohne Verkehrswege, bevölkert von rund dreihundert Stämmen, beherrscht von vielleicht hundert Kriegsherren, sogenannten Warlords. Zaire ist ein Phänomen, ein Beispiel dafür, wie die Welt aussehen würde, wenn es nichts gäbe, was sie zusammenhält - weder Kommunikation noch Ideologie oder Religion.

Das wird auch nach dem Abgang Mobutus nicht viel anders aussehen.

Mobutu blieb, weil niemand wusste, wie und durch wen er zu ersetzen wäre. Es gibt auch keine Partei, keine Organisation, die so etwas wie einen Staat in Zaire auf die Beine stellen könnte. Die Erfahrung Afrikas lehrt: Wenn der Staat auseinanderfällt, gibt es keinerlei Mittel und Wege, ihn wieder zu errichten. Das hat sich in Somalia gezeigt, in Liberia und im Tschad. Anstelle eines Staates existieren nurmehr verschiedene Regionen, die von Warlords beherrscht werden, und zwischen diesen gibt es ein - wenn auch instabiles - Machtgleichgewicht. Das bedeutet, dass es gelegentlich zu Konflikten kommt und dann wieder ruhig ist. Alles ist provisorisch und chaotisch.

Wie steht es mit dem Handel? Neben der politischen Macht hat er doch auch prägenden Einfluss auf eine Gesellschaft.

Die Europäer stehen auf verlorenem Posten. Ganz einfach, weil ihre Produkte zu teuer geworden sind. Afrikaner können sich nicht leisten, was Deutschland, Frankreich, die Schweiz produziert. Kaufen können sie asiatische Billigprodukte. Und das ist - neben der Tatsache, dass Afrika unter die politische Schirmherrschaft der USA gerät - das zweite markante neue Phänomen. Alte Handelsrouten zwischen Afrika und Asien werden derzeit wiederbelebt. Wenn Sie jetzt in Afrika herumreisen, treffen Sie überall auf Chinesen, Malaysier, Japaner, Taiwaner, Indonesier. Alle treiben sie Kleinhandel, verkaufen Plasticschuhe, T-Shirts, Taschenlampen, Transistorradios - Gegenstände für ein, zwei Dollar. Das bedeutet zwar sehr viel Geld für einen Afrikaner, doch ist es erschwinglich. Ein Radio von Grundig - womit soll er sich das kaufen?

Also eine gute Sache, diese asiatische Einwanderung.

Aber sicher! Wenn man in ein Dorf irgendwo in Afrika kommt, wird man sogleich umringt von Kindern, die einen Kugelschreiber wollen. Sie bitten nicht um Essen, sondern um einen Kugelschreiber. Warum? Sie gehen zur Schule und haben kein Schreibgerät! So ein Plastic-Kugelschreiber kostet fünf Cent. In Dörfern und Kleinstädten gibt es immer mehr asiatische Händler, die solche Produkte verkaufen. Europäische Kaufleute sind da verloren, sie brauchen ein gepflegtes Hotel, was weiss ich. Die Asiaten vermögen unter afrikanischen Bedingungen zu leben, weil sie es nicht anders gewohnt sind. Man kann es so sagen: Aus den Ruinen des alten Afrika wird ein neues Afrika erschaffen, in dem politisch die USA an die Stelle der alten Mächte treten und ökonomisch Asien Terrain gewinnt.

In Rwanda, wo vor drei Jahren der fürchterlichste Genozid seit dem Holocaust stattfand, ist nun die Rwandische Patriotische Front (RPF) an der Macht. Sie haben dieser Befreiungsbewegung 1994 demokratische Qualitäten attestiert. Sind Sie immer noch dieser Auffassung?

Absolut. Ich kenne die Vorgeschichte der RPF. Ich war Anfang der sechziger Jahre erstmals in Rwanda. Damals herrschte dort eine sehr provinzielle, barocke Armeediktatur, zuerst die von Kayibanda, dann, über zwei Jahrzehnte, diejenige Habyarimanas. Das war keine Diktatur der Hutu über die Tutsi, sondern die Diktatur eines Hutu-Clans über den Rest der Gesellschaft, somit auch über andere Hutu. Der Konflikt verlief nicht entlang ethnischer Grenzen, sondern entlang von Klassen- und Interessenlinien. Getötet wurde, wer in Opposition zur Diktatur Habyarimanas stand. Was nun die RPF angeht, so hat sie ihre Wurzeln in der Guerilla Yoweri Musevenis, die gegen die Militärdiktatur Milton Obotes in Uganda kämpfte. Deren Absicht war es, dieses korrupte und brutale Regime zu stürzen. Innerhalb der demokratischen, antidiktatorischen Bewegung in Uganda ist die RPF entstanden. Ihr Ziel war es, Juvenal Habyarimanas Regime zu stürzen, und genau das hat sie auch gemacht. Habyarimanas Streitkräfte wussten, dass sie ihre letzte Schlacht schlugen, und der Massenmord war nichts anderes als der Versuch, an der Macht zu bleiben; zusammen mit den Franzosen und ihren Streitkräften, deren Mitverantwortung für die Massaker feststeht.

Doch wenn eine antidiktatorische Bewegung an die Macht kommt, heisst das ja nicht unbedingt, dass sie antidiktatorisch bleibt.

Die RPF ist es geblieben. Ich kenne diese Leute persönlich. Natürlich ist das nicht die Schweizer Demokratie, es ist eine Demokratie in afrikanischen Massstäben und Traditionen.

Das heisst, es gibt Hoffnung für Rwanda?

Rwanda hat Probleme, die unlösbar sind. Es ist ein bergiges Land, der Regen wäscht den Humus von den Hängen, der nutzbare Boden ist knapp. Rwanda ist eine Nation, deren Gesellschaft sich in Ackerbauern und Viehzüchter aufteilt. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt. Die Tutsi brauchen Weiden für ihr Vieh, die Hutu Land für den Ackerbau. Streiten tun sie sich, weil es zuwenig kultivierten Boden gibt.

Also trifft es zu, was man oft in Europa behauptet - dass das Ganze ein Problem der Übervölkerung sei?

Nein. Es gibt keine Übervölkerung, nirgendwo auf der Welt! Übervölkerung ist ein fiktives Problem, ein Mythos. Rwanda ist weniger bevölkert als beispielsweise Holland. Afrika ist überhaupt ein leerer Kontinent. Ist von Übervölkerung die Rede, so muss man immer den gegenwärtigen Stand der Technik berücksichtigen. Das Problem ist, dass es an Investitionen für Bewässerungsanlagen, für die Kultivierung des Bodens fehlt. Das ist der Grund, warum es zuwenig Nahrung gibt. Normalerweise herrscht eine Art Gleichgewicht zwischen Bevölkerungszahl und der sozusagen rohen Natur. Steigt aber die Bevölkerungszahl, ohne dass sich die Nutzbarkeit der Natur verbessert, ist das Gleichgewicht gestört. Und sofort sagen alle, die Übervölkerung sei schuld. Nein, Afrika leidet nicht an zu vielen Menschen, sondern am Mangel an elementaren Investitionen. Afrika könnte Hunderte von Millionen Menschen mehr ernähren, denn objektiv betrachtet ist der Kontinent unterbevölkert.

Sie haben einmal gesagt, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus habe man vergessen, dass es auch noch so etwas wie einen Klassenkampf gebe. Statt dessen rede man nun überall von ethnischen Konflikten, sei es in Jugoslawien, sei es in Afrika.

Das ist unter anderem auch ein Problem der modernen Medien. Wer früher über Konflikte in solchen Ländern berichtete, war Spezialist, kannte sich aus in deren Kultur und Geschichte. Das hat sich vollständig geändert. Journalisten werden heute von Ort zu Ort gehetzt - ich habe manche getroffen, die sich selbst darüber beklagen! -, um über irgendwelche Konflikte zu berichten, von denen sie nicht das geringste verstehen. Sie wissen nicht, wo sie sind, können sich mit niemandem verständigen - aber wenn sie in Afrika sind, wissen sie, dass es sich um Stammeskriege handelt. Ein kompletter Unsinn. Rwanda zum Beispiel ist eine Nation, deren Geschichte bis weit vor die Kolonialzeit zurückreicht. Sprache, Tradition, Territorium - alles kennzeichnet Rwanda als Nation. Und in dieser Nation gibt es Ackerbauern und Viehzüchter, eben Hutu und Tutsi, die einen klassischen sozioökonomischen Konflikt austragen. Der wiederum ist von den Radikalen und ihrer Hetzpropaganda genutzt worden. Afrikanische Intellektuelle, die europäische Berichte über Stammeskriege lesen, werden zu Recht wütend. Denn viele Berichte lassen jede Anstrengung, die Geschichte dieser Länder zu begreifen, vermissen. Das ist arrogant und ignorant, die Sicht von weissen Besserwissern.

Was ist von der Entwicklungspolitik geblieben? Rwanda galt als Musterland, die Schweiz hatte es sich zum Schwerpunktland ihrer Afrikahilfe erwählt. Nun scheint, dass alles schiefgelaufen ist.

Nichts ist schiefgelaufen! Wir dürfen nicht vergessen, dass die afrikanischen Gesellschaften, seit sie Unabhängigkeit erlangt haben, auch wirklich unabhängig sind - im Guten wie im Schlechten. Was sich in ihnen abspielt, ist ihre Politik, ihr Kampf, ihr Hass. Ob man zehn oder zwanzig Traktoren schickt, ändert nichts an internen Verhältnissen. Man hat sich gefragt, warum es zu einem solchen Desaster gekommen ist, wo es doch so viele katholische Missionen in Rwanda gibt. Doch die Missionare sind Ausländer, ihre Werte sind nicht die Werte der Bevölkerung. Auch wenn diese christlich betet. Die Einheimischen haben ältere, andere Werte. In Konflikten werden die traditionellen Wurzeln massgebend. Es herrscht eine doppelte Mentalität - die traditionell verwurzelte und die neue, die Erziehung und Bildung geschaffen haben. Die alte Denkweise ist die stärkere, sie bestimmt die Gefühle. Nein, man kann nicht sagen, dass alles schiefgelaufen ist.

Doch wohl zumindest aus unserer Sicht . . .

Gewiss. Doch wir müssen verstehen, dass unsere Sicht an einem anderen Ort nichts zählt. Es ist ihre Welt, sie richten sie so ein, wie sie es wollen. Wir können nicht mehr als zuschauen. Die internen Kämpfe zwischen Stämmen, Clans oder welchen Gruppen auch immer sind - nicht anders, als sie es in Europa waren - Teil der Geschichte Afrikas. Die Tragödie ist, dass sie nicht mehr mit Speeren ausgetragen werden. Maschinengewehre, Munition, Minen, alles ist billig zu haben und im Überfluss vorhanden. Kinder ballern mit Gewehren in der Gegend herum. In Nord-Uganda gibt es einen Stamm, der vom Viehdiebstahl lebt. Das hat Tradition seit Jahrhunderten. Die Leute stehlen Vieh und verkaufen es auf Märkten in Kenya. Natürlich leben sie auf Kriegsfuss mit den Hirten, und immer sind bei den Auseinandersetzungen Menschen umgekommen. Heute kommen die Viehdiebe mit Maschinengewehren und schlachten Tausende von Leuten ab. Kulturell hat sich überhaupt nichts geändert, aber die Technik hat dem Konflikt eine neue Dimension verliehen.

So werden wir uns an ein Bild von Afrika gewöhnen müssen, das geprägt ist von Flüchtlingslagern und sich gegenseitig konkurrenzierenden humanitären Organisationen?

Man muss berücksichtigen, dass die Migration sehr typisch ist für alle afrikanischen Kulturen. Das ist nicht so wie bei uns, wo man sein Haus, sein Land, seinen Besitz, seinen Reichtum hat und dementsprechend unbeweglich ist. Wo immer Konflikte ausbrechen, begibt man sich in Afrika auf Wanderschaft, auf die Suche nach einem ruhigeren Platz, mit nichts als seiner Habe auf dem Kopf. Man hat nicht mehr! Und man flüchtet nicht nur politischer Konflikte wegen. Dürre, Feuersbrünste, Epidemien - wo immer ich in all den vierzig Jahren in Afrika war, habe ich Leute auf der Flucht getroffen. Uns Europäer erschreckt das, in Afrika ist es normal.

Doch die Suche nach einem ruhigen Platz, die Rückkehr aus den Flüchtlingslagern ist für diese Massen von Menschen kaum mehr möglich.

Solange sie in den Flüchtlingslagern sind, muss man sie ernähren. Sie sind nicht produktiv, haben weder Vieh noch Boden, noch einen Beruf, der es ihnen ermöglichen würde, in einer Fabrik zu arbeiten. Die Familienbande sind zerrissen, das Dorf existiert nicht mehr, jede Initiative fehlt. Man sitzt und wartet auf Essen, kommt es nicht, stirbt man. 1994, nach dem Genozid in Rwanda, nahm die flüchtige Armee Habyarimanas ein ganzes Volk als Geisel, um, wie sie es sich erhoffte, in dessen Schutz zurückkehren zu können. Der Plan schlug fehl. Die Verantwortlichen haben sich aus dem Staub gemacht, das Elend der Geiseln lässt sich nicht ungeschehen machen. Nimmt man Afrikanern ihr Dorf, so verurteilt man sie zum Tode.


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