NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Guten Morgen, du Schöner!

Wie der Mann sich pflegen lernt.

Von Daniele Muscionico

Lange haben Männer im eigenen Saft geschmort, haben nach Pferden, Bier und Leder geduftet. Das Diktat der gepflegten männlichen Schönheit galt für geschlechtliche Grenzgänger, und nur für sie. Die übrigen Vertreter der Spezies hätten mit solchen Zugeständnissen ihr Image ruiniert. Beinern schliffen sie die Haut mit Wurzelbürsten, bohnerten sich mit Kernseife und drückten sich um fremde Tuben. Doch seit einiger Zeit herrscht Glasnost. In Herrenmagazinen wird heute mit der gleichen Selbstverständlichkeit über die richtige Anwendung von Kosmetikprodukten geschrieben wie über die Rehabilitation des männlichen Plattfusses. Und an Herrenabenden kann es sein, dass plötzlich Mann selber das Thema ist.

Zum Beispiel in einer Kleinstadt am Rande der Schweiz. Von meilenweit her kommen die acht Herren gelaufen, und die älteren unter ihnen, die Mittvierziger, pferdestark angeritten. Der Ruf eines Inserats in der Tageszeitung hat sie in die Stadt gelockt: Der junge Inhaber der Parfümerie X lädt ein, die Männerpflegelinie Y kennenzulernen. Geboten wird ein Schöppchen Wein. Um Antwort wird gebeten.

Der «Herrenabend»: Nur wie zufällig hat der Veranstalter dafür einen ehemaligen Tempel der Freimaurerloge gewählt. Zutritt für Frauen: verboten. Hier nämlich nehmen Eisenhans und Alt-Softies mit Händen, die vom vielen Streicheln aufgeweicht sind, ihr Schicksal endlich in die eigenen. Die einzige zugelassene Frau, Anuschka Moser im (Aussen-)Dienst der Pflegelinie Y, Inbegriff weiblicher Anmut und auch abends noch taufrisch wie eine Weinranke bei Sonnenaufgang, zieht ihre Stimme in Rüschen und hebt an:

«Männer», sagte Doktor Menzing, «Männer kann man einteilen. Anhand von Farben, Formen und Düften.» Und Anuschka Moser, dressed for success, teilt ein, das heisst: aus, nämlich den Kursteilnehmern das Papier des Doktors, der verlangt: «Bestimmen Sie Ihr Persönlichkeitsprofil.» Die Zuordnung ist das Alpha und Omega der kommenden zwei Stunden und das Credo des Herrenpflegeabends. Anuschka Moser: «Wir sagen Ihnen mehr über Ihr Persönlichkeitsprofil, Ihren Pflegetyp und erstellen dann gemeinsam Ihr ganz individuelles Skin-Care-Pflegekonzept.» Die pfleglichen Worte in therapeutischer Wir-Form quittieren die Zuhörer mit Raunen und Grunzen. Einer steckt sich einen Kaugummi in den Mund.

Der Persönlichkeitstest (multiple choice): Babylonische Verwirrung herrschte ohne ihn. Denn Hans ist nicht Heiri, das weiss auch Doktor M. Also teilt er die Männer ein in die Kategorien «Dynamiker», den Mann der schnellen Entscheidungen, der «die sofortige, sichtbare Veränderung» will; den «dezent Gepflegten», der auf «Wertbeständigkeit» und die «Produktelinie mit System» setzt; und den «sensitiven Individualisten», der die Pflege als einen «Akt der Selbstfindung» betreibt. Doch noch sind Dynamiker, Dezente und Sensitive ein amorpher Haufen: Unauffällige Männer, die man auch bei Dunkelheit nach dem Weg fragen würde, sitzen an Arbeitsplätzen, die mit Spiegel, Wasserschüssel, Nierenschale und Waschlappen ausgerüstet sind. «Es ist ein Spiel und nicht todernst», sagt die Spielleiterin. Zu spät.

Denn zunächst muss der neue Mann, «der seinen Körper mag und geniesst» (Anuschka Moser ), quälende Fragen beantworten. Klaftertiefe Abgründe öffnen sich. Bin ich «aktiv-dynamisch», oder «spielt bei der Wahl meiner Garderobe die Qualität eine grosse Rolle»? Liebe ich ein «ehrliches Wort», oder denke ich am Ende «gründlich über die Sache nach»?

Pferde schwitzen, Damen glühen, Männer transpirieren. Der Duft der grossen weiten Welt ist es nicht, der über gekrümmten Schülerrücken aufzusteigen beginnt. Die gastgebende Firma lockt an der Wand mit «coolem Water» in meerblauem Flacon - ein «Qualitätsduft», der das mediterrane Lebensgefühl mit nordischem Realitätssinn verbindet.

Reto hat sich als Dynamiker erkannt, denn er geht fischen. Zur Entpannung und mindestens dreimal jährlich. Doch wie sich nun zurechtfinden zwischen Tuben und Töpfen und Tiegeln, in denen pH-Werte, saure Elemente, sanfte Tenside und Schleifkörnchen im Chor um Aufmerksamkeit buhlen? Wie wählen unter Waschgels, Peelings, Lotionen, Emulsionen (getönt oder ungetönt) für nach aussen dringende Hautprobleme und nach innen drängende - eingewachsene - Barthaare. Was bei Brennen nach der Rasur applizieren? Bei normaler, nicht trockener, nicht blasser, eigentlich hellwacher Haut? Oder: ist auch bei ihm unmerklich die Hautschläfrigkeit bereits so weit fortgeschritten, dass der Star der Sterne am Produktehimmel Y aktiviert werden müsste, der «suractif regenerator», ein «Energieschub mit Sofort- und Langzeitwirkung»? Fragen über Fragen. Männlichkeit als Handlungsimperativ ist dringend gefordert.

«Wieso, glauben Sie, gibt es überhaupt Herrenkosmetik?» Eine ketzerische Frage. Der Rangälteste beantwortet sie klar und ganz ohne Wenn und Aber: «Weil doch auch wir, grundsätzlich auch wir, ich meine, auch eine Haut haben, wie eine Frau . . .» Doch er hat unrecht. «Falsch, falsch, alles falsch», stellt Frau Moser richtig, denn: «Es fängt schon in der Kindheit an. Das männliche Kind, der spätere Mann, ist dynamischer, sein Aktivitätsdrang grösser als der eines Mädchens. Er ist dazu veranlagt, sich zu verausgaben. Er schlägt über die Stränge, er strapaziert seinen Körper, er setzt sich ein bis zur Überbelastung. Und so ist es auch mit der Haut.» Dann, ohne Luft zu holen, geht sie zur Attacke über: «Wenn ich zum Beispiel Sie anschaue . . .»

Um der Sache gerecht zu werden: Es ist dermatologisch erwiesen - was Frauen längst ahnten: Die Haut des Mannes ist dicker, um 25%. Und ihre Talgproduktion ist besser ausgebildet. Deshalb mögen Männer nichts auf der Haut, was fettet, was cremig ist. Sondern Produkte, die sofort einziehen, matt sind und «effizient», das heisst fix Wirkung haben.

Ehe nun die Probanden ihre eigenen Versuchskaninchen sind und die Mittel am eigenen Leib testen, gibt Anuschka Moser wissenschaftliche Anmerkungen zu jedem der Mittel ab. «Männer mögen das, fühlen sich ernst genommen, als ganzer Mann. Und nie sind sie so zickig wie Frauen», sagt sie, die es wissen muss. Sie mag die Männer, und die Männer mögen sie.

Dann wird eingeschäumt, was die Haut hält, mit spitzen Fingern und skeptischem Blick in den Spiegel. Eine «ganze leichte» Emulsion in Gelform. Still lächelnd und konzentriert. «Nicht in die Augen bringen, bitte. Die Augen freilassen!» («Und die Augenbrauen?» sabotiert der Rangälteste.) Später wird eine «Antistress-Augenmaske» aufgetragen - anwendbar von der ganzen Familie, «denn heute ist ja schon das Kleinkind gestresst». Nach dem Gel folgt - wir folgen der «grauen Linie» des Hauses Y - die Maske «Comfort». Der fachmännische Kommentar eines Baufachmanns: «Jetzt kommt der Teer drauf.» Beim Auftragen wählt jeder erstmals seine Rolle selber: der Pflästerer, der ins Gesicht schaufelt, was zehn Finger halten, der Unbeholfene, der die Paste in die Augen bringt - und tränenblind um Hilfe bittet -, der Schauspieler, auch jetzt auf Würde und Wirkung bedacht, und der Pausenclown, der als komische Nummer unterhält: «Ich spür's, ich spür's, es wirkt schon . . .!»

«Pappig» ist die Maske nach Einschätzung der meisten Männer. «Eine tolle Unterlage für Gurkenscheiben», zwitschern sich zwei Freunde zu, aber sonst wird sie wenig geliebt. Und wieviel Zeit das beansprucht, dieses Auftragen, Einwirkenlassen, Abwaschen, Auftragen, Einwirkenlassen in viermal denselben Arbeitsgängen. Da müsste man ja, Herrgott nochmal, morgens um 5 Uhr Aufstehen. Und zu bedenken gilt es auch des Master's voice, sein Erstaunen, wenn man morgens, statt im Rohzustand, feucht schimmernd und mit geöffneten Poren zur Arbeit käme. Gravuren eines Nachtlebens lassen sich erklären, aber wie die Geburt eines schönen Mannes . . .?

Daniele Muscionico ist Lokalredaktorin der NZZ.


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