MEINE DAMEN UND HERREN, guten Tag. In der ersten Abteilung stellt sich Ihnen der neue Feuilletonist kurz vor, in der zweiten dann widmet er sich einem Thema und legt ohne Wenn und Aber sofort eine Kostprobe seines Könnens vor.
Seit dem 4. März 1945 und lustig-lächerlich-ernsten 18000 Tagen bewegt sich Meier-schreibe-selber-komme-ins-Haus in der Erscheinungsform Mensch auf der kosmischen Zufälligkeit unseres Planeten. Vor ein paar Wochen dann gab ihm Folio die Chance, jeden Monat eine Seite lang nachzudenken, so gut es geht, und angesichts des Versuchs, seine Sicht in Worte zu fassen, etwas zu lernen über den Zustand seiner gerade möglichen Erkenntnisfähigkeit und damit seines Seins. Bonjour Madame.
So hat denn diese Seite nicht primär den Anspruch, Phänomene zu erklären, sie dient zuerst des Schreibers Sucht nach Sinn. Wie der Maler nicht den Berg beschreibt, wenn er ihn malt, sondern sich selbst, so muss auch Meier-Soso nach dem biblischen Sündenfall seinen Tagen dringend Bedeutung geben. Auch er hat die Unschuld der göttlichen Sinnlosigkeit verloren, die das Leben des Frosches im Teich so wunderbar auszeichnet.
Bin ich Fritz, wenn ich sitz
Bin ich Franz, wenn ich tanz?
Sind Fritz und Franz am Schluss
die Gleichen,
Welcher Gott gibt mir ein Zeichen?
Nichts hab' ich zustand gebracht,
Auch in der vergangnen Nacht.
Quelle Zweifel, die mich graust,
Hat mich einmal mehr zerzaust.
Was hat denn Meier-Frosch
zu sagen,
Warum will er es heut' wagen,
Mit diesem Schrieb der Welt
zu zeigen,
Dass die Geiger, wenn sie geigen,
Zuerst einmal sich selbst erwecken
Und oft beim Spiel zu Tod'
erschrecken.
Es droht die Frage nach dem Sinn
Und hier ist Anfang und Beginn.
Zweimal Tempel:
«Hey Kredit, was häsch na Hoff-Roche Brief?» orgelt der begnadete Kohler in die Arena der Zürcher Effektenbörse und wuchtet seinen prächtigen Leib so hoch auf den Ring, dass die Beine horizontal in der Luft zappeln und der gute Mann fast hineinfällt. «Hundert bi füfzg, hundert bi vierzg, und hundert bi driissg», antwortet der pfiffige Pfändler für die Kreditanstalt. Er spitzt seinen Mezzosopran so giftig zu, dass er mit seiner Frequenz die Basswucht der anderen Händler klar durchdringt. 1963 das Jahr, und der kleine Meier erfüllt sich als Laufbursche an der Börse für ein paar Monate den Wunsch nach einer bürgerlichen Existenz.
Mit einem Schlag sind dreissig Jahre weg, immer wieder Freitag, und immer noch 1,80 Meter lang ist Meier-Seiltanz in dieser Frühsommernacht in Sachen Kühles-Bier-reinrollen-lassen unterwegs. Vom Duft der Lindenblüten getränkt die schwere Luft; wie im Tee-Basar von Istanbul, mild und süss die Stadt Zürich. Die Bahnhofstrasse runter Richtung Kaufleuten, auf dem Paradeplatz ein Blick nach links zur alten Börse. Mitten in der Nacht der Tempel des Kapitals umschwärmt, 300 junge Leute, weit auf die Strasse hinaus, warten auf Einlass: Rave Party angesagt, der Aktienring demontiert, die Rauchmaschine in Stellung. Plattenleger, aus Chicago, Miami und Mailand angereist, werden DJ Egli, einem Aussenseiter aus Adliswil, die neuen Stanztrigger ins Hirn hämmern, dass ihm Hören und Sehen vergeht.
2 Uhr 30, meine Damen und Herren, die Wände schwitzen, gerammelt voll der grosse Börsensaal, 1500 Seelen werfen ihren Leib, bei 142 Anschlägen pro Minute, in die Basspetarden, und das Tranceprogramm nähert sich dem Höhepunkt, als DJ Space Ace zornig einen Lautsprecherturm mit Füssen tritt und verzweifelt Arme und Beine verwirft. «Es hät em scho wider en Topf glupft... dä Gei isch megafertig, immer dä gliich Seich.» Als würde er auf irgendeine Ankunft warten, steht Willy aus Seuzach bei auslaufendem Extasy und dem überraschenden Entzug der Bassbomben ratlos im Aktienring, und Meier-Morales fragt sich, ob er nun tatsächlich auch schon im Land der alten Säcke eingetroffen ist, wo das Neue vorbeizieht wie hinter zersplittertem Milchglas. Während die Massen die Rückkehr des musikalischen Einheitshammers mit erhobenen Armen begrüssen und DJ Space Cube als Erlöser feiern, warnt Meier-Tüte im Live-Studio von Radio LoRa noch in der gleichen Nacht vor den faschistischen Tendenzen der musikalischen Verdummung im eindimensionalen Brei von Kitsch und Recycling. Rave macht auch diese Grossversammlung meschugge bis zum Chill-out im Morgengrauen, wenn die Trommelfelle schlottern und das Kommando Extase in der Kasse beim Eingang den Reibach verteilt.
So, mein nächster Beitrag wird sich mit Heidi befassen, einer jungen Dame, die in Los Angeles einen blühenden Callgirl-Ring betreibt und sich für ihre Dienstleistungen von den Major Studios zur Entwicklung eines Heidi-Filmes honorieren liess.
Viel Spass, alles Gute, und es verbleibt Ihr neuer Feuilletonist Metro-Meier-Pacific.