Die Runde soll aus vier Männern bestehen. Drei sind da. Der eine, Ross, ist ein stiller, aber jovialer Amerikaner mittleren Alters. Ein Mottenloch in seinem Pullover beweist, dass er kein eitler Mensch ist. Der Hausherr ist korrekt gekleidet: diskretes Hemd, Wolljacke, Krawatte, Bügelfalten. Plauderei mag er jetzt, wo es um die Arbeit geht, nicht. Ein Hauch von Unmut huscht über sein Gesicht. «So», sagt er und konsultiert die Uhr, «jetzt ist es sieben Uhr zwanzig. Ich schlage vor, wir geben Iain noch bis sieben Uhr zweiundzwanzig, und sonst fangen wir zu dritt an.»
Iain wäre der Dritte im Bunde, der Vierte ist der Autor dieser Zeilen, ein Aussenseiter, der sich Zugang zu einer der Spielrunden erbettelt hat, die der professionelle Spielerfinder Reiner Knizia zum Testen seiner neuen Einfälle durchführt. Dass der Autor sogleich zum Co-Tester erhoben worden ist, hängt damit zusammen, dass zwei weitere Mitglieder des dienstäglichen Test-Teams in der vergangenen Woche die Internationalen Spieltage in Essen besucht haben und jetzt «leergespielt» sind. Der Spielerfinder selber war natürlich auch in Essen. Für ihn ist das aber kein Grund, die Runde heute platzen zu lassen.
Um sieben Uhr einundzwanzig klingelt es. Es ist Iain, noch im Anzug und im weissen Hemd. Von der Krawatte hat er sich auf dem Weg vom Büro hierher befreit. Er arbeitet bei einem Finanzdienstleister. Sein rosiger Teint verleiht ihm eine bubenhafte Ausstrahlung, die allerdings von den grauen Haaren, der bei Max Frisch ausgeliehenen Frisur und einem Wohlstandsbäuchlein gebrochen wird.
Die Gründe für die einundzwanzigminütige Verspätung werden kurz diskutiert (Chaos bei der Bahn nach den gestrigen Stürmen). Dann wiederholt Knizia dem Aussenseiter gegenüber noch einmal die dringliche Bitte, von den Spielen, die wir nun testen, niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu verraten. Wenn die Ideen durchsickerten, wäre das Überraschungsmoment seiner Arbeit dahin und das Spiel ruiniert, noch ehe es richtig auf die Beine gekommen ist. Daraufhin beginnt der Ernst der Spielarbeit. Es ist sieben Uhr dreiundzwanzig.
Reiner Knizia wohnt im englischen Windsor, ganz in der Nähe der Queen. Sein Haus in einem neuen Einfamilienhausquartier an einem kleinen Hügel ist ein Bild absoluter Aufgeräumtheit. Im Garten tanzt kein Grashalm aus der wohlrasierten Reihe. «Als ich hier eingezogen bin, habe ich mir als erstes einen Gärtner gesucht», sagt Knizia, «denn eine meiner Philosophien im Leben besteht darin, dass ich versuche, mir möglichst wenig Routinesachen aufzuhalsen. Ich will mir den Tag freihalten, damit Zeit bleibt für das, was ich am liebsten mache.»
Drinnen sieht man kein einziges Stäubchen. Im Arbeitszimmer steht ein Schrank, dessen Schubladen die derzeit in Arbeit stehenden Projekte enthalten. Obendrauf sind Spielmaterialien, Boxen, Notizen und zur Recherche dienende Bücher in rechten Winkeln angeordnet. Auf einem Bord an der Wand stehen diverse Trophäen exakt ausgerichtet. Der Bewohner hält die Ordnung für knapp ausreichend: «Das Büro sieht ja wohl nicht sehr aufgeräumt aus», brummt er, «aber man kann sich auch zu Tode aufräumen.»
Dass die bunten Schachteln der populärsten Spiele aus seiner Werkstatt an den Wänden hängen, hat einen Grund: «Das ist gut fürs Selbstvertrauen, wenn ich am Telefon bin und mit den Verlagen verhandle.» Einzig im Korridor trifft der Besucher auf etwas, das nur der Dekoration dient, nämlich einige eingerahmte Karikaturen, die den Herrn des Hauses zeigen. Er ist ein Weltbürger. Deswegen wohnt Reiner Knizia so nahe beim Flugplatz Heathrow.
Er könnte seine Spiele überall erfinden, sagt er. Der Wohnort England sei ein Zufall, immerhin aber ein glücklicher. In den USA, wo er an der Universität Syracuse studiert und gelehrt hatte, war es ihm weniger wohl. «Der Gegensatz zwischen Reich und Arm ist mir dort zu stark. Überhaupt die Gegensätze.» Die deutschsprachige Kultur hingegen sei vom preussischen Beamtentum geprägt. «Die englische Mentalität sitzt irgendwo in der Mitte. Freundlich, locker, improvisierend, aber nicht so over the top wie die Amerikaner. Das passt mir.» Doch mit seinem Heimatort Illertissen in Bayern ist der Erfinder immer noch sehr verbunden.
Wie sieht der Tagesablauf eines Erfinders aus? In der Regel steht Reiner Knizia zwischen vier und fünf Uhr morgens auf. «Da ist mein Kopf noch unverbraucht, und ich fühle mich auf der Höhe meiner geistigen Kräfte.» Drei bis vier Stunden wird diese Frische darauf verwendet, an den grösseren Projekten herumzutüfteln. Später gibt er sich mit den simpleren Spielen ab, die gerade in Arbeit sind. Nachmittags erledigt er Bürokram, und am Abend finden drei- bis sechsmal pro Woche Testspielrunden statt. Zu Bett begibt er sich zwischen zehn Uhr und Mitternacht. Jedoch: «Wenn mich ein neues Spiel fasziniert, kommt es vor, dass fast alle anderen Dinge zwei, drei Wochen liegen bleiben.»
Für Kind und Kegel gibt es im Leben Knizias keinen Platz. Er ist geschieden, Single. Das sei eine bewusste Entscheidung in dieser Lebensphase. «Ich will meine Begeisterung und meine Zeit voll auf die Spiele konzentrieren. Da bin ich dann auch konsequent.»
Sein erstes Brettspiel erfand Reiner Knizia als zehnjähriger Bub. In Illertissen, wo er 1957 geboren wurde, gab es nur ein einziges Spielgeschäft, und dessen Auswahl war erbärmlich. Doch der vom Spielen angefressene Dreikäsehoch - die «Atmosphäre» von Monopoly hatte es ihm besonders angetan - war nicht gewillt, sich der tristen Realität eines Provinzkaffs zu beugen und fertigte seine eigenen Spiele an. Als Versuchskaninchen dienten ihm die Eltern und Geschwister.
Das Studium der Mathematik, das er in Ulm aufnahm, lag nahe: «In der Mathematik und im Spielen befasst man sich mit Regelsystemen, in denen man Lösungen zu finden versucht», sagt Knizia. «Jedes mathematische Modell ist letztlich eine Welt für sich. Wie auch jedes gute Spiel.»
Nachdem er sich in den USA und später wiederum in Ulm im universitären Lehrbetrieb betätigt und sich dabei den Titel eines Doktors der Mathematik erworben hatte, trat er ins Finanzgeschäft über. Er wurde Abteilungsdirektor für Unternehmensplanung bei einer deutschen Grossbank. Diese entsandte ihn 1993 nach England, wo er eine im Baufinanzierungsbereich tätige Niederlassung führte. Der Betrieb hatte einen jährlichen Umsatz in Milliardenhöhe und 300 Angestellte. «Das war auch kein Achtstundenjob», sagt er und lacht.
Das Spielen und Spieleerfinden liess er sich auch in dieser Zeit nicht nehmen, im Gegenteil. 1991 gewann er mit Res Publica die Auszeichnung Kartenspiel des Jahres der Zeitschrift «Fairplay». Ein grosses Jahr war 1993: Modern Art gewann vor Tutanchamun den Deutschen Spielepreis, und beide Spiele wurden für den Spiel-des-Jahres-Preis nominiert. Der Deutsche Spielepreis steht für den Volksgeschmack; über ihn stimmen Fachhändler, Spielvereine und Journalisten ab.
Seither hat Reiner Knizia in Deutschland, Skandinavien und den USA Dutzende von Nominationen und auch viele Preise gesammelt. Etwa 1999 für Durch die Wüste den amerikanischen Tiger Award für das beste europäische Spiel und dieses Jahr mit Tadsch Mahal bereits zum dritten Mal den Deutschen Spielepreis. «Die Preise freuen mich natürlich», sagt er, «sie sind eine schöne Motivation. Aber das Spieleerfinden ist eine Kunst, kein Handwerk, und für einen kreativen Künstler ist es wichtig, den eigenen Weg zu finden und nicht zu sehr drauf zu schielen, was der Markt macht.»
Nur den Oscar der Spielerfinder, das Spiel des Jahres, hat er noch nie gewonnen. Dieser Preis wird von einem zehnköpfigen Spielekritikerkomitee vergeben, meist für neue, zukunftsweisende Spielideen; er kann die Verkaufszahlen ums Zehnfache steigern. Statt der üblichen 10 000 bis 30 000 sind es dann plötzlich 300 000. «Geld stinkt nicht, sagten schon die Römer. Aber wenn man hauptberuflich Spiele erfindet, dann muss man sich von Überlegungen finanzieller Natur fern halten. Sonst geht der Spass verloren.» Darben muss Knizia auch so nicht. Erstens verfügt er über stattliche Ersparnisse aus seinem früheren Leben, und zweitens haben mehrere seiner Spiele auch ohne den Titel Spiel des Jahres Auflagen von weit über 100 000 Exemplaren erreicht.
Knizia verliess die Bank 1997 und machte sich selbständig. Seither lebt er einzig und allein von seinen Erfindungen. Sein Fleiss ist unerhört. Knizias Ludographie umfasst mittlerweile über 200 Titel. Dazu kommen 7 Spielebücher. Und jedes Jahr kommen 10 bis 20 Spiele hinzu, «die kleineren Sachen nicht mitgerechnet» - also Karten- und Kinderspiele. Meist hat er etwa fünf Spiele gleichzeitig in Arbeit. Daneben gibt es noch die «offenen» Projekte, Sachen, die weder fertig noch zu Grabe getragen sind. Es sind derzeit über zwanzig.
Spielerfinder sind nicht wie Buchautoren an einen Verlag gebunden. Sie verkaufen ihre neusten Erfindungen jeweils dem Haus, in dessen Programm sie am besten passen. Das bringt viel administrativen Aufwand mit sich. «Je erfolgreicher ich bin, desto tiefer frisst sich die Bürozeit in die kreative Zeit hinein», sagt Knizia. Es sei jetzt schon so weit gekommen, dass ihm die besten Ideen im Flugzeug kommen, weil das unterdessen der einzige Ort sei, wo ihn nichts stören kann.
Am Anfang ist die Idee. «Ich sage immer: Ich schliesse meine Augen, um eine neue Welt zu finden.» Die darauf folgende Phase, wo es darum geht, sich die potentielle Spielsituation genau auszumalen, ist für Knizia die spannendste. Danach lässt er sich von einem Helfer einen Prototyp für die Testrunden basteln. Meist weiss er dann sehr bald, ob die Idee Zukunft hat. Daraufhin erfolgt die Verlagssuche. Der Verlag entscheidet über die grafische Ausführung und schlägt Änderungen vor, die Knizia überwachen muss. Die Arbeit geht weiter, wenn das Spiel in anderen Ländern erscheint. Dann muss er es den lokalen Gegebenheiten anpassen.
Das perfekte Spiel kann es laut Reiner Knizia nicht geben: «Es gibt viele Merkmale für gute Spiele: kurze Spielanleitung, einfacher Zugang, schönes Thema, faszinierende Spielmechanismen, rege Interaktion zwischen den Leuten, keine Phasen, wo einzelne Spieler nichts zu tun haben. Aber es gibt kein Rezept für Erfolg. Viele Spielhits verstossen gegen diese Liste.»
Knizia hat kein Lieblingsspiel. «Das richtige Spiel für die richtige Gelegenheit zu finden - das ist das Geheimnis.» Für einen Abend mit den Eltern ein anderes als für eine Runde von Spielefreaks. «Spielen bedeutet in der Hauptsache, gemeinsam mit anderen Menschen eine wundervolle Zeit zu verbringen.» Darum geht er bei seinen Erfindungen stets davon aus, dass sie einem gesellschaftlichen Anlass dienen sollen. «Das Spiel selber kann noch so raffiniert sein, es ist nie so interessant wie das Gegenüber.»
Noch nie hat er diesen Aspekt so stark betont wie in seiner neusten Kreation, die diesen Herbst erschienen ist. Sie heisst Herr der Ringe und ist vom gleichnamigen Fantasy-Bestseller inspiriert. Das Böse ist ein Element der Spielsituation, gemeinsam müssen die Spieler die Welt retten. «Es geht nicht ums Kämpfen, sondern ums Miteinander. Alle sitzen in einem Boot.» Bei Tadsch Mahal wurde ihm schon im Prototyp-Stadium klar, dass er einen Hit in Händen hatte. Bei Herr der Ringe ist er sich weniger sicher. «Das ist eine ganz neue Kategorie von Spiel. Den Kritikern dürfte es gefallen, doch wie das breite Publikum reagiert, ist ungewiss.»
Der Output von Reiner Knizia wäre wohl nicht so gross, und noch viel weniger könnte er vom Spielerfinden leben, wenn es nicht den deutschsprachigen Spielmarkt gäbe. «In diesen Ländern herrscht, was die Spieleszene betrifft, ein paradiesischer Zustand, der sich nirgendwo so finden lässt», sagt er. Jährlich kommen hier über 300 neue Erwachsenenspiele auf den Markt. Die über 80 deutschen Spielverlage können mit einem zuverlässigen Bestand von Käufern rechnen, der das unternehmerische Grundrisiko abdeckt.
Neben Knizia gibt es eine Handvoll weiterer professioneller Spielerfinder und ganz viele Amateure. Die Szene ist gut organisiert. Ihre Vereinigung, die Spiele Autoren Zunft (SAZ; erster Vorsitzender: Reiner Knizia), zählt ungefähr 250 Mitglieder. An der Essener Spielmesse treffen sie mit 100 000 Branchen-Insidern und Spielwilligen zusammen.
Reiner Knizia hat eine Erklärung für das deutsche Spielfieber. «Das Spielen ist im deutschsprachigen Raum stark in der Familie verankert. Alle Generationen kommen zusammen und spielen an einem Tisch, sei das nun Mensch ärgere dich nicht oder etwas Neues.» Spielen gilt als wertvolle Betätigung, gehört zur Kultur. In Amerika sei das ganz anders. «Dort spielen nur Gleichaltrige miteinander. Und wer Games sagt, meint Computergames und denkt an Isolation und Zeitverschwendung.»
Die unterschiedliche Tradition schlägt sich auch in der Bevorzugung gewisser Spielarten nieder. Knizia: «In Deutschland wird sehr viel Wert auf den Spielmechanismus gelegt. Das Thema ist oft sekundär. Im angloamerikanischen Raum dagegen lebt das Spiel stark von den Themen. Dort ist es absolut gang und gäbe, neue Themen über den immergleichen Mechanismus zu stülpen und so neue Spiele zu produzieren.» Ausserdem seien dort Rollenspiele wie Dungeons & Dragons ungemein beliebt.
Der Testabend geht allmählich zur Neige. Wir haben zwei Spiele ausprobiert. Jetzt nippen wir an unseren Tassen, die mit Bildern von Illertissen verziert sind. Man trinkt Tee (Iain und Ross), heisse Schokolade (Erfinder) und Mineralwasser (Aussenseiter) und verschlingt Massen von Fruchtweggen, Schokolade und Bananen. Mit legerem Eifer diskutieren Iain, Ross und Reiner Stärken und Schwächen. «Das dauert alles viel zu lang.» «Das Symbolbild auf der Karte passt überhaupt nicht zum Charakter der Karte!» Und so weiter. Reiner Knizia hält die Kommentare fein säuberlich auf einem Blatt Papier fest. Offenbar geht es heute ausgesprochen entspannt zu und her. Oft soll es zu erheblichem Lärm kommen. «Ich verlange von den Testern, dass sie ehrlich sind», sagt Knizia. «Es bringt nichts, wenn sie mir etwas vormachen. Ehrliche Tester sind mein Lebensblut.»
Um viertel vor elf stehen die Augen des Erfinders plötzlich auf Halbmast. Er und die Tester sind sich einig, dass die beiden Spiele noch verbessert werden müssen. Dem Aussenseiter, der natürlich in beiden Spielen arg aufs Dach bekommen hat, ist es vor lauter Spielrausch ganz heiss im Kopf. Er war ein schlechter Tester, denn er fand die beiden neuen Spiele schon jetzt ganz toll.
Hanspeter Künzler ist Kulturjournalist und lebt in London.