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NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen Inhaltsverzeichnis
Liebhaber -- Licht im Dunkeln
© Suzanne Schwiertz
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| Frieda Hertwig, 85, «muss nicht viel studieren, um den Garten zu gestalten». Als junge Frau war sie Chauffeuse eines Dreieinhalbtonners für eine Metzgerei. Mit 47 Jahren machte sie eine Umschulung und wurde Krankenschwester. 27 Jahre arbeitete sie im Spital Wattwil auf der Chirurgie und in der Kinderabteilung, jahrelang als Dauernachtwache. |
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Frieda Hertwig schmückt ihren Garten in Wattwil so üppig mit Blumen und Lichtern, dass Menschen von weit her anreisen, um ihn zu sehen. Für die Krankenschwester war er eine Kraftquelle.
Von Anja Jardine
Frieda Hertwig ist 85 und kommt noch problemlos an ihre grossen Zehen. «Da, sehen Sie selbst!» Sie hat sich langsam aus dem Sessel gehievt, um es zu demonstrieren. Nicht auf Knien jätet sie Unkraut – die taugen dazu längst nicht mehr –, sondern stehend, vornübergebeugt, mit langem Rücken. Unverkennbar war Frieda Hertwig eine sehr sportliche Frau, kraftvoll. Nicht nur all die Blumen hat sie angeschleppt und gepflanzt, auch «ganze Bäume». Der Garten war ihr ein Bedürfnis, ein existentielles.
Rosen, Bauernjasmin, Clematis, Begonien, Hortensien, Rhododendron, Lilien, Gladiolen, Lavendel, Sonnenblumen, Hauptsache, es duftet und blüht. «Es gibt keine wüste Blume», sagt Hertwig, «egal ob Rose oder Wiesenblume, alle sind schön.» Fast versinkt das Haus im Blütenmeer. Zumal es selbst ein Blumenkleid trägt. Geranien über die ganze Fassade, in vier Reihen übereinander, rot und rosa abwechselnd. Regnet es, bekommt jede Pflanze am Haus einen Schirm, was aussieht, als wollten die Geranien irgendwohin.
Autofahrer, die Richtung Ricken unterwegs sind, verlangsamen beim vorderen Hummelwald ihr Tempo, parkieren spontan am Strassenrand, nur um zu schauen. Reiseveranstalter legen die Routen so, dass ihre Cars das Haus passieren, reisen extra aus Genf oder Zürich an. «Einer kommt regelmässig», sagt Frieda Hertwig, «mal hat er den Bus voller Japaner, mal voller Chinesen.»
Die steigen aus, reihen sich hinter dem Zaun auf und fotografieren: Schneewittchen und die sieben Zwerge zum Beispiel, die von der Veranda eines hundehüttengrossen Hauses unter einem Busch hervorschauen, leicht bemoost. Oder den Pelikan, der windschief auf einem Bein in einem runden Beet thront. Oder den eisernen Bogen, an dem sich üppig die Rosen hinaufranken. «Oh!» und «Ah!» rufen die Touristen und zeigen auf die Burgruine, die halbversteckt im Dickicht steht, oder auf die Clematis am Wegesrand. «Das stört mich überhaupt nicht», sagt Frieda Hertwig, «aber ich mache trotzdem lieber, dass ich wegkomme.»
Im Dorf nennen sie es das Märlihaus. Im Sommer wegen der Blumen, im Winter wegen der Lichter. Dann leuchtet es am Hummelwald, als sei das ein auserwählter Ort. Alles funkelt und glitzert, und wenn das Glück vollkommen ist, verdoppelt frischer Schnee den Glanz. An Heiligabend unternehmen Väter mit ihren Kindern einen Ausflug zum Märlihaus, während die Mutter daheim den Baum schmückt und die Geschenke einpackt. So ist es Tradition in Wattwil, sagt eine Wattwilerin.
Zwar hat der Sohn von Frieda Hertwig die Aussenbeleuchtung mittlerweile mit dem Computer verknüpft, so dass sich die Lichter zentral einschalten lassen, doch sonst machen Frieda Hertwig und ihre Mitbewohnerin Heidi Berli, auch eine Seniorin, das Elektrische grundsätzlich selbst. Als das 500 Jahre alte Haus renoviert wurde, «haben wir dem Elektriker genau zugeschaut», sagt Hertwig. «Es ist ganz einfach, man muss nur wissen, welches von diesen drei Kabeln die Erdung ist.» Nur einmal habe sie «ein ganz klein wenig» einen Stromschlag bekommen.
Etwas, das lebt
«Jedenfalls sind wir die besten Kunden vom Elektrogeschäft in Wattwil», sagt Hertwig. Allein die dreissig hüfthohen Kerzen, die sie von der Gemeinde Lichtensteig übernommen haben, als die ihre Weihnachtsbeleuchtung erneuerte, wollen regelmässig mit neuen Glühbirnen bestückt werden. «Die Ladenbesitzerin hat mal gesagt, sie habe immer Freude, wenn sie uns zwei noch sehe. Dass wir noch leben!» Frieda Hertwig lacht ein überraschend tiefes, kehliges Lachen.
In diesem Jahr mussten sie bis März warten, um die Riesenkerzen in den Keller räumen zu können. Erst musste der Schnee schmelzen und die gusseisernen Ringe, auf die sie montiert sind, freigeben. Überhaupt komme der Frühling immer später. Mai war es diesmal, bis sie endlich die Pflanzen setzen konnten. «Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Mutter die Ostereier bereits in den Blüten des Märzenstocks verstecken konnte», erzählt Hertwig. Doch die Zeiten seien vorbei. Nun dauere das Warten länger. Aber welche Freude jedes Jahr aufs neue, wenn die ersten Krokusse durch den Schnee brechen! Die Meierisli, die Stiefmütterchen?…
Frieda Hertwig war früher Krankenschwester, genau wie ihre Mitbewohnerin. Die war auf der inneren Medizin und Hertwig auf der Chirurgie und in der Kinderabteilung. Dauernachtwache haben sie gemacht, das heisst von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens gearbeitet, jahrelang. «Die schönste Zeit haben wir immer verpasst», sagt Hertwig. «Im Winter war es stockdunkel, wenn man zur Arbeit ging, und stockdunkel, wenn man heimkam und sich schlafen legte.» Streng sei es gewesen, oft gab es Notfälle in der Nacht. «Wir hatten es viel mit Sterbenden zu tun», sagt sie, «die mussten wir dann auf die Pathologie bringen.» Da brauchte es etwas, das lebt.
Am Arizona-Pool
Der erste Zwerg, ein etwa kniehoher Geselle des klassischen Typs, steht oben am Arizona-Pool. In diesem Sommer ist der Pool wegen des Regens oft abgedeckt, doch sobald die Sonne scheint, ziehen Frieda Hertwig und ihre Kollegin darin ihre kurzen Bahnen. Früher war Hertwig mal Schwimmlehrerin, auch das. Und früher hatte der Zwerg zwei Hände. Eine fehlt mittlerweile, an ihrer Stelle ragen jetzt frische Blumen aus dem Keramikstumpf, so fällt es fast nicht auf. Neben dem Pool, unter einem grossen Baum, steht übrigens eine Kirche mit Kirchturm, hoch wie ein Mensch. Und die Dachschindeln sind echt.
Ihr Mann habe mit dem Garten nicht allzu viel am Hut gehabt, sagt Hertwig. Aber nun ist er schon seit Jahrzehnten tot, und sie teilt sich das Haus mit der Kollegin. Der Sohn wohnt in der Nähe, die Tochter lebt im Tessin. Da fährt Hertwig noch regelmässig allein mit dem Auto hin, 500 Kilometer an einem Tag, hin und zurück.
Sie ist schon immer gern Auto gefahren. Bevor sie sich mit 47 Jahren – die Kinder waren schon gross – entschloss, Krankenschwester zu werden, war sie Chauffeuse eines Dreieinhalbtonners. Sie fuhr für eine Metzgerei über Land – zum Schlachthaus nach Zürich oder zum Flughafen Basel-Mülhausen, um argentinische Rindsnierstücke abzuholen. «Das war schön im Dreieinhalbtonner, im grössten Verkehr», sagt Hertwig. «Man sass höher als alle anderen, und die mussten warten.»
Den Beruf gewechselt habe sie «wegen der Menschen und wegen der Krankheiten, das war interessant». Zumal Krankenschwestern damals dringend gesucht wurden. Sie hat dann die Pflegerinnenschule Toggenburg-Linth besucht, wo es nicht nur darum gegangen sei, ausgezeichnete Krankenschwestern auszubilden, sondern welche «mit gesundem Menschenverstand und dem Herzen auf dem rechten Fleck». So eine muss Frieda Hertwig gewesen sein.
«Noch heute erkennen mich die Leute auf der Strasse und rufen: ‹Sie sind Schwester Frieda! Sie waren mal so gut zu mir›», sagt Hertwig und lacht ihr Dreieinhalbtonner-Lachen. «Für die Patienten habe ich viel getan, die haben sich immer gefreut, wenn ich abends wiederkam.» Und nicht ohne Stolz fügt sie hinzu: «Darunter auch bekannte Grössen von Wattwil, Geschäftsleute. Ich habe viele Menschen bis zum Tod gepflegt.»
Sie hat noch die Volltaxiprüfung abgelegt, um auch den Krankenwagen fahren zu können. «Einmal habe ich nach der Nachtwache noch einen Patienten im Glarnerland abgeholt. Freiwillig natürlich.» Aber es waren dann 16 Stunden Arbeit am Stück, fast für Gottes Lohn. Ohne die Blumen wäre das nicht auszuhalten gewesen.
Nicht mehr lange, und die Bienenblumen kommen und die Herbstastern. Nein, der Herbst mache sie nicht traurig, sagt Hertwig. Der Herbst sei das Schönste überhaupt. All die bunten Blätter, von Hellgelb bis Dunkelrot, wunderschön. Auch wenn es hagelt oder der erste Frost kommt: «Dann denke ich: Jetzt haben wir es gehabt, jetzt ist es vorbei. So ist es gut.»
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin
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