NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Alles Käse?

Von Peter Haffner

Stanislaw Lem, der Meister der philosophischen Science-fiction, hat in den fünfziger Jahren die Grundzüge einer Technik entworfen, die er «Phantomatik» nannte. Er hat damit vorweggenommen, was heute Cyberspace heisst, und er hat die Möglichkeiten dieser «virtuellen Realität» weit tiefer ausgelotet als etwa William Gibson, der 1984 in seinem Buch «Neuromancer» der Sache ihren nun gebräuchlichen Namen gab.

Ein Grund also, im Internet, diesem noch bescheidenen Prototyp eines künftigen Cyberspace, nach Lem zu fahnden. Das Suchprogramm braucht nicht lange zur Abfrage Tausender von Computern rund um den Globus, bis es «Lem's page on the web» gefunden hat: «Welcome to my page», steht da zu lesen, «I hope you enjoy it. I don't really know what I am going to put on here, but something fun will come out of this personal project. Here is a picture of my grandparents . . .»

Offenkundig der falsche Lem - und offenkundig einer, der kaum mehr als drei Käse hoch sein dürfte. Ein Beweis für den Unsinn der Computervernetzung, die Nutzlosigkeit einer totalen Kommunikation, die es nicht mehr nur Nachbars Buben, sondern den Buben der halben Welt ermöglicht, einem auf die Nerven zu gehen?

Wie auch immer: das Internet etabliert sich als neues Medium, und die Frage, wie es zu nutzen ist, bleibt - nicht anders als beim Briefeschreiben, Faxen oder Telefonieren - jedem selbst überlassen. Mehr oder minder.

Unsere Wahrnehmung wird es so oder so verändern. Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat einmal berichtet, wie er, fernsehgeschädigt, beim Besuch eines Fussballmatches, als das erste Tor fiel, unwillkürlich dessen Wiederholung in Zeitlupe erwartete. Wer oft am Netz hängt und Hypertexte ab Bildschirm liest - Texte, deren einzelne markierte Wörter einem erlauben, mittels Daraufklicken in andere Texte zu gelangen -, kann sich dabei ertappen, wie er bei der Zeitungslektüre im Geiste auf einen Begriff klickt und dann enttäuscht feststellt, dass nichts passiert.

Damit etwas passiert, haben wir diese Ausgabe des Folios ins Netz eingespeist - als Hypertext natürlich. Da ist Klicken nicht nur erlaubt, sondern erfolgreich: auf http://www.nzz.ch/folio


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