Ich rede zu viel. Ich schreie zu viel, jammere zu viel, schnöde zu viel und lache zu viel, vor allem in unpassenden Momenten. Fakt ist, ich benutze mein grosses loses Mundwerk zu oft. Eigentlich gibt es nur eine Situation, in der ich meinen Mund nicht aufmache, und jeder kann sich denken, wo: beim Zahnarzt. Dort erstarrt die Frau, die man auf Fotos so gut wie nie mit geschlossenem Mund sieht (meistens beschimpfe ich gerade den Fotografen), urplötzlich zu einer stummen Auster, die selbst bei Androhung der Todesstrafe oder, schlimmer, einer Wurzelbehandlung ihre Lippen nicht auseinanderkriegt. «Könnten Sie bitte mal den Mund öffnen!» Nein, kann ich nicht. Denn wer öffnet schon einem Serienmörder die Haustür?
Jeder hat eine Zahnarztgeschichte parat - damals, als der Bohrer ausrutschte, die Krone im Brötchen stecken blieb, der Abszess das Gehirn aufweichte. Das Dumme bei mir ist, dass ich keine anderen Geschichten auf Lager habe. Ich habe noch nie in einem Zahnarztstuhl gesessen und die seligmachenden Worte «Alles in Ordnung, keine Behandlung nötig» gehört. Bei mir ist immer eine Behandlung nötig. Nach den bestürzten Blicken zahlloser Profis in mein Mundinneres zu urteilen, habe ich das Zahnfleisch einer 225-jährigen Greisin. Offenbar sehen meine Zähne aus, als fielen sich mir demnächst aus dem Mund und würden auf fremden Kontinenten ein neues Leben beginnen. Und all dies nur, weil ich als Kind zu einer alten Hexe von Zahnärztin musste, die mich mit sirrenden Bohrern und mit Spritzen vom Umfang von Babyarmen so verängstigte, dass ich fast jeden Zahnarztbesuch erfolgreich sabotierte. Und nun finde ich mich mit einem Lächeln wieder, das verbirgt, was wahrlich nicht zum Lachen ist.
Ich habe jetzt einen sehr guten Zahnarzt. Er weiss, dass ich ein Narkotikum brauche, damit ich im Stuhl sitzen bleibe, und dass ich nicht zum Spass wimmere. Er überhört meine gröberen Ausfälligkeiten. Ich erklärte ihm, dass ich jeden anderen Mann, der mir solche Schmerzen zufüge, kaltblütig erschiessen und im Keller vergraben würde. Er revanchierte sich, indem er dunkel etwas über meine «durch die modernen Lebensumstände in Mitleidenschaft gezogenen» Zähne murmelte (als handle es sich dabei um Charaktere aus einem Woody-Allen-Film) und mich zu einem Zahnhygieniker schickte, der meinen Mund wie eine verstopfte Abflussröhre traktierte. Aber alles besser als jener Zahnarzt, der mir die Spritze so kraftvoll in den Gaumen stiess, dass ich hätte schwören können, sie sei mir durch die Schädeldecke wieder herausgekommen.
Wenn ich die Sache für einen Augenblick aus der Gegenperspektive betrachte, erscheint es mir pervers, dass unter allen freien Berufen ausgerechnet Zahnärzte am häufigsten Selbstmord verüben. Man sollte vermuten, es liege an der immensen Menge an Leid und Schmerz, die sie anderen Menschen zufügen, und an den daraus resultierenden Schuldgefühlen. Wahrscheinlicher jedoch liegt es daran, dass sie nichts anderes tun, als Leuten in den Mund zu gucken, die ihre elektrische Zahnbürste 1999 letztmals aufgeladen haben oder meinen, eine Interdentalbürste diene der Zahnreinigung von Mäusen. Vor allem jedoch werden Zahnärzte nicht geliebt, egal, wie wenig Schmerzen sie einem zufügen.
Oder haben Sie je einen Film gesehen, in dem jemand tiefbewegt erzählt, wie ein Zahnarzt ihm seine Brücke gerettet hat? Es wäre unmöglich, eine Notaufnahme-Soap mit einem feschen Zahnarzt zu drehen, weil keiner zuschauen könnte, ohne dabei von plötzlichen Erinnerungen an grauenhafte Zahnarzterlebnisse gequält zu werden. Und welcher andere Berufsstand muss so oft als Symbol für alles Unangenehme im Leben herhalten? Nie hört man jemanden sagen «Es war schlimmer als beim Coiffeur» oder «Eher gehe ich zur Pédicure». Sogar Bestattungsunternehmer, buchstäblich die Handlanger des Todes, stehen weniger in Verruf als Zahnärzte. Die meisten von uns hegen einen kindlichen Groll gegen Zahnärzte, ob gut oder schlecht, spielt dabei gar keine Rolle. Was am Ende die Frage aufwirft, ob es in der Welt wirklich so viele lausige Zahnärzte gibt oder nur viele lausige Patienten.
Barbara Ellen ist Kolumnistin, sie lebt in London.