NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Fundstücke -- Über die Verderbnis der Jugend

Ein Dialog von Plato.

Sokrates: Sehe ich dich nicht von Aididas, dem Kleiderhändler, in neuer Tunika kommen, und trägst du wegen der Preise eine bekümmerte Miene?

Altzakkos: Beinahe ist es so. Doch obwohl Aididas sein Geschäft gut versteht, rührt meine bekümmerte Miene nicht von seinen Preisen her. Meine Eselstreibereien laufen gut. Sokrates: So wird das Leben durch andere Esel als die deinigen dir vergällt. Altzakkos: Genau. Kennst du meine Neffen, die Xymachos-Brüder?

Sokrates: Wer könnte dies leugnen! Strahlend ist ihr Antlitz, und wohlgeformt sind ihre Leiber, so wie es der Vorzug der Jugend ist.

Altzakkos: Das hast du gut gesagt. Doch muss geklagt sein, dass ebendiese Jugend Athens verderbt ist und, bei Zeus!, die Xymachos-Brüder zu den schlimmsten gehören.

Sokrates: Woran erkennst du das, ergrauter Altzakkos?

Altzakkos: Erinnere dich an unsere Jugend. Befleissigten wir uns der Musse, dem Trinkgelage und Gesprächen über die öffentlichen Angelegenheiten, so treiben sie Handel und kümmern sich nicht um die Worte der Alten und das Wohl der Polis.

Sokrates: Ist noch mehr, was du verabscheust?

Altzakkos: Ja, kleideten wir uns noch einfach in der Art des tonnenbewohnenden Diogenes, so färben sie ihre Tunika in den seltsamsten Tönen, versehen sie mit kryptischen Aufdrucken und frönen Vergnügungen, die an Zügellosigkeit kaum zu übertreffen sind.

Sokrates: Auf was spielst du an?

Altzakkos: Offen gesagt, sie ziehen die Mädchenliebe der Knabenliebe vor.

Sokrates: Das allerdings ist eine harte und bittere Anklage, aber beantworte mir zunächst eine Frage. Sehe ich nicht eine giftgrüne Toga an Dir, mit drei Streifen, so wie es Mode ist?

Altzakkos: So ist es, o Sokrates. Sokrates: Und ist nicht dein prächtiger Bauch verschwunden? Altzakkos: Das ist gut gesehen.

Sokrates: Und hast du nicht dafür Sport in Gymnasien getrieben?

Altzakkos: Ich habe gelitten, ich gebe es zu.

Sokrates: So hast du die Segnungen des Geschmacks und die Freuden des Essens für die Wiedererlangung der Jugend gegeben?

Altzakkos: Es scheint so.

Sokrates: Gehe ich fehl in der Annahme, dass du dich deinen Neffen in Liebe genähert hast, auf Ablehnung gestossen bist und nun versuchst, die Gunst der Jünglinge zu erlangen?

Altzakkos: So habe ich es getan.

Sokrates: So würdest du, wenn ein Ionier dir ein Schaf in einer Eselshaut verkaufen wollte, dieses gegen gutes Geld erwerben?

Altzakkos: Nein, ich würde den Ionier einen Betrüger schimpfen und ihn verprügeln.

Sokrates: Aber einem noch fast bartlosen Jüngling willst du dich als Jüngling nähern? Und erwartest weder Prügel noch Spott?

Altzakkos: Du vergleichst mich mit einem Esel?

Sokrates: Nicht einen Esel schelte ich dich, sondern einen Nicht-Eselhaften, der das Eselhafte wie eine Maske anlegen will und sich wundert, dass er von den Eselhaften für einen Nicht-Esel statt für einen Esel gehalten wird. Bedenke die Sätze des Äskulap.

Altzakkos: Dunkel sind deine Worte, selbst für einen Eselshändler.

Sokrates: Äskulap sagte, dass der Mann erst ein fischiges Wasserwesen sei, mit spriessendem Barte aber ein Frosch werde, lange bevor Kirke ihn in einen Eber verwandle.

Altzakkos: So wird es überliefert.

Sokrates: Bedenke, dass der Jüngling seine schlanke Nymphengestalt verliert ? und breiten sich nicht alsbald die Knochen plump aus in der Form des Frosches, und ist nicht die Jünglingshaut von rötlichen Warzen belebt wie der Rücken der Kröte?

Altzakkos: Doch kann ich bei den Xymachos-Brüdern nicht eine Warze entdecken.

Sokrates: Aber sind nicht die Verformungen ihrer Seele schlimmer als die des Leibes? Sind nicht Geldgier, schlechter Geschmack und sogar die Mädchenliebe keine Fehler des Leibes, sondern vielmehr solche des Geistes?

Altzakkos: Die Mädchenliebe kreide ich ihnen besonders an.

Sokrates: Und rät nicht Äskulap, die Krankheiten des Leibes durch bittere Medizin zu kurieren und die des Geistes durch bittere Philosophie?

Altzakkos: Gerade so.

Sokrates: Um Herzen und Leiber der Jünglinge zu rühren und sie aus den unwürdigen Armen der Mädchen zu lösen, muss da der Liebhaber auf den Leib oder auf die Worte setzen?

Altzakkos: So rätst du mir, sie nicht mit Wohlgestalt oder Kleidung zu bezirzen, sondern wortreich aufs Lager zu reden?

Sokrates: Wie, glaubst du, verführte ich den Agathon? Altzakkos: Aber was, wenn sich die Xymachos-Brüder nicht zum Wahren und Schönen bekehren lassen? Sokrates: So bleiben dir die Freuden der Fettleibigkeit, des Trunks, der Musse und des Rechthabens.

Deutsch von Constantin Seibt.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.