NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Freundliche Drachen

Von Herbert Cerutti

WER SEINEN FUSS auf die Galápagos-Insel Fernandina setzt, betritt Drachenland. Auf den Lavafelsen entlang der zerklüfteten Küste liegen dichtgedrängt Tausende düsterer Gestalten, den bulligen Kopf mit Hornschilden gepanzert, entlang dem meterlangen Rücken ein stachliger Kamm. Und aus den Nasenlöchern zischt gelegentlich eine kleine Wolke. Was wie eine Bestie erscheint, erweist sich beim Nähertreten als harmlose Kreatur. Man kann sich ruhig mitten in die Drachenversammlung setzen: Den Tieren ist der neugierige Gast nicht einmal einen Lidschlag wert. Die Meerechse ist wohl eines der wunderlichsten Geschöpfe dieser an zoologischen Überraschungen ohnehin reichen Inselwelt.

Der 1000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt im Pazifik liegende Archipel aus fünfzehn grösseren und über vierzig kleinen Inseln ist im Laufe der letzten vier Millionen Jahre sukzessive aus einer glühenden Schwachstelle der Erdkruste emporgewachsen. Von den Winden über die Wasserwüste herangetragen, mit einer Meeresströmung vom Kontinent her angeschwemmt, hat im Durchschnitt alle zehntausend Jahre eine Pflanze, ein Tier auf dem Neuland Fuss gefasst. Kam es nun im Laufe der Zeit am Erbgut dieser Pioniere wie üblich zu Mutationen, so blieb die genetische Veränderung in der Einsamkeit des Insellebens weit eher erhalten als in der früheren, gleichmacherischen Umgebung der vielen Artgenossen. So wurde Galápagos zu einem einzigartigen Spielfeld der Evolution.

Irgendwann muss auch ein Leguan die unfreiwillige Reise über das Wasser gemacht haben, vielleicht auf einer schwimmenden Pflanzeninsel, die ein Hochwasser aus dem Ufer eines Urwaldflusses in Ecuador riss und ins Meer spülte. Nach ein paar Wochen zur See mag die Biofähre zufälligerweise auf eines der Inselchen im weiten Ozean getroffen sein. Dass eine solche Reise nur sehr anspruchslose Gesellen überstehen können, ist wohl der Grund, dass auf den Galápagos manches Kriechtier, aber keine grösseren Landsäuger heimisch wurden. Somit fehlten auch die auf dem Festland üblichen Räuber, was die Tiere auf Galápagos in paradiesischem Frieden leben liess.

Ein Schlaraffenland war die vegetationsarme Vulkangegend für den angeschwemmten Leguan nicht. So hat er sich auf das in der Gezeitenzone am Strand reichlich vorhandene Algenfutter spezialisiert - er wurde zur einzigen Echse, die sich nur aus dem Meer ernährt. Heute gibt es schätzungsweise um die 300 000 Meerechsen auf Galápagos.

Die Reptilien auf Fernandina müssen vor dem Frühstück erst Sonnenenergie tanken. Denn als wechselwarme Tiere können sie ihren Wärmehaushalt nicht körperintern regulieren; sie müssen sich passiv über die Haut aufwärmen. Deshalb liegt der ganze Trupp am Morgen mit der Körperbreitseite zur Sonne, bis die schwarze Haut eine behagliche Wärme von 35 Grad Celsius gesammelt hat. Um sich nicht zu überhitzen, richten jetzt die Echsen die Körperlängsachse schräg aufwärts genau zur himmlischen Energiequelle hin, was nun den minimalsten Körperquerschnitt der Strahlung aussetzt. Die Schnauze geduldig in der Sonne, warten die Meerechsen auf die Ebbe. Kaum taucht der Algenrasen aus der zurückweichenden Flut auf, trippeln die Tiere flink zum grünen Tisch. Mal die linke Schnauzenseite, mal die rechte am Boden, rupfen die Echsen schliesslich am saftigen Zeug, gleichsam wie Hunde, die einen Knochen traktieren.

Die grösseren Tiere haben genügend Energiereserven, um sich ins oftmals kühle Wasser zu wagen. Mit schlangenartigem Ruderschlag des langen Schwanzes ziehen sie in die Bucht hinaus und tauchen zu den Algen hinunter. Man hat Meerechsen beobachtet, die bis zu einer Stunde unter Wasser blieben und dabei zwölf Meter tief tauchten. Um Sauerstoff und Energie zu sparen, reduzieren die tauchenden Tiere den Puls von vierzig auf nur noch zehn Schläge pro Minute. Trotzdem verliert die Echse beim Unterwasserausflug bis zu 10 Grad Körpertemperatur. Was nach der Fresstour wiederum ein gehöriges Sonnenbad nötig macht. Dazu liegen die erschöpften Reptilien, alle Viere von sich gestreckt, flach auf den mittlerweile heissen Basaltfelsen. Und werden ihrerseits zur Menukarte: Krabben wandern seelenruhig über die schwarzen Leiber und holen sich Zecken und Milben aus der fremden Haut. Auch Finken und Spottdrosseln wissen das an der Sonne liegende Insektenangebot zu nutzen.

Für die Wölkchen, die der erstaunte Besucher aus den Nüstern der Drachen zischen sieht, gibt es übrigens eine prosaische Erklärung: Die Meerechsen nehmen mit der Nahrung hohe Salzmengen auf, mit denen sie fertig werden müssen. Dazu haben die Tiere oberhalb der Augen je eine spezielle Drüse, wo Salz dem Kreislauf entzogen wird. Ein Kanal verbindet die Drüse mit der Nasenhöhle; ein kräftiges Niesen treibt die Salzlösung als feinen Nebel ins Freie.

Irgendwann ist ein weiterer Leguan aus dem südamerikanischen Urwald auf Galápagos gelandet. Er hat im Vulkanland hübsche Kakteen angetroffen. Und ist so zum Sukkulenten-Gourmet geworden. Die saftig-fleischigen Pflanzen liefern dem Tier nicht nur Nahrung, sondern auch das lebensnotwendige Wasser.

Die im Vergleich zum Meerleguan ganz andere Lebensweise des Landleguans gab diesem auch eine andere Gestalt. Sein Kleid leuchtet gelb, rot und braun; der Nackenkamm ist besonders kräftig. Und der Schädel trägt ein Schild aus Hornzapfen - wie eine Kristalldruse -, weshalb das Tier auch Drusenkopf heisst. Den wehrhaften Schädel braucht das Reptil im Kampf gegen seine Artgenossen. Denn das Drusenkopfmännchen lebt als Einzelgänger und beansprucht ein persönliches Revier. Wagt sich nun ein Männchen in ein fremdes Revier, wird es vom Besitzer erst mit raschem Kopfnicken gewarnt. Bald schon krachen aber die Schädel zusammen, und die Kämpfer versuchen den Gegner mit den Zähnen an der Flanke oder am Rückenkamm zu packen.

Als Nachtquartier und zum Schutz vor der Tageshitze dienen den Tieren Höhlen, oder sie graben sich im weicheren Grund einen Bau. So auch auf Süd-Plaza. Dort leben auf dreizehn Hektaren etwa dreihundert Drusenköpfe - fast unter jedem Kaktus hockt ein Tier. Sie warten geduldig, bis eine Frucht oder eine fette Kaktusscheibe zu Boden fällt. Und kratzen dann mit den Krallen erst die Stacheln vom Leckerbissen. Denn während auf Galápagos-Inseln, die ohne Drusenkopfbevölkerung sind, die Kakteen eher Haare als Stacheln tragen, haben sich die baumartigen Opuntien auf Süd-Plaza ein schützendes Stachelkleid zugelegt und zudem ihre Stämme mit einer glatten, pergamentartigen Haut gegen Kletterversuche gewappnet. Dass die Drusenköpfe trotzdem genug zum Leben haben, zeigen ihre bis zu dreizehn Kilogramm schweren Körper und ein Alter von über sechzig Jahren bei den zähesten Gesellen.

Das Idyll wurde allerdings im letzten Jahrhundert bedroht. Damals kamen erste Siedler nach Galápagos und brachten Esel, Schweine, Hunde, Katzen mit. Von den lieben Haustieren wählte das eine oder andere ein freies Leben in der Natur. Und so kam es, dass auf manchen der Inseln verwilderte Esel den Drusenköpfen die Höhlen zertrampeln, Schweine den Weibchen das Gelege ausgraben, Ziegen das Grünzeug wegfressen. 1976 wurde das Problem auf Santa Cruz zur Katastrophe. Ein Rudel verwilderter Hunde löschte in einem Blutrausch eine Kolonie von fünfhundert Drusenköpfen aus. Und nur wenig später gingen Köter auf Isabela ähnlich verheerend auf die Leguane los. Auch der Mensch selber brachte den Reptilien Verderben: Die Amerikaner nutzten im Zweiten Weltkrieg die Insel Baltra als Militärbasis. Und die gelangweilten GIs wussten nichts Besseres zu tun, als sämtliche Drusenköpfe der Insel über den Haufen zu schiessen.

Das Massaker der Hunde alarmierte die Wissenschafter der auf Santa Cruz 1964 eingerichteten Charles-Darwin-Forschungsstation. Sie evakuierten neunzig der überlebenden Drusenköpfe aus den heimgesuchten Revieren. Ein Teil der Geretteten bekam eine neue Heimat auf einem hundefreien Inselchen; die andern logierte man auf der Forschungsstation ein. Im Laufe der Jahre kamen weitere Leguangruppen aus bedrohten Galápagos-Kolonien dazu. Dank einem umfangreichen Zuchtprogramm wachsen seither auf der Darwin-Station die Drusenköpfe wieder zu grösseren Gruppen heran. Mittlerweile hat man die Hunde und Ziegen wenigstens in einigen Gebieten durch Abschuss so weit dezimiert, dass Reptilien dort wieder leben können. So wurde es schliesslich möglich, siebenhundert junge Leguane der Zuchtstation wieder im ursprünglichen Lebensraum anzusiedeln.


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