NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Gefährten des Zufalls

Vom Verschwinden des Autostoppers.

Von Rolf Lappert

JOHANNES MUSS VON ESSEN nach München zur Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule. Abgebrannt, wie er ist, kann er sich kein Zugbillett leisten. Also stellt er sich an die Autobahneinfahrt. Tatsächlich hält bald ein Mercedes, die Ziele decken sich, und Johannes darf einsteigen. Nach einer Weile fragt der Mann am Steuer, eine biedere Erscheinung vom Typ Handelsvertreter, ob sein Fahrgast etwas lesen wolle. Johannes lehnt mit der Begründung ab, beim Lesen im Auto werde ihm schlecht. Der Fahrer fordert ihn auf, mal ins Handschuhfach zu schauen. Johannes kommt dem Wunsch widerwillig nach und hält gleich darauf ein pornographisches Schwulenmagazin in den Händen. An der nächsten Raststätte trennen sich die Wege der beiden.

So etwas kommt vor. Nicht nur im Film «Kleine Haie» von Sönke Wortmann, dem, ganz nebenbei erwähnt, besten deutschen Film der letzten, sagen wir, zwanzig Jahre. Mindestens. Doch zurück zum Thema, obwohl wir mittendrin sind. Film und Autostopp sind nämlich zwei unzertrennliche Dinge. Immer wieder reisen die Heldinnen und Helden der Leinwand auf Beifahrersitzen durchs Land, stehen in gottverlassenen Käffern an Kreuzungen, trotten mit leichtem Gepäck neben staubigen Strassen dem Horizont entgegen und heben den Daumen, wenn sich hinter ihnen der Umriss eines Autos aus den Hitzeschleiern über dem Asphalt löst. Und immer wieder steigen sie zu irgendwelchen, logischerweise fremden, Leuten ein, deren Gesellschaft während der nächsten tausend Meilen sie nur deshalb in Kauf nehmen, weil sie weg wollen. Oder müssen.

Wenn die Kinos Puppentheater und wir Zuschauer Kinder wären, würden wir den Helden und Heldinnen zurufen, sie sollen bloss nicht einsteigen, sollen das Geld für eine Busfahrt zusammensparen. Oder zu Fuss gehen. Nur nicht einsteigen. Denn nach unzähligen Filmen wissen wir, dass mit dem Zuklappen der Beifahrertür eine Reise beginnt, von der viele nicht zurückkehren. Aber wir rufen natürlich nicht, da wir Eintritt bezahlt haben und wollen, dass das Unheil seinen Lauf nimmt. Unheil deshalb, weil der Fahrer in der Regel ein entwichener Mörder, ein Psychopath oder ein Sexualstraftäter ist. Oder alles in einer Person. In der gerollten Zeitung auf der Hutablage liegt ein blutiges Messer. Hinter der Sonnenbrille funkelt ein irres Glitzern. Unter der Kleidung verbirgt sich die Sträflingsuniform. Und hinten hängt der Wagen durch, weil im Kofferraum eine Leiche liegt. Oder eine Million in Gold, gestohlen, versteht sich. Oder ein Zentner Kokain. Zeitbomben auf jeden Fall. Der Anhalter wird nur so zum Spass mitgenommen. Falls Lust auf sadistische Spielchen aufkommt. Oder eine Geisel gebraucht wird, ein Kugelfang für die unabwendbare Schiesserei mit den Bullen. Jemand zum Reden. Psychopathen sind mitteilungsbedürftig, zumindest im Film. Sie wollen die Leute kennenlernen, bevor sie sie zerstückeln. Hitchhike to Hell.

Natürlich geht es auch umgekehrt. Ein hilfsbereiter, kommunikationsbedürftiger Handelsvertreter nimmt einen gemeingefährlichen Verbrecher mit und findet sich drei traumatische Tage und Nächte später in Mexiko wieder. Ohne Auto, natürlich. Da wird der Kinosessel zum Beifahrersitz. Am Ende der Vorstellung fahren die Leute dann nach Hause und würden niemanden mitnehmen, weil jeder Anhalter ein Axtmörder sein könnte. Aber es stehen keine Anhalter herum, denn jeder Autofahrer ist ein möglicher Sträfling auf der Flucht, bewaffnet und zu allem entschlossen. Im realen Leben, aus dem der Autostopper übrigens ebenso verschwindet wie das Tagpfauenauge und der Otter, gerät man höchstens an einen freundlichen Spinner.

Da findet man sich beispielsweise im tiefergelegten Blechgehäuse eines ulkigen Kerls, gebettet auf einem Sitzbezug aus künstlichem Zebrafell, sieht amüsiert ein Dutzend verschiedener Innenspiegel-Anhängsel vor sich baumeln und hat im Ohr das Wummern einer Musikanlage, die, dem Himmel sei Dank, jedes Gespräch verunmöglicht. Oder man sitzt leicht verkrampft in einer Familienlimousine neben dem bleifüssigen Brillenträger, der einem auf der Strecke zwischen Zürich und Lenzburg vorführen will, dass er eigentlich zum Rennfahrer statt zum Aussendienstler berufen ist. Oder man wünscht sich das Ende der Fahrt herbei, wehrlos nickend zu den Ansichten des verhinderten Politikers und zwanghaften Leserbriefschreibers, seine Ausführungen zur Lage der Nation geduldig ertragend, während der Blick ins Freie geht, hinaus in die verregnete Nacht.

Dennoch: Wird man hierzulande in einem fremden Auto mitgenommen, hat man es fast immer mit netten Menschen zu tun. Menschen, die, wie sie dezent mitteilsam erzählen, früher auch per Autostopp von A nach B gekommen sind, meistens vom Land in die Stadt und wieder zurück. Menschen, die wissen, wie es ist, am Strassenrand zu stehen, den Daumen ausgestreckt und bemüht, einen vertrauenswürdigen Eindruck zu machen. Menschen, denen klar ist, dass man weder zum Glauben an Gott bekehrt noch mit den Details von operativen Eingriffen unterhalten werden möchte. Menschen, denen es genügt zu wissen, wohin man will.

Aber wer nimmt überhaupt noch jemanden mit, der den letzten Zug verpasst, kein Geld für die Fahrkarte oder einen Platten am Fahrrad hat? Und wer hat noch die Zeit und Geduld und den Mut, sich an eine Strasse zu stellen und auf die arglose Gutmütigkeit seiner motorisierten Mitmenschen zu hoffen? Falls es den Anhalter noch gibt, müsste es auch den noch geben, der anhält und den Däumling mitnimmt. Doch das tun, wie man liest, nur noch Frauenschänder in hellgrauen Limousinen. Erleben wir also das Aussterben einer Fortbewegungsart, wie wir das Verschwinden nicht angeketteter Fahrräder und Schamgrenzen in Talkshows erleben? Werden künftige Generationen von Autofahrern noch wissen, dass ein Autostopper ein vehikelloser Mensch mit Fernweh war und kein Holzkeil, den man unters Rad schob? Werden nur noch Romanfiguren wie Sissy Hankshaw, Königin aller Tramperinnen, an die Tage erinnern, als erhobene Daumen die Strassen säumten?

Im heutigen Amerika jedenfalls wäre man als Autostopper aufgeschmissen. Dort liegt in jedem Mietwagen die Security Information, Punkt 12 warnt davor, fremde Leute mitzunehmen. Es wird sogar davon abgeraten, anzuhalten, um jemandem zu helfen, der eine Panne hat. Denn diese Panne ist, so erfahren wir, ein gebräuchlicher Trick von Strassenräubern, die es auf hilfsbereite Opfer abgesehen haben. Glaubt man den Warnungen, sind die Zeiten des ruhelosen Jack Kerouac und der herumziehenden Hippies, der friedliebenden Pioniere des Trampens, wohl vorbei. Es wird empfohlen, mit verriegelten Türen zu fahren. My car is my castle.

Vielleicht gibt es im Land, in dem die Garagen so gross sind wie die dazugehörigen Einfamilienhäuser, gar keine Autostopper mehr. Weil niemand mehr sie mitnimmt? Oder weil das Benzin billiger ist als Cola und sich jeder seine eigene Karre leisten kann? Ich habe jedenfalls während meiner Reisen durch die USA gerade einen einzigen Anhalter gesehen. An einer Tankstelle in Odessa, Texas. Aber der wollte in die andere Richtung. Zum Glück, wie ich später denken sollte, denn da war ich erst bei Punkt 8 des Merkblatts.

In Neuseeland, habe ich gehört, werde man mitgenommen, noch bevor man den Daumen gehoben habe. Und man werde nicht einfach ein paar Meilen befördert, oh, nein, mindestens ein Abendessen und eine Übernachtung seien im Transport inbegriffen. Ich habe von Trampern gehört, die für eine Strecke von 12 Meilen 14 Tage benötigten, bei einem durchschnittlichen Verbrauch von einer gastfreundlichen Familie auf 3 Meilen. Grundkurse im Schafescheren, Tränen beim Abschied und lebenslange Brieffreundschaften werden in Neuseeland serienmässig angeboten, heisst es.

Johannes, der die Prüfung für die Schauspielschule nicht geschafft hat, will von München nach Berlin, um sein Talent dort zu beweisen. Er stellt sich, noch immer pleite, an die Autobahneinfahrt, wo ihn die Frau mitnimmt, die er liebt. So ist das Leben. Im Film.

Rolf Lappert, Schriftsteller, lebt einmal hier, einmal dort.


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