AUF DER SEITE VON SITTEN, die kein Tourismusprospekt aufschlägt, liegt in einem banal funktionalen Gebäude die Zentrale von Provins Valais. Provins keltert die Trauben von einem guten Viertel der Walliser Rebfläche, die Adresse, so scheint es, passt: 22, rue de l’Industrie. Qualität statt Quantität: Die Botschaft ist seit zwanzig Jahren auch im Wallis zu vernehmen. Allein, hört sie auch eine Genossenschaft von über 5000 Klein- und Kleinstwinzern, die im Jahr zwischen zehn und elf Millionen Liter Wein produzieren?
«Provins, c’est un enfant de la misère», sagte mir vor einem guten Vierteljahrhundert der damalige Direktor Jean Actis. Die Genossenschaft entstand in den Dreissigern, den Krisenjahren, lange wurde ein Grossteil des Walliser Rebbaus nebenher betrieben, als Zusatzverdienst auf Kleinparzellen, die mit jeder Erbteilung noch kleiner wurden. Trauben waren ein Agrarprodukt wie Kartoffeln, bezahlt wurde pro Kilo, am meisten brachte die Chasselas-Traube, also produzierte Provins aus ihr Fendant und aus Pinot noir und Gamay Dôle.
Noch im fernen Jahr 1981 war das so, als Madeleine Gay, eben in Changins zur Weinbauingenieurin ausgebildet, in Sitten vorsprach und, 28 Jahre jung, nicht gerade die Welt, aber doch den Walliser Weinriesen verändern wollte. Langsam. Ein bisschen. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Sie hielt ein Plädoyer für die autochthonen Reben des Wallis, die zu jener Zeit fast ganz den übermächtigen Vier gewichen waren, dem Fendant, dem Johannisberg, dem Gamay, dem Pinot.
Analysen der Böden sollten erweisen, wo die Bedingungen für den Cornalin am besten waren, für die Petite Arvine, den Humagne rouge, den Heida. In der Männerdomäne der Önologie ohnehin eine Exotin, wurde sie belächelt, aber eingestellt: das Kerngeschäft fand ohnehin anderswo statt. In quantitativer Hinsicht ist das noch heute so.
1981 kelterte Provins ganze 50 000 Liter klassische Spezialitäten, Dessertweine wie Malvoisie, Ermitage, Amigne. «Dann begannen wir nach und nach Cornalin zu pflanzen, Humagne rouge, Petite Arvine, auch Syrah.» Das Interesse an der Produktion von Qualität, also an Mengenbeschränkung, wuchs. Denn das Pech der Schweizer Weinwirtschaft war das Glück der freundlichen, aber hartnäckigen Bauerntochter. Das Jahr 1982 brachte eine Riesenernte, 1983 eine noch grössere. Diese Sintflut machte es möglich, dass bei einem Teil der nach wie vor konservativen Genossenschafter andere Verträge durchzusetzen waren: Wer zum Beispiel Petite Arvine pflanzte, wurde nicht mehr pro Kilo, sondern pro Quadratmeter bezahlt. Heute machen die Spezialitäten bei Provins zwar erst 10 Prozent aus, aber das sind, hélas, eine Million Liter.
Madeleine Gay ist Maître de Chais bei Provins. So heisst auch eine Linie, für die sie verantwortlich ist: der Weisse «Vieilles Vignes» (eine Cuvée aus Marsanne, Amigne, Pinot blanc und Païen) und der Rote «Rouge d’Enfer» (Pinot noir, Cornalin, Humagne rouge, Syrah); hinzu kommen die sortentypischen Weine des Labels «Grand Métral», mit denen sich die Verfechterin der Typizität und Authentizität zehn Jahre auschliesslich beschäftigt hatte. Allesamt Weine, die man nicht bei einem Grosserzeuger vermutet.
Von den Genossenschaftern lässt sie sich nur bedingt beeindrucken. Die wollen Umsatz, nicht Medaillen. Aber in der Direktion hat man gemerkt, dass das Programm der sanften Rebellin und Nischenprophetin, der Mutter Courage des Autochthonen, entscheidend sein könnte für das Image des Ganzen. Und nicht nur für das. «Bei der Kleinteiligkeit, der Arbeitsintensität des Walliser Rebbaus hätte man schon längst einen Wechsel zur Produktion von teuren Weinen einleiten müssen. Jetzt wächst die Einsicht, dass unsere Chancen in dem liegen, was es nur hier und nirgendwo sonst gibt.»
Will sagen: Nicht alles, was neu ist, ist anders, und nicht alles andere ist gut. Die Moden wechseln schneller, als man im Weinberg drauf reagieren kann. La viticulture c’est prévoir. Die Umstellung auf Chardonnay hält Madame für einen Fehler. Die Chance, da ist sie stur, sind im Wallis die Nischen. Die autochthonen Sorten. Und sie scheut sich nicht, einen neuen Protektionismus für Unfug zu halten.
Madeleine Gay ist an allem Authentischen interessiert. Sie liebt die grossen Pinots und die raren Baroli. Mich überrascht sie, nach allem, mit einem önologischen Urmeter und Superlativ: einer Flasche Latour aus dem unvergleichlichen Jahr des Herrn 1990. «Das Glück, grosse Weine kennenzulernen, erlebte ich zuerst beim Trinken von Bordeaux. Und ich erinnere mich an den Schock, das erste Mal in einem Glas kombiniert diese violetten Aromen gefunden zu haben, Waldfrüchte, das Sandelholz, rote Beeren. Das Finale mit den strengen und doch geschmeidigen Tanninen. Dieser Latour 1990 ist für mich das Grösste, ein mächtiger Wein, das Vergnügen in reinster Form.»
Die Meinung teilt Madeleine Gay mit vielen, die Flasche, welch Privileg, mit mir: hinter den sieben Gleisen von Sitten.