ES SEI IHNEN hoch angerechnet, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie sich diesen Zeilen zugewendet haben, obwohl hier lediglich ein Gemüse Gegenstand der Betrachtung ist, und dazu erst noch ein ziemlich langweiliges.
Die Karotte oder Möhre, von den Botanikern Daucus carota genannt und von den Schweizern Rüebli, ist so gewöhnlich, dass kein ernstzunehmender Gastronom über sie noch Worte verlieren mag. Und doch ist sie in aller Munde.
Wir verzehren sie als Garnitur zum Schnitzel, geraffelt als Salat, zerquirlt zur Suppe, aber auch als Süssspeise namens Rüeblitorte. Neun Kilogramm Rüebli verzehrt der Durchschnittsschweizer pro Jahr, und mit einem Jahresertrag von 58 000 Tonnen ist die Karotte mit grossem Abstand auch das in der Schweiz meist angebaute Frischgemüse. Im Berner Seeland, im Wallis, in der Waadt wie auch in der Ostschweiz befinden sich die fetten Böden, in denen die Karotten reichlichst gedeihen.
Aber ein Rüebli ist nicht einfach ein Rüebli. Vielmehr gilt es, eine Vielzahl von Sorten zu unterscheiden, mit wohlklingenden Namen wie Yukon, Puma, Parano, Bolero, Nandrin, Kamaran oder Parmex, welche wiederum je nach Wurzelform verschiedenen Familien zuzuordnen sind. Die kleinen runden, die uns vor allem in Konserven und in Begleitung von Erbsli begegnen, nennt der Fachmann Pariser, die halblangen Nantaise, derweil die langen ohne eigentlichen Namen sind und schlicht lange Karotten geheissen werden. Daneben gibt es noch Spezialitäten wie die Pfälzer und die Küttiger, die ausschliesslich daselbst angebaut werden.
Dem Fleiss der Züchter ist es zuzuschreiben, dass es heute Karotten in allen nur denkbaren Grössen, Formen und Farben gibt - sie können rund oder kurz sein, stämmig, lang oder dünn und spitz, ihre Farbe ist orangegelb, in fernen Ländern bisweilen aber auch rosa oder gar purpurn. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und mit dem Urrüebli, einer Kreuzung der wilden Möhre und der Riesenmöhre, haben diese Spielereien nicht mehr viel zu tun.
Weit hat sich die seit über 4000 Jahren als Nutzpflanze angebaute Karotte von ihren Ursprüngen entfernt, so weit, dass auch keiner mehr mit Sicherheit weiss, wo ihre eigentliche Heimat ist. Einige behaupten, es sei Afghanistan, andere meinen, sie sei ein typisch europäisches Produkt. Wen kümmert's - bei den Bauern beliebt wegen ihrer Anpassungs- und Lagerfähigkeit, wird die Karotte heute global angebaut und global verspeist: die Hindus verzieren sie mit Blattsilber und kochen damit ihr gajar halva, die Juden bereiten mit Karotten zimmes, einen Eintopf, zu, dem die Waadtländer pot au feu sagen würden, und die Engländer und Amerikaner stellen aus dem Rüebli gar Marmelade und «Karotten-Wein» her.
Mit dem Rüebli lässt sich also fast alles anstellen, der kulinarischen Erbauung ist dies allerdings nur selten dienlich - leider. Ein wenig zu lange gegart, und die stattliche Nantaise wird fade wie eine Pariserkarotte aus der Dose. Selbst die frischen Bundrüebli, wie sie jetzt auf den Märkten angeboten werden, halten selten, was das knackige Äussere verspricht. Kein Wunder, spielt das Rüebli in der Haute cuisine eine eher nebensächliche Rolle; auf den Tellern der gepflegten Tafel sind Karotten selten zu finden, und wenn, dann höchstens in der Rolle des Statisten.
Um das Rüebli ranken sich keine schmucken Legenden, und auch eine aphrodisische Wirkung wird ihm nicht nachgesagt. Nur gesund soll es sein: dank dem Karotin, das der Möhre die Farbe gibt und im menschlichen Körper und in Verbindung mit Fett in Vitamin A umgewandelt wird.
Karotin stärkt die Sehkraft, reinigt das Blut und bräunt die Haut. Dafür wäre das Rüebli zu loben. Nur gibt es Karotin mittlerweile ebenfalls in Pillenform, so geschmacklos und neutral wie die heutigen Rüebli.