NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wilde Hunde

© Sutter / NHPA / Andy Rouse
Läuft ungeniert einer Herde Gazellen entgegen: Der Afrikanische Wildhund. Linktext
Was übrigbleibt, wenn Hyänenhunde jagen, bietet einen «grauenvollen Anblick», schrieb Bernhard Grzimek. Heute weiss man: Das Ungeheuer ist ein fürsorgliches Rudeltier.

Von Herbert Cerutti

In der Hitze der afrikanischen Savanne döst im Schatten eines Baumes ein Dutzend seltsamer Tiere. Sie sind etwa so gross wie deutsche Schäferhunde, und mit einem Tarnkleid aus unregelmässigen gelben, braunen, schwarzen und weissen Flecken erinnern die Vierbeiner mit ihren spitzen Schnauzen und den mächtigen, runden Ohren an Hyänen. Die deshalb auch Hyänenhunde genannten Kreaturen sind jedoch nicht mit den Hyänen (die zur Überfamilie der Katzenähnlichen gehören) verwandt, sondern Vertreter der Familie der Hunde.

Während nun aber der Wolf (Canis lupus) und die von ihm abstammenden Rassen aller Haushunde ein und dieselbe Hundeart sind, verkörpert der Hyänenhund (Lycaon pictus) eine eigene Art. Deshalb verwenden die Zoologen heute die Bezeichnung Afrikanischer Wildhund. Wie der Name hat sich in neuerer Zeit auch die Meinung der Fachleute über das Wesen und das Verhalten dieses Raubtiers geändert.

Die Sonne steht jetzt tief am Horizont. Langsam steht einer der Wildhunde auf, streckt seine Glieder und schubst den neben ihm liegenden Kollegen sanft mit der Schnauze. Bald ist die Meute auf den Beinen und zeigt mit gegenseitigem Lecken wachsende Lebhaftigkeit. Dann macht sich eines der Tiere in leichtem Trab in Richtung einer fernen Gruppe von schwarzen Punkten davon, was den Rest des Rudels unverzüglich dem Leader folgen lässt.

Die schwarzen Punkte sind eine Herde grasender Gazellen. Anders als jagende Löwen verstecken sich die Wildhunde nicht vor den Huftieren, sondern laufen ungeniert der Herde entgegen. Irgendwann bemerken die Gazellen die Gefahr und machen sich davon. Jetzt wechselt der Leader der Hunde ebenfalls zu schnellerer Gangart. Mit über 50 Kilometern pro Stunde stürmt er der fliehenden Herde nach, die Meute in breiter Front hinter ihm her. Bleibt eine der schwächeren Gazellen etwas zurück, folgt wie auf ein geheimes Kommando die gesamte Meute nur noch diesem Tier. Eine erste Hundeschnauze packt die Gazelle am Hinterlauf. Innert Sekunden reissen weitere Jäger mit ihrem Raubtiergebiss dem Opfer die Bauchdecke auf. Die Beute wird von den Hunden förmlich in Stücke gerissen und verschlungen. Nach nur zehn Minuten bleiben vom Huftier noch der Kopf und die leere Hauthülle übrig.

30 Kilometer lange Pirsch

Sind in der offenen Savanne ganze Herden das Jagdziel, gilt im Busch eher die Jagd auf ein einzelnes Tier. Durch die stöbernden Hunde aus ihrem Versteck aufgescheucht, versucht die Gazelle zu fliehen. Auf kurze Distanz ist das Huftier zwar schneller als die spurtenden Hunde, da die Wildhunde aber sehr ausdauernd sind und ihre Grundgeschwindigkeit über etliche Kilometer aufrechterhalten können, hat die fliehende Beute kaum eine Chance.

Versucht die Gazelle mit einem raschen Richtungswechsel den vordersten Verfolger abzuschütteln, schneidet sofort einer der weiter hinten folgenden Hunde die Bahnkurve und wird so zum neuen Jagdleiter. Zuweilen rennt das Hunderudel auf gut Glück über eine Hügelkuppe, um zu attackieren, was immer sich zufällig jenseits der Geländedeckung zeigt.

Wildhunde jagen vor allem kleinere und mittelgrosse Antilopen, in Ostafrika etwa Thomsongazellen und im südlichen Afrika Impalas. Um den Hunger zu stillen, muss das Rudel jeden Tag jagen. Genügt dem kleineren Rudel eine Jagd in den frühen Morgenstunden, braucht es bei einem Dutzend und mehr Mäulern auch noch eine Abendjagd. In wildreichen Gegenden ist die Gemeinschaftsjagd der Wildhunde in weit über 50 Prozent der Angriffe erfolgreich. Gibt es in einer Gegend nur wenige Huftiere, kann der Pirschgang zuweilen bis zu 30 Kilometer lang sein. Finden die Jäger keine Antilope, wird auch ein Gnu oder ein Zebra verfolgt, wobei die Hunde allerdings bis zu einer Stunde brauchen, bis das grosse Tier überwältigt ist.

Um über die Monate das nötige Futter zu finden, führen Wildhunde ein Nomadenleben mit Reviergrössen von bis zu 2000 Quadratkilometern pro Rudel. Manchmal werden die Afrikanischen Wildhunde selber zu Gejagten. Gruppen von Hyänen warten den ganzen Tag, bis sich die Wildhunde auf die Jagd machen. Kaum liegt die Antilope am Boden, sind auch schon die Hyänen zur Stelle, um den Hunden die Beute zu stehlen. Wildhunde fallen grossen Raubtieren auch direkt zum Opfer. Vor allem Jungtiere, die dem Rudel hinterhertrotten, werden von Hyänen und Löwen gepflückt. 40 Prozent aller Todesfälle bei jungen Wildhunden gehen auf das Konto solcher Attacken.

Der grösste Feind der Wildhunde war bis vor kurzem jedoch der Mensch. Man verschrie das tüchtige Raubtier als blutrünstiges Monster, das weit über seinen Nahrungsbedarf morde und deshalb die Huftierbestände längerfristig gefährde. Auch hole es den Farmern Kälber von der Weide und fresse sogar Menschen. Selbst ein sonst sachlicher Naturbeobachter wie Bernhard Grzimek beschrieb noch vor zwanzig Jahren das Finale einer Wildhundjagd als «scheusslichen, grauenvollen Anblick».

In den 1960er und 1970er Jahren wurden Zehntausende von Wildhunden von Jägern, Wildhütern und Farmern abgeknallt oder vergiftet. Gab es in einem Teilgebiet der Serengeti Ende 1960 noch 153 Wildhunde, schmolz der Bestand innert zehn Jahren auf 26. Als dann 1990 unter den Wildhunden Tollwut ausbrach – vermutlich von kranken Hirtenhunden der Massai übertragen –, verschwanden die Wildhunde aus der Serengeti.

Der Afrikanische Wildhund ist heute das seltenste Grossraubtier Afrikas. Besiedelte er vor hundert Jahren ausser dem Regenwald und der Wüste ganz Afrika südlich der Sahara, dürfte es jetzt noch um die 5000 Tiere geben. Das letzte grosse Refugium ist das Selous-Wildreservat im südlichen Tansania; grössere Populationen gibt es auch im Okawango-Becken in Botswana sowie in Südafrika.

Kein ungeordneter Haufen

Mittlerweile haben etliche der afrikanischen Länder die prekäre Situation ihrer Wildhunde erkannt und sie unter Schutz gestellt. Wildhunde haben jedoch nur in relativ ungestörten Ökosystemen eine Überlebenschance. Denn überall dort, wo die Farmer mit ihren Viehherden die Antilopen verdrängen, aber auch in Wildtierreservaten, wo die für das Publikum attraktiven Löwen gehätschelt werden, ist für den Wildhund kein Platz.

Im Lichte der neueren Forschung ist aus der «blutrünstigen Bestie» ein rücksichtsvolles Wesen geworden: Wildhunde töten nicht über ihren Nahrungsbedarf hinaus; höchst selten erbeuten sie Nutzvieh; handfeste Hinweise auf menschliche Opfer gibt es bis heute keine. Und hatte man lange geglaubt, Wildhunde lebten als ungeordneter Haufen, brachten genauere Beobachtungen die Herrschaft eines dominanten Rüden und einer Leithündin zutage.

Ohne Geknurr und ohne Gerangel verschafft sich das Leitpaar beim Rudel Respekt. Bei der Jagd hat aber jeder tüchtige Hund Gelegenheit, die Meute anzuführen. Als Lohn darf er dann die ersten Bissen für sich beanspruchen. Kommen endlich auch noch die langsameren Jungtiere zum Kadaver, machen ihnen die älteren Tiere sofort Platz.

Einmal im Jahr sucht die Leithündin einen verlassenen Erdferkel- oder Hyänenbau und wirft dort 6 bis 16 Junge. In den ersten vier Wochen mit Muttermilch und schliesslich auch mit fester Nahrung versorgt, sind die Welpen die Lieblinge des Rudels. Zurück von der Jagd, umringen die erwachsenen Tiere die hungrigen Kleinen und würgen das verschlungene Fleisch wieder hervor. Wie die Welpen wird auch die zu Hause gebliebene Mutter versorgt. Nach etwa zwei Monaten ist die Kleinkinderzeit vorbei. Das Rudel wird wieder zum Nomadenvolk.

Ein Biologe beobachtete im Ngorongoro-Krater in Tansania ein Rudel aus fünf Rüden und einem Weibchen. Vier Wochen nachdem die Hündin neun Junge geboren hatte, starb sie. Während nun einer der Rüden die Welpen beschützte, gingen die andern auf die tägliche Jagd und versorgten Hausmann und Kinder mit Fleisch. So überlebten immerhin vier der neun Halbwaisen.

Die Fürsorge des Rudels kommt selbst kranken oder verletzten Tieren, die nicht auf die Jagd gehen können, zugute. Der Familiensinn hat allerdings seine Grenzen. Sinkt die Grösse eines Rudels auf weniger als sechs erwachsene Tiere, können die jagenden Tiere die Welpen und das Muttertier meist nicht mehr mit genügend Fleisch versorgen, ohne selber Hunger zu leiden. Der Afrikanische Wildhund hat deshalb nur eine Zukunft, wenn man ihm nicht nur weiten Lebensraum, sondern dem einzelnen Rudel auch die existentielle Mindestgrösse lässt.

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