NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Bitte einsteigen!

© Max Grüter
Sichere Anlage: Das Geschäft mit Gefängnissen floriert, auch wenn die Konjunktur lahmt. Linktext
Aktien, Rohstoffe, Hedge-Funds und weitere Geldanlagen: Wie man seine erste Million vermehren – oder auch verzocken – kann.

Von Andreas Heller

Wer seine erste Million verdient hat und nun sein Geld ein bisschen für sich arbeiten lassen möchte, hat’s nicht leicht. Die Zinsen sind noch immer relativ tief und die Aktien bereits recht hoch. Vor vier Jahren, klar, da wäre alles viel einfacher gewesen. Man hätte das ganze Geld bloss in einem Indexzertifikat auf den Schweizer Aktienmarkt parkieren können – und hätte nun eine Million mehr auf dem Konto. Gegen 10 Millionen wären es gar, hätte man zum richtigen Zeitpunkt ABB-Aktien gekauft. Die kosteten Ende 2002 weniger als eine Stange Bier, nun notieren sie bei 24 Franken.

Hätte, wäre – an den Finanzmärkten ist es noch schlimmer als im wirklichen Leben. Lauter verpasste Gelegenheiten. Und was die Zukunft bringen wird, weiss keiner. Soll man jetzt noch einsteigen? Oder besser auf eine Baisse spekulieren?

Die Mehrheit der Experten, immerhin, ist der Meinung, dass Aktien noch immer eine lohnendere Geldanlage seien als zum Beispiel Obligationen. Ihre Argumente: Die Weltwirtschaft boomt. Die Unternehmen melden Quartal für Quartal Rekordgewinne, und es ist nach wie vor viel Liquidität im Markt. Pensionskassen und Anlagefonds sitzen auf Billionen, die investiert werden wollen; Firmen kaufen eigene Aktien oder andere Firmen. All dies dürfte die Kurse weiter in die Höhe treiben.

Sowenig es an Geld mangelt, das investiert werden will, so wenig fehlt es an Ideen für Anlagen, die eine überdurchschnittliche Rendite versprechen. Health-Care- und Medizinaltechnikunternehmen profitieren von der steigenden Lebenserwartung, die Luxusgüterhersteller von der guten Konjunktur und dem wachsenden Wohlstand der Chinesen, Erdölfirmen vom hohen Ölpreis, Eisenbahngesellschaften von der aktuellen Umweltdebatte, Sicherheitsfirmen von der latenten Terrorgefahr. Selbst Aktien von amerikanischen Gefängnisbetreibern, meint einer, seien eine Überlegung wert. Deren Geschäft floriert, auch wenn die Konjunktur ins Stottern kommt.

Immer breiter wird die Palette zukunftsträchtiger Branchen, welche die Banken in ihren Anlagekommentaren präsentieren – und dazu auch gleich das passende Investitionsvehikel: einen speziellen Aktienfonds oder ein strukturiertes Produkt, das in Unternehmen der jeweiligen Branchen und Märkte investiert. In Finanzmagazinen und Börsenbriefen wimmelt es von Tips, die satte Gewinne versprechen. In den Zeiten der New Economy waren dies Internet- und Telekomfirmen, heute sind vor allem Unternehmen im Bereich alternativer Energien gross in Mode: Solarzellenhersteller, Biodieselhersteller, Rohstofffirmen. Ob man mit diesen Aktien tatsächlich das grosse Geld verdienen wird? Sicher nicht mit dem Tip des Börsenbriefs «TrendTrader», der 1000-Prozent-Rendite mit einer unbekannten kanadischen Uranförderfirma empfiehlt – deren Namen man erst erfährt, wenn man die Abonnementsgebühr bezahlt.

Angesichts dieses Sperrfeuers an Empfehlungen ist die Verlockung für jeden halbwegs interessierten Privatanleger gross, sich nach eigenem Gusto ein Portefeuille zusammenzustellen. Dass er mit dieser Strategie grossen Erfolg haben wird, ist freilich unwahrscheinlich – selbst wenn die Märkte weiterhin gut laufen sollten. Zahlreiche Studien zeigen nämlich, dass Privatanleger, die auf Einzeltitel setzen, im Durchschnitt schlechtere Renditen als der Gesamtmarkt erzielen: Sie sind schlecht diversifiziert; sie handeln emotional, realisieren Gewinne zu früh und halten zu lange an Aktien fest, die schlecht gelaufen sind; sie setzen auf Trends. Doch noch schneller, als diese Trends lanciert werden, sind sie schon wieder vorbei, da die meisten Märkte heute so schnell und effizient reagieren, dass in den Aktienkursen stets alle öffentlich verfügbaren Informationen bereits enthalten sind. Selbst Anlageprofis tun sich schwer, die Performance des breiten Marktes, der in einem Aktienindex abgebildet ist, zu übertreffen. Begnadete «Stockpicker» wie der Investor Warren Buffett sind die grosse Ausnahme.

Aus Sicht der Wissenschaft würde die grosse Mehrheit der Privatanleger deshalb besser fahren, wenn sie statt in Einzelanlagen in Anlagevehikel wie Zertifikate auf einen Aktienindex investierte. Wer Anfang 2007 beispielweise in einen Indexfonds auf den Schweizer Aktienmarkt investierte, erwirtschaftete innert vier Monaten fast 10 Prozent. Bleibt allein die Frage, wie lange es so noch weitergeht …

Noch heisser gelaufen als die Aktienbörsen sind die Rohstoffmärkte. Der Preis von Nickel stieg innerhalb eines Jahres um 300 Prozent, jener von Uran hat sich mehr als verdoppelt, und auch mit Palladium, Mais oder Weizen liess sich schnell sehr viel Geld verdienen. Ein Riesenvermögen mit Rohstoffanlagen hat etwa Jim Rogers gemacht. Der Mitbegründer von Georges Soros’ Quantum Fund war einer der ersten, die im grossen Stil in Kupfer, Kaffee, Orangensaft und Schweinebäuche investierten. Kurz bevor viele Rohstoffmärkte 1998 ihren Tiefpunkt erreichten, konstruierte er einen Indexfonds, basierend auf einem breiten Korb verschiedener Rohstoffe, der seinen Wert seither mehr als verdoppelt hat.

Den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und Geschäfte machen muss Rogers schon lange nicht mehr. Lieber reist er mit dem Auto oder dem Motorrad rund um die Welt und schreibt Bücher darüber (zum Beispiel «Die Abenteuer eines Kapitalisten»). Auch heute ist der «Indiana Jones der Finanzen», überzeugt davon, dass Rohstoffe die beste Anlage sind. Interessant findet er vor allem Landwirtschaftsprodukte wie Mais und Zucker, die mehr und mehr nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch für die Produktion von Treibstoff genutzt werden. Mais ist auch das Tierfutter schlechthin – und je höher der Wohlstand, umso mehr Fleisch wird gegessen. Dem Privatanleger, der von diesen Trends profitieren will, empfiehlt Rogers, in seinen Commodity Index zu investieren, sich von Schwankungen nicht irritieren zu lassen und frühestens 2014 die Gewinne einzustreichen. (Er selber spekuliert ausserdem auf einen höheren Schweizerfranken, den er für massiv unterbewertet hält.)

Ebenso zuversichtlich blickt Tobias Merath von der Credit Suisse auf die Rohstoffmärkte. Allerdings würde er angesichts der starken Konjunktur und der andauernd robusten Nachfrage aus China im Moment eher auf Metalle und Energie setzen. Mais hält er dagegen für weniger interessant, weil amerikanische Farmer angesichts der höheren Preise damit begonnen haben, die Anbaufläche zu vergrössern – auf Kosten von Weizen und Soja, die nun Potential nach oben haben.

Gute Aussichten sieht Merath ausserdem beim Gold. Die Zentralbanken haben ihre Goldverkäufe abgeschlossen, die Fördermengen gehen zurück, die Nachfrage steigt. Weniger euphorisch ist Merath im Unterschied zu Rogers bezüglich Investitionen in Indexprodukte. Da die Rohstoffpreise extrem volatil sind – Kupfer zum Beispiel schoss innert weniger Monate um 90 Prozent in die Höhe und korrigierte dann wieder um 40 Prozent nach unten –, sei ein gutes Timing unerlässlich. Das heisst auch: Anleger mit schwachen Nerven sollten nur einen kleinen Teil ihres Geldes in diesem Segment investieren.

Eine weitere Anlagekategorie, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, sind die Hedge-Funds, dem Laien vor allem bekannt als Vehikel der berüchtigten «Heuschrecken», die Firmen übernehmen, filetieren und weiterverkaufen. Im Unterschied zu traditionellen Anlagefonds dürfen Hedge-Funds nach Lust und Laune spekulieren: Sie dürfen für ihre Investitionen Kredite aufnehmen, sie können mit Optionen und Termingeschäften operieren, um die Rendite zu maximieren oder um auch in fallenden Märkten Gewinne zu erwirtschaften. Aber längst nicht immer geht diese Rechnung auf – manch ein Hedge-Fund ist unter grossem Getöse pleitegegangen. Jüngstes Beispiel: der Hedge-Fund Dillon Read Management der UBS. 150 Millionen Dollar hatte der in den ersten drei Monaten dieses Jahres in den Sand gesetzt.

Eine glücklichere Hand hatte Rainer-Marc Frey. Seine erste Million und noch ein paar dazu machte er in den 1990er Jahren als Gründer und Chef der RMF, eines Unternehmens für alternative Anlagen. Gar Hunderte von Millionen strich er als Hauptaktionär ein, als die britische Man Group die RMF für 1,3 Milliarden Franken kaufte. Im Alter von bloss 39 Jahren hätte er sich aufs Altenteil zurückziehen können. Aber er blieb im Geschäft.

Um sein Vermögen zu verwalten und seine Philosophie des Vermögensmanagements weiterzuverfolgen, gründete er mit andern Finanzspezialisten die Firma Horizon 21, die heute 120 Mitarbeiter beschäftigt und 8 Milliarden Dollar verwaltet. Zu den Anlegern gehören nebst den Gründern vor allem institutionelle Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Aber auch Private mit einem Mindestvermögen von 1 Million Franken können als sogenannte Co-Investoren ihr Geld anlegen und so von einem institutionellen Anlageansatz profitieren.

Einzelanlagen findet man in den von Horizon 21 angebotenen Portfolios für private Anleger keine. Die Anlagen werden ausschliesslich über ausgewählte Fonds getätigt und sind möglichst breit diversifiziert – in Aktien und Obligationen, in Rohstoffen, Immobilien und Private Equity. Dazu kommen 20 bis 35 Prozent eigene Fonds, die verschiedene Hedge-Funds zusammenfassen. Mit einer Kombination von traditionellen und alternativen Anlagen, so verspricht das Institut, soll das Risiko gemindert und auch in schwächeren Aktienmarktphasen eine attraktive Rendite erwirtschaftet werden.

Wem eine solche Anlagestrategie zu komplex ist, der kann sein Vermögen natürlich auch anders diversifizieren. Mit Kunst zum Beispiel (es muss ja nicht gerade ein Cézanne sein), mit einem Oldtimer, mit einigen Kisten Wein eines exzellenten Winzers, den der Kritiker Robert Parker noch nicht in den Himmel gehoben hat. Zwar ist auch bei solchen Anlagen das Risiko von Verlusten nicht zu unterschätzen. Aber man ist bei solchen Investments immerhin nicht täglich damit konfrontiert, wenn man den Börsenteil der Zeitung aufschlägt. Und wenn sich das Liebhaberobjekt als Ladenhüter entpuppen sollte, kann man sich immer noch einreden, dass es gewisse Dinge gibt, deren Wert sich nicht nur in Franken und Rappen beziffern lässt. Ein guter Bordeaux schmeckt auch in schlechten Zeiten.

So schlimm, wie es Marc Faber, der stets pessimistische und gegen den Trend schwimmende Börsenguru, prognostiziert, wird es schon nicht kommen – hoffen wir wenigstens. «Dr. Doom» ortet aufgrund der expansiven Geldpolitik der Notenbanken in jedem Sektor der Weltwirtschaft besorgniserregende Spekulationsblasen – eine durch Kredit getriebene Vermögensinflation, die unweigerlich zu einem gewaltigen Crash führen und das ganze kapitalistische System radikal verändern werde.

Die Frage sei deshalb nicht, wie man seine erste Million vermehre, sondern wie man sie nicht verliere. Fabers Tip: «Kaufen Sie einen Landwirtschaftsbetrieb in der Ukraine, in Brasilien, Argentinien oder Uruguay. Und lernen Sie Traktorfahren.»

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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