IN ITALIEN gibt es ebenso viele Wörter für Korruption wie für die Unterwelt, die in Sizilien Mafia heisst, in der Campagna Camorra, in Kalabrien 'Ndrangheta und in Apulien Sacra Corona Unita. Sizilianer nennen das Schmiergeld pizzo - Spitze -, ein altes sizilianisches Wort für den ins Wasser tauchenden Schnabel eines Vogels; im Italienischen bedeutet pizzo das, was jeden Geschäftsabschluss ziert, ob knapp oder üppig, hängt von den Umständen ab, vom Risiko, das ein Zahlungsunwilliger einzugehen bereit ist, vom Geld, das es zu holen gibt. Die Römer sagen dafür mazzetta, was für ein kleines Häufchen Münzen steht. Die Mailänder aber, die immer noch glauben, sie befänden sich geographisch und moralisch nördlich vom übrigen Italien - obwohl es genügend Gegenbeweise gibt -, hatten kein eigenes Wort für ihre Version des nationalen Zeitvertreibs. Sie entlehnten tangenti aus der Geometrie und waren sogar ein bisschen stolz auf den Begriff, weil tangenti nur für hohe Bestechungsgelder gebraucht wird und an mächtige Leute denken lässt, die sich auf der obersten, vornehmen Ebene der Korruption bewegen; es ist das einer Finanzmetropole angemessene Wort.
Die Mailänder waren dann doch ungehalten, als die Zeitungen begannen, Mailand als Tangentopoli zu bezeichnen, aber ungleich ungehaltener waren sie, als die Zeitungen Mailand «italienisch» nannten. In einem Land, in dem sich mit Euphemismen wie pizzo und mazzetta und sogar tangenti das Gewissen beruhigen und das Desaster in Unterhaltung verwandeln lässt - was niemandem zum Vorteil gereicht ausser den Dieben -, entgeht keinem die sarkastische Bedeutung des Wortes «italienisch». Es ist heute in Italien ein schreckliches Wort; es ist schrecklich, seinen Nachbarn so zu nennen. Es steht für alles Finstere und Kriminelle und Gewalttätige des Landes, und Italiener, die sich gegenseitig damit bezeichnen, gebrauchen es kaum je für sich selbst.
Wenn Italiener heute andere «Italiener» schimpfen, machen sie damit sich selbst zu den wahren Erben der Tüchtigkeit des antiken Rom und der Kultiviertheit der Renaissance, während alle anderen eine Art Stigma tragen: man nennt es wahlweise den «italienischen» oder «lateinischen» oder «mediterranen» oder, besonders abschätzig, «arabischen» Charakter. Einst hat «italienisch» Süditalien bedeutet, dann Rom und die römische Politik, und jetzt umschreibt es das ganze verkommene System des clientelismo - einer Gesellschaft, die wie ein Syndikat von Schutzgelderpressern funktioniert. Dieses System verbindet die Korruption norditalienischer Städte wie Mailand mit der Gewalttätigkeit in Sizilien, das die Norditaliener lieber gar nicht zu Italien zählen. In Sizilien hat die Mafia in den letzten zehn Jahren zahlreiche Staatsanwälte und Richter ermordet, und Leute, die ihr Schweigen brechen, fühlen sich dort durch Vergeltungsmassnahmen tödlich bedroht. Ein Mädchen, das Vater und Bruder durch die Mafia verloren hatte, sprang letzten Sommer aus dem Fenster, nachdem der Staatsanwalt ermordet worden war, vor dem sie ausgesagt hatte. Sie sagte, nun sei keiner mehr übrig, der sie beschützen könne. -Metternich hat geschrieben, Italien sei kein Land, sondern ein «geographischer Begriff», und in der Tat war Italien zu Metternichs Zeiten zersplittert und stand weitgehend unter fremder Herrschaft. Seit dem Ende des römischen Reichs war das so gewesen, und es änderte sich erst, als 1860 Garibaldi mit seinem Freiwilligenheer nordwärts marschierte und unter Führung Cavours ein geeintes Italien schuf. Heute spielt es keine Rolle, ob man jenen «geographischen Begriff» Klientelismus oder Protektionismus oder organisiertes Gangstertum nennt und ob man die Schuld daran der italienischen Familie oder der Kirche, dem politischen Günstlingssystem oder der Mafia gibt. Das «Italienische» hat den Süden erdrosselt und Rom korrumpiert - was den Norden so lange unberührt liess, bis er sich eingestehen musste, dass er auch «italienisch» war.
Der Semiotiker Paolo Febbri sagt, Mailand unterscheide sich insofern von anderen italienischen Städten, als diese eine mehr oder weniger zutreffende Vorstellung von sich hätten, während Mailands Bild von sich selbst «performativ» sei. Ich glaube, er meint damit, dass die Mailänder entscheiden, wie sie sein möchten, und dann sagen: «So sind wir» und dann darangehen müssen, auch so zu werden.
Es gibt Mailänder, die es heute vorziehen, sich statt als Italiener als «Österreicher in Italien» oder «Schweizer in Italien» zu bezeichnen (weil sie Gross- oder Urgrosseltern hatten, die die Alpen mit den Habsburgern oder mit ihren Kühen überquerten) oder gar, im Geiste der europäischen Einheit, als «Europäer in Italien». Sie sagen, wenn Italien sich nicht Europa und den europäischen Wertvorstellungen anpassen könne, werde der Norden sich von Italien lossagen und als neuer Staat Europa anschliessen. Mit «Norden» meinen sie nicht nur die Lombardei, sondern auch Piemont, Venetien, die Emilia Romagna, die Toskana und sogar Umbrien - alles, was noch verhältnismässig friedlich, angenehm und prosperierend ist.
Diese Mailänder reden davon, dass man der «Italianisierung» Italiens Einhalt gebieten müsse. Sie sagen, dass sie als Mailänder zwar von Geburt katholisch, aber «Calvinisten im Geiste» seien, und sie reden oft davon, dass sie ihre «protestantische Ethik» in geschäftlichen Angelegenheiten bewahren wollen. Sie halten Rom für eine päpstlich abgesegnete Zweckheirat zwischen Mafiosi, die den Politikern die Wählerstimmen besorgen, und Politikern, die die öffentlichen Aufträge vergeben. Diese Mailänder machen Politik mit dem Überdruss an der Politik. Sie haben es satt, ihr Geld verschwinden zu sehen. In ihren Lieblingsgeschichten kommen Spitäler vor, die nie gebaut, Strassen, die nie gepflastert wurden, öffentliche Bauten, die schon auf dem Reissbrett verschwinden, zusammen mit dem Budget.
Die Korruption durchdringt das Alltagsleben, und sie beginnt mit kleinen Dingen. Der Empfangschef in meinem Hotel wollte für seine «Aufmerksamkeit» 35 Dollar zusätzlich pro Tag. («Das ist nicht sehr viel», sagte er, als ich ablehnte.) Der Hauswart einer Freundin verlangte 250 Dollar, um den Spengler hereinzulassen, der etwas in ihrem Badezimmer reparieren sollte. Von einem Freund, der umzog, forderte ein Verkehrspolizist 3000 Dollar, damit der Möbelwagen vor der neuen Wohnung parkieren durfte. Als er später die Wohnung kaufte, wollte er im Rathaus die Genehmigung für einen Umbau einholen, aber eine mütterliche Frau am Schalter riet ihm, den Umbau illegal ausführen zu lassen; die Schmiergelder, die er den verschiedenen Beamten, Inspektoren und offiziellen urbanisti zahlen müsste, würden die Kosten des Umbaus überschreiten.
Die lombardische Lega ist heute die stärkste Partei in Mailand. Ihr charismatischer Führer ist ein Mann mittleren Alters namens Umberto Bossi, der die erste Hälfte seines Leben damit verbrachte, nach etwas Ausschau zu halten, das ihn nicht allzu sehr anstrengen würde, und mit 45 Jahren entdeckte, dass er als träger Mensch ein politisches Naturtalent war. Er hatte es zuvor mit ein paar anderen Dingen versucht - mit der Kommunistischen Partei, mit Poolbillard, dann mit Radioreparaturen per Fernkurs - und hatte schliesslich an der medizinischen Fakultät in Pavia länger verweilt, als manche italienischen Ärzte praktizieren. Leute, die Umberto Bossi treffen, halten ihn für einen Süditaliener - bis sie seinen starken Mailänder Akzent hören. Er entspricht dem Klischee vom Süditaliener - fettiges Haar, schmutziger Regenmantel, alte Krawatte mit Spritzern von Tomatensauce -, und er kann betont lässig sein, in der Art eines Don, der Müssiggang zur Schau stellt. Aber Bossi ist durch und durch norditalienisch, profondo nord, und sein besonderer Dreh - sein Genius, wie seine Bewunderer sagen - besteht darin, die anderen Norditaliener davon zu überzeugen, dass sie «Italien» aus Norditalien «herauswählen» können.
Vor ein paar Jahren gründete Bossi die Lega, sammelte Unterschriften für eine Lega-Liste und gewann selbst einen Sitz im italienischen Senat. Er war nicht beliebt bei den anderen Senatoren. Susanna Agnelli, die Schwester des Fiat-Chefs Gianni Agnelli und eine wichtige republikanische Politikerin, pflegte er als «Hausfrau Agnelli» anzusprechen, und die anderen Senatoren hielten ihn für ein bisschen verrückt - für jemanden vom Schlage Francesco Cossigas, der Achille Occhetto, den Generalsekretär der früheren Kommunistischen Partei, einmal als «Zombie mit Schnauz» bezeichnete -, denn in Rom nennt man den Feind oft eher Eccellenza oder Il Magnifico. Keiner dachte, dass die Lega lombarda, mit einem Senator und einem Abgeordneten im Parlament, es weiter bringen würde als irgendeine andere der vierzehn oder fünfzehn anderen kleinen Parteien, die das Leben im italienischen Parlament so kompliziert machen.
Bossi ignorierte Rom und machte Wahlkampf. Seine Slogans waren einfach - «Rom: Dieb!» und «Süden: raus!» -, aber er verlieh ihnen ein Stück Glaubwürdigkeit, indem er sich einen älteren Professor anhängte, Gianfranco Miglio, einen Spezialisten für italienisches Verfassungsrecht, der den zentralisierten Staat in Frage stellt und für einen ausgeprägten Föderalismus eintritt. Die Botschaft fand Anklang bei einer merkwürdigen Mischung von Leuten - bei Ladenbesitzern, die mit der Inflation, bei kleinen Geschäftsleuten, die mit der Korruption nicht Schritt halten konnten; bei Lehrern, die bessere Schulen, bei Arbeitern, die bessere Jobs wollten, und bei Beamten, die nichts von ihren Steuern hatten, die ihnen direkt vom Lohn abgezogen werden, und die es wurmte, den Tangenti-Wohlstand ringsum zu sehen. Bossi erzählte diesen Leuten, dass das Geld, das ihnen zustehe, der sozialistischen Behörde zu Kaschmiranzügen und Grundstücken verhelfe und dass die Steuern, die ihnen hätten zugute kommen sollen, in Rom vergeudet - oder schlimmer: in den Mezzogiorno oder nach Sizilien geschickt würden, wo sie in den Kassen der Mafia verschwänden.
Bossi hatte recht mit dem Mezzogiorno, wo Scheinfirmen staatlich abgesicherte Geschäfte mit anderen Scheinfirmen treiben, mit Bauunternehmen, die der Mafia gehören, und wo alle die Subventionen unter sich aufteilen. Und er hatte recht mit Sizilien, wo Fiat als einziges Unternehmen aus dem Norden in den letzten zehn Jahren tatsächlich etwas gebaut hat: eine Fabrik in Termini Imerese, die bald so unrentabel und unproduktiv war (im Durchschnitt erschien ein Arbeiter gerade an jedem dritten Tag zur Arbeit), dass die meisten Leute annahmen, das Ganze sei ein Schwindel oder eine Geldwaschanlage der Mafia oder beides.
Bossis erste Kampagne galt vor allem den Immigranten: Nicht den Einwanderern aus dem Süden (die man in Mailand grundsätzlich Immigranten nennt), sondern den wirklichen Einwanderern - Afrikanern, die in den Norden kommen, nachdem sie in der Campagna in Kleinbetrieben der Camorra ausgebeutet wurden: falsche Gucci-Taschen, Rolex-Uhren und Hermes-Tücher herstellten, mit denen andere Afrikaner bei den Touristen hausierten. Diese Kampagne war populistisch, und in ihrer Stossrichtung unterschied sie sich nicht wesentlich von vielen anderen rechtsgerichteten populistischen Bewegungen in Europa. Sie bediente sich der Frustrationen der Durchschnittsbürger, die keinen Grund zur Nachsicht mit den Christdemokraten oder den Sozialisten hatten, nun da die «kommunistische Gefahr» nicht länger existierte, mit der die Politiker sie immer erpresst hatten; sie bediente sich sogar der Frustrationen der Kommunisten, die ihre alten Anliegen verspottet und ihre alten Helden in Misskredit gebracht sahen. Bossis Masche war die Behauptung, ehrliche Amateure könnten den Norden mindestens so gut regieren wie unehrliche Politiker; und in dem Masse, wie er recht hatte, glaubten die Leute, er selber wäre genau der ehrliche Amateur, den es braucht.
Die Lega hat kein politisches Programm für Norditalien. Carlo Radice-Fossati, der sich selbst als «widerstrebenden Christdemokraten» bezeichnet, sagte einmal, die Lega habe keine Existenzberechtigung ausser als «Thermometer für die Unkorrektheiten aller anderen Parteien» (und er sollte es wissen, hat er doch unlängst gestanden, dass er selbst den Christdemokraten hohe Bestechungsgelder zahlen musste, als er Leiter des Stadtplanungsamtes war). Zuerst ging es der Lega vor allem um die Abspaltung der Lombardei vom übrigen Italien, dann - als Leute von Mailand bis Rom sich der Lega anschliessen und auch von Italien lossagen wollten - vor allem um Föderalismus, das heisst darum, dass die nördlichen Regionen ihre eigenen Steuern erheben und darüber verfügen und entscheiden sollten, was sie dem Schatzamt in Rom abliefern wollen.
Die Vorstellung war so verführerisch, dass die Lega bei den Parlamentswahlen im Frühling 1992 - mit einer Reihe von angegliederten Provinzparteien und einer Kandidatenliste, die sich Lega Nord nannte - landesweit fast zehn Prozent der Stimmen erhielt, zehn Senatoren und zweiundsiebzig Abgeordnete ins Feindesland des römischen Parlaments schickte. In Brescia und Mailand lag ihr Anteil viel höher, Umfragen gemäss ist er in Mailand bei dreissig oder gar vierzig Prozent, und es gibt Leute, die glauben, sie würden morgen mit Umberto Bossi als Regierungschef aufwachen, wenn die Regierung heute zurücktreten müsste und es Lokalwahlen gäbe. Vielleicht haben sie recht. Die Lega ist bereits die viertstärkste Partei des Landes, und sie schnitt in den Lokalwahlen im vergangenen Dezember so gut ab, dass sie beim nächstenmal leicht zur zweitstärksten Partei Italiens werden könnte. Die Mehrheit der Stimmen erzielte die Lega in Mantua und Monza - und in Varese, wo sie mit dem 33jährigen Raimondo Fassa den Bürgermeister stellen und in einer Koalition mit den Republikanern und den Exkommunisten des PDS regieren wird.
Einige meiner Mailänder Freunde sind überzeugt, dass - unabhängig von der Politik in Rom - sich jederzeit auflösen könnte, was von ihrer Regierung noch übrig ist; und dass es den Regierungen in anderen Städten gleich ergehen könnte, in denen die grossangelegte Operazione mani pulite, Operation saubere Hände, zu Ermittlungen wegen politischer Korruption geführt hat. Sie glauben, dass in diesem Fall die Koalition in Rom wohl endgültig auseinanderbräche und Italien entweder in einen Flickenteppich von Bundesstaaten oder in zwei Teile zerfiele; dass in ein paar Jahren - rechtzeitig für «Europa» - ein neues Land sich Europa anschliessen und Rom und Süditalien hinter sich zurücklassen könnte, als Billiglohnland.
In Norditalien und vor allem in Mailand herrschte eine Art Amateurkult. Das hatte damit zu tun, dass die Mailänder das, was sie ihr moralisches Klima nennen, abgrenzen vom Klima anderer Städte wie Rom, wo es «nichts als Politik» gibt, und von anderen nördlichen Städten wie Turin, deren Politiker «in Rom für die Agnellis und Olivettis die Geschäfte führen». Die Industriellen aus Mailand haben die Politik stets vernachlässigt. Sie nahmen an, wenn sie ihre eigene Politik diskret betrieben, würden die Politiker sie in Ruhe lassen. Guido Rossi, der berühmte Mailänder Anwalt, glaubt, dass diese Industriellen die einzigen sind, die Italien hätten verändern oder wenigstens zusammenhalten können; doch solange sie immer reicher wurden, kümmerten sie sich nicht um Politik und Korruption. Jetzt kümmern sie sich.
Die erste Regel des Geschäftslebens in Italien heisst laut Rossi: «Wenn das System aufhört, die Reichen reicher zu machen, dann sagen die Reichen: hört mit dem System auf.»
Italien hat seine Version der Reagan-Jahre in opernhaften Dimensionen hervorgebracht. Das Geschäft blühte in den Städten des Nordens, wo keiner, der auch nur über ein bisschen Einfallsreichtum verfügte, Steuern zahlte - die Polizei sagt, dass siebzig Prozent aller italienischen Geschäftsleute ihr Geld auf Konten schaffen, die dem staatlichen Zugriff entzogen sind. Und es gibt Leute, die der Meinung sind, jene Städte hätten floriert, gerade weil niemand seine Steuern zahlte. Nun stagniert die Wirtschaft, und Industrielle im Norden reden davon, dass sie ihre Geschäfte in die Tschechoslowakische Republik oder nach Polen verlegen wollen, wo die Arbeitskosten zehnmal niedriger sind als in Italien, und Alberto Falck, der die Stahlwerke in Mailand besitzt, spricht davon, dass er in China zu produzieren gedenke. Dies schürt natürlich den Unmut im Norden, der sich zunehmend als das einzige «europäische» Italien fühlt, und erklärt die Überzeugung vieler Norditaliener - auch solcher, die sagen, sie würden nie für die Lega lombarda stimmen -, dass ihre wirkliche Grenze sie nicht von Frankreich oder der Schweiz trennt, sondern entlang einer imaginären Linie nördlich von Rom verläuft. Diese Norditaliener glauben, dass sie in Europa nur überleben können, wenn sie unabhängig werden, fiskalisch, ökonomisch und politisch selbstverantwortlich. Sie reden in letzter Zeit über Europa, wie es die Bewohner der pazifischen Inseln über die Frachtschiffe taten, die aus einem imaginären «Westen» zu ihnen kamen und Güter brachten, die sie vor sich selbst retteten. «Europa» ist ihr Zauberwort, ihr Mythos, fast ihre Theologie. Europa wird die Norditaliener vor den tangenti retten und vor Bettino Craxi - gegen den inzwischen 41 Anklagepunkte vorliegen. Wenn sie von Craxi reden, sagen sie nicht mehr «Craxi aus Mailand», sondern «Craxi, dessen Vater Sizilianer war».
Es gibt in Mailand eine Tageszeitung, den «Indipendente», die die Sache der Separatisten im Norden vertritt. Vittorio Feltri, der die Zeitung leitet, sagt einem, dass Italien von jeher nur «dem Namen nach» ein Land sei, dass «der Süden Dritte Welt und der Norden Bayern» sei, dass neunzig Prozent der Industrie dem Norden gehöre und fünfundneunzig Prozent der staatlichen Angestellten aus dem Süden stammten. Oder er sagt, um die Gefühle der Mailänder zu verstehen, müsse man sich vorstellen, die Vereinigten Staaten würden von Mexiko regiert. Oder dass man nicht vergessen dürfe, dass Mailand in Kilometern gemessen näher bei Kopenhagen liege als bei Palermo. (Mit Kopenhagen hat er nicht recht.) In einer Beziehung hat er recht: es gibt Norditaliener, die sich insgeheim wünschen, nicht Italiener zu sein. Die Leute der Lega reden dauernd vom Selbstbestimmungsrecht der Ukrainer, der Tschechen und Slowaken, sogar der Serben, Bosnier und Kroaten. Sie haben den Hang, die Meldungen, dass sich die Leute in Jugoslawien gegenseitig umbringen, zu ignorieren; und erst recht ihre eigene Geschichte, die besagt, dass Europa durch den Nationalismus zweimal in diesem Jahrhundert in Trümmer gelegt wurde. Die Vorstellung, dass Sizilianer an den Autobahnausfahrten nach Mailand «Pässe» vorweisen müssten, ist beschämend.
Die Leute der Lega behaupten, dass in einem föderalistischen Italien der Süden keine andere Wahl hätte, als sich zu reformieren, die Mafia zu zerstören und «die Demokratie anzunehmen». Sie wollen ihre eigenen Mindestlöhne festlegen, ihre eigenen Sicherheiten im Gesundheits- und Sozialwesen, ihre eigenen Massstäbe im Bildungswesen. Sie wollen «nördliche Standards» für sich selbst und «südliche Standards» für alle anderen, was bedeutet, dass sie in Kauf nähmen, alle anderen ärmer werden zu lassen. Es gibt Gründe, warum die Lega in Mailand so viele Stimmen erhielt - einschliesslich vieler Stimmen, die sonst an die Kommunisten gegangen wären. So sieht ein Facharbeiter in Mailand nicht leicht ein, warum einem sizilianischen Hilfsarbeiter, der bei seiner Mutter lebt und einmal pro Woche am Arbeitsplatz auftaucht, derselbe Mindestlohn garantiert wird wie ihm selbst, der hart arbeitet, der eine im Norden übliche Miete zahlt, der sein Gemüse in einem der Supermärkte Berlusconis einkauft und keine Gangster in der Familie hat, die die Fabrik niederbrennen, wenn der Chef ihn auffordert, pünktlich zu erscheinen.
Die Idee eines Staatenbunds Italien ist natürlich nicht abwegig. Enttäuschender als die jetzige Republik wäre dieser wohl kaum, und eine rechte Zahl von intelligenten, aber strapazierten Italienern wäre bereit, es damit zu versuchen. Die Lega ist etwas anderes. Leute, die für sie stimmen, bezeichnen sich oft als Protestwähler. Sie sagen, dies habe damit zu tun, dass sie unterstützen, was sie lista degli onesti nennen - das heisst ehrliche, wenn auch politisch unkundige Kandidaten -, und dass ihr Protest ökonomischer, nicht nationalistischer Natur sei. (Alberto Falck pflegt diese Leute daran zu erinnern, dass «Italien der Ort war, wo Mussolini als armer Mann angefangen hat, mit einem Protest, der ökonomischer Natur war».) Die Anhänger der Lega bezeichnen ihre Politik als eine Art Revolution, und der liberale Journalist Gad Lerner aus Mailand sagt, dass sie damit eine «irrationale, fast physische Angst» hervorrufen, weil ihre Sprache, wenn sie über Rasse und Boden reden, sich kaum von jener des Faschismus unterscheidet.
Vor zwei Jahren brach ein Politiker namens Leoluca Orlando, der aus der sizilianisch-christdemokratischen Parteimaschine kam und Bürgermeister von Palermo war, mit den Christdemokraten und schuf seine eigene Version einer lista degli onesti. Er wollte die Verbindungen zwischen der Mafia und der Partei offenlegen und zerstören. Orlandos Bewegung heisst La Rete, das Netz, und sie schnitt im vergangenen Frühling in Palermo doppelt so gut ab wie die Lega lombarda in Mailand. La Rete war im ganzen Land erfolgreich und schickte sogar einen Mailänder ins Parlament: Nando dalla Chiesa, den Sohn des berühmten Carabinieri-Generals, der 1982 von der Mafia ermordet wurde. Im Dezember 1992 gewann Orlandos Partei in den Lokalwahlen einen Stimmenanteil, der landesweit fünf Prozent der Stimmen entsprechen würde.
Der Stil der beiden Politiker ist natürlich unterschiedlich: Leoluca Orlando ist ein geschniegelter Palermitaner, der morgens mit zwei Funktelefonen und umgeben von Leibwächtern ins Café geht, während Nando dalla Chiesa - den sich viele Mailänder als Bürgermeister wünschen - ein ernsthafter und zurückhaltend wirkender Akademiker ist und kaum je so etwas wie einen Auftritt hat. Aber die Triebkraft ist dieselbe. Sie ist katholisch geprägt, radikal, gefühlsmässig fast terzo mondo und entstammt einem anderen, tieferen Schmerz als alles, was die Lega je angetrieben hat. Mailänder nennen La Rete gelegentlich die «italienische Alternative». Es sind jene, die wollen, dass Italien weiterbesteht.
Die Angst vor einer Spaltung ist heute sehr real. Vor zwei Jahren wäre sie noch unvorstellbar gewesen. Europa war auf dem Weg der Einigung, nicht der Trennung. Die Berliner Mauer fiel, und mit ihr fielen all die alten, selbstgefälligen Vorstellungen aus dem kalten Krieg darüber, was «Europa» und was genau ein «Europäer» ist. Heute scheint Europa um so klarer auseinanderzufallen, je mehr es sich vereint. Italien ist das erste Land des - wie wir ihn nennen möchten - Westens, in dem die Politik des Bruchs alltäglich, sogar respektabel geworden ist. Ob man diese Politik nun als Seuche bezeichnet, wie die Leute von La Rete, oder als Fortschritt, wie die Leute der Lega: diese Politik greift um sich, und es ist nicht gewiss, dass «Italien» sie übersteht.
Jane Kramer schreibt seit 1964 Reportagen aus Europa für den «New Yorker». Sie lebt in Paris und New York.