NZZ Folio 04/95 - Thema: Das Wetter   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wie hält es der Duden mit der NegerIn?

Von Johannes Müller

Prof. Dr. Günther Drosdowski, 1926 in Osterode (D) geboren, ist seit 1973 Leiter der Duden-Redaktion in Mannheim. Er studierte in Rostock und Berlin Germanistik, Anglistik, Nordistik, Indogermanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft. Bis zum Bau der Mauer im August 1961 war er Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Berlin, dann trat er in die Duden-Redaktion ein. Seine Forschungs- und Arbeitsgebiete sind die Orthographie, Lexikographie und Grammatik der deutschen Sprache; er ist Autor sprachwissenschaftlicher Abhandlungen und Bearbeiter und Herausgeber von Grammatiken und Wörterbüchern des Duden-Verlages, darunter des «Grossen Wörterbuches der deutschen Sprache», dessen Neuauflage dieses Jahr mit der Publikation des achten Bandes abgeschlossen wird, ferner des «Grossen Fremdwörterbuches» und des Bandes «Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten». Drosdowski ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des Wissenschaftlichen Rates des Instituts für deutsche Sprache.

Das Interview mit Günther Drosdowski führte Johannes Müller.

Im Vorwort zu seinem grossen Wörterbuch sagt Jakob Grimm: «Ich werde von der Masse aus allen Ecken und Enden auf mich andringenden Wörtern gleichsam eingeschneit.» Geht es Ihnen ähnlich, Herr Drosdowski?

Ja, das ist ein Gefühl, das jeden Lexikographen überkommt. Dass er sich in ein Meer von Wörtern gestossen sieht, das auf ihn bedrohlich wirkt, weil es unendlich ist; denn der Wortschatz hat ja keine festen Grenzen. Unser grosses Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden enthält zwar über 200 000 Begriffe, und das ist immer noch nur eine Auswahl. Allein der Wortschatz der Medizin und der verwandten Gebiete geht schon gegen 300 000. Die Aufgabe des Lexikographen ist es also, jene Dinge auszuwählen, von denen er annimmt, dass sie für die Allgemeinheit von Bedeutung sein könnten.

«Deregulierung» ist zum Schlagwort geworden, obwohl es der Duden noch gar nicht aufführt. Findet auch in der Sprache eine Deregulierung statt?

Das einzige, was in der Sprache konstant ist, ist der Wandel. Damit müssen wir leben, aber das ist ja gerade das Wunderschöne an der Sprache, dass sie allen Anforderungen, welche Wissenschaft, Technik, Kultur und Politik an sie stellen, einfach folgt. Es müssen ständig neue Wörter geprägt, aus bereits vorhandenen neue gebildet oder solche aus anderen Sprachen entlehnt werden. So werden sicherlich auch «deregulieren» und das Substantiv «Deregulierung» in den nächsten Duden aufgenommen.

Sind heute die sprachlichen Regeln weniger starr als früher? Kann man sagen, dass der Duden heute eher beschreibt, wie die Sprache ist, statt vorzuschreiben, wie sie zu sein hat?

Früher war das schon viel strenger, und vor allem waren die Normen stärker norddeutsch geprägt. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren es primär qualitative, aristokratische Normen, die sich an der klassischen Literatur von Lessing bis Fontane orientierten, während wir heute eher quantitative oder statistische Normen haben und versuchen, den allgemeinen Sprachgebrauch zu beschreiben. Die einen finden den Duden viel zu konservativ, mit seinen starren Regeln zementiere er den lebendigen Fluss der deutschen Sprache. Die anderen klagen, der Duden sage gar nicht mehr, was richtig und was falsch sei. Diese Kritik kommt daher, dass viele nicht sehen, was sich alles in Klammern hinter einem Wort verbirgt. Steht zum Beispiel «bumsen» für «koitieren», dann steht dahinter auch «derb» oder «vulgär». Dies soll dem Benutzer zeigen, dass das hochsprachlich nicht korrekt ist. Der Duden will schon etwas für die Sprachpflege tun, aber nicht nur mit strengen Geboten.

Gibt es Wörter, die für Sie jenseits der Schamgrenze liegen, die nicht aufgeführt werden?

Nein, das nicht. Aber man kann nicht erwarten, dass der Duden alles aufnimmt, was sich in der Gossensprache tummelt. Dafür gibt es ja Spezialwörterbücher, etwa jenes von Ernest Borneman. Aber dort wird dann alles, was eine gewisse Länge hat, als Wort für Penis aufgeführt, von Rute über Stab bis Schwert usw., und diese Dinge machen wir natürlich nicht mit. Doch Vulgärausdrücke, die auch in der Literatur eine Rolle spielen, sind selbstverständlich drin.

Wie kommen Sie überhaupt an all die Wörter und Belege heran?

Wir haben für die Dokumentation der deutschen Sprache eine Kartei mit über drei Millionen Belegen aufgebaut. Wir haben etwa acht bis zwölf Sammler oder Exzerptoren, die freiberuflich beschäftigt sind und nach den Anweisungen der Dudenredaktion arbeiten. Wir fangen an bei Beipackzetteln für Arzneimittel, wir sehen Gebrauchsanweisungen durch, Versandhauskataloge, Zeitungen, Magazine bis hin zur Literatur. Wir verzichten lediglich darauf, Lyrik zu exzerpieren, weil sie in Wortbildung und Wortstellung eigenen Gesetzen gehorcht. Das Gros unserer Belege ist geschriebene Sprache, doch es ist auch ein Teil Mündliches dabei: Radio-oder Fernsehsendungen, Aufzeichnungen von Gewerkschafts- oder Bundestagssitzungen, Protokolle von Gesprächen beim Sozialamt. Diese Belege sehen wir durch, und was für die Allgemeinheit von Bedeutung sein könnte, kommt in eine sogenannte Warteschlange oder -schleife, wie am Flugplatz, wo die Maschinen kreisen, bevor sie landen dürfen. So etwa in einem Abstand von einem halben Jahrzehnt sieht man sich dann diese Belege an und prüft, welche noch aktuell sind.

Diese Warteschlange soll vermeiden, dass man Eintagsfliegen aufnimmt?

Ja, genau. Wir wollen Gelegenheitsbildungen ausschliessen, auch scherzhafte Bildungen wie «Besserwessi» oder «Pubertätlichkeiten» und ähnliche individuelle Prägungen. Daneben gibt es aber Wörter, die sich halten, etwa «Zeittakt» beim Telefonieren oder «Richtgeschwindigkeit» auf der Autobahn. Für uns wird es immer erst interessant, wenn mehrere Belege vorliegen, wobei auch die Streuung der Belege entscheidend ist. Erst wenn auch aus der Schweiz, aus Österreich, aus dem süddeutschen und norddeutschen Raum Belege vorhanden sind, kann man sagen, dass ein Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Erst dann machen wir es dem Benutzer des Dudens zugänglich.

Die Umgangssprache wird ja heute zunehmend auch von den Medien beeinflusst und geprägt?

Ja, und in den Medien wird ganz fürchterlich geschlampt und oft nur noch ein makkaronisches Deutsch-Englisch gesprochen. Aber die meisten Menschen glauben, aus den Medien komme ein vorbildhaftes Deutsch, und dann wird das eben nachgeahmt.

Hat sich der Sprachwandel in unserer Zeit beschleunigt?

Es gibt heute schon beschleunigende Momente. Wenn in den Nachrichten ein neues Wort wie «Quotenregelung» oder «Alibifrau» gebraucht wird, dann ist das am nächsten Tag Allgemeingut. Anders ist es beim grammatischen Bau unserer Sprache, der weitaus widerstandsfähiger ist. Da setzen sich Moden relativ langsam durch, aber vielleicht doch auch schneller als früher. Nehmen Sie einen Fall wie die Wortstellung nach «weil»: Alle Moderatoren von Schreinemakers bis sonstwohin sagen «er konnte nicht kommen, weil er war krank» statt «weil er krank war». Doch dieser Gebrauch war schon lange in den Mundarten vorbereitet, so wie etwa «der Gerda ihr Kleid» oder «der Hund von Peter». Den Moderatoren rutschen solche Sachen ständig raus, und sie werden übernommen. Es mag schon sein, dass solches den Sprachwandel beschleunigt.

In jüngster Zeit hat auch die sogenannte political correctness die Sprache beeinflusst. Was halten Sie davon?

Political correctness ist ein ganz weites und fast hätte ich gesagt trauriges Feld. Dahinter steht eine ganz naive Anschauung von Sprache. Man glaubt, wenn man die Sprache ändert, ändere man das Bewusstsein des Menschen und damit auch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Vereinigungen von Eltern, deren Kinder Farbige sind, fordern uns auf, aus dem Duden das Wort «Neger» zu streichen, während uns Homosexuelle schreiben, es sei schlimm, dass im Duden «homosexuell» als normalsprachliches Wort aufgeführt sei, wir sollten das Kampfwort der Homosexuellen, also «schwul» als das übliche Wort eintragen.

Dabei war früher gerade «Schwuler» ein Schimpfwort.

Ja, natürlich. In früheren Auflagen des Duden steht bei «schwul», «derb, abwertend». Oder nehmen wir den Begriff Zigeuner: es gibt Zigeunermusik, es gibt Carmen als Zigeunerin, aber das Wort soll jetzt geächtet werden, es soll nur noch Sinti oder Roma heissen. Dabei wird übersehen, dass Zigeuner durchaus auch positive Begleitvorstellungen hat. Oder wenn jemand sagt «braungebrannt wie ein Neger», dann will er damit kaum jemanden verunglimpfen. Diese naive Vorstellung hatte auch die Sprachpolitik der SED in der DDR. Wenn's im Wörterbuch die «Republikflucht», den «Stasi» oder die «Fluchthilfe» nicht gibt, dann ist Ruhe und Ordnung. Das ist natürlich völlig unsinnig. Sprachlicher Wandel folgt im allgemeinen den Veränderungen in einer Gesellschaft, wenn sich das Bewusstsein der Menschen und die gesellschaftlichen Zustände ändern, dann kommt das auch sprachlich zum Ausdruck. Zu glauben, mit Verbotsschildern das Bewusstsein und damit gleich auch die Gesellschaft zu verändern, ist naiver Sprachfetischismus. Feministischer Sprachgebrauch ist wohl das Teilgebiet der political correctness, von dem der Duden am stärksten betroffen ist. In welcher Weise findet er Eingang in Ihre Wörterbücher? Früher wurden viele Dinge in Wörterbüchern gar nicht vorgebracht, obwohl die Wörter durchaus gebräuchlich waren; so etwa weibliche Personen- und Berufsbezeichnungen. Auch schlug sich in den Wörterbüchern ein typisches Rollenverhalten nieder. Alle positiven Beispiele waren immer mit Männern gebildet: «er hat Erfolg», «er macht Karriere», während es stets hiess: «sie hat Kopfschmerzen» oder «sie wäscht ab». Heute bemühen sich die Beispielsätze, solche lächerlichen Rollenzuteilungen zu beseitigen. Im Duden sind heute alle weiblichen Berufsbezeichnungen drin, von der Handelskauffrau bis zur Torfrau.

Und das grosse I für die weibliche Form, die LeserIn?

Das möchten viele im Duden auch sehen, wir gehen da aber einen vernünftigeren Weg. Wir empfehlen, dass selbst auf Antragsformularen etc. immer beides, «Antragstellerin» und «Antragsteller», steht; nicht in Klammern oder mit Schrägstrich oder gar mit diesem grossen «I». Bestimmte Dinge werden in der feministischen Sprachpolitik einfach nicht richtig gesehen. Auch hier wird leider oft dieser Sprachfetischismus wirksam, den ich vorhin erwähnt habe.

Haben Sie Lieblingswörter oder solche, die sie besonders verabscheuen?

Nein, als Lexikographen dürfen wir es uns nicht erlauben, Lieblingswörter oder Unwörter zu haben, wir gehen die Sache ohne Vorbehalte an. Sicher empfindet der eine «abarbeiten» als Ekelwort, ein anderer «Sozialneid» und ein dritter «Entsorgungspark» als fürchterlich. Doch ob Freund, ob Feind, was wir als wichtig ansehen, wird erfasst. Aber natürlich gibt es Wörter, über die man mehr lacht als über andere. Das sind meistens volkstümliche, umgangssprachliche, scherzhafte Bildungen. Etwa wenn ein Paternoster auf einer Behörde als «Beamtenbagger» bezeichnet wird, das Fahrrad als «Hämorrhoidenschaukel» oder der Sarg als «Nasenquetsche». Das sind so derbe und treffende Bildungen, an denen man seinen Spass hat, weil viel Anschauungskraft dahinter steckt und viel Witz.


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