EHER FÜNF als nur drei Sekunden blieb die Stimme am andern Ende der Telefonleitung stumm. Und dann die Frage: Why Strabane? Ja, warum Strabane? Das Interesse an dieser 12 000 Seelen zählenden Provinzstadt in der nordwestlichen Ecke Nordirlands scheint wenig verbreitet zu sein. Der Hinweis dann, dass Strabane die höchste Arbeitslosenziffer Westeuropas habe, fast ausschliesslich von Katholiken bewohnt werde und seit Beginn des Waffenstillstands als Grenzort zur Republik Irland wohl einen raschen Wandel erfahre, wirkt am andern Ende der Leitung offenbar überzeugend. Es werden Personen genannt, die zu besuchen es sich lohne in Strabane. Die Betonung des Ortsnamens, so ist zu hören, liegt auf dem zweiten a; als ä ausgesprochen, wie wenn die Berner sagen: aouää.
Strabanes Diamond - so die Bezeichnung für den Hauptplatz in allen Städten Irlands - ist, wie übrigens fast alle andern freien Flächen in der Stadt, mit Autos überstellt. Saubere Kleinwagen meist neueren Jahrgangs prägen das Strassenbild. Von Arbeitslosen, die, mit den Händen in den Hosentaschen, vor Pubs herumlungern würden, keine Spur. Haben etwa auch sie einen Kleinwagen, oder sind es, was naheliegender wäre, klimatische Gründe, die einen vom Herumlungern abhalten?
Seit der Ankunft in diesem wettermässig nicht verwöhnten Teil Europas waren die Scheibenwischer ständig in Bewegung; und sei es nur, um auf der untersten Stufe den mist, den Nieselregen, gelegentlich von der Windschutzscheibe zu beseitigen. Trocken zwar, doch nur um Nuancen wärmer ist es im einzigen am Diamond gelegenen Speiselokal, das Mandela's Restaurant heisst. Ganz der Landessitte entsprechend, äussert sich die Kellnerin über das Wetter und - man traut seinen Ohren nicht - bezeichnet diese elend graue, alles durchdringende Feuchtigkeit als quite nice, isn't it.
Zum Kilimanjaro-Burger, einem der Renner bei «Mandela's», wird nicht Sodawasser, sondern Perrier aufgetischt. Anschluss an die grosse weite Welt in Strabane? Das Lokal trage diesen Namen, sagt der Chef, weil das Mutterhaus in Derry (Londonderry sagen die Protestanten) auch so heisse. Er teilt offenbar die Affinität der nordirischen Katholiken für alle Verfolgten, Unterdrückten und Benachteiligten dieser Welt nicht. Dabei böte der örtliche Supermarkt Mandelas Autobiographie zum Ausverkaufspreis an.
Eine Unterkunft lässt sich in der Stadt nicht finden. Einzig ein Pub unmittelbar neben dem Gerichtsgebäude vermietet vier Zimmer. Doch der Anblick des vollständig vergitterten und gegen Bombenanschläge gesicherten Gerichts wirkt wenig einladend. So bleibt nur ein Hotel namens Fir Trees, umgeben von einem gigantischen Parkplatz, eine gute Meile ausserhalb des Zentrums gelegen. Dass die Herberge vor vier Jahren von der IRA in die Luft gebombt wurde und erst seit zwei Jahren wieder offensteht, soll nicht weiter beunruhigen. Nach der Kälte bei «Mandela's» lässt die Hoffnung auf ein warmes Hotelzimmer Gedanken an die finstere Vergangenheit vergessen. Doch weit gefehlt. Ein Radiator im Zimmer bedeutet noch gar nichts. Langsam wird klar, was die Leute in diesem Land meinen, wenn sie am Morgen in einer Art von freudigem Trotz konstatieren, bloody cold today, isn't it. Und man beginnt sich selber auch zu fragen: Why Strabane?
Es gebe einige Zyniker in der Stadt, so berichtet der Chef des örtlichen Verwaltungsbezirks in seinem geräumigen und gut geheizten Büro mit nicht geringer Empörung, die sich etwas darauf einbildeten, am Ort mit der höchsten Arbeitslosenziffer Westeuropas zu wohnen. Dabei unternehme er alles, um neue Investoren in die Gegend zu locken. Und jetzt, mit dem vorläufigen Ende der troubles, stünden die Chancen nicht schlecht. Sorge bereitet dem Chefbeamten die einseitige Ausrichtung der lokalen Wirtschaft.
Die zwei wichtigsten Arbeitgeber der Region sind beides Textilfabriken; eine Branche mit ungesicherter Zukunft in Europa und Arbeitsplätzen, die nicht zuletzt wegen des tiefen Lohnniveaus traditionell den Frauen überlassen werden. So auch in Strabane. Kaum ein Mann, der sich für 105 Pfund (rund 200 Franken) pro Woche anheuern liesse. Arbeitslose Familienväter beziehen deutlich mehr an staatlicher Beihilfe. Zauberwort und gleichzeitig die Lösung für alle Probleme Strabanes, so ist in der Distriktverwaltung zu erfahren, ist IT: I für Information und T für Technology. Das Tal des Foyle als künftiges Silicon Valley?
Es sei naiv zu glauben, Arbeitsplätze völlig unterschiedlicher Art liessen sich über Nacht einfach austauschen. Der so spricht, ist Inhaber einer Leinenspinnerei in Sion Mills, einem zwei Meilen ausserhalb Strabanes gelegenen, Mitte des letzten Jahrhunderts erbauten Fabrikdorf. Umgeben von den fünf Generationen zurückreichenden Portraits seiner schottischen Vorväter, beschwört der heutige Besitzer den Gründergeist des liberalen Aufbruchs. Den Versuchungen des Kasino-Kapitalismus will er weiterhin trotzen, obwohl derzeit der grösste Teil seiner rund 500 Beschäftigten wegen ungenügender Auftragslage Zwangsferien verbringt. Crux der Gewebe aus Leinen sei ihre Modeabhängigkeit, meint er, doch Sorgen um die Zukunft seines Betriebes mache er sich nicht. Die von ihm und den Vorfahren kontinuierlich getätigten Investitionen hätten die Fabrik konkurrenzfähig gehalten. Ob ihm der Waffenstillstand zugute kommt? Die «Troubles», sagt er in distinguiertem Ton, hätten weder ihm noch seiner konfessionell gemischten Arbeiterschaft jemals wirklich Probleme bereitet. Die Regierungskrisen in Italien seien für seine Geschäfte schon eher von Bedeutung.
Ein Traditionsbewusstsein ganz anderer Art herrscht in einem Zentrum der katholischen Kirche in Strabane. In den kargen Räumen eines zweistöckigen Gebäudes treffen sich jeden Nachmittag die im Unemployment Club organisierten Arbeitslosen; nicht wenige von ihnen in dritter oder bereits vierter Generation ohne bezahlte Beschäftigung. Im Untergeschoss steht ein Billardtisch, daneben ein Computer. Zwei Männer sitzen davor, rauchend in ein elektronisches Kartenspiel versunken. Er habe es aufgegeben, überhaupt noch Bewerbungen für offene Stellen einzureichen, berichtet ein Vater von vier Kindern. Einen wie ihn, der seit 14 Jahren ohne Arbeit sei, stelle ohnehin niemand ein. Nach dem Schulabschluss ging er nach London, er arbeitete dort auf dem Bau, kam dann zurück und heiratete. Seither ist er ohne bezahlte Beschäftigung. Eine feste Arbeit hatte auch sein Vater nicht. Und vom Grossvater weiss er, dass er sich jeweils bei Bauern in der Umgebung verdingte. Hiring Fair hiess diese bis zum Zweiten Weltkrieg bestehende Praxis, die es der landlosen katholischen Bevölkerung erlaubte, in einer Art zeitlich befristeter Leibeigenschaft bei protestantischen Farmern ein Auskommen zu finden. Nicht humanitäres Gedankengut, sondern die Mechanisierung der Landwirtschaft hat dieser Tradition ein Ende bereitet.
Von Optimismus ist im schwach geheizten Büroraum der Arbeitslosenvereinigung wenig zu spüren. Die anwesenden Männer sind sich darin einig, nun lange genug auf die Friedensdividende gewartet zu haben. Dank dem Schweigen der Waffen habe der Staat enorme Summen eingespart. Doch von dem Geld sei nichts zu sehen. Im Gegenteil, es bestünden Pläne, die Aufwendungen für ein staatliches Beschäftigungsprogramm zu kürzen. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen seien beschönigt, behauptet einer. Etwa ein Viertel der arbeitsfähigen Männer der Stadt seien Langzeitarbeitslose. Der einzige Weg aus der Sackgasse sei, so führt der Sprecher der Arbeitslosen aus, die Kombination von privater Initiative und staatlicher Beihilfe. Er weiss von manchen, die mit viel Mut Kleinbetriebe gründeten, um auf eigenen Beinen zu stehen. Die meisten von ihnen scheiterten aber, denn es fehlte immer am nötigen Kapital. Die Mutlosigkeit nach derartigen Abstürzen muss gross sein. War Arbeitslosigkeit der Grund für zwei unlängst verübte Selbstmorde? Drogen seien da auch im Spiel gewesen, sagt einer, doch die Hoffnungslosigkeit liege hier vielen sehr schwer auf der Seele.
Etwa drei Viertel der rund 400 Haushaltungen im Stadtteil Ballycolman leben von Arbeitslosengeld. Ballycolman ist ein estate, wie die Sozialsiedlungen hier genannt werden. Von wenigen leicht verblichenen, die IRA verherrlichenden Graffiti abgesehen, deutet in diesem vor etwa dreissig Jahren erbauten Reihenhausquartier nichts auf Kampf oder Widerstand hin. Bei erfreulicheren Wetterbedingungen könnte die in Backstein gebaute, sich sanft gegen das Ufer des River Mourne neigende Siedlung schon beinahe Charme ausstrahlen. Satellitenantennen an fast jeder Hausfassade lassen vermuten, dass hier mehr als nur die Abende vor dem «Telly» verbracht werden.
Ballycolmans Bewohner veranstalteten während Jahren Lotterien in ihrem estate und äufneten auf diese Weise die Summe von 179 000 Pfund. Mit dem Geld kauften sie ein grosses Stück unverbautes Land am Flussufer, um darauf ein Terrain für gaelic football - eine Art irisches Rugby - zu errichten. Das Terrain ist bereits planiert und begrünt. Eine Gruppe von elf Männern ist unter den Anweisungen eines hünenhaften Bauleiters in einem zweistöckigen Rohbau, der als Klubhaus gedacht ist, an der Arbeit. Eigentlich seien, so berichtet der Hüne, die hier beschäftigten Männer, wie er übrigens auch, alle ohne Job. Und das seit Jahren. Eine der in Strabane ansässigen staatlichen Ausbildungs- und Beschäftigungsagenturen hat sich des Selbsthilfeprojekts angenommen und entschädigt die Baugruppe mit einer bescheidenen Zusatzleistung zum wöchentlichen Arbeitslosengeld. Später sollen alle der elf im Projekt Beschäftigten vom Klub als Platzwart oder Trainer angestellt werden.
Rückblickend hält der Bauleiter es für einen Glücksfall, dass der Staat von diesem Vorhaben lange nichts wissen wollte und die Idee aus eigener Kraft weit gediehen ist. Das Projekt habe den Bewohnern von Ballycolman längst verlorenen Stolz zurückgegeben. Bisher sei die Baustelle von Diebstahl und Vandalismus verschont geblieben. Und auch für ihn mutet es fast wie ein Märchen an, dass der angrenzende örtliche Golfklub beim Ansäen des Rasens mit Rat und Tat beistand und im vergangenen Sommer die Fläche auch gleich mähte. Er selbst sei als Gastmitglied in den Golfklub, eine der mittelständischen Hochburgen der Gegend, aufgenommen worden. Manchmal könne er es fast nicht glauben.
Lässt Freizeitbeschäftigung die sozialen und konfessionellen Gräben am Ort überwinden? Ganz so schön ist die Geschichte doch nicht. Die von Protestanten der verstockten Sorte dominierte örtliche Distriktverwaltung hat bisher alles nur Denkbare unternommen, um den Aufschwung des als republikanisch und katholisch geltenden gaelic football zu bremsen. So wurde auch die Anfrage für eine Fussgängerbrücke über den Mourne zur besseren Erreichbarkeit des Football-Felds abgeschmettert. Die Behörden hätten Sicherheitsgründe vorgeschoben, sagt der Bauleiter.
Ein nicht ganz unverständlicher Entscheid. Eine Brücke an dieser Stelle der Stadt würde von Ballycolman direkt zu einem andern estate namens Head of the Town führen, einem Ort, den sich die Distriktverwaltung wohl ohne jegliche Verbindung zur Aussenwelt wünschte oder, lieber noch, vom Erdboden getilgt sähe. In Head of the Town sind rund 300 der total 340 Haushaltungen von Sozialhilfe abhängig. 230 Bewohner des Quartiers sassen oder sitzen heute noch wegen politisch motivierter Straftaten im Gefängnis. Trotz Waffenstillstand ist im estate nicht wirklich Ruhe eingekehrt. In dem überaus trostlosen und ungeheizten Gemeinschaftszentrum, einem lottrigen und dunklen Container, berichtet ein lokaler Aktivist, dass sein Haus seit der Waffenruhe bereits dreimal von der Polizei durchsucht worden sei.
Sorgen macht dem stämmigen Mann, der Vater zweier halbwüchsiger Kinder ist, aber vor allem die in letzter Zeit zunehmende Kriminalität. Vor kurzem erst sei das von der katholischen Kirche verwahrte, von den Gemeindemitgliedern für den Kauf von Weihnachtsgeschenken gesammelte Geld gestohlen worden. Und unter den Jungen würden neuerdings Marihuana und Ecstasy konsumiert. Drogendealer würden, so berichtet der Aktivist, nur ein einziges Mal gewarnt und im Wiederholungsfall spitalreif geprügelt. Dies sei nichts als recht, sagt der Mann, und man wünscht sich keinen Streit mit ihm.
So schlimm mit der Kriminalität im estate kann es allerdings auch wieder nicht sein. In manchen der Haustüren steckt der Schlüssel aussen im Schloss. Das sei normal hier, sagt ein älteres Ehepaar, im Wohnzimmer vor dem Kohlefeuer sitzend. Vier Mädchen und vier Buben haben die beiden in ihrem Häuschen grossgezogen. Seit 22 Jahren bereits besucht die Mutter regelmässig das Maze-Gefängnis bei Belfast, mindestens einer der Söhne war immer dort. Long Kesh nennt sie den Ort nach seinem alten Namen. Zurzeit ist ihr Zweitjüngster dort, und zwar bereits seit 12 Jahren. Sie öffnet ein sorgfältig verarbeitetes Kistchen aus edlem Holz - auf der Innenseite des Deckel steht for mum -, und eine sanfte Melodie rührt zu Tränen.
Der Sohn hat die Musikdose im Maze gefertigt. Ohne Straferlass wird er erst kurz vor seinem 50. Geburtstag in Freiheit sein. Ausser Waffenbesitz und Mitgliedschaft in der IRA habe man ihm nichts nachweisen können, sagt der Vater. Und dafür gab es 24 Jahre. Die Soldaten, die töteten, sind heute in Freiheit, empört sich die Mutter. Nein, den Frieden sehe sie gar nicht kommen. Es werde alles wieder in die Luft gehen. Obwohl auch sie wünscht, dass es mit den killings endlich ein Ende nähme.
Kohlerauch liegt schwer über dem estate, Hunde streunen durch die leeren Strassen und bellen sich zu. Platz zum Parkieren von Autos wäre hier reichlich vorhanden. Auf dem freien Feld gleich hinter den letzten Häusern des estate wurden drei Männer aus Strabane, der jüngste war erst 16jährig, von britischen Spezialtruppen erschossen. Es war eine Exekution, sagen die Anwohner noch über zehn Jahre nach dem Vorfall. Vergessen werden sie nie; an Versöhnung schon gar nicht zu denken.
Einer, der Hoffnungslosigkeit und mist hinter sich lassen wollte, sitzt am Abend allein im Pub hinter einem Guinness. Auch ihn wünscht man sich nicht zum Feind; millimeterkurze Haare, ein kantiger Kiefer und unter dem halbgeöffneten Hemd gut sichtbar ein T-Shirt in militärischen Tarnfarben. Trotz dem von der Sonne gegerbten Gesicht verrät ihn seine Sprache als einen von hier. Das widerlichste Pack auf dieser gottverdammten Welt, so erzählt er ungefragt, seien die Franzosen. Zehn Jahre habe er in der Fremdenlegion verbracht und mit jedem Tag habe er sie mehr gehasst, die Franzosen. Verfluchte Rassisten seien es. Von Djibouti berichtet er und der Hölle von Guayana. In Marseille kennt er alle Nachtklubs. Wenn er in Strabane keine Arbeit finde und überhaupt ihm all die Zivilisten hier zu sehr auf die Nerven gingen, dann kehre er eben in die Legion zurück.
Eigentlich stünden die Chancen für Arbeit nicht schlecht. Unweit des Flussufers, just da, wo das Gewässer seinen Namen von Foyle zu Mourne ändert, steht seit anderthalb Jahren ein Supermarkt. Als die Zeiten noch gut waren in Strabane, befand sich hier einer der grössten Bahnhöfe des Landes. Heute wird der Platz als Autoparkplatz genutzt. Über ein Viertel der Kundschaft, so freut sich der Geschäftsleiter, komme neuerdings aus der Republik. Das Weihnachtsgeschäft habe die kühnsten Erwartungen übertroffen. Von Krise keine Spur. Vor dem Waffenstillstand noch war der Kontakt zwischen Strabane und dem südlich des Foyle gelegenen Städtchen Lifford sehr eingeschränkt. Minuziöse Kontrollen der britischer Soldaten, die sich, wie überall entlang der inneririschen Grenze, in festungsähnlichen Wachtürmen verschanzten, liessen den Grenzverkehr auf ein Minimum schrumpfen. Heute erinnert nur noch ein verlassener Wachturm daran, dass hier einmal eine der am strengsten bewachten Grenzen Europas bestand. Sie fiel beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Im neuen Supermarkt wird das Irische Pfund zum gleichen Kurs wie die britische Währung angenommen. Nach dem Fall der militärischen Hindernisse soll dem wirtschaftlichen Aufschwung nichts im Wege stehen. Und seine Zeichen sind nicht zu übersehen. Eine amerikanische Fast-food-Kette hat sich, offenbar vom Erfolg des Supermarkts angespornt, gleich daneben ein Terrain gesichert. Sehr zur Genugtuung übrigens der Bewohner eines angrenzenden, neu erbauten Einfamilienhausquartiers, denen in Zukunft neben «Mandela's» Kilimanjaro-Burgers gebratene Hühner aus Kentucky zur Auswahl stehen. Doch zum Essen gehen ohnehin die wenigsten Einwohner Strabanes aus dem Haus. Zum Spiel hingegen schon.
Die St. Marys Hall, ein unscheinbares, graugestrichenes Gemeindehaus der katholischen Kirche, ist bis auf den letzten Platz besetzt. In schweren Wintermänteln sitzen die Leute eng gedrängt, mehrheitlich Frauen in reiferem Alter, Block und Bleistift auf den Knien und im Mundwinkel eine Zigarette. Grund für die grosse Konzentration im Saal sind die über Lautsprecher monoton vorgetragenen Bingo-Zahlen. Vor lauter Rauch ist der Speaker auf der Bühne kaum mehr sichtbar. Zu Füssen der hier Sitzenden stehen leere Konservendosen, die sich im Laufe des Abends mit Zigarettenstummeln füllen. Kein Abend in Strabane oder Lifford ohne Bingo. Die Spieler kennen sich alle.
Gespielt werde in dieser Stadt ohnehin, sagt der katholische Pfarrer, und in seinem ernsten Gesicht spielt um die Augen ein Lachen. Es sei daher naheliegend, wenn die Kirche sich hier einschalte und den Spielbetrieb in geordnete Bahnen lenke. Seit dem vorläufigen Ende der «Troubles» hätten sich die sozialen Probleme vervielfacht, sagt er, und nennt Drogenmissbrauch, Kriminalität und Vandalismus. Optimistisch ob der politischen Entwicklung seit der Waffenruhe ist er dennoch. Er hat sie gern, seine Gemeindemitglieder, und rühmt sie dafür, trotz allen Problemen die Eigeninitiative nie völlig aufgegeben zu haben.
Im Fir Trees Hotel, zu vorgerückter Stunde, bewegt sich auf einer Tanzfläche Jungvolk in Reihen, den Blick auf ein platinblondes Fräulein mit Cowboyhut, hellblauem Glitzerhemd, kurzem Rock und Westernstiefel gerichtet. Im Takt zur ohrenbetäubenden Musik gibt die Blonde durchs Mikrophon den Tanzenden Anweisungen, lässt periodisch Beine und Arme schwingen, wippt mit den Hüften und unterbricht ihre Anweisungen an die schweissgebadeten Tänzer nur, um gelegentlich ein markerschütterndes Eeeaaah! von sich zu geben, als gälte es, sämtliche Büffel West Virginias einzukreisen.
Eeeaaah! antworten die atemlos Tanzenden im Takt. Was sich hier abspielt heisst line dancing und erfreut sich, wie amerikanische Country Music generell, in diesem Teil Irlands grosser Beliebtheit. Am nächsten Tag ist in der Zeitung zu lesen, Strabanes lokale Line-Dancing-Gruppe habe kürzlich den ersten Preis eines Tanzwettbewerbs gewonnen: einen Freiflug nach Nashville mit Besuch von Elvis Presleys Grabstätte in Graceland.