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Beim Einflüsterer des Scheichs
© Aurore Belkin, Dubai
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| Bücher, ein Wandteppich mit einer Koransure und Fotos von unzähligen Politikgrössen: Zaki Nusseibeh in seiner Bibliothek. |
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Zaki Nusseibeh war Dolmetscher des Gründers der Emiratischen Föderation und erlebte, wie die Beduinen in die Moderne katapultiert wurden. Ein Hausbesuch.
Von Michael Schindhelm
Eine ungefähr sechs Meter hohe arabische Kaffeekanne markiert den Ortseingang von Al Ain, Geburtsort des legendären Gründers der Emiratischen Föderation, Scheich Zayeds, Heimatort des heutigen Herrschers von Abu Dhabi, Scheich Khalifas. Aber von der Stadt ist von hier weit und breit noch nichts zu sehen. Man hat noch eine Viertelstunde auf dem jetzt von Palmen gesäumten Highway weiterzufahren, bis man die ersten Häuser der Gartenstadt der Vereinigten Arabischen Emirate erreicht.
Zaki Nusseibeh, einst Dolmetscher von Scheich Zayed und intimer Kenner der Geschichte der Vereinigten Arabischen Emirate, hat hier eine Residenz, in die er sich an den Wochenenden von seinen Geschäften in Abu Dhabi und Dubai zurückzieht. Zaki ist heute, wie er nicht müde wird, voller Bescheidenheit zu betonen, «nur» noch Berater des Präsidenten Khalifa. Nebenbei ist er Vizepräsident der Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage und berät die Regierung für den Culture District auf Sadiyat Island, jener Insel, für die unter anderem Jean Nouvel einen Museumskomplex für den Louvre, Frank Gehry eine neue Filiale des Guggenheim-Museums und Zaha Hadid ein Theater mit 6500 Plätzen entworfen haben.
Zakis Villa, ein massiger Bau, wirkt von aussen nicht besonders spektakulär. Aber kaum hat man Staub und Hitze hinter sich gelassen und in Begleitung der indischen Bediensteten das Haus betreten, stellt sich die meditative Stimmung eines arabisches Majlis ein. Wir stehen in einer grosszügigen Empfangshalle, in der vor allem der Flügel auffällt: ein Erard, fast zweihundert Jahre alt. Der Hausherr hat das Instrument erst vor ein paar Wochen einer libanesischen Familie in Beirut abgekauft, die es aus Angst, es könnte bei Bombenangriffen zerstört werden, verkaufen wollte.
An den Wänden hängt einheimische Kunst, auf einem runden Tisch in der Mitte des Raumes steht der Abu Dhabi Award, ein goldfarbenes Metallgebilde in der Grösse einer Champagnerflasche und von der Gestalt einer Acht, bei näherem Betrachten sind es zwei menschliche Figuren, die sich schwungvoll die Hand reichen. Zaki hat diesen Preis für soziales Engagement im vergangenen Jahr vom Kronprinzen überreicht bekommen. Davor wurde der Preis bisher nur einmal vergeben.
Zaki Nusseibeh, ein freundlicher Herr Anfang sechzig mit schütterem Haar und neugierigen Augen, begrüsst den Besucher in jovialer Art, nimmt ihn gleich am Arm und führt ihn zu einer Art Kunstinstallation: einer schwarzen Säule, an der Dutzende von Schlüsseln hängen. Die Installation ist das Geschenk einer Galeristin aus Dubai, die weiss, dass Zaki aus einer der ältesten Familien Palästinas stammt. Die Nusseibehs bekamen im 7. Jahrhundert, nachdem die Muslime in Jerusalem die Macht übernommen hatten, vom herrschenden Sultan den Auftrag, die Schlüssel für das Heilige Grab aufzubewahren.
Ein paar Schritte weiter stehen auf einem Buffet Fotos mit Zakis beiden Töchtern und seinem Sohn (in der Tracht eines College Masters), von Zaki selbst mit dem Kronprinzen bei der Preisverleihung sowie eine Farbfotografie, auf der ein paar ältere bärtige Beduinen vor einem einfachen Lehmhaus unter einer Akazie sitzen und einen jungen Mann in weissem Hemd und Krawatte anschauen, der sich mit einem der Beduinen zu unterhalten scheint.
Dieses Bild stammt aus dem Jahre 1967. Der junge Mann ist der 21-jährige Nusseibeh, der hier zum ersten Mal seine später bedeutungsvolle Rolle als Dolmetscher des Scheichs übernommen hat. Nusseibeh war wenige Wochen zuvor in Abu Dhabi angekommen und von einem britischen Fernsehteam gebeten worden, ein Gespräch mit dem Herrscher Scheich Zayed zu führen. Zayed sitzt auf dem Foto zwischen seinen Leuten und stützt sich auf einen Stock. Dabei schaut er Zaki von der Seite an, als unterziehe er den jungen Mann einer Prüfung.
Nach seinem Studium in Cambridge hatte der Sechstagekrieg eine Rückkehr zu seiner Familie nach Jerusalem unmöglich gemacht. Sein Vater, damals Diplomat in jordanischen Diensten, riet ihm, nach Abu Dhabi zu gehen, wo ein Jahr zuvor Zayed zum Herrscher aufgestiegen war und angekündigt hatte, Abu Dhabi zu einem modernen Land machen zu wollen. Abu Dhabi hatte damals ein einziges Hotel mit Klimaanlage, und dort traf man am Abend die wenigen Ausländer, die in das Emirat kamen. In erster Linie waren das Manager aus der Ölindustrie und Journalisten. Nusseibeh hatte nicht vor, ein Geschäftsmann zu werden. Also liess er sich von westlichen Zeitungen als Verbindungsmann engagieren und schrieb seine ersten Artikel und Nachrichten für die «Financial Times» und die Agentur Reuters. Scheich Zayed fragte ihn nach jener ersten Begegnung, was er denn so vorhabe, und da Nusseibeh noch keine richtige Idee hatte, wurde er der Übersetzer des Herrschers. Nebenbei gab er die erste arabische und die erste englischsprachige Zeitung in Abu Dhabi heraus.
Zaki zeigt auf eine grossformatige Schwarzweissfotografie, die über dem Eingang der Bibliothek hängt. Die Luftaufnahme von einem Strand mit vielleicht achtzig Hütten und einer kleinen quadratischen Festung: So sah Abu Dhabi vor fünfzig Jahren aus. Nusseibeh erinnert sich, dass ein Fass Öl weniger als einen Dollar kostete, als die ersten Funde in der Gegend gemacht wurden. Die Beduinen wussten noch nicht viel von der Welt. Als er 1969 mit Scheich Zayed und ein paar Vertrauten und Geschäftsleuten in Málaga am Fernsehen die Mondlandung verfolgte, hielten einige der Begleiter die Fernsehbilder für Betrug, da im Koran stehe, dass die Erde von mehreren Himmelsgewölben umgeben sei. Der Mensch könne deshalb gar nicht zum Mond fliegen.
Regale aus dunklem Holz dominieren die Bibliothek. Linker Hand ein grosser Schreibtisch, dahinter an der Wand ein persischer Seidenteppich mit einer Koransure. Vor den Büchern stehen Fotografien, die Nusseibeh und Scheich Zayed mit wichtigen Politikgrössen zeigen: mit Jimmy Carter und Romano Prodi, dem japanischen Kaiser und Nelson Mandela, Condoleezza Rice, Jacques Chirac. In einer Nische stehen drei Fotos nebeneinander: links Zaki mit Benazir Bhuttos Vater Zulfikar Ali, rechts mit dessen Mörder, in der Mitte mit Benazir Bhutto selbst. Auf einem prominent placierten Tisch im Vorraum sind die wahrscheinlich für Nusseibeh wichtigsten Begegnungen aufbewahrt: zweimal mit der englischen Königin Elisabeth II., mit Diana und Charles. Schröder und Clinton stehen in der ersten Reihe, Bush in der zweiten. Das habe aber nichts mit politischen Vorlieben zu tun, sagt Nusseibeh mit einem verschmitzten Lächeln.
Hier, zwischen seinen Büchern, könne er am besten entspannen, das sei seine Oase. Er weist durchs Fenster auf eine Sandsteinplastik im Garten: Die Wälsungen Siegmund und Sieglinde geben sich gerade einer inzestuösen Umarmung hin. Die Figuren hat er in Bayreuth erworben, wo er jedes Jahr als Mitglied der Wagner-Gesellschaft zum Grünen Hügel pilgert. Bayreuth und Salzburg sind für ihn die wichtigsten Sommertermine, dann Aix und Avignon. Europa sei für ihn der Ursprung der modernen Zivilisation: die Renaissance, die Sprachen, die Musik. Wir sprechen über Richard Wagners miesen Charakter und sein Genie. Die Zeit sei reif für eine Aufführung der «Götterdämmerung» in den Emiraten, glaubt Nusseibeh. Man müsse jetzt damit anfangen, den kulturellen Reichtum Europas auch am Golf für jedermann zugänglich zu machen.
Vor gut einem Jahr hat Abu Dhabi das Kulturprojekt Sadiyat Island veröffentlicht: Verträge mit der französischen Regierung, die alle Nationalmuseen und die Sorbonne und eine Investition von mehreren Milliarden Euro einschliessen. Ausserdem werden Guggenheim und andere Marken der internationalen Kulturszene an den Golf ziehen. Die Scala, die Dresdner Staatskapelle, das Moskauer Bolschoitheater sind auch schon da gewesen. Nein, es gehe nicht um Tourismus, sondern um den Aufbau einer Kulturgesellschaft, beteuert Zaki. Die Emirate hätten innerhalb einer Generation den Sprung aus dem Mittelalter in die moderne Zivilisation des 21. Jahrhunderts geschafft. Es sei höchste Zeit, auf Tourismus, Industrie und Handel auch Kultur und Bildung folgen zu lassen, denn dies sei die zentrale Vision der neuen Generation in der Herrscherfamilie. Zaki zeigt seine Lieblingsbücher über klassische Musik, die italienische Renaissance, die französischen Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts, von Averroes, Razi, Avicenna und anderen grossen Denkern aus der Zeit, als Arabien eine der bedeutendsten Zivilisationen besass und Europa noch im Mittelalter vor sich hindämmerte.
Al Ain ist über Jahrhunderte der Mittelpunkt der Emirate gewesen. Von Dubai und Abu Dhabi gleich weit entfernt, ging es von hier aus in die östliche Arabische Halbinsel, nach Oman, zu den Saudis oder nach Bahrain und Katar. Vor vierzig Jahren gab es selbst zwischen Abu Dhabi und Dubai noch keine befestigte Strasse. Da die Grenzen nach Oman und Saudiarabien unbestimmt waren, musste man zwischen Al Ain und Abu Dhabi einen Grenzposten passieren. Scheich Zayed hat in dieser Welt der Beduinen Menschenkenntnis und Charisma erworben. Er sei der Mann gewesen, dem der höchste Schmiergeldbetrag aller Zeiten angeboten worden sei, 1956, als die Saudis im Gespann mit britischen und amerikanischen Ölfirmen das schwarze Gold in der Region zu wittern begannen: 30 Millionen Pfund. Zayed lehnte ab. Man habe damals die Stämme zu bestechen versucht, um sie Abu Dhabi abspenstig zu machen, und Zayed habe den Leuten geraten: Nehmt das Geld, aber bleibt bei mir. Sie sind geblieben.
Ende der 1960er Jahre wurde die Lage schwierig. Die britische Regierung erklärte den Abzug aus der Region. Als 1971 der Plan mit Cousin Scheich Raschid aus dem Nachbaremirat Dubai beschlossen worden war, gemeinsam mit den anderen fünf Emiraten einen eigenen Staat zu gründen, hielt niemand diese Handvoll ungebildeter Beduinen für imstande, einen eigenen Staat mit Sicherheits-, Aussen- oder Wirtschaftspolitik aufzubauen. Zayed besuchte den Schah von Persien, den König von Saudiarabien, die Herrscher von Oman, Katar, Bahrain, Kuwait, Ägypten und Syrien. Überall begegnete man ihm mit Skepsis und erhob Ansprüche auf Land und Bodenschätze. In den kleineren Emiraten gab es ausserdem die Angst, Zayed sei wie der ägyptische Präsident Nasser nur daran interessiert, mit populistischen Methoden das ganze Land an sich zu reissen. Heute erwirtschaften die Vereinigten Arabischen Emirate eines der höchsten Bruttosozialprodukte der Welt.
Zayed war in Nusseibehs Augen ein Humanist. Dieser Mann sei in der Wüste aufgewachsen, unter einfachen Beduinen. Er habe verstanden, wie schwer das Überleben in dieser Region sei und dass man es nur gemeinsam schaffe. Der Araber auf der Halbinsel sei von einem anderen Schlag als seine Nachbarn am Mittelmeer. Das Majlis sei der Ort der Verhandlung, des sozialen Ausgleichs. Die Männer treffen sich im Schatten der Palmen. Jeder kennt seinen Platz in der Runde. Man bespricht die Dinge, die für das Zusammenleben wichtig sind. Die kleinen Leute sitzen zwar nicht direkt neben dem Scheich, aber sie erzählen ihren Nachbarn von den Problemen im Alltag, und über eine Art Flüsterpost erreichen sie so auch das Ohr des Herrschers. Zayed habe den Leuten zugehört. Er sei ein leidenschaftlicher, aber auch vernunftgeleiteter Mann gewesen. Seine Kraft habe er aus der Stammeszugehörigkeit geschöpft. Deshalb habe die Familie 1966 beschlossen, ihn zum neuen Herrscher von Abu Dhabi zu machen.
Nusseibeh erinnert sich, mit welcher Arroganz die Iraker, Ägypter oder Libanesen noch vor 20 Jahren auf den Golf geschaut haben: als sei dieser Teil Arabiens eine minderwertige Beduinenkultur. Inzwischen sind die besten Leute aus diesen Ländern in den Emiraten beschäftigt und schicken ihre Kinder auf die Schulen von Dubai und Abu Dhabi. Seine eigenen Verwandten, reiche Leute aus Jordanien, haben ihn früher oft dafür gehänselt, dass er sich in Abu Dhabi abstrample. Sie seien im Sommer an die Côte d’Azur gefahren, heute kommen sie nach Dubai, denn diesen Luxus finden sie nirgends in Europa. Scheich Zayed habe immer gesagt: Warum Gott Muslime, Juden und Christen geschaffen habe, sei uns nicht bestimmt zu hinterfragen. Menschen hätten ihresgleichen ausschliesslich danach zu beurteilen, ob sie gut oder böse handelten. Deshalb habe er immer den Ausgleich gesucht. Und das habe die Emirate zu einem Erfolgsmodell gemacht.
Und wie werden die Emirate in zwanzig Jahren aussehen? Natürlich wird es nicht ewig so schnell weitergehen wie im Augenblick, sagt Nusseibeh. Aber die Araber, die Iraner, die Asiaten werden weiter investieren. In Indien warten Hunderte von Millionen Menschen darauf, ein Mittelklasseleben zu führen wie in Europa. Sie werden nach Dubai und Abu Dhabi kommen, für Geschäfte und um sich zu vergnügen. 35 Jahre nach der Gründung der Föderation sieht Nusseibeh die grösste Gefahr paradoxerweise in der Weltoffenheit der Emirate. In Dubai sind noch gut 10 Prozent der Bevölkerung Einheimische. Heute müsse das Land beweisen, dass es der kosmopolitischen Invasion auch gewachsen sei. Das gehe nur mit Hilfe einer beispiellosen Bildungsoffensive. In spätestens zwanzig Jahren müsse die einheimische Bevölkerung imstande sein, in allen Bereichen das Land zu steuern.
Vor dem Abschied führt uns Zaki in eines der Gästeschlafzimmer und zeigt uns das Triptychon einer emiratischen Künstlerin. Es trägt den Titel «One, One, One» und bildet jeweils einen betenden Menschen ab: links einen jüdischen Rabbi, rechts einen sunnitischen Sufi, in der Mitte eine junge Christin. Jeder für sich in einer Art mystischem Trancezustand.
Michael Schindhelm ist Kulturdirektor der Regierung von Dubai. Von 1996 bis 2006 war er Theaterdirektor in Basel.
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