NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Stationen in der Geschichte der Mafia

Von Attilio Bolzoni

1812. Mit einem Gesetzeserlass beginnt auf Sizilien die schrittweise Abschaffung des Feudalismus. Landadlige und Feudalherren verfügen bis in diese Zeit über die absolute politische Macht, die bis hinein in den privaten Bereich ihrer Untergebenen reicht. Nach der Bauernbefreiung, die den Baronen die gesetzliche Handhabe nimmt, die Bauern auf die Felder zu zwingen, verpachten sie ihre Latifundien an skrupellose Dorfhonoratioren, die die Bauern - notfalls mit Schlägertrupps - nötigen, das Land zu bestellen.

1865. Nach der Proklamation des italienischen Nationalstaates schliessen sich die Grossgrundbesitzer und ihre Helfershelfer zu einer grossen Geheimgesellschaft, der onorata società («Ehrenwerte Gesellschaft»), zusammen. Der Begriff «Mafia» wird Sprachgebrauch.

1907. Ein Bericht über die Situation des Bauernstandes in Süditalien und auf Sizilien deckt die Verfilzung von Politik und Mafia auf. Die Zahl der Gewaltverbrechen auf Sizilien ist dreimal höher als im Landesdurchschnitt. Der Bauernsohn Vito Cascioferro steigt zum ersten grossen Mafiaboss auf. Unter ihm legt sich die Mafia eine Flotte zu, mit der sie gestohlenes Vieh in die Schlachthäuser Tunesiens liefert und verfolgten Mafiosi zur Auswanderung nach Amerika verhilft.

1915?1918. Im Ersten Weltkrieg kontrolliert die Mafia den Schwarzhandel. Viehraub und die Lieferung von Ersatzteilen für die Armee rücken ins Zentrum ihrer Aktivitäten.

1925. Der Faschistenführer Benito Mussolini eröffnet den Kampf gegen die Mafia. Cesare Mori wird als Präfekt in Palermo eingesetzt. Mit brutaler Gewalt, die jener der Mafia in nicht nachsteht, gelingt es den Faschisten, die «Ehrenwerte Gesellschaft» zu verdrängen.

1929. Als der «eiserne Präfekt» Mori die Verfolgung der Mafia auf die Aristokratie Palermos ausdehnt, wird er vom Duce seines Amtes enthoben. Vito Cascioferro wird zu 26 Jahren Zuchthaus verurteilt, und Calogero Vizzini aus Villalba beginnt seinen Aufstieg. In den Vereinigten Staaten erlebt die Mafia unter Al Capone während der Prohibition eine erste Blüte.

1943. Invasion Italiens an der Südküste Siziliens durch die Alliierten. Die Operation wird in enger Zusammenarbeit mit bekannten italoamerikanischen Mafiosi, darunter der legendäre Lucky Luciano, geplant. Im Gegenzug setzen die Alliierten auf Sizilien Mafialeute als Bürgermeister ein; Calogero Vizzini steigt zum Bürgermeister von Villalba auf.

1954. Tod von Calogero Vizzini. Sein Nachfolger als capo di tutti capi heisst Giuseppe Genco Russo.

1957. Im «Hotel des Palmes» in Palermo kommen die Spitzen der sizilianischen und amerikanischen Mafia zusammen. Resultat des Treffens ist ein Abkommen über den koordinierten Einstieg ins Drogengeschäft.

1977. Die Mafia hat sich mit einem internationalen Verteilernetz als wichtigster Heroinlieferant etabliert.

1980. Beginn des grossen Mafiakrieges, aus dem die Corleonesi als Sieger hervorgehen und der rund 1500 Opfer fordert.

1982. Entsendung des Carabinieri-Generals Carlo Alberto Dalla Chiesa nach Palermo. Drei Monate nach seinem Amtsantritt wird der Präfekt ermordet.

1985. Tommaso Buscetta, Exponent der palermitanischen Mafia, wartet mit aufsehenerregenden Enthüllungen über die Cosa Nostra auf.

1986. Beginn des grossen Maxiprozesses mit fast 500 Angeklagten.

1989. Der Hochkommissar für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen, Domenico Sica, erklärt, mehr als ein Drittel des italienischen Territoriums werde effektiv nicht mehr vom Staat, sondern von der Mafia kontrolliert.

1991. Mit verschiedenen neuen Dekreten und der Einsetzung mehrerer Präfekten mit Sondervollmachten will die italienische Regierung härter gegen die Mafia vorgehen. Gegen die Erlasse erhebt sich heftiger Widerstand. Ob sie überhaupt je in Kraft treten werden, ist derzeit offen.


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