NZZ Folio 01/10 - Thema: Der Tod   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Das letzte Hemd

© Patrick Rohner, Zürich
Bestattungshemd Garnitur A der Stadt Zürich, Baumwolle und Spitzen, 60 Franken. Linktext
Weil heute die Hälfte der Verstorbenen in den eigenen Kleidern aufgebahrt werden, kommen die ­Bestattungshemden langsam aus der Mode – aber eigentlich sind sie gar keine Hemden.

Von Jeroen van Rooijen

Wer in die ewigen Jagdgründe einrückt, tut gut daran, vor dem Durchschreiten der Himmelspforte allen modischen Übermut abzulegen. Denn das letzte Hemd hat nicht nur keine Taschen, sondern ist auch sonst von jenseitiger Schlichtheit. Es ist nicht einmal ein richtiges Hemd, sondern nur ein Imitat in Form eines zwei Meter langen, gerade geschnittenen Baumwolltuches, das im obersten Drittel vorgibt, ein Hemd zu sein. Also eine Art Leichentuch mit Hemdbrust, das im Nacken mit einem kleinen Baumwollband festgeknotet wird. Ein Rückenteil gibt es nicht; nur zwei kleine, rechteckige Stoffstücke bedecken die Schulterblätter.

Das Brustteil des männlichen Bestattungshemdes ist in wenige schlichte Falten gelegt und im Halsbereich mit einem unverstürzten Kentkragen und einer kleinen Fliege aus demselben Stoff versehen. Etwas romantischer gibt sich das weibliche Totenhemd: Es hat ein in Falten gelegtes Bruststück, das mit fünf kleinen Plasticperlen bestickt und am Halsring mit einem sechs Zentimeter breiten, in Fältchen gelegten Spitzenband abgeschlossen ist. Auch die Manschetten der Ärmel sind mit Spitze abgesetzt.

Das Zürcher Bestattungsamt bestellt pro Jahr über tausend Stück dieser Hemden, sagt Oliver Rüesch, der als Leiter des Fahrdienstes für Transport und Aufbahrung der Stadtzürcher Toten verantwortlich ist. 60 Franken stellt er den Hinterbliebenen für das Hemd und ein dazu passendes Kissen der einfacheren Garnitur A in Rechnung – B ist etwas eleganter und teurer. Der Rest der Bestattung ist im Kanton Zürich umsonst, einschliesslich Holzsarg, Pfarrer und Orgelspiel.

Allerdings kommt das Bestattungshemd, das der Fahrdienst zu einem Sterbefall mitbringt, etwas aus der Mode. Etwa die Hälfte der Verstorbenen werden in der eigenen Kleidung für die Aufbahrung hübsch gemacht. «Wir haben, auf ausdrücklichen Wunsch der Familie, auch schon einen Taucher in seiner ­Ausrüstung aufgebahrt», erinnert sich Rüesch. Oft wird solch exotische Kleidung aber vor der Beisetzung wieder entfernt, um die Öfen des Krematoriums oder – im Falle der immer seltener werdenden Erdbestattung – das Erdreich zu entlasten.

Genäht wird das Totenhemd im Zürcher Oberland. Aber das Kleidungsstück hat weder ein Hersteller- noch ein Pflegeetikett – wozu auch! Der Schnitt ist auf Materialnutzen ausgelegt: Die Breite des Totenhemdes beträgt mit 85 Zentimetern die Hälfte einer industriellen Webbreite. Die Ärmel sind bolzengerade geschnitten, wobei die Dreiecke, die beim Schneiden der Armkugel übrigbleiben, unter der Achsel wieder eingesetzt werden. Als Verschnitt bleibt nur gerade das kleine Halbrund übrig, das die Halsöffnung bildet. Genäht wird ohne handwerkliche Ambition: Keine Naht und kein Saum ist ordentlich versäubert, wie man das für ein Hemd im Diesseits erwarten würde.

Die weissen Spitzen am Brustteil, von denen man sich auch vorstellen kann, dass sie ein erotisches Nachtwäscheteil zieren könnten, werden nur mit Heiss­leim eingeklebt. Aber die Toten wird dies am wenigsten kümmern.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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