NZZ Folio 11/97 - Thema: Hund und Katz   Inhaltsverzeichnis

Hund und Häufchen

In Städten ist Hundekot ein Problem.

Von Franz Zauner

GWYNETH ZUM BEISPIEL. Eine kostbare Cairn-Terrier-Dame, wohnhaft in Wien. Sie sieht aus wie der kleine weisse Streuner in der Frolic-Werbung, der den toten Mann macht, während sein Compagnon sich eine volle Schachtel Hundebiskuits schnappt. Haselnussbraune Augen und eine zarte Stupsnase, schwarz und glänzend wie ein Stück Kohle. Vor Hunden wie ihr gehen alle auf die Knie, und sie weiss es. Wer über ihr blondes Fell streicht, beginnt die Zweifler zu verstehen: Ist das Problem, das uns zusammengebracht hat, wirklich ein Problem?

Jeder lässt gelegentlich ein bisschen Wasser, gemischt mit Bakterien und abgestossenen Epithelien, versetzt mit nicht resorbierten Nahrungsschlacken und spezifischen Sekreten der Verdauungsdrüsen. Auch Gwyneth von der Reichsbrücke. (Das meint keinen Tathergang, das ist bloss ihr voller Name.) Und die Tat - ist sie nicht ein gesunder, gottgewollter Vorgang? Der einzige Kreislauf der Natur, den wir zwischen Supermarkt und Wiese einigermassen vollständig überblicken? Die Wiener sprechen vom «Tritt ins Glück», wenn der Schuh plötzlich nichts mehr von sich hören lässt.

Das ist ganz im Sinn von Edith Klinger. «Es gibt kein lächerlicheres Problem», sagt sie mit einem Schuss Zorn in der Stimme, «als ein Würstel auf der Strasse.» Die 75jährige Grande Dame des österreichischen Tierschutzes, die seit dreissig Jahren weder Urlaub noch Sonntag kennt, hat an die 15 000 verwaiste Vierbeiner «auf gute, verlässliche Plätze» gebracht. Ihre Kolumne «Tierecke» in der auflagenstarken «Kronen-Zeitung» und ihre Fernsehsendung «Wer will mich» haben Kabarettisten inspiriert, ihr aber auch zu einer treuen, empfindsamen und leicht entflammbaren Fangemeinde verholfen, der sie aus der Seele spricht: «Gemessen an dem Guten, das uns die Tiere bringen, können Sie die Hundstrümmerln vergessen», sagt sie, mit Betonung auf «vergessen». Sie macht sich lieber andere Sorgen, über das Hundeelend in Osteuropa etwa, über Scheidungen oder Todesfälle, die auch für Haustiere Folgen haben, oder über die 500 Hunde und Katzen, für die sie derzeit Frauchen und Herrchen sucht. «Ja nicht übertreiben», ermahnt sie zum Schluss.

In Wien, einer Welthauptstadt der Tierliebe, ist es nicht leicht, neutral zu sein. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz, selbst ein Hundeliebhaber, glaubte hier etwas auszumachen, das er «soziale Sodomie» nannte. Schon mit der Frage, ob das Problem ein Problem sei, ergreift man Partei. Hundefreund und Hundefeind stehen sich seit Jahrzehnten in einer Pattstellung unversöhnlich gegenüber. Die Front verläuft quer über Trottoirs, durch Grünanlagen und Spielplätze. In schöner Regelmässigkeit kommt es zu Redeschlachten, die auf den Strassen ebenso wie im Rathaus heiter bis heftig geführt werden, und der Bürgermeister erhält viel Post: «Wenn man die Hundebesitzer wegen des Verhaltens ihrer Hunde kritisiert, erhält man zur Antwort, dass man die Kinder an die Leine nehmen soll», schreibt ihm zum Beispiel Herr P. Frau C. teilt ihm mit: «Es sieht vielleicht nicht schön aus, wenn die Hunde in die Wiese machen, aber die Schüler werfen dort ihren ganzen Dreck hin und schmeissen die Mistkübel um, das ist natürlich etwas ganz anderes.»

An der statistischen Normalverteilung des Kots von 70 000 Hunden über die ganze Stadt vermochten auch Verbotstafeln nichts zu ändern. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, und das immerhin ist wissenschaftlich bewiesen. Für eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität griffen Wissenschafter 884mal ins Glück, zerteilten alles in haselnussgrosse Portionen, verrieben diese fein mit dem Pistill und passierten sie durch Drahtsiebe in Zentrifugenröhrchen, die dann - jedenfalls war es eine der gründlichsten Untersuchungen, die je auf diesem Gebiet gemacht wurden. In 68 Fällen fanden sich Eier von Würmern mit langen lateinischen Namen. In den nördlicheren Breiten sind wirklich bösartige Parasiten, allen voran die organfressenden Larven des Echiococcus granulosus, gottlob selten. Spaziergänger können in Frieden flanieren, Kinder mit Händewaschen das Infektionsrisiko begrenzen. Zwischen den Zeilen der in sachlichem Nominalstil verfassten Arbeit steht aber deutlich geschrieben, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Begegnung der weichen Art in Wien erschreckend hoch ist: «Insgesamt fanden sich auf allen untersuchten Plätzen Kothaufen von Hunden, in 24 Parkanlagen bis zu drei pro Quadratmeter.»

Das Problem ist ein Problem, sagten auch die Meinungsumfragen. In der Hitparade der städtischen Sorgen stürmte es unaufhaltsam nach oben. 1991 bestellte der frühere Bürgermeister Zilk medienwirksam eine Hundekommission mit 26 Fachleuten, Beamten und Politikern. Ihrem Kopfzerbrechen folgten allerdings niemals Taten, sondern nur Informationskampagnen. Das schien dem Vorsitzenden der Kommission, dem Landtagsabgeordneten Franz Karl, zuwenig. Letztes Jahr legte er sein Amt aus Protest nieder - und lobte Zürich als unerreichbares Vorbild.

ES IST EBEN ALLES eine Frage der Perspektive. In mittelalterlichen Städten liefen nicht nur die Hunde, sondern auch Schweine, Kühe, Hühner und Ziegen frei herum. Neben ihren Ställen türmten sich haushohe Dunghaufen. Für die Menschen gab es an den Rückseiten der Häuserreihen offene Gräben, die schnell gefüllt, aber selten geleert wurden. Von König Philipp II. berichten die Chronisten, dass er im Winter 1184 am Fenster seines Schlosses ohnmächtig niedersank wegen der umwerfenden Ausdünstungen der Stadt Paris.

Erst ab dem 15. Jahrhundert nimmt Europa, geschwächt durch Pestepidemien, die Miasmen ernst. Die Bewegungsfreiheit der Haus- und Nutztiere wird eingeschränkt, und für die Menschen wird es nach und nach illegal, «Asche, Mist und tote Tiere» einfach auf die Strasse zu werfen. Im 19. Jahrhundert setzt sich die Idee der Müllabfuhr endgültig durch, und im 20. Jahrhundert wird die saubere Stadt zur Selbstverständlichkeit jedes kommunalpolitischen Parteiprogramms.

Nur die Hunde haben es bisher vermocht, sich Fortschritt und Aufklärung unauffällig zu entziehen. Wer in den letzten 15 000 Jahren wen domestiziert hat, lässt sich deshalb nur schwer sagen. Fest steht, dass Hunden in Europa und Nordamerika mehr Herzen offenstehen als allen anderen Tieren zusammen, Katzen vielleicht ausgenommen. Zögen die Kaniden Bilanz, Freudengebell wäre unvermeidlich: Ihren Feinden haben sie ein Schnippchen geschlagen. Die natürlichen liessen sie in der Steppe zurück, die unnatürlichen unterliegen der öffentlichen Ächtung. Der Sprung mitten in die behaglichsten Wohlstandszonen der Zivilisation, und dort in jeden fünften Haushalt, ist ihnen bravourös geglückt.

Sie sind die Tierart, für die es Streichel-Handschuhe, Designer-Leinen, Nähr-Shampoo mit Vitamin F und, nach einer Empfehlung amerikanischer Veterinärmediziner, sogar die Antidepressionsdroge Prozac gibt. Sie sind eine Spezies auf Urlaub, deren Existenz sich mehrheitlich darauf gründet, einfach dazusein, worin sie wirklich gut sind: Gemessen an der Zahl der mit ihm Beschäftigten ist längst nicht mehr der Löwe, sondern der Hund der König der Tiere. (Die Katze ist die Königin.) Kein anderes Säugetier hält das öffentliche Leben so in Trab. Sie sind nicht nur die letzten Vierbeiner, die in keinem Stadtbild fehlen, sondern auch die letzten, die dort noch Faeces hinterlassen dürfen.

Wenn der Tritt plötzlich nicht mehr hallt, offenbart sich ein längst gelöst geglaubtes Zivilisationsproblem, und das erlebt man als Skandal. Die Ratsherren des Londoner Stadtteils Islington brachten die Sache genau auf diesen Punkt: Der Werbespot, den sie bei Saatchi & Saatchi in Auftrag gaben, zeigt einen Mann im Schlafanzug, der auf dem Gehsteig in die Hocke geht und sogleich zur Sache kommt: «Sie würden das nicht tun. Lassen Sie es auch Ihren Hund nicht tun.»

Um das städtische Reinheitsgebot durchzusetzen, griff man in Tel Aviv zu radikalen Massnahmen. Eine Sondereinheit, bewaffnet mit Nachtsichtgeräten und Kameras, patrouilliert dort durch die Strassen. Wird ein Hund in flagranti erwischt, drücken die Kontrolleure auf den Auslöser, und der Staatsanwalt bekommt etwas zu sehen. Die Strafe beträgt umgerechnet etwa 150 Franken. Geldbussen in dieser Höhe sehen seit einigen Jahren auch die italienischen Kommunen vor, wenn die Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge nicht entfernen. Berlin kommandierte vor kurzem 150 Beamte ab, um den unhygienischen Umtrieben der 140 000 Vierbeiner der Stadt Herr zu werden. Vorerst sollen sie fehlbare Hundehalter in aufklärende Gespräche verwickeln und ihnen einen Abfallsack zustecken mit der Bitte, die «Tretminen» gefälligst eigenhändig zu entschärften. Für später behält man sich vor, das schon bestehende Strassenreinigungsgesetz, das Strafen bis zu 350 DM vorsieht, konsequent anzuwenden. Der weltweite Trend, mit archaischen, womöglich gesundheitsschädlichen Bräuchen aufzuräumen, hat den treuesten Freund des Menschen voll erfasst.

DIE NOTDURFT RUFT aber nicht nur die Staatsmacht auf den Plan, sie macht auch erfinderisch. Der bisher erfolgreichste Beitrag zur Lösung der Misere kam von Joseph Rosenast aus Thun. Anfang der achtziger Jahre wurde er arbeitslos, «das war mein Glück». Er nutzte die freie Zeit, um einen grünen Kasten zu basteln, der alsbald unter dem Namen Robidog Furore machte. Heute hängt im Büro des Erfinders eine grosse Karte der Schweiz, gespickt mit grünen Stecknadeln. Jede symbolisiert einen Sieg im Namen der Hygiene. 1700 Gemeinden haben an die 25 000 dieser Zauberkästen aufgestellt: «Es hat sich gezeigt, das im Bereich der Robidog-Behälter sich nach kurzer Zeit niemand mehr recht getraut, den Kot seines Hundes liegenzulassen», beschreibt der Prospekt ihre magische Wirkung. Man reisst ein Plastiksäckli von der Robidog-Rolle ab, stülpt es über Lieblings Hinterlassenschaft, wendet das Ganze, verknotet es, wirft es in den Robidog und geht im guten Gefühl, ein ehrbarer Mensch zu sein.

Die Suche nach dem Rinnstein der Weisen ist mittlerweile ein weltweites Phänomen. Auch ein britischer Erfinder hatte es satt, «ständig in Hundehaufen zu treten». Er liess sich einen Spazierstock patentieren, welcher auf Zeigefingerdruck mechanisch einen Zylinder ausfährt, der das feindliche Objekt in einen Papiersack hüllt und über dem nächsten Abfallbehälter wieder freigibt. Angeblich wurden schon 5000 Stück verkauft. Der letzte Schrei aus Amerika ist via Internet zu empfangen: Auf einer Video-Demonstration führt ein bellender Hund vor, wie es ist, mit einer grossen Windel um die private parts vor einer Laterne zu stehen. Er tut alles, was Hunde so tun - ein Bein heben, in die Hocke gehen. Er scheint auch alles zu machen, was der Hund so macht - bis auf einen glücklichen Eindruck.

Im englischen Waltham, wo die Mars-Company ein Forschungszentrum unterhält, gehen Wissenschafter sozusagen den umgekehrten Weg. Sie suchen nach der idealen Futtermischung für den «City-Dog», der nicht nur ein glänzendes Fell haben, sondern auch einen nach Grösse und Konsistenz den Strassenkehrern zumutbaren Hundekegel hinterlassen soll. Die Fahrer der berühmten «caninettes», die zur Würze jedes Paris-Besuchs geworden sind, würden das zu schätzen wissen. 70 dieser Motorräder mit Kotstaubsauger, die bereits in der vierten Generation dröhnen und knattern, sind Tag für Tag im Einsatz - sie kommen einem auch auf Parkwegen und Gehsteigen entgegen, schaffen aber nur weniger als die Hälfte jener 25 Tonnen fort, mit denen 250 000 Hunde die Stadt täglich anreichern. Deshalb rutschen, gemäss einem Bericht der «New York Times», immer noch durchschnittlich 650 Pariser pro Jahr so unglücklich aus, dass sie im Spital landen. Doch die Idee ist zukunftsweisend. Ihre geräuschlose Variante wird gegenwärtig in Prag getestet: Wo die Selbstreinigungskräfte der Natur und der 150 000 Hundebesitzer versagen, sollen staubsaugerbewehrte Mountainbikes helfen.

ZÜRICH HAT DIE ZEIT der Experimente hinter sich. Das Problem gilt hier als gelöst. Zwar gibt es den einen oder anderen kritischen Einwand, etwa dass die Robidog-Säckchen selten da landen, wo sie sollen. Es gibt auch «Problemzonen», zum Beispiel in den Stadtkreisen 4 und 5. Da würden selbst die einschlägig befassten Beamten «genau schauen, wo sie hintreten». Aber im grossen und ganzen machen sie glückliche Gesichter, was vielleicht auch daran liegt, dass sie nur 6500 Hunde zu verwalten haben. Vor zehn Jahren wurden die Robidog-Kästen eingeführt und Grünflächen zu «Hundeversäuberungsanlagen» umgewidmet. Pro Jahr fallen 23 Tonnen an, für die 1 500 000 Robidog-Säckchen bereitgestellt werden. Eine Informationskampagne - «Züri Hünd sind Fründ» - trug entscheidend zur Läuterung der Sitten bei. Seitdem, sagen die Beamten der Hundekontrolle, des Diensthundewesens und des Gartenbauamts unisono, wird zwar immer noch über Hunde, aber kaum noch über Hundekot gestritten.

Hans Hedinger vom Tiefbauamt, zuständig für die Sauberkeit der Stadt, erhielt jedenfalls zahlreichen Besuch aus dem leidgeprüften Ausland. Die Delegationen kamen, sahen und staunten - aber das Robidog-Modell wollten nur die wenigsten nach Hause mitnehmen. Es ist der Griff ins Warme und Weiche, der anderswo immer noch Entsetzen hervorruft: Gesetze, Technik und Mentalität müssen in jeder Stadt anders aufeinander abgestimmt werden.

Schon das Ausmass des Problems bereitetet Probleme, je nachdem, ob es an einem Dackeldarm gewichtet wird oder am Verdauungsapparat einer Deutschen Dogge - was im übrigen die beträchtlichen Schwankungsbreiten der einschlägigen Statistiken erklärt. Auch der Mageninhalt gibt zu denken: Der Wiener Stadtverwaltung schienen die Pariser «caninettes» nicht nur zu teuer, sondern auch ungeeignet für die Konsistenz ihrer Häufchen.

Es gibt eben keinen Königsweg aus dem Hundekot-Dilemma. Die Schulen widersprechen sich bisweilen, denn alles mögliche wurde schon diskutiert: Einführung der Hundesteuer, wo es sie noch nicht gibt. Zweckbindung der Hundesteuer. Erhöhung der Hundesteuer. Staffelung der Hundesteuer. Erlass der Hundesteuer. Zonen, in denen sich Hunde versäubern dürfen. Zonen, in denen sie sich nicht versäubern dürfen. Bewusstseinsbildung und strengere Gesetze. Bewusstseinsbildung und strengerer Vollzug der Gesetze. Aufrüstung der Strassenkehrer, Ausbildung für Hundehalter, Aufstellung von Hundeset-Automaten. Und so weiter, und so fort.

Auch Franz Karl hat noch nicht aufgegeben. Er weiss, der Zeitgeist arbeitet für ihn. Gegenwärtig schreibt er an einem Buch über seine Erlebnisse als Vorsitzender der Wiener Hundekommission. Es trägt den Arbeitstitel «Wie ich auf den Hund kam» und soll aus dreizehn launigen Kapiteln bestehen. «Endlich haben wir jemanden, der freiwillig an allem schuld ist», sagte Altbürgermeister Zilk anlässlich der Ernennung Karls. Der scheute sich bisher nicht, dem Bonmot gerecht zu werden. So jemanden braucht es natürlich auch.


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