1840 BRACHTE der französische Wäschefabrikant Trottier die «poche à douille» auf den Markt: einen spitz zulaufenden Tuchsack mit auswechselbaren Metalltüllen mit gezackten, ovalen oder runden Öffnungen verschiedener Grösse. Und die «poche à douille», im deutschen Sprachraum später Spritzbeutel genannt, läutete in den Küchen der Welt gleichsam eine neue Ära ein. Nicht alles wurde vielleicht dank diesem neuen Küchengerät besser, aber zweifellos schöner.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Durch die Öffnung des Sacks werden in den Beutel eingefüllte Crèmes, Glasuren, Pürees, Mayonnaisen und dergleichen gepresst. Dabei entstehen Streifen, Kringel und Girlanden, die süsse und pikante Speisen mehr oder weniger geglückt garnieren und verzieren. Ohne den Spritzbeutel gäbe es keine Spritzkuchen, Profiteroles, Eclairs, Meringues und vieles mehr. Ja, wir müssten sogar auf den vor 150 Jahren von August Julien von der Pariser Konditorei Chibuste kreierten Gâteau Saint-Honoré verzichten, der mit seinem gespritzten Brandteigboden, den gefüllten Profiteroles und der aufgespritzten Crème zweifellos ein Gesamtkunstwerk der Spritzbeutelkunst darstellt.
Nach Antonin Câreme, dem Koch der Könige und Kaiser, «sind die schönen Künste deren fünf: die Malerei, die Bildhauerei, die Poesie, die Musik und die Architektur, deren Hauptast die Patisserie bildet». Bei den reich verzierten Pasteten, Torten und aus Teig gestalteten Burgruinen, Triumphbogen und Chalets, mit denen Câreme die Tafeln schmückte, wurde die Architektur dann auch zum Hauptast der Patisserie und diese unter Câremes Nachfolgern durch den Spritzbeutel mehr und mehr zum architektonischen Albtraum en miniature. Und, boshaft gedacht, jeweils auch zum Vorbild dekorativer historischer Bauten bis hin zum vom Osten ausgehenden sogenannten Zuckerbäckerstil der Nachkriegszeit.