NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Richard und das Literaturhaus

© Christian Känzig
Richard Reich, 38jährig, Sport- und Kulturjournalist, hat in der 166jährigen Museumsgesellschaft am Limmatquai in Zürich die Idee von einem Literaturhaus in die Tat umgesetzt. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DEN LITERATURHAUSGEDANKEN im herkömmlichen Sinn finde ich öd. Das geht jeweils so: Aha! Ein Literaturhaus! Also unten links ein Café und daneben eine Buchhandlung, und aus der Dachluke schaut ein Writer in Residence. Ich kriege tatsächlich öfter Anrufe mit der Frage: Habt ihr schon einen Writer in Residence?

Der Name Museumsgesellschaft ist etwas irreführend. Die Gesellschaft war schon bei ihrer Gründung 1834 nichts anderes als ein Lesezirkel, und dieses Gesellschaftshaus ist seit seiner Erbauung 1868 nichts anderes als ein Haus der Literatur mit Bibliothek, zwei wunderbaren Lesesälen und einer Reihe weiterer Räume, mit deren Vermietung man sich über Wasser hält. Nun hätte Zürich ja schon lange gern ein Literaturhaus gehabt, aber es scheiterte immer an den Kosten. Und da die Museumsgesellschaft sich ihrerseits überlegen musste, wie sie weitermachen wollte, sagte man sich: Jetzt gehen wir die Sache anders an, wir fangen einfach mit Lesungen an und bringen die Diskussion mit dem Tatbeweis in Gang.

Also machten wir Lesungen, ein gutes Dutzend bis jetzt. Es war wichtig, zu Anfang ein paar bekannte Namen zu haben, um ein bisschen Lärm zu machen. So engagierte ich mit null Budget Robert Gernhardt, der sowieso gerade in Zürich war. Desgleichen David Sedaris mit seinem Bestseller <Nackt>. Bis jetzt hatten wir nie weniger als 50 Leute, das ist für Lesungen nicht schlecht. Bei Gernhardt und anderen waren es sehr viel mehr.

Zur Museumsgesellschaft kam ich vor etwa zehn Jahren ziemlich zufällig. Ich war damals zwar Mitglied, aber kaum je hier. Als ich wieder einmal hereinschaute, behandelte mich eine Aufsichtsperson derart unflätig, dass ich etwas tat, was sonst nicht meine Art ist: Ich beschwerte mich beim Präsidenten. Die Frau hatte mich, bloss weil ich Jeans trug, für einen Studenten gehalten, und für ihren Umgang mit Studenten waren die Aufsichtspersonen hier von jeher berüchtigt. Man entschuldigte sich und fragte mich - in meiner damaligen Eigenschaft als Kulturjournalist - bald darauf für die 15köpfige Vorsteherschaft an. Ich sagte zu und nahm fortan an zwei Sitzungen im Jahr teil. An der Generalversammlung nickten wir jeweils brav zu allem, was der Präsident sagte, und warteten aufs Essen.

Vor zwei Jahren gab es dann einen Wechsel im Präsidium, und ich wurde - immer noch ehrenamtlich - Bibliotheksvorstand, verantwortlich für Bibliothek, Lesesaal und Personal. Einer meiner ersten Wünsche war, dass man die Studenten anständig behandelt. Schliesslich ist das unsere Nachwuchsabteilung.

Dieser Ort ist für ein Literaturhaus wie geschaffen. Es stehen 150 000 Bücher herum, das Tram hält vor der Tür, man hat das Rathaus und den St. Peter vor Augen, man hört den Krankenwagen vorbeidüsen, man wird in Ruhe gelassen und ist doch in guter Gesellschaft, ab und zu kommt auch mal einer herein, der sich nur ein bisschen aufwärmen will. Das alles ergibt ein gutes urbanes Gefühl. Es hat ja schon genug abgeschottete Räume für Literatur hinter sieben Hügeln, wo Leute sich gepflegt versenken. In anderen Städten haben sie oft Mühe, ihre Literaturhäuser in Betrieb zu halten. Dieses Problem haben wir nicht, denn hier ist sowieso Dauerbetrieb, die Museumsgesellschaft hat an 350 Tagen im Jahr offen.

Seit August letzten Jahres bin ich halbamtlicher Geschäftsführer, die Idee eines Literaturhauses und generell die Neupositionierung der Gesellschaft liessen sich ehrenamtlich, nur immer nach 17 Uhr, nicht weiterverfolgen. Wir machen nun ungefähr eine Veranstaltung pro Woche: Lesungen, Buchpremieren, Podiumsdiskussionen, darunter auch Koproduktionen mit dem Literaturpodium der Stadt, dem Museum Strauhof und Theatern. Mein Hintergrund sind der Sport und das Theater, und eigentlich finde ich Lesungen langweilig. Das ist meine Arbeitshypothese. Also muss ich versuchen, es anders zu machen, ein paar dramaturgische Akzente zu setzen, ohne gleich einen Zirkus zu veranstalten. Sehr viel liegt mir am Apéro nach jedem Anlass, an der Treffpunktfunktion dieses Hauses, deshalb würde ich gern eine Art Salon schaffen, der fast immer offen ist. Natürlich hat es immer welche, die in der Zeitung nachsehen, wo es gratis etwas zu trinken gibt, und nur herkommen, um sich die Lampe zu füllen. Aber wenn die bereit sind, vorher noch eine gepflegte Lesung über sich ergehen zu lassen . . .

Wir befinden uns hier im kleineren Lesesaal. Normalerweise stehen hier zwei grosse Arbeitstische für die Studenten und an den Fenstern die Tische für die ordentlichen Mitglieder. Die räumen wir jeweils hinaus und stellen Stühle und die Bühne auf, die aus Bahn-Paletten besteht. Herr Falletta, unser Hauswart, verhüllt sie kunstvoll mit schwarzem Tuch. Wenn die Gäste weg sind, packen wir alle zusammen an. Wir hatten schon Veranstaltungen, die begannen um sechs, und um acht sassen die Mitglieder schon wieder an ihren Tischen und lasen. Sicher gibt es vereinzelte, die sich ärgern, wenn der eine Lesesaal vorübergehend nicht benutzbar ist. Aber immerhin geht es hier auch ums Überleben der Gesellschaft, und wir haben in letzter Zeit viele neue Mitglieder gewonnen, bei 1000 waren wir zuvor, glaube ich, noch nie. Ein Freund, der kürzlich Mitglied geworden ist, meiner Meinung nach nahezu freiwillig, sagt, dass er die Zeugen Jehovas harmlos finde, seit er meine Anwerbungsmethoden kenne. (www.museumsgesellschaft.ch!)

Wen ich gerne einmal hier hätte? Margaret Atwood, Tony Morrison, Leute, die gut sind, aber keine Stadionatmosphäre brauchen. Und wen sicher nie? Typen wie Peter Härtling. Die sind so ölig, dass man es wirklich nicht aushält.»


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