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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn Hitler nicht gewählt worden wäre
Von Christian von Ditfurth
Aus Abhörprotokollen des Amts Abwehr. Streng geheim! Telefon-Abhörprotokoll 056/32 Vorlage Leitung/KptzS Patzig pers. Abschrift/Übersetzung: Lt. von Zieten
Berlin, Hotel Adlon, Zi. 342, US-Korrespondent H. R. Knickerbocker, 09. 12. 32, 17:32 Uhr.
(Begrüssungsfloskeln)
Knickerbocker: Claire, sag Weinstein, er soll zwei Spalten freihalten für einen Bericht.
Claire: Reichlich spät. Der tobt.
K.: Chefredaktoren müssen das. Sonst glauben sie nicht, dass sie Chef sind. Wenn er schon nicht mit mir sprechen will, dann sag ihm: Die NSDAP steht vor der Spaltung. Reichsorganisationsleiter Strasser legt alle Parteiämter nieder. Krise bei den Nazis offen ausgebrochen. Die Berliner SA meutert. Alles wegen der Niederlagen bei der Reichstagswahl im November und den Kommunalwahlen im Dezember. Die Nazis sind bankrott.
C.: Wie schön!
K.: Kommt darauf an. (Unverständlich) Hier gibt es noch einen Haufen anderer finsterer Gestalten. Noch was: Wann heiratest du mich?
C.: (lacht)
Berlin, Hotel Adlon, Zi. 342, US-Korrespondent H. R. Knickerbocker, 22. 12. 32, 15:07 Uhr.
(Begrüssungsfloskeln)
C.: Weinstein hat herumgeschrien. Warum wir Geld ausgeben für Korrespondenten, wenn man die guten Artikel aus Europa bei der Konkurrenz liest.
K.: Soll er mehr von mir drucken.
C.: Er hat doch dein Stück über Hugenberg gebracht. Kommt noch was heute?
K.: Ja, mein Heiratsantrag…
C.: (lacht) (Unverständlich) Was Wichtiges?
K.: Morgen, muss noch recherchieren. Hitler will Reichskanzler werden, oder er tritt nicht in die Regierung ein. Aber Hindenburg will nicht, dass Hitler Kanzler wird. Adolf ist ein sturer Bock. Er hat die Partei hochgebracht, jetzt ruiniert er sie. Aber wenn Schleicher…
C.: …wer? Schloicher (?)?…
K.: Der Reichskanzler. Und General.
C.: Von den Kanzlern gibts ja fünf pro Woche, ich komm da nicht mehr mit.
K.: Du solltest die Artikel des Kollegen Knickerbocker lesen.
C.: Angeber!
Berlin, Hotel Adlon, Zi. 342, US-Korrespondent H. R. Knickerbocker, 06.01. 33, 19:22 Uhr.
(Begrüssungsfloskeln)
C.: Hab keine Zeit, was gibts?
K.: Hindenburg ist tot.
C.: Der Reichspräsident, der die Leute mit Notverordnungen genervt hat? Keine schlechte Nachricht.
K.: Mal sehen. Jetzt gibt es jedenfalls Präsidentschaftswahlen.
C.: Und wer gewinnt?
K.: Ich bin Korrespondent und kein Hellseher. Sicher ist nur, Hitler kandidiert wieder.
C.: Ich dachte, die Nazis sind pleite.
K.: Sind sie. Aber sie werden noch mal alles zusammenkratzen.
C.: Und wird ers?
K.: Wer, Hitler? Ich telefoniere nachher einen Artikel durch, in dem alle Fragen beantwortet werden. Ausser der einen.
C.: Welcher?
K.: Ob du mich heiratest. (Unverständlich)
C.: (lacht) Frau Claire Knickerbocker, das kann ich meiner Mutter nicht antun.
Berlin, Hotel Adlon, Zi. 342, US-Korrespondent H. R. Knickerbocker, 19. 01. 33, 16:15 Uhr.
(Begrüssungsfloskeln)
K.: Warum habt ihr meinen Artikel nicht gedruckt?
C.: Frag Weinstein. Der interessiert sich nicht für diesen Herrn von Papen.
K.: Der war immerhin mal Kanzler und ist hier der Strippenzieher. Ich telefoniere nachher was durch.
C.: Was?
K.: Übers Strippenziehen. Erklär das dem Weinstein. Mit mir redet er ja nicht, der eifersüchtige Hengst. Hitler kandidiert, das ist klar. Papen will Reichskanzler werden von Adolfs Gnaden. Aber der will Papen nicht. Der will die ganze Macht. Also soll ein Strohmann Reichskanzler spielen, Göring vielleicht.
C.: Gewinnt er?
K.: Hängt von den Kandidaten ab. SPD zögert, KPD wird Thälmann aufstellen. Deutschnationale sind sich nicht einig.
C.: Worauf läuft es hinaus? Ein guter Korrespondent weiss das.
K.: Eine künftige Korrespondentengattin ist nicht so vorlaut.
C.: Wär ich eine, wär ich nicht vorlaut. Nun?
K.: Meine Prognose: Schleicher tritt an. Die Deutschnationalen werden Hugenberg nominieren und untergehen. Die Sozis wählen Schleicher. Und der gewinnt.
C.: Adolfs Ende?
K.: Ja.
Berlin, Hotel Adlon, Zi. 342, US-Korrespondent H. R. Knickerbocker, 27. 03. 33, 14:57 Uhr.
(Begrüssungsfloskeln)
K.: Ich hatte recht.
C.: Gib nicht so an.
K.: Schleicher hat gestern Hitler geschlagen.
C.: Und nun?
K.: Mit dem Führer ist es vorbei, die Partei wird zerfallen. Ihr Aufschwung lag an der Schmach von Versailles, wie die Leute hier sagen. Aber die ist erledigt, die Reparationen sind abgehakt. Die Wirtschaftskrise flaut ab. Je besser es den Deutschen geht, desto schlechter geht es den Nazis. Mit Judenhass allein kommt man hier nicht weit.
C.: Aber Schleicher? Das ist doch die Reichswehr.
K.: Klar. Sie werden aufrüsten. Sie werden zurückfordern, was sie verloren haben. Sie werden ein Bündnis machen mit den Russen gegen die Westmächte. Und am Ende gibts wieder Krieg.
C.: Meinst du wirklich?
K.: Die Leute sind ziemlich offen. Polen muss weg, sagen sie.
C.: Unter Hitler wäre das anders gewesen.
K.: Mag sein. Es gibt hier ein Sprichwort: Hunde, die bellen, beissen nicht.
C.: Was anderes, es tut mir leid.
K.: Was tut dir leid?
C.: Weinstein will mich heiraten. Ich nehme seinen Antrag an.
K.: (schweigt lange) Viel Glück.
Anmerkung: Reichspräsident Hindenburg starb nicht 1932 wie hier angenommen, sondern erst 1934. Im Januar 1933 ernannte er Hitler zum Reichskanzler und rettete so wahrscheinlich die von Wahlniederlagen und Geldmangel gebeutelte Nazipartei vor dem Verfall. Bis zu seinem Tod billigte Hindenburg alle Erlasse und Gesetze der Nazis, mit denen diese die demokratischen Rechte der Weimarer Republik abschafften (vor allem durch das Ermächtigungsgesetz). Nach dem Tod des Reichspräsidenten übernahm Hitler auch dessen Amt und war seitdem der «Führer». Bis zum heutigen Tag tragen zahlreiche Strassen und Plätze in Deutschland den Namen Hindenburgs. Historisch weitgehend unbestritten ist die Tatsache, dass die Reichswehr und ihr nahestehende politische Kreise bereits seit 1919 auf eine Revision des Versailler Vertrags hinarbeiteten und eine umfassende Aufrüstung geplant hatten, von der Hitler dann profitierte.
Christian von Ditfurth ist Historiker und hat mehrere Bücher veröffentlicht, in denen die Geschichte anders verläuft als in der Wirklichkeit; er lebt in Ahrensbök in der Nähe von Kiel.
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