Schlitteln (Rodeln, Skeleton): Seit der Steinzeit bekannte Fortbewegungsart, wird in der Schweiz seit dem 16. Jahrhundert als Sport betrieben. Berühmtester Rodler: Hackl Schorsch aus Berchtesgaden, dreifacher Olympiasieger und CSU-Abgeordneter. Porsche hat seinen gegenwärtigen Schlitten entwickelt. Derzeit bester Schweizer: Gregor Stähli aus Kloten, Bronzegewinner 2002 im Skeleton. Er wird vom Militärmesserhersteller Victorinox unterstützt.
Schlittenfahren ist wie das Leben: Ständig geht es in irrem Tempo abwärts, und wir jauchzen dabei vor Todessehnsucht, stemmen uns aber gleichzeitig mit den Fersen gegen das Schicksal.
So reizt auch der «Schlitten» seit je zu Wortspiel und Doppelsinn: «Die Schlitten waren dergestalt gezieret, dass der Schnee vor Freude selber gegurzt», dichtete Abraham a Santa Clara anno 1692. Wir sagen heute prosaischer: «Ist das nicht ein toller Schlitten?» Und denken: Ich werd gleich Schlitten fahren mit dir! Im Übrigen ist das zivile Schlittenfahren aber sehr romantisch. Man erinnere sich der nächtlichen Schussfahrten in Schulskilagern, auf einem original Davoser Zweierschlitten aus lyrischem Eschenholz – nicht zufällig reimt sich Rodeln auf Jodeln.
Demgegenüber muss man für den wettkampfmässigen Schlittelsport schon eine gesunde Portion Selbstzerstörungstrieb an den Start mitbringen. Wer sonst würde sich aus freien Stücken Tag für Tag zwecks Training oder Wettkampf in die nicht selten tödlichen Eiskanäle werfen? Letztere sind mindestens 1,2 Kilometer lang und erlauben Tempi weit über dem emotionalen Gefrierpunkt. Sie weisen von oben bis unten elaborierte Gemeinheiten auf, zum Beispiel sich episch hinziehende Steilwandkurven oder auch latent letale sogenannte Labyrinthe, in denen Dutzende von verwirrenden Richtungswechseln lauern.
Zur Verbesserung der allgemeinen Überlebenschancen schreibt das Reglement der Fédération internationale de luge de course einen Grenzwert für die auf die Fahrer wirkende Fliehkraft vor («höchstens 5 g über eine Dauer von maximal 2 Sekunden»). Doch fliehen kann aus dem Eiskanal sowieso keiner: Sogar bei etwas offeneren Kurven hindern sogenannte Überkragungen, also künstlich überhängende Leitplanken, Fahrer und Schlitten am Ausbrechen.
Freundlicherweise hat man beim kom petitiven Schlittenfahren immerhin die freie Wahl, entweder fuss- oder kopfvoran zu sterben. Im Fachjargon heisst das eine offiziell Rodeln (bzw. Schlitteln), das andere Skeleton.
Beim Rodeln katapultiert sich der Athlet am Start mit einer wuchtigen Armbewegung in die Bahn hinaus und versucht fortan, den eigenen Körper aerodynamisch zum Verschwinden zu bringen. Dazu legt man sich rücklings auf den Schlitten, natürlich möglichst platt, und lenkt das Gefährt mittels winzigster Bewegungen oder Gewichtsverlagerungen. Dabei hält man selbst den Kopf so flach, dass der Streckenverlauf unter fast schon geschlossenen Augenlidern erschielt wer den muss.
Vollends verzwickt wird die Lage aber im sogenannten Doppelsitzer. Hier hat man sich im Duo zweischichtig auf den höchstens 55 Zentimeter schmalen Schlit ten zu drapieren, was gezwungenermassen zu den peinlichsten Verrenkungen und Verkeilungen führt (denen die Romantik der adoleszenten Annäherungsversuche auf dem gemischten «Davoser Zweier» nun doch eher abgeht).
Derlei Anzüglichkeiten sind beim Skeleton von vornherein ausgeschlossen. Wie der malerisch morbide Name dieser Sportart schon sagt, muss sich der Athlet hier nämlich auf einem klapprigen Skelett von Schlitten zurechtfinden, das beileibe keine Doppelbelastung erträgt. Das Wettkampfgerät besteht aus einer hauchdünnen, ultraflachen, an zwei schmalen Kufen montierten Metallwanne. In selbige legt man sich nun bäuchlings, und zwar dergestalt, dass die Arme flächendeckend am Körper anliegen. Der Kopf indessen bildet, die ganze Schussfahrt über halsstarrig nach vorne gestreckt, die gefährlich exponierte Galionsfigur.
Und das umzingelt von pickelharten Eiswänden! Und das bei über hundert Kilometern pro Stunde! Und das bloss von einem Sturzhelmchen geschützt! – Ja, Skeleton ist die schrecklichste aller modernen Wintersportarten. Seit 2002 ist es übrigens olympisch.