NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Lassen Sie uns über Geld reden

© Suzanne Schwiertz
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Warum sollte man Reichtum nicht zur Schau stellen?Welche Statussymbole darf man sich leisten? Warum ist Altreich besser als Neureich? Welche Schönheit kann man kaufen? Ein Gespräch mit dem Banquier Hans J. Bär.

Von Daniel Weber

Herr Bär, wann haben Sie als Kind zum ersten Mal gemerkt, dass Sie aus reichem Haus sind?

Als mir ein Freund in der Primarschule sagte: Dein Vater zündet zu Hause die Zigarette mit einer Hunderternote an. Ich wurde natürlich wütend. Mein Vater rauchte ja gar nicht, glaube ich. Und die Eltern dieses Freundes waren ausserdem reicher als meine, die hatten ein viel grösseres Haus.

Sie wuchsen also nicht auf im Bewusstsein, reich zu sein?

Als Kind realisiert man solche Sachen doch kaum. Wir führten einen grossbürgerlichen Haushalt wie Thomas Mann, aber ich erlebte vor allem, dass meine Eltern sehr streng waren. Wenn wir widersprachen, wurden wir in den Keller gesperrt. Vor meinem Vater zitterte ich.

Kein Leben in Saus und Braus?

Überhaupt nicht. Meine Eltern lebten das Gegenteil. Sie erzogen uns zu Sparsamkeit, Bescheidenheit und Fleiss. Über Geld wurde nicht gesprochen. Das hatte natürlich auch mit der Hochschule zu tun, mein Vater war Professor, da machte es sich nicht gut, viel Geld zu haben. Oder zu zeigen, dass man es hatte. Darum auch die bekannte Geschichte mit unseren zwei gleichen Autos.

Zwei Luxuscabriolets, die im Krieg requiriert und von General Guisan benützt wurden.

Ja, die Langenthalschiffe, das waren Chrysler, deren Carrosserie in Langenthal massgefertigt worden war. Meine Eltern wollten nicht, dass man merkt, dass sie zwei davon hatten. Dabei sah ja jeder, dass wir zwei Garagen hatten. Aber es durfte immer nur ein Wagen auf der Strasse stehen.

Sie wollten nicht zeigen, was Sie hatten?

Wir gingen schon in ein gutes Hotel in Sils Maria oder St. Moritz in die Ferien. Wir gingen nie ans Meer, immer in die Berge. Aber meine Eltern gaben überhaupt nichts auf Äusserliches. Das hatte auch mit der zurückhaltenden Art des Zürichbergs zu tun. Da lebte man in einer ziemlich homogenen Gesellschaft.

Hatten Sie nie Kontakt zu armen Leuten?

Ich kann mich erinnern, dass in den 1930er Jahren Bettler zu unserem Haus kamen. Mein Vater gab ihnen aber kein Geld – er sagte, das werde nur versoffen –, sondern Coupons für die städtische Suppenküche.

Was halten Sie davon, wenn Leute ihren Reichtum zur Schau stellen?

Das mag ich nicht, das mochte ich nie. Wir wurden erzogen, Reichtum nicht zur Schau zu stellen. Das tat man einfach nicht. Es ist wohl überhaupt nicht schweizerisch. Und es war ganz sicher verpönt in der Vor- und Nachkriegszeit.

Die Art, wie zum Beispiel der Verleger Jürg Marquard seinen Wohlstand feiert, sagt Ihnen nichts?

Nein, das sagt mir nichts. Aber ich masse mir kein Urteil über ihn an, vielleicht ist das wichtig für seinen Beruf – er macht seine Sache ja gut. Aber man sollte es trotzdem nicht tun.

Warum nicht?

Weil man doch eine Vorbildfunktion hat. Ich durfte zum Beispiel nie mit dem Auto in die Bank. Ich weiss noch genau, wie ich mir die Lunge aus dem Leib rannte, um schneller als das Tram den Zürichberg runterzurennen, wenn ich es verpasst hatte. Zugegeben, dieses Autoverbot war natürlich auch irgendwie komisch, die Angestellten konnten sich ja vorstellen, dass ich ein Auto hatte. Aber es kam nicht in Frage, dass der junge Bär sein Auto vor der Bank parkiert. Das schickte sich nicht. Ein Auto hatte damals natürlich einen ganz anderen Stellenwert als heute. Mädchen gingen mit Männern aus, die eine Querfalte im Veston hatten – das Zeichen, dass sie ein Auto besassen.

Sie lebten als junger Mann nicht privilegiert?

Im Gegenteil, man behandelte mich in der Bank übertrieben streng, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, der junge Bär sei privilegiert. Schon gar nicht in der Bezahlung.

Vielleicht liegt in dieser Haltung der Hauptunterschied zu den Neureichen?

Das kann gut sein. Es ist nicht dasselbe, ob man sein Geld verdient oder geerbt hat, gewissermassen hineingewachsen ist. Wenn einer sein Geld selbst verdient hat, kann ich mir schon vorstellen, dass er es gern zeigt und damit sagt: Schaut mich an, ich hab’s geschafft.

Wie hielten Sie es mit Ihren eigenen Kindern?

Im Prinzip gleich. Natürlich waren die Zeiten anders, sie bekamen ihre Vespa. Aber Luxus und ausschweifendes Nachtleben kamen nicht in Frage. Meine Frau stammte aus bescheidenen Verhältnissen, und sie mochte das genauso wenig wie ich. Alles untertreiben war immer unsere Devise. Prunk hat uns nie zugesagt.

Waren Sie nie empfänglich für Statussymbole?

In Amerika sagte ich meiner Mutter: Wenn ich einmal Geld verdiene, kaufe ich dir einen Cadillac. Das war in Amerika das Mass aller Dinge. Aber sie sagte nur: um Gottes willen!

Und welche Extravaganzen haben Sie sich selbst geleistet?

Am ehesten das Fliegen in der ersten Klasse. Das ist natürlich sündhaft teuer. Man kann dafür Begründungen anführen: man trifft dabei wichtige Leute, vielleicht Kunden. Das stimmte zum Teil sogar, aber es blieb ein Statussymbol. So wie gute Hotels, anständige Kleider. Sicher nicht Schmuck, im Gegenteil. Teuren Schmuck mag ich nicht. Gute Autos habe ich mir geleistet. Aber in einem Ferrari würde ich nicht herumfahren.

Wieso nicht?

Viel zu auffällig, viel zu angeberisch. Nur kein Aufsehen erregen! Einmal rief mich eine Dame von American Express an und fragte: Wollen Sie nicht eine Goldkarte, Herr Bär? Ich antwortete ihr: Sind Sie wahnsinnig geworden? Meinen Sie, ich sei lebensmüde? Wenn man mit einer solchen Karte im Hotel eincheckt, weiss man ja nicht, wer einen dabei beobachtet – und am Ende wird man deswegen noch umgebracht. Ein Freund von mir wurde umgebracht wegen einer teuren Uhr. Er war Professor und wurde auf dem Campus der Columbia University von einem Gangster überfallen. Er wollte ihm die Uhr geben, wurde aber trotzdem erschossen. Meine Skepsis gegenüber Luxus entspringt wahrscheinlich einer Mischung von Tiefstapelei und Angst.

Wer reich ist, kann sich nicht nur Luxus kaufen, sondern auch Schönheit.

Schönheit umfasst vieles: Kunst, Natur – und Ruhe … Ich kaufe mir die Schönheit des Lebens. Ich umgebe mich gern mit Schönem, wie mit dem Garten, in dem wir hier sitzen. Der Gärtner kommt einmal in der Woche und mäht den Rasen. Seit meine Frau gestorben ist, tut er das, wenn ich mal eine Woche lang keinen Besuch habe, nur für mich allein. Aber ich finde das schön – und es ist natürlich ein Luxus.

Welche Rolle spielen schöne Menschen in Ihrem Leben?

Eine ziemlich grosse. Wobei man sich sofort fragen muss, wie man da Schönheit definiert. Claudia Schiffer zum Beispiel gilt ja als eine der schönsten Frauen der Welt, aber die wäre mir zu perfekt, ein wenig zu puppenhaft. Vielleicht ist auch etwas an der Theorie dran, dass Männer Angst vor zu schönen Frauen haben. Aber es ist schon so: Ich finde eine gutaussehende Frau anziehend. Und jemand, der nicht gut aussieht, zieht mich nicht an. Das gilt für Frauen wie Männer.

Ist das ein rein äusserliches Kriterium?

Ja, man hat mir auch schon vorgeworfen, ich würde zu viel Wert auf das Äusserliche legen. Das stimmt, ich gebe es auch zu. Ich mag zum Beispiel, wenn Menschen gut angezogen sind. Ich habe einmal einen nicht eingestellt, der mit einer Lederkrawatte zum Vorstellungsgespräch erschien, ich fand, das gehe nicht. Aber eine Frau, die sich in zu eleganter Aufmachung vorstellte, hatte auch keine Chance. Das war irgendwie nicht angemessen.

Haben Sie sich durch die äussere Erscheinung auch schon täuschen lassen?

Ich habe mich relativ selten getäuscht. Mein bestes Rezept war, die Bewerber aus einer englischen Zeitung vorlesen zu lassen. Da sieht man sofort, ob einer intelligent ist, ob er überhaupt weiss, was er da liest. Dieser Test hat immer funktioniert. Aber ich stehe dazu: Das Äusserliche ist mir wichtig, weil es viel aussagt.

Und diese äusserliche Schönheit kann man kaufen.

Natürlich, ich kann mir mit Geld Schönheit kaufen. Das muss aber nicht unbedingt eine Partnerin sein, man kann sich auch mit anderem schmücken. Mit einem Schiff zum Beispiel. Das ist die beste Methode, möglichst schnell möglichst viel Geld auszugeben.

Oder man kann wie Sie Geld ausgeben für die Kunst.

Daran ist in erster Linie meine Erziehung schuld – in meinem Elternhaus verkehrten vor allem Künstler und Wissenschafter. Und dann natürlich das Aufwachsen in Amerika. In Amerika zählt man nicht, wenn man als wohlhabender Mensch nicht das Kulturleben mitträgt. Nicht nur mit Geld, sondern auch, indem man sich als Gastgeber engagiert, auf Empfängen und Parties. Das brachte ich nach Zürich und bin zuerst auf grosse Ablehnung gestossen, auch bei den Künstlern.

Wieso?

Das war verpönt. Als wir das Tonhalle-Orchester aufstocken mussten, sagte ich: Ich übernehme die Gehälter von drei neuen Orchestermusikern. Aber die lehnten das ab. Was passiert mit uns, wenn du stirbst? wollten sie wissen. Sie wollten lieber die öffentliche Hand als Geldgeber. Dass die öffentliche Hand schneller den Schirm zumachen kann als ein Privater, glaubten die nicht. Heute sind die Radioorchester zum Beispiel von der Bildfläche verschwunden.

Ist staatlich finanzierte Hochkultur ein Auslaufmodell?

Nein, ich glaube, diese Unterstützung braucht es immer. Aber die Staatsquote sollte vielleicht bei einem Drittel oder darunter liegen. Der Impuls muss schon vom Staat kommen, besonders für Sachen, die sich schwer verkaufen lassen – er muss ja auch eine erzieherische Funktion wahrnehmen. Für ein Mozart-Konzert braucht man keine Unterstützung, aber für einen Kelterborn schon. Verdi sagte zwar immer, die Qualität eines Musikstücks manifestiere sich an der Abendkasse – das kann man sagen, wenn man Verdi heisst. Aber das alles ist nicht nur eine Geldfrage.

Was kommt dazu?

Es geht auch um die Zeit, die man sich nimmt. Ich wollte den Künstlern immer ein guter Gastgeber sein. Die Begegnung mit ihnen brachte mir nicht nur Erfüllung durch schöne Musik, ich lernte die Künstler als Menschen kennen, einige wurden Freunde. Ich sagte einmal: Das Schönste am Konzert ist die Bratwurst im «Vorderen Sternen». Es ist mir unvergesslich, wie die Kellner der «Kronenhalle» für Isaac Stern am Wurststand nebenan eine Bratwurst vom Grill holten, weil er keine aus der Pfanne wollte.

Sie wollten nicht nur Künstler unterstützen, sondern Menschen kennenlernen?

Hans Mayenfisch, er war Partner in der Bank und ein bedeutender Kunstsammler, hatte die Devise: Man kauft kein Kunstwerk eines Künstlers, den man nicht persönlich kennt. Er lud die Künstler auch regelmässig zu sich zum Essen ein. Er sagte immer, das gehöre einfach dazu.

Sich Zeit zu nehmen, muss man sich auch leisten können.

Natürlich. Ich war zwei- bis dreimal in der Woche abends in der Tonhalle. Zum Teil beanspruchte das Präsidium der Tonhalle meine Zeit mehr als meine Arbeit in der Bank.

Wäre so etwas heute nicht schwieriger?

Sicher. Manche geben noch Geld, aber Zeit haben sie nicht. In der Tonhalle staune ich, wer alles nicht ins Künstlerzimmer kommt. Und wenn man jemanden bittet, ein Abendessen für einen grossen Künstler auszurichten, bekommt man oft Absagen. Früher fand der Empfang nach dem Konzert hier bei uns statt, im Sommer im Garten. Heute lädt man nicht mehr nach Hause ein.

Warum hat man weniger Zeit?

Weil alle viel stärker eingespannt sind. Und auch die Ehe hat sich verändert. Die Frauen sind anspruchsvoller. Meine Mutter fand, was ich meiner Frau zumute, hätte sie nie akzeptiert. Meine Eltern sahen sich mehrmals pro Tag. Mein Vater kam über Mittag nach Hause, um vier trafen er und seine Brüder sich mit ihren Frauen zum Tee unten in der Stadt, um sechs war er wieder zu Hause.

Das ist eine versunkene Welt.

So war das damals! Mein Onkel etwa war ein begeisterter Ruderer, das stand für ihn an erster Stelle. Er wollte aber natürlich auch wissen, was in der Bank lief. So bot er mich zum Mittagessen in den «Sternen» in Meilen auf, sprach eine Stunde mit mir, und dann ruderte er wieder zurück. Das nahm man widerspruchslos hin. Wenn der Onkel sagte: du kommst nach Meilen, dann ging man hin.

Worin unterschied sich Ihr Tagesablauf von dem Ihres Vaters?

Ich ging morgens vor sieben aus dem Haus und kam abends zurück, oder meine Frau und ich trafen uns in der Stadt zum Konzert. Tagsüber sahen wir uns nie. Dazu war ich noch pro Woche ein-, zweimal auf einer Geschäftsreise. Das würde heute eine Frau nicht mehr akzeptieren. Ich sehe das bei meinem Sohn, der übrigens auch ein viel besserer Vater ist, als ich es war, er ist für die Familie da.

Reichtum allein hätte Sie nicht glücklich gemacht?

Überhaupt nicht. Man sollte das Geld benützen, um sich Schönheit anzueignen oder Schönheit zu fördern. Und zwar auch zum Nutzen anderer Leute. Ich bin dagegen, dass man einen van Gogh kauft und im Tresor einschliesst. Man soll das Geld einsetzen! Horten ist das Schlimmste. Geld gehört gebraucht.


Hans J. Bär wurde 1927 in Zürich geboren. Er wuchs in Zürich und New York auf, absolvierte in den USA ein Ingenieur- und ein Nationalökonomiestudium und trat 1947 in die Bank Julius Bär ein, die seit 1890 im Besitz der Familie war. 1960 wurde er Partner, von 1975 bis 1993 war er Vorsitzender der Geschäftsleitung, bis 1997 auch Verwaltungsratspräsident. Von 1982 bis 1992 präsidierte er die Tonhalle-Gesellschaft Zürich. 1997 war er Gründerpräsident der Zürcher Festspiele. Mit der Gründung der Volcker-Kommission trug er wesentlich dazu bei, dass die Schweiz Ende der 1990er Jahre einen Ausweg aus der Krise der nachrichtenlosen Vermögen fand. Hans J. Bär war 48 Jahre mit Ilse Bär-Kaelin verheiratet, die 2002 starb. Er lebt in Zürich, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder. 2004 erschienen im Orell-Füssli-Verlag die vielbeachteten Memoiren Hans J. Bärs «Seid umschlungen, Millionen. Ein Leben zwischen Pearl Harbor und Ground Zero».

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.




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