NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Der Alpenstürmer

© Patrick Rohner
Softshell-Jacke, orangefarbenes Stormwall-Textil, Salewa, 259 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

Die Welt der Wanderer ist in Bewegung. Knickerbocker-Hosen und wollene Kniestrümpfe sind ja schon lange nicht mehr in der Gunst, doch nun hat’s auch die gute alte Windjacke und den gelobten Faserpelz erwischt. Die klassische Garderobe des Wandervogels wird von den modernen «Softshells» bedrängt. Softshells sind weich, dehnbar und leicht, bieten aber dennoch einen ausreichenden Wetterschutz. Sie verbinden die Vorzüge des wärmenden Faserpelzes mit der Winddichtigkeit und Wasserabstossung technischer Gewebe. Kein Wunder, dass diese neuen Jacken in der Sport- und Freizeitmode der grosse Renner sind.

Die «Culter» aus der Kollektion von Salewa zeigt, was ein Softshell-Produkt können muss: Die Jacke ist relativ körpernah geschnitten, engt aber dennoch nicht ein. Ist es beim Aufstieg frisch, wärmt das aufgerauhte Innenmaterial; wenn es mal feucht wird, bleibt die Aussenseite zuverlässig trocken. Und bläst oben auf dem Berg ein kühler Wind, schützt das leuchtend orange Kleidungsstück aus dem Stormwall-Textil den Körper vor Auskühlung. Sollte es gar richtig schütten, kann der Wanderer aus dem doppelten Kragen eine wasserabweisende Notkapuze zaubern.

Für die Münchner Salewa, die 1935 von Josef Liebhart in einem Hinterhof gegründet wurde und deren Name eine Abkürzung aus Sattler- und Leder-Waren ist, sind die Softshells derzeit am wichtigsten. Nicht weniger als die Marktführerschaft strebt die Firma an, die ursprünglich Ledertreibriemen, Pferdegeschirre, Rucksäcke und Skistöcke, seit über fünfzig Jahren aber auch Profimaterial für den Bergsport herstellt. Für hartgesottene Alpenstürmer gibt es die Alpine-Xtrem-Kollektion mit dem Polartec Powershield, für ambitionierte Amateure die Modelle aus dem etwas preisgünstigeren Stormwall-Material.

Verarbeitet wird das Material mit einem bombenfesten, mehrfädigen Overlockstich, der auch dann nicht reisst, wenn der Alpinist nur noch am Jackensaum am Haken hängt. Die über siebzig Einzelteile der in Rumänien gefertigten Jacke sind teilweise sogar miteinander verschweisst. Der eigentliche Clou sind aber die langen Reissverschlüsse an den Ärmeln und am Rumpf. Wer sie öffnet, findet nicht nur grosszügige Taschen aus doppeltem Netz-Vlies, er setzt auch die eingebaute Klimaanlage in Betrieb: durch diese Öffnungen kann man den schwitzenden Leib stufenlos ventilieren.

Kompromisslos ist nicht nur die Funktionalität der Jacke, sondern auch ihr Schnitt: die einzelnen Teile der Culter, die in den Grössen XS bis XXXL erhältlich ist, entsprechen kaum noch den traditionellen Formen der Jacken- oder Mantelschneiderei. Der Ärmel hat Merkmale von Raglanärmeln und klassischer Kugel, ein atmungsaktiver Spickel unter der Achsel sorgt für Lüftung und Bewegungsfreiheit. Die kontrastierenden Seitenteile sind im Rücken bis unter das Schulterblatt gezogen und laufen vorne am Saum spitz aus. Seilzüge in Saum und Kragen ermöglichen es, die Jacke fast winddicht zu schliessen, und kleine Kunststofflaschen an den Enden der Reissverschlüsse verhindern, dass auch nur ein Tropfen Wasser eintritt.




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