KRIEGE SIND TEUER, Siege den Kampf manchmal nicht wert. Und immer sind Unschuldige betroffen. Die christliche Gesellschaft beurteilt jeden Krieg danach, ob es mehr kostet, ihn zu führen oder ihn zu lassen. Auch stellen wir die Frage, ob das Unterfangen eine gerechte Sache zum Ziel hat und ob dieses Ziel die Mittel rechtfertigt.
Eine Gesellschaft von Drogen zu befreien, die berauschen und abhängig machen, ist eine gute Sache. Aber der Preis des Drogenkrieges ist, gemessen an den erzielten Resultaten, zu hoch. Denn die von den westlichen Staaten verfolgte Strategie - Verbot des Handels mit Kokain, Heroin und anderen Betäubungsmitteln bei gleichzeitig milden Strafen für die Konsumenten - kann unmöglich zum Sieg führen. Hingegen fügen die zur Drogenbekämpfung eingesetzten Mittel vielen Unbeteiligten Schaden zu; und weil dieser Kampf kein Ende nimmt, ist dieser Schaden zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden.
Das heisst nicht, dass Drogenkriege grundsätzlich nicht gewonnen werden können. In Singapur und Malaysia waren Betäubungsmittel früher weit verbreitet. Heute sind diese Länder praktisch drogenfrei - seit der Einführung drakonischer Strafen: Auf den Besitz von mehr als einem Gramm steht die Todesstrafe, auf kleinere Mengen Zwangsarbeit und Prügelstrafe. Nur um diesen hohen Preis war die Schlacht zu gewinnen.
Unser Drogenkrieg dagegen führt nicht zum Sieg. Nur wenige westliche Staatschefs - wenn überhaupt welche - wären bereit, die harten Strafen für Konsumenten in Betracht zu ziehen, die in Malaysia und Singapur die Drogennachfrage zerschlagen haben. Die Strategie unserer Regierungen ist, die Drogeneinfuhr aus Asien, Afrika und Lateinamerika zu bekämpfen, während sie den Süchtigen mit relativ leichten Strafen und mit Therapien begegnen.
Es ist leicht zu sehen, warum diese Strategie die Betäubungsmittel nicht aus unserer Gesellschaft zu verbannen vermag. Selbst wenn wie durch Zauberhand jedes Kokablatt und jede Mohnkapsel auf der Welt zerstört würde, nähme das Bedürfnis mancher Leute nach chemisch veränderten Gemütszuständen nicht ab. Es würden einfach vermehrt synthetische Drogen konsumiert. Kokainkonsumenten könnten zudem versuchen, was die Marihuanaraucher in den achtziger Jahren taten: neue, kräftigere Sorten der Pflanze zu züchten, die sich als Zimmerpflanzen zu Hause kultivieren lassen.
Kurz gesagt, der Feind ist nicht irgendein zwielichtiger kolumbianischer Drogenbaron, sondern eine bestimmte Haltung unseres Nachbarn: eine zunehmend verbreitete Haltung, die verschiedene Ursachen hat - unter anderem sind Religiosität, familiärer Zusammenhalt, das Bewusstsein der persönlichen Verantwortung im Schwinden begriffen -, Ursachen, die allesamt nichts mit der Drogenpolitik unserer Regierungen zu tun haben. Aber auch der Kampf gegen den Handel hat sein Ziel gänzlich verfehlt: In den letzten fünfzehn Jahren sind in den USA die Preise für Kokain und Heroin auf einen Zehntel gesunken. Kokain und andere Drogen sind für jeden, der sie möchte, leicht zugänglich.
Auch in Zukunft - denn ein Ende dieses Zustands ist nicht absehbar - werden gewalttätige Dealer dank dem Drogenverbot Milliarden scheffeln, und manche unter uns stehlen und töten, um sich Drogen kaufen zu können. Zudem können wir davon ausgehen, dass die Regierungsbehörden mit der Begründung, man wolle den Drogenhändlern das Leben schwer machen, zunehmend alle als Feinde behandeln, mit denen sie in Berührung kommen. Mit anderen Worten: ganz normale Bürger geraten ins Kreuzfeuer zweier Kriegsparteien.
Man braucht nur an die Militarisierung der amerikanischen Polizei zu denken. Im Staate Kentucky wurden vor kurzem 300 bewaffnete Helikopter für die Suche nach Marihuanaplantagen eingesetzt. In den ländlichen Gegenden Kaliforniens ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Polizeihelikopter auf Bauern hinunterstechen, weil ein Fleck ihres Bodens aus der Luft in einem verdächtigen Grünton erscheint. Auf der Interstate Route 95, der wichtigsten Autobahn entlang der atlantischen Küste, durchsucht die Polizei täglich etwa 1000 Autos auf Drogen. Nur ein winziger Prozentsatz dieser Fahrzeuge führt auch welche mit sich, aber alle Fahrzeuglenker werden wie Kriminelle behandelt. Polizisten dringen heutzutage ohne Voranmeldung in Privathaushalte ein, indem sie, mit gezogener Waffe, Türen aufbrechen. Würden sie anders vorgehen, könnten Verdächtige die Drogen die Toilette hinunterspülen oder zum Gegenschlag ausholen. Diese Praxis hat den richterlichen Durchsuchungsbefehl in einen Freipass für militärische Überfälle verwandelt.
Der Drogenkrieg hat ausserdem eine gänzlich neue Praxis zur Durchsetzung amerikanischen Rechts hervorgebracht - die zivilrechtliche Konfiszierung. Das Prinzip ist einfach: Die Polizei hat das Recht, jeden Gegenstand - sei es ein Auto, ein Flugzeug, ein Haus oder auch Bargeld - zu konfiszieren, der bei der Verübung eines Verbrechens verwendet wurde. Dafür ist keine Verurteilung nötig, ein hinreichender Verdacht genügt. Und dann ist es am Verdächtigten, das Gegenteil zu beweisen. Diese Praxis begann damit, dass die Gerichte den Gesetzeshütern Besitztümer zusprachen, die sie von Drogenhändlern beschlagnahmt hatten. Die Polizei verkaufte die Sachen und benutzte den Erlös zur Aufbesserung ihres Budgets. Inzwischen haben Gesetze diesen Besitztransfer zu einer der wichtigsten Waffen im Kampf gegen die Drogen gemacht. Verständlicherweise vergiesst niemand Tränen für die Drogenhändler. Doch seit 1980 hat sich die Menge des Eigentums, das auf diese Art behändigt wird, verzwanzigfacht. Und vier Fünftel der Leute, denen man die Sachen wegnahm, wurden nie irgendeines Verbrechens angeklagt - schon gar nicht eines Drogendelikts. Natürlich wurde auch niemand von ihnen verurteilt. Die zivilrechtliche Konfiszierung hat die Ordnungskräfte, ähnlich wie früher die privaten Steuereintreiber, rasch korrumpiert.
Den vielleicht unerhörtesten Missbrauch begeht die Polizei von Volusia County in Florida: Sie hält routinemässig Autos auf, filzt die Insassen, verhaftet jene, die viel Bargeld auf sich tragen, als Dealer und nimmt ihnen ihr ganzes Geld ab. Anschliessend erklärt sich die Polizei bereit, dem Verhafteten den Grossteil seines Geldes zurückzugeben, wenn er sich mit seiner Unterschrift verpflichtet, keine Anklage zu erheben. Der blutigste Missbrauch fand 1992 in Malibu, Kalifornien, statt. Ein schwer bewaffnetes Überfallkommando der Polizei stürmte das Haus von Donald Scott und überraschte ihn und seine Frau im Schlaf. Die Frau schrie um Hilfe, während Scott zu einer Waffe griff. Die Polizei erschoss ihn. Sie behauptete, von einem Informanten erfahren zu haben, auf Scotts Land werde Marihuana angepflanzt. Doch man fand keines. Drogen waren, wie sich herausstellte, nur der Vorwand für die Aktion gewesen: Das Los Angeles County Sheriff Department war an einer Sitzung übereingekommen, dass die Konfiszierung von Scotts Besitz wünschenswert wäre.
Die Polizeibehörden erweitern den Anwendungsbereich der zivilrechtlichen Konfiszierung kontinuierlich. Beliebt ist der Bereich der Umweltgesetze. Wird jemand der Gesetzesverletzung angeklagt, beschlagnahmen Umweltschutzbeamte oft gleich seinen Lastwagen oder Traktor - Fahrzeuge, auf die der Landeigentümer für seinen Lebensunterhalt angewiesen ist. Und da die Beamten das Gerichtsverfahren, durch das er vielleicht wieder zu seinem Besitz käme, beliebig in die Länge ziehen können, sind sie in der Lage, den Besitzer zur Unterzeichnung jedwelcher Einverständniserklärungen zu bewegen. Die Praxis der Konfiszierung erlaubt es den Beamten, anzuklagen, zu richten und zu bestrafen, wen immer sie möchten - und dann die Bürger davon abzuhalten, ihre mageren gerichtlichen Möglichkeiten gegen die Regierung auszuschöpfen.
Der Polizeiapparat steckt Drogendealer ins Gefängnis und benutzt seine Drogenkriegswaffen zur Durchsetzung wuchernder Regierungsbestimmungen. Seiner Aufgabe, die Gesellschaft vor normalen Verbrechen zu schützen, kommt er dabei immer schlechter nach. In den USA ist die Zahl der Morde, die zumindest so weit aufgeklärt werden, dass jemand angeklagt wird, innerhalb einer Generation von 95 Prozent auf etwa 65 Prozent gesunken. Die Aufklärungsrate für bewaffnete Überfälle liegt zwischen einem Drittel und einem Viertel, und Einbrecher haben nur ein verschwindend kleines Risiko, geschnappt zu werden. Und wenn sie doch verurteilt werden, sitzen sie selten ihre ganze Strafe ab, weil die Gefängnisse überfüllt sind mit Drogenhändlern.
All dies führt uns zur Frage: Wäre die Gesellschaft so viel schlechter dran ohne den Drogenkrieg? Gewiss, die vollständige Legalisierung von Betäubungsmitteln hätte darwinistische Zustände zur Folge: Die moralisch Schwachen, die der Versuchung der Drogen nicht widerstehen können, würden sich selbst zerstören. Wobei es unmöglich ist vorherzusehen, ob die Zahl der Drogensüchtigen im Vergleich mit heute deutlich ansteigen würde. Dafür ist leicht vorhersehbar, dass die moralisch Starken nur davon profitieren würden, von den Kosten eines Krieges ohne Sieg und ohne Ende befreit zu werden.
Angelo M. Codevilla ist Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien.