NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

E-Mail aus dem Cyberspace -- Ein Volk von Druckern

Von Franz Zauner

ES WAR EINMAL ein User, der setzte sich mit einem Liedchen auf den Lippen zum Knöpfchendrücken hin, so wie das User eben tun. Plötzlich hielt er inne, sah sich um, zuerst neben, dann unter dem Computertisch, schliesslich im Zimmer, Stockwerk, Haus. Doch unter dem Tisch war er nicht, und im Schrank war er nicht, weder in der Abstellkammer noch sonst irgendwo. Der User fühlte den Schmerz, und er tat einen gewaltigen Schrei: Wo ist der Drucker, wo?

Die Erde hat den Mond, der Computer den Drucker. Sie sind ein Paar, so wie Herz und Seele ein Paar sind, oder Pech und Schwefel. Wird das Unzertrennliche getrennt, sind Tragödien unvermeidlich. Kann sich noch jemand an die Vision vom papierlosen Büro erinnern? Es war eine Erfindung des Stanford-Professors John McCarthy, aber seine auf Magnetband gespeicherten Aufzeichnungen wurden ein Raub der Innovationszyklen. Mit einem ordentlichen Drucker wäre das nicht passiert. Doch das ist ein Argument, wir aber reden von Reiz und Zauber, von der Lust am Gedruckten.

Es wird ja gedruckt, als ginge es um den Olymp. Kaum liegt ein Brief auf des Users Hand, ist er auch schon Makulatur. Einmal passt die Randbreite nicht, dann stört die Schriftgrösse, und zum Schluss entdeckt man auch noch einen winzigen Druckfehler. Drei, vier Versuche müssen für so ein Briefprojekt schon veranschlagt werden, zur Freude der Holzfäller.

Computer sind ein Segen, wenn man ein Interesse an steigendem Papierverbrauch hat. Selbst Herr Gutenberg würde ungläubig die Stirn runzeln, könnte er die Zeugnisse des Fleisses seiner Erben sehen: 1,5 Billionen Seiten pro Jahr quellen allein in den USA aus den Büros, und die volkseigene Expertise merkt man auch ganz ohne Zahlen: Beherzte Gespräche über Dikten und Durchschuss, Times versus Verdana oder Laser contra Tintenstrahl sind jederzeit möglich, Anekdoten über Drucker-Voodoo und Paperjam an jedem Stammtisch salonfähig.

Wir sind ein Volk von Druckern. Da können Groupware-, Dokumentenmanagement- und Archivierungssysteme noch so gut funktionieren: Es liegt ein Glanz im Auge der Leute, wenn sich ihr Werk im Druck materialisiert. Aus diesem Do-it-yourself-Paradies, das gleich neben der Zentraleinheit der Dienstleistungsgesellschaft blüht, lassen sie sich einfach nicht vertreiben. Radikale Firmenleiter haben es immer wieder versucht, und wenn sie nicht gestorben sind, dann wissen sie noch heute: Wem Papier offiziell verboten wird, der bedruckt es heimlich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.