NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Winnetou stirbt

Von Karl May

Ich erhielt einen Messerstich in die Schulter, aber das fühlte ich gar nicht. Zwei der Wilden fielen von den Schüssen Freds, und den Dritten schlug ich noch nieder. Mittlerweile kamen immer mehrere der Unsrigen herab; ihnen konnte ich die Indsmen überlassen. Ich wandte mich zu Winnetou und kniete neben ihm am Boden nieder. «Wo ist mein Bruder getroffen?» fragte ich.

«Ntságe tche – hier in der Brust», antwortete er leise, die Linke auf die rechte Seite der Brust legend, welche sich von seinem Blute rötete. Ich riss das Messer heraus und schnitt ihm die Santillodecke, welche sich heraufgeschoben hatte, kurzweg herunter. Ja, die Kugel war ihm in die Lunge gedrungen. Mich erfasste ein Schmerz, wie ich ihn in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte. «Noch wird Hoffnung sein, mein Bruder», tröstete ich. «Mein Freund lege mich in seinen Schoss, dass ich den Kampf erkenne!» bat er.

Ich tat es, und nun konnte er sehen, dass alle Indsmen, sobald sie sich in der Spalte sehen liessen, sofort der Reihe nach in Empfang genommen wurden. Unsere Leute kamen nach und nach alle herab. Die Gefangenen wurden von den Fesseln befreit und erhoben laute Rufe der Freude und Dankbarkeit. Ich beachtete das alles nicht; ich sah nur den sterbenden Freund, dessen Wunde aufhörte zu bluten. Ich ahnte, dass er sich innerlich verbluten werde.

«Hat mein Bruder noch einen Wunsch?» fragte ich ihn. Er hatte die Augen geschlossen und antwortete nicht; ich aber hielt seinen Kopf in meinen Armen und wagte nicht die geringste Bewegung. Der alte Hillmann und die anderen von ihren Banden befreiten Settlers griffen nach den umherliegenden Waffen und drangen in die Spalte ein. Auch das beachtete ich nicht, denn mein Blick hing nur an den bronzenen Zügen und geschlossenen Lidern des Apachen. Später trat Walker zu mir, welcher auch blutete, und meldete: «Sie sind alle ausgelöscht!»

«Dieser wird auch auslöschen!» antwortete ich. «Sie alle sind nichts gegen diesen Einen!» Noch immer lag der Apache bewegungslos. Die braven Railroaders, welche sich so gut gehalten hatten, und die Settlers mit den Ihrigen bildeten um uns einen stummen, tief ergriffenen Kreis. Da endlich schlug Winnetou die Augen auf.

«Hat mein guter Bruder noch einen Wunsch?» wiederholte ich. Er nickte und sagte leise: «Mein Bruder Schar-Iih führe diese Männer in die Gros-Ventre-Berge. Am Metsur-Flüsschen liegen solche Steine, wie sie suchen. Sie haben es verdient!»

«Was noch, Winnetou?»

«Mein Bruder vergesse den Apachen nicht. Er bete für ihn zum grossen, guten Manitou! Können diese Gefangenen mit ihren wunden Gliedern klettern?»

«Ja», antwortete ich, obgleich ich sah, wie die Hände und Füsse der Settlers unter den schneidenden Fesseln gelitten hatten. «Winnetou bittet sie, ihm das Lied von der Königin des Himmels zu singen!»

Sie hörten diese Worte. Ohne erst meine Bitte abzuwarten, winkte der alte Hillmann. Sie erklimmten einen Felsenabsatz, der zu Häupten Winnetous hervorragte, um den letzten Wunsch des Sterbenden zu erfüllen. Seine Augen folgten ihnen und schlossen sich dann, als sie oben standen. Er ergriff meine beiden Hände und hörte nun das Ave Maria beginnen:

«Es will das Licht des Tages scheiden;
Nun bricht die stille Nacht herein.
Ach, könnte doch des Herzens Leiden
So wie der Tag vergangen sein!
Ich leg’ mein Flehen dir zu Füssen;
O trag’s empor zu Gottes Thron,
Und lass, Madonna, lass dich grüssen
Mit des Gebetes frommem Ton: Ave, ave Maria!»

Als nun die zweite Strophe begann, öffneten sich lang sam seine Augen und richteten sich mit mildem, lächelndem Ausdrucke zu den Sternen empor. Man sang.

«Es will das Licht des Glaubens scheiden;
Nun bricht des Zweifels Nacht herein.
Das Gottvertraun der Jugendzeiten,
Es soll uns abgestohlen sein.
Erhalt, Madonna, mir im Alter
Des Glaubens frohe Zuversicht.
Schütz meine Harfe, meinen Psalter.
Du bist mein Heil; du bist mein Licht!
Ave, ave Maria!»

Nun zog Winnetou meine Hände an seine verwundete Brust und flüsterte: «Schar-Iih, nicht wahr, nun kommen die Worte vom Sterben?» Ich konnte nicht sprechen. Ich nickte weinend, und die dritte Strophe begann:

«Es will das Licht des Lebens scheiden;
Nun bricht des Todes Nacht herein.
Die Seele will die Schwingen breiten;
Es muss, es muss gestorben sein.
Madonna, ach, in deine Hände
Leg ich mein letztes, heisses Flehn:
Erbitte mir ein gläubig Ende
Und dann ein selig Auferstehn! Ave, ave Maria!»

Als der letzte Ton verklungen war, wollte er sprechen – es ging nicht mehr. Ich brachte mein Ohr ganz nahe an seinen Mund, und mit der letzten Anstrengung der schwindenden Kräfte flüsterte er: «Schar-Iih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!»

Es ging ein konvulsivisches Zittern durch seinen Körper; ein Blutstrom quoll aus seinem Munde; der Häuptling der Apachen drückte nochmals meine Hände und streckte seine Glieder. Dann lösten sich seine Finger langsam von den meinigen – er war tot!



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