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Sashimi mit Graf Sandwich
© Hanspeter Künzler, London.
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| Graf Sandwich, John Edward Hollister Montagu. |
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John Edward Hollister Montagu ist der 11. Earl of Sandwich. Er erzählt, wie es wirklich war, als sein Vorfahr das Sandwich erfand.
Von Hanspeter Künzler
Das Sandwich ist perfekt für den modernen Zeitgeist. Es kann Vitamine enthalten, versetzt keinen Herzspezialisten in Alarmstimmung, und selbst der Zahnarzt wird ohne Zögern die Version mit Käse und frischem Apfel empfehlen. Ein Sandwich allein macht nicht dick, aber ein Ploughman’s (Stilton- oder Cheddar-Käse, Pickle und ein Salatblatt) stillt jeden Hunger. Vor allem ist es das zwingende Accessoire für den Geschäftsmann, der Stress als Statussymbol erachtet: Handy in der Linken, Sandwich in der Rechten und in der Mitte ein ausführliches Klönen über die vielen E-Mails.
Der heutige Graf Sandwich, Nachfahre jenes Mannes, der dieser Schnellverpflegung den Namen gab, heisst ausserdem Viscount Hinchingbrooke (nach dem einstigen Familiensitz), Baron Montagu von St. Neots (nach einem Dorf bei Hinchingbrooke House), John Edward Hollister Montagu (der bürgerliche Name) – oder einfach John. Er ist der 11. Earl of Sandwich, seit König Charles II seinem Vorfahren, dem Admiral Edward Montagu, im Juli 1660 gleich drei Ehrentitel verpasste. Der König tat es aus Dankbarkeit dafür, dass dieser die Flotte kommandiert hatte, die ihn aus dem Exil zurückbrachte.
Die Reise über den Ärmelkanal markierte das Ende von Cromwells kurzlebiger englischer Republik und eine Rückkehr zu den alten monarchistischen und anglikanischen Werten. Montagu durfte auswählen, ob er sich Earl of Sandwich oder Earl of Portsmouth nennen wollte. Die Wahl sei aus sentimentalen Gründen auf Sandwich gefallen: Vor der schicksalhaften Fahrt war er vor dem Städtchen Sandwich vor Anker gelegen. «Ein Roastbeef-Portsmouth», witzelt der heutige Graf Sandwich trocken, «das hätte doch irgendwie nicht richtig getönt, oder?»
Sandwiches stehen heute allerdings nicht auf der Speisekarte. Der lange Graf mit dem abwesenden Himmelwärtsblick hat zum Lunch «etwas Leichtes» gewünscht, und so findet das Rendez-vous in einem japanischen Restaurant an der Themse statt. Der Graf bestellt «Sashimi Special» mit Kammmuscheln, Crevetten, Lachs und Zahnbrasse. «Seit meiner ersten Reise nach Japan fühle ich eine spezielle Beziehung zu diesem Land», erklärt er. «Ich verbrachte mehrere Wochen dort, gab Englischunterricht und schrieb Zeitungsartikel. Dabei ging mir auf, dass die japanische Restauranttradition viel weiter entwickelt war als unsere. Das Essen war auch eine visuelle Freude. Alle Restaurants hatten wunderbar ausstaffierte Schaufenster, auch die billigen. Zurück in London, war ich beseelt vom Gedanken, ein japanisches Restaurant zu eröffnen. Erst an einem Ort konnte man damals halbwegs japanisch essen – bei einem Chinesen namens ‹The Asiatique› am Leicester Square. Mit meinem Restaurant sollte sich London eine ganz neue Welt auftun. Solche Träume hat man halt als 19-Jähriger.»
Wie war das nun mit der Erfindung des Sandwiches? Im Internet kursieren merkwürdige Versionen der Geschichte, zum Beispiel auf der Website www.wordsources.info. Die Erfindung des Sandwiches gehe auf die Spielsucht des 4. Earl of Sandwich zurück, heisst es dort. Er habe sich in seiner Spielrunde selbst vom Hunger nicht unterbrechen lassen wollen, so sei er auf die Idee verfallen, das Steak zwischen zwei Brotscheiben zu klemmen, um nur eine Hand zum Essen gebrauchen zu müssen.
Dieser John Montagu sei im privaten wie auch im öffentlichen Leben ein äusserst unmoralischer Mensch gewesen, ist dort zu lesen. Als Marineminister inkompetent und korrupt, habe er zum Erfolg der amerikanischen Revolution beigetragen. Ausserdem soll er Mitglied einer Satanistengruppe gewesen sein, die sich einen Sport daraus machte, Jungfrauen zu verderben. «Der vierte Sandwich», folgert die Website, «war der meistgehasste Mann in England.» Die Wahrheit, so Sandwich der Elfte, sehe ganz anders aus. «Liest man zeitgenössische Dokumente», sagt er, «wird klar, dass der Earl of Sandwich ausserordentlich hart arbeitete.»
Er neige zur Annahme, dass sein Vorfahr die freie Hand nicht zum Spielen, sondern zum Unterschreiben von Dokumenten brauchte, sagt der 11. Earl of Sandwich. «Ich verstehe ihn gut. Mir geht es genauso. Ich komme selten zu einem richtigen Lunch mit Teller und Gedeck.» Tatsache ist, dass der Autor Edward Gibbons den Grafen von Sandwich im November 1762 in einer Kneipe beobachtete, wie er beim Kartenspiel ein zwischen zwei Brotscheiben geklemmtes Roastbeef vertilgte, und daraus in seiner Beschreibung ein orgiastisches Gelage machte. Vermutet wird, dass es darauf Mode wurde, ein belegtes Brot «im Stil von Sandwich» zu bestellen. Tatsache ist, dass Jane Austen das Wort Sandwich, wie bei Eigennamen im Englischen üblich, auch Jahrzehnte später noch gross schrieb – das Sandwich und der Graf Sandwich standen für sie offenbar in einem direkten Zusammenhang.
Der englische Gentleman des frühen 18. Jahrhunderts entsprach nicht dem heutigen Bild von Schirm, Charme und Monty Python. Das Wort «Gentleman» war ein Euphemismus für die Söhne reicher Häuser, deren Tag aus Spiel, Jagd und Beischlaf bestand. Bildung gebührte sich nicht für einen Edelmann. Aber Sandwich pfiff auf die Konventionen. Als er zwanzig war, rüstete er ein Schiff aus und erforschte das Mittelmeer. Von da an löste sein breites Wissen Misstrauen aus, besonders in jenen Zeiten, in denen er einen seiner vielen Regierungsposten innehatte. Es gibt keine Dokumente, die belegen würden, dass Sandwich korrupt war. Hingegen liegen viele Briefe von erzürnten Adligen vor, die sich beschwerten, weil der Graf die Gesetze der Vetternwirtschaft ignorierte und Ämter an die Besten vergab.
Sein Verhalten während der amerikanischen Rebellion war eher unglücklich: Amerika war den Engländern weniger wichtig als die Franzosen und Spanier, mit denen man ebenfalls Scherereien hatte. Aber Sandwich sorgte dafür, dass die Karibikinseln und Indien dem Imperium erhalten blieben, und finanzierte die Expedition von Captain Cook, die Gewissheit über die Existenz von Australien brachte. Mit dem schlechten Ruf von Sandwich begann es fünfzig Jahre später. Für die viktorianischen Historiker war er der ideale Sündenbock. Es war ein Leichtes, ihm nebst dem Vorwurf, Amerika verspielt zu haben, auch noch all die Laster anzuhängen, die die prüden Viktorianer unterbinden wollten, nämlich Wein, Weib und Gesang.
Das Sashimi schmeckt John Montagu. Übrigens hat er das gleiche Internat besucht wie schon der vierte Sandwich: Eton. Geschickt richtet er sich eine Stäbchenladung Salat zurecht. Nächste Woche fliege er nach Nepal, sagt er. Drei Abgeordnete aus dem Oberhaus sollen eruieren, was man zur Lösung des dortigen Konflikts beitragen könne. In Nepal war Montagu 1962 während der besagten Studentenreise, die in Japan endete, auch schon vorbeigekommen, genauso wie in Indien und Vietnam.
Und überallhin folgte ihm das Sandwich-Erbe: «Die Hotels wollten sich eine internationale Aura geben und servierten Tee, wie man ihn in den 1930er Jahren serviert hatte, mit Sandwiches aus staubtrockenem weissem Brot mit etwas Margarine und einer Gurkenscheibe dazwischen.»
Nach Südafrika verschlug es ihn damals auch, nicht freiwillig. Der Vater habe ihn dorthingeschickt in der Hoffnung, er werde in der Tabakindustrie unterkommen. «Eines Tages war ich bei einer Familie eingeladen. Ein Stück Kuchen fiel zu Boden. Die Europäer trugen Schuhe, der Boy – ein älterer Herr – war barfuss. Ich durfte den Kuchen nicht aufheben. Der Boden sei dreckig. Nicht wegen ihrer Schuhe, sondern weil der Boy durch den Raum gegangen war! So etwas vergisst man nie.» Sandwich der Elfte und sein Vater, Sandwich der Zehnte, hatten nicht die gleiche Wellenlänge. Der Vater war ein konservativer Karrierepolitiker. Als er 1962 den Grafentitel erbte, legte er ihn umgehend ab – als Earl hätte er im gesitteten Oberhaus sitzen müssen, statt ins handfeste Tun im Unterhaus eingreifen zu können. «Meinem Vater war die Geschichte egal», sagt Sandwich der Elfte, der den Titel nach dem Tod seines Vaters wiederaufnahm. «Das half mir. Ich war immer auf der Suche nach Dingen, für die er sich nicht interessierte, damit ich mich dafür interessieren konnte.»
Es wird dem Vater wenig gepasst haben, dass sich der Sohn als Herausgeber von Büchern über die Probleme der Dritten Welt einen Namen machte. Heute gehört er dem Vorstand der Organisation Anti-Slavery International an und ist einer der eifrigsten Abgeordneten im Oberhaus, wo er zur Fraktion der Parteilosen zählt. Seine restliche Zeit gehört Familie, Hund und Garten im heutigen Familiensitz, Mapperton House bei Beaminster, Dorset.
«O nein, auf die Idee, ein Sandwichgeschäft aufzubauen, wäre ich im Leben nie gekommen», sagt er. Die Sandwichrevolution der letzten Jahre gefällt ihm aber. «Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn, dem es gelungen ist, einen Beitrag zu dieser Entwicklung zu leisten.» Es begann damit, dass sein zweitgeborener Sohn, Orlando, telefonische Bestellungen per Velokurier erfüllte, selbst wenn es bloss zwei Studenten im Park waren, die zwischen dem Turteln Lust auf ein Brötchen hatten.
Heute sind die Eingeklemmten des Earl of Sandwich in der gehobenen Ladenkette Waitrose zu haben. Der grosse Coup ist Orlando Montagu aber in den USA gelungen: Ausgerechnet im Fastfoodparadies Disneyland hat er den ersten Earl-of-Sandwich-Pavillon eingerichtet. Die Rache der Sandwiches beginnt – Amerika wird wieder englisch.
Der Graf muss zurück über die Westminster Bridge, um seinen Sitz im House of Lords einzunehmen. Er bemühe sich, das Gebet nicht zu verpassen, mit dem dort der Nachmittag beginne, sagt er: «Es diszipliniert einen, immer zur gleichen Zeit da zu sein. Das hilft dem Kopf, sich auf die Arbeit einzustellen.»
Hanspeter Künzler ist freier Journalist; er lebt in London.
Graf Sandwich , bürgerlich John Edward Hollister Montagu, ist der 11 . Earl of Sandwich. Geboren 1943 in London, lebt er mit seiner Frau Caroline Hayman in der Grafschaft Dorset. Zu seinem Landsitz gehören eine Kirche, Stallungen und Gärten, die auch öffentlich zugänglich sind (
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