NZZ Folio 09/05 - Thema: Krankenkassen   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Die Kuh des kleinen Mannes

Die Ziege ist genügsam, anpassungsfähig und ein prima Futterverwerter. Das perfekte Haustier war auch eines der ersten: Seit 10 000 Jahren schon lauscht der Mensch dem Meckern.

Von Herbert Cerutti

Gäbe es die Ziegen nicht, die Natur müsste sie erfinden. Denn kein anderes Haustier bringt den Menschen mit so wenig Aufwand so viel Nutzen. Ziegen brauchen weder teures Kraftfutter noch komfortable Ställe. Sie bringen dem Halter einen jährlichen Ertrag, der weit über dem Tierwert liegen kann – während etwa eine Kuh pro Jahr nur einen Viertel ihres Marktwerts liefert.

Die grosse Anpassungsfähigkeit der Ziege, ihre Genügsamkeit und die gute Futterverwertung machen sie vielerorts in der Dritten Welt zum dominierenden Träger der Grundversorgung. 95 Prozent der weltweit rund 800 Millionen Hausziegen werden in Entwicklungsländern gehalten. Grosse Ziegenbestände finden sich nördlich und südlich der Sahara, in den regenarmen Gebieten Vorderasiens und Indiens, in den Gebirgsregionen Chinas, in den Trockengebieten Mittelamerikas und Brasiliens sowie im Andenhochland.

In niederschlagsarmen Gebieten ist die «Kuh des kleinen Mannes» oft die einzige Existenzgrundlage. Sie garantiert ein Mindestmass an Fleisch und Milch – nicht zuletzt auch dort, wo aus religiösen Gründen Rinder oder Schweine nicht konsumiert werden dürfen.

Die Ziege ist durchaus wählerisch und prüft mit Nase und Zunge, was sie frisst. Da sie aber im Gegensatz zu Rind und Schaf stark aromatische und salzhaltige Kräuter, an Zellulose reiche Pflanzen der Halbwüsten und felsigen Berglagen sowie das Laub von Bäumen und Büschen verdauen kann, überlebt sie auch an Orten, wo andere Haustiere verhungern müssten.

Zusammen mit dem Schaf gehört die Ziege zu den ältesten Haustieren. Die Hausziege stammt von der Wildziege der Gattung Capra ab. Dazu gehört die Bezoarziege, die heute noch in den Bergregionen Klein- und Vorderasiens, von der Ägäis bis nach Pakistan, vorkommt; die Schraubenhornziege, die in den Gebirgen von Afghanistan bis nach Kaschmir und Usbekistan lebt; sowie die Steinböcke in den Hochgebirgen Europas und Zentralasiens und in den Bergregionen von Äthiopien bis zur Arabischen Halbinsel. Die enge genetische Verwandtschaft der Ziegenarten zeigt sich etwa darin, dass sich auf unseren Alpen zuweilen Hausziegen mit Steinböcken paaren und Bastarde zeugen.

Im Zeichen des Halbmonds

Wichtigste Vorfahrin der Hausziege dürfte die Bezoarziege sein. So treten bei der Hausziege vorwiegend die für diese Wild ziege typischen säbelförmigen Hörner mit scharfer Vorderkante auf. Auch stammen die ältesten Nachweise für die Domestizierung der Ziege aus dem vorderasiatischen Steppengebiet, der traditionellen Heimat der Bezoarziege. Dort, im Land des Fruchtbaren Halbmonds, das sich von Israel und Jordanien bis zum Irak und nach Iran erstreckt, liegt vermutlich auch die Wiege des sesshaften Landlebens, mit Getreideanbau und Haustierzucht.

Funde von Ziegenknochen in den prähistorischen Wohnstätten belegen für die Zeit vor 10 000 Jahren einen markanten Wandel: Stammen die älteren Knochen von Wildziegen, die auf der Jagd erlegt wurden, sind die neueren Knochen deutlich kleiner, wie sie für die Haustierzucht typisch sind. Grund für das Kleinerwerden der gezüchteten Tiere waren eine oftmals wenig artgerechte Ernährung sowie die Einschränkung der Partnerwahl: Während in der Natur nur die kräftigsten Böcke zum Zug kamen, haben die frühen Züchter schwache und damit pflegeleichte Tiere bevorzugt.

Anfangs wurden Hausziegen hauptsächlich zur Fleischerzeugung genutzt. So stammen die Ziegenknochen aus den frühneolithischen Siedlungen in Iran meist von Jungtieren, die man im zarten Alter von zwei Jahren schlachtete. Ein Rollsiegel aus Susa aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend zeigt das Melken einer Ziege. Babylonische Kaufverträge belegen das Scheren der Ziegen und den Verkauf von Ziegenhaaren. Vermutlich von Palästina aus wurde die Hausziege zusammen mit der Landwirtschaft vor 7000 Jahren in Ägypten eingeführt.

In Europa gab es ebenfalls bereits zu frühgeschichtlichen Zeiten eine umfangreiche Ziegenhaltung. Auch hier waren es die trockenen Gebirgsregionen in Südeuropa und die Alpen, wo die Ziege ihre Überlebensvorteile ausspielen konnte. Die Bedeutung der Ziege als Wirtschaftsfaktor im antiken Rom beschreibt etwa Vergil, der in seinen Werken eine ganze Reihe verschiedener Ziegenkäsesorten erwähnt. Und von den in mittelalterlichen Siedlungen im heutigen Polen gefundenen Lederresten stammen ein Drittel von Ziegen.

Fleischmaschinen und Grosstanker

So wichtig die Ziegen als Haustiere waren: im Gegensatz zum Rind oder zum Pferd hat man sie erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach speziellen Rassen gezüchtet. Durch die Haltung in kleinen Beständen hatte sich weltweit eine grosse Vielfalt lokaler Schläge herausgebildet.

Da eine solche Zucht aber ohne geographische Abgrenzung erfolgte, bestand die Ziegenwelt aus einem kunterbunten Sammelsurium der verschiedensten Fellfarben, Hornformen und Körpergrössen. Erst der verstärkte Wunsch nach einer bestimmten Nutzungsart gab den Anlass, definierte Rassen in den drei Gruppen Fleischziegen, Wollziegen und Milchziegen zu züchten.

Fleischziegen werden heute vor allem in Asien und Afrika gehalten. Mit 30 Millionen Tieren am weitesten verbreitet ist die westafrikanische Zwergziege. Kurzbeinig und mit schwärzlichem Fell, kann das 25 Kilogramm leichte Tier sogar auf Bäume klettern. Geradezu eine Fleischmaschine ist dagegen die Burenziege aus Südafrika: Auf maximale Mast- und Schlachtleistung getrimmt, werden die Böcke bis zu 140 Kilogramm schwer. Mit durchschnittlich sechs Lämmern innert zweier Jahre ist auch ihre Fruchtbarkeit sehr hoch.

Zur Gattung der Wollziegen zählen die Angora- und die Kaschmirziegen. Bei der Angoraziege aus der Türkei hängen die Haare in langen, weissen Locken herab; die Wolle (die bei uns oft fälschlicherweise als «Kamelhaar» bezeichnet wird) wird für Samt, Teppiche und Decken benutzt. Die Kaschmirziegen, die im Hochland von Tibet, im Tienschan und in der Mongolei leben, sind aufgrund ihres besonders dichten und langen Unterhaars gezüchtet worden. Der sehr feine Flaum wird aus dem Haarkleid gekämmt und liefert die Wolle für den kostbaren federleichten Kaschmirschal.

Die Milchziegen sind die dominierende Gattung in Europa, wobei die Schweiz als Pionierland gelten darf. Die weissen Saanenziegen liefern bis zu 1000 Liter Milch pro Jahr und finden nicht nur in West- und Südeuropa, sondern auch in Nordamerika ihre Liebhaber.

Die Saanenziege wurde in eine Vielzahl von Ziegenrassen hineingezüchtet. So hat auch die Weisse Deutsche Edelziege einen gehörigen Schuss Schweizer Blut. Sie ist mit Milchleistungen von bis zu 2000 Litern pro Jahr der Grosstanker unter den Milchziegen. Heute gibt es elf anerkannte Schweizer Ziegenrassen – manche unter ihnen geniessen in ihrer Heimat geradezu Kultstatus, wie etwa die weisse Appenzeller Ziege, die hellbraune Toggenburger Ziege und die Walliser Schwarzhalsziege.

Das Ende der Zürigeiss

Bis vor etwa zehn Jahren gab es auch noch eine Zürigeiss, eine weisse, kräftige Ziege mit sehr guter Milchleistung. Dass sich der Industriekanton Zürich als einer der ersten Orte vor hundert Jahren für die Rassenzucht engagierte, mag erstaunen. Für manchen Arbeiter in Winterthur oder im Tösstal waren aber ein paar Geissen nach dem Motto «Wer Geisse hät, verarmet nie» für die Selbstversorgung lebenswichtig.

Mit der Rationalisierung der Landwirtschaft und dem wachsenden Wohlstand sanken jedoch im 20. Jahrhundert in Europa die Ziegenbestände drastisch. So schrumpfte auch in der Schweiz der Gesamtbestand von 416 000 im Jahr 1886 auf 65 000 im Jahr 2002. Und mit dem Aderlass von 18 000 Tieren auf noch 3000 im gleichen Zeitraum kam den Zürchern auch die eigene Geiss abhanden.

Aber seit kurzem scheint mindestens in der Schweiz das Interesse an Gitzifleisch und an den Ziegenmilchprodukten wieder zu wachsen – was die Kuh des kleinen Mannes noch zum respektierten Faktor moderner Ernährung machen könnte.

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