DAS BAHNHOFBUFFET VON WANNE-EICKEL ist an diesem frühen Sonntagnachmittag fast leer. Das Lokal hat bessere Zeiten gesehen, alte Schilder an den Wänden erinnern daran, dass man einst ohne umzusteigen von Wanne-Eickel nach Mailand fahren konnte. Damals führten Heinz Rühmanns Eltern die Gaststätte, nach dem berühmten Sohn hat die Stadt ihren Bahnhofplatz benannt. Ein altes Paar sitzt vor einem Pils und leidet stumm unter der Rockmusik, die die junge Serviertochter zu laut aufgedreht hat. Friedel Hensch und die Cyprys würden besser hierherpassen. Anfang der sechziger Jahre sangen sie den Schlager vom schönen Mond von Wanne-Eickel, von den Nächten am Kanal, «voller Duft wie die Nächte von Hawaii» - ein kühner Vorgriff auf die heutige Zeit, da der Kohlenpott zur blühenden Kultur- und Tourismuslandschaft umgebaut werden soll.
Die Muse des Ruhrgebiets hat ein russverschmiertes Gesicht, die Hymnen, zu denen sie inspiriert, heissen zum Beispiel «Bochum», das Herbert Grönemeyer so besungen hat: «Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt, tief im Westen. Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau, du liebst dich ohne Schminke, bist 'ne ehrliche Haut.» Und wer verbindet mit Duisburg etwas anderes als die schmutzigen Industrieanlagen, zwischen denen der Fernsehkommissar Schimanski seinen Bösewichten hinterherzuhechten pflegt? Mythen sind beständiger als die Wirklichkeit. Darum mag man im Revier Schimanski. Er ist geradeaus, hart im Nehmen, nicht aufs Maul gefallen, und was eine saubere Schweissnaht ist, muss ihm keiner erzählen. Das Problem ist nur, dass im Ruhrgebiet immer weniger geschweisst wird, und auch das staubige Grau muss man suchen.
Was dem Untergang geweiht ist, findet immer seine sentimentalen und stolzen Bewahrer. Die Chöre und Vereine, die bei geselligem Beisammensein das Brauchtum des Bergmanns pflegen, haben heute wieder vermehrt Zulauf. Aber den hat am Samstag abend auch die Multiplex-Disco Prater. Ob in der Pianobar oder beim munteren Foxtrott, ob bei deutschem Schlager, bei Oldies oder in der grossen Halle, wo der Techno hämmert: hier kommt jeder auf seine Rechnung, im Niemandsland zwischen Herne und Bochum spielt man dicht gedrängt eine Nacht lang Grossstadt.
Städtisches Kulturleben mit Theater, Oper, Kunstsammlungen hat es im industriellen Ballungsgebiet an der Ruhr lange nicht gegeben. Hier wurde rund um die Uhr malocht, und die einzigen Kulturträger weit und breit waren Männergesangsvereine und Kirchenchöre. Reisende Theatergruppen spielten in verrauchten Wirtshaussälen vor Einheimischen, die sich vom Dargebotenen bei ihrem Bierchen nicht stören liessen. Die Schlot- und Zechenbarone hingegen fuhren nach Düsseldorf oder Köln, wenn ihnen der Sinn nach Kultur stand - erst um die Jahrhundertwende begannen sie, Stadttheater und Tonhallen vor ihrer Haustür zu finanzieren.
Der Kohlenpott wurde dennoch kein Ort fürs Schöngeistige. Der fauchende Moloch Industrie lieferte den Stoff für expressionistisches Pathos und die von der Technik faszinierte Reportageliteratur. Im Stahlwerk in Bochum bestieg Egon Erwin Kisch den Gipfel des Hochofens, beschrieb die «verwirrende Schönheit» des Anblicks und beschwor das unmenschliche Los der Metaller. In dieser Landschaft gedieh Arbeiterliteratur, nicht feinsinnige Poesie. Sie war geprägt von Industrieanlagen, nicht von Kulturdenkmälern. Kaum verwunderlich, dass der erste Ruhrgebiet-Reiseführer aus dem Hause Baedeker erst 1959 erschien, hundert Jahre nach dem Tod des Essener Verlegers.
EIN STARKES STÜCK. Ein paar Jahrzehnte, ein Wirtschaftswunder und eine Stahl- und Kohlekrise später ist Kultur ein oft gehörtes Wort im Revier. Während der letzten zehn Jahre hat sich der Kommunalverband Ruhrgebiet mit einer grossangelegten Werbekampagne bemüht, das Image vom Kohlenpott durch ein neues zu ersetzen: «Ein starkes Stück Deutschland». Die Bilder, mit denen das Ruhrgebiet frisch positioniert wurde, waren solche des Bildungs- und Kulturzeitalters, das jenes der Industrie abgelöst hat: Renommierte Museen, die Bühnen von Bochum und Mühlheim, die Tage der Alten Musik in Herne, die Ruhrfestspiele in Recklinghausen, der Rockpalast Dortmunder Westfalenhalle, das Jazzfestival in Moers, die Wittener Tage für Neue Kammermusik, das Klavierfestival Ruhr - im Ballungsraum mit der höchsten Hochschuldichte Deutschlands bleibt kein kultureller Appetit ungestillt. Doch das Ganze ist weniger als die Summe der einzelnen Angebote. Sie widerspiegelt das Ideal urbaner Weltläufigkeit, die im Revier nie geherrscht hat.
Wo Kohle war, soll Kultur werden, lautet allenthalben das Credo. Das lässt man sich etwas kosten im Ruhrgebiet, über 800 Millionen Mark im Jahr, aber dafür erhofft man sich von der Kultur, dass sie auch wieder Kohle bringt. Sie gehört, wie das Sport-, Natur- und Freizeitangebot, zu den «weichen Standortfaktoren», mit denen man heutzutage um die Ansiedlung von Unternehmen kämpft. Die Kulturpolitiker rühmen die Kultur als «Motor des Strukturwandels», als Mittel zur Attraktivitätssteigerung der Region, nicht zu trennen von Stadtentwicklung und Tourismusförderung. Ihre neueste Initiative heisst Kultur Ruhr GmbH, sie wird getragen von der öffentlichen Hand und in der Kulturförderung engagierten Unternehmen, soll Projekte initiieren und koordinieren, zum Wohle des Reviers nach innen und aussen. «Kulturrevolution von oben» nennen Vertreter der freien Kunstszene dieses Vorhaben und warnen vor einer Highlight- und Kommerzkultur, die Kunst primär an ihrer Tauglichkeit zur Wirtschaftsförderung misst. Das Förderprogramm der Kultur Ruhr GmbH ist verwandt mit dem ehrgeizigsten Strukturprogramm des Reviers, der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA), die im nördlichen Teil des Ruhrgebiets wenn nicht eine neue Landschaft, so mindestens einige Inseln schaffen will. Kulturstätten beispielsweise, zu denen Industrieanlagen als «Zeugen der Geschichte» umfunktioniert werden.
Dank einem dieser Zeugen kann man sich auf den Autobahnen des westlichen Ruhrgebiets nicht verfahren: Mächtig schiebt sich der Gasometer von Oberhausen immer wieder ins Blickfeld. 117 Meter hoch, 67 Meter im Durchmesser, ist der 1929 erbaute Speicher für das Gas aus den Hochöfen ein beeindruckendes Symbol der Industrialisierung. Und heute ein fast zu beeindruckender Ausstellungsort. Zumindest die Schau «Der Traum vom Sehen», die dort zu sehen ist, ein Querschnitt durch die Geschichte des Fernsehens, hat es nicht leicht: Die Flüchtigkeit des Mediums offenbart sich einem im schwindelerregenden Kesselrund überdeutlich. Wer im Lift nach oben fährt, aufs Dach, von dem aus einem das ganze Revier zu Füssen liegt, ist verloren für die zappelnden Bildchen auf den Fernsehschirmen im Bauch des Gasometers.
Eine andere «Landmarke», wie die Kulturplaner die Wahrzeichen ihres Reviers auf gut deutsch nennen, ist die Zeche Zollverein in Essen Katernberg. Die 1986 geschlossene Zeche war eine der grössten und technisch fortschrittlichsten Europas. Und zugleich ein architektonisches Meisterwerk in nüchternem Bauhausstil. Um den hochbeinigen zentralen Förderturm liegen die streng aufeinander bezogenen kubischen Hallen aus rotem Ziegelstein, gehalten von schmalen Stahlstreben, die den Gebäuden alle Schwere nehmen. Mit Hilfe der IBA wurde die Zeche renoviert, nach und nach ziehen neue Mieter ein, etwa das Designzentrum Nordrhein- Westfalen, das hier sein Museum eingerichtet hat. Mit nicht ungemischten Gefühlen bewegt man sich durch die Industrieanlage, die hier als Kulisse dient, durch das gewaltige alte Kesselhaus, das akkurat mit den Objekten einer hedonistischen Konsumgesellschaft drapiert worden ist, prämierten Staubsaugern, Mikrowellengeräten und Mountainbikes.
UNSER FRITZ. Jenseits des Rhein-Herne-Kanals und jenseits der Subventionsströme liegt in Wanne-Eickel die «Künstlerzeche Unser Fritz 2/3». Keine Landmarke weit und breit. Der Förderturm wurde plattgemacht, der Schacht zugeschüttet, der Deckel ist drauf, wie man hier sagt. Was von der Zeche übrig blieb, duckt sich unter die Bäume, die Fensterscheiben des verrammelten Maschinenhauses sind am Erblinden oder zerbrochen, die Kaue daneben, wo sich die Bergleute umzuziehen und zu waschen pflegten, ist von Efeu überwachsen. Seit den sechziger Jahren wurden Teile des Gebäudes einem Holzbetrieb überlassen. 1964 mietete der Künstler Helmut Bettenhausen, der in der Zechensiedlung nebenan wohnte, in der Kaue einen Atelierraum für 50 Pfennig pro Quadratmeter, Heizung inklusive. Wahrscheinlich war Unser Fritz damit die erste Industrieanlage im Ruhrgebiet, die kulturell genutzt wurde.
Ein paar Jahre später verschwand der Holzhändler aus der Zeche, weitere Künstler zogen ein, man organisierte Ausstellungen und Konzerte - auch der Grönemeyer hat hier gesungen - und bekam dafür vom Kulturamt der Stadt einen Zustupf. Eintritt konnte man keinen verlangen, weil man die städtischen Auflagen für solche Anlässe nicht erfüllte, gestört hat das keinen. Heute beherbergt die Künstlerzeche eine Handvoll Künstler und Fotografen, nach wie vor werden Ausstellungen veranstaltet, und von der Stadt gibt es einen jährlichen Zuschuss von 1000 Mark, die für Unterhaltsarbeiten am Gebäude verwendet werden. Es gab auch schon grössere Beiträge, mal ein paar Tausend fürs Dach, mal ein paar Tausend für Heizung und Strom - Grund weder zu Jubel noch zur Klage.
Zechenkunst machten sie keine, beteuern alle: Werner Köntopp, der Fotograf, der mit der Kamera malt und zwölf Jahre lang den richtigen Moment abwarten kann, um auf den Auslöser zu drücken; der Maler Günter Dworak, dessen sakrale Motive durchdrungen sind vom Wissen um das, was sich im Bergbau abspielte; Winfried Labus, der jüngste, der eben Bilder aus der Toscana vergrössert, die so gut gefunden sind, dass sie wie erfunden aussehen; und Helmut Bettenhausen, Objektkünstler, Maler, Grafiker. Nein, Zechenkunst machen sie keine, wenn denn damit eine Kunst gemeint ist, die nostalgisch verklärt, was die älteren unter ihnen nur zu genau kennen.
«Wenn du dich am Zechentor blicken lässt, schlag' ich dir die Knochen kaputt.» Helmut Bettenhausen hat den Satz nicht vergessen, mit dem sein Vater, der zuletzt als Wettermann unter Tage war, dem Halbwüchsigen klarmachte, welcher Beruf für ihn nicht in Frage kam. Unser Fritz hat ihn dennoch nicht losgelassen. Wenn er erzählt, wie hier, in den Räumen, in denen jetzt Kunst hängt, russische Soldaten gefangengehalten wurden, die auf Stroh vegetierten, die durch die Hinterhöfe strichen und in den Fässern mit dem Schweinefutter nach Kartoffeln suchten; wenn er sich an die Vögel und die Flugzeuge erinnert, die die Gefangenen schnitzten, um sie bei den Einheimischen gegen eine Brotration einzutauschen - dann spürt man: die Bilder der Not und der aus der Not geborenen Kunst haben sich ihm eingebrannt fürs Leben.
Eine Weile trainierte in der Zeche der Boxverein Unser Fritz. Der Lichtkegel der Taschenlampe fällt in der ungenutzten, fensterlosen Weisskaue auf den Schriftzug «Glück auf» an der Wand, das Motto des Clubs, der heute in einer Trainingshalle boxt. Von den acht Boxern der Staffel sind sechs Türken, sie steht nicht schlecht da. In Dworaks Atelier befand sich mal ein Tante-Emma-Laden, und bei Labus klebten Blümchentapeten an den Wänden, der Raum sollte wohnlich werden für die Jungbergleute, die man da nach dem Krieg einquartierte: Geschichten, Schichten, Ablagerungen.
Helmut Bettenhausen malt mit Bitumen Bilder, die er mit Eisenwinkeln verschraubt; in den Objekten widerhallt der Alltag des Bergbaus; die Nieten der grossen Industrieanlagen, die der gelernte Eisenwichser als junger Mann angestrichen hat, tauchen in seinen jüngsten Bildern als spielerisch variiertes Motiv wieder auf. Er hat Industrieanlagen fotografiert, bevor man sie als kulturelle Stätten nutzte, und auf jedem Bild einen weissen Stuhl in den Vordergrund gestellt - irritierende Kompositionen, die nicht ästhetisieren, sondern dem heutigen Blick als zur Kenntlichkeit verfremdete Mahnmale erscheinen. Die Künstler waren die ersten, die sich für die Erhaltung von Industriegebäuden einsetzten. Auch für die Herner Flottmann-Hallen mobilisierten sie das öffentliche Gewissen. Die ehemalige Fabrik für Bohrhämmer dient der Stadt seit zehn Jahren als Kulturzentrum und beherbergt eine bekannte Experimentalbühne, Willi Thomcyks Theater Kohlenpott.
Von der Kultur als Motor des Strukturwandels ist deswegen in der Künstlerzeche Unser Fritz noch lange nicht die Rede. Programmatische Parolen sind denen, die hier arbeiten, fremd. Vor zehn, fünfzehn Jahren unternahmen sie einige Versuche, die Bergleute aus der Nachbarschaft für ihre Kunst zu interessieren. Aber als die nur gerade bis zum Tor vordrangen, haben sie das akzeptiert. Sie sind geblieben und haben weitergemacht, während andere nach Düsseldorf zogen oder nach Köln, wo es eine Szene gibt. «Dass wir noch hier sind, ist auch so eine Art Trotzhaltung», sagt Bettenhausen, aber er sagt es ohne Bitterkeit. Irgendwie ist es ja noch immer gegangen, und seit die Stadt zugesichert hat, dass die Ateliers erhalten bleiben, geht es ihnen allen noch besser. Denn hier ist der Kohlenpott keine Kulisse und auch kein Mythos, sondern eine biographische Realität, die sich nicht abschütteln lässt.