Naipaul, der oft als der beste zeitgenössische Schriftsteller englischer Sprache bezeichnet wird, ist von indischer Abstammung, in Trinidad geboren und englisch erzogen worden. Naipauls Grossvater emigrierte im 19. Jahrhundert aus dem Osten von Uttar Pradesh, Indiens grösstem Staat, um sich als Kontraktarbeiter auf den Zuckerrohrfeldern Westindiens zu verdingen; ein Status, der nicht viel über dem eines Sklaven lag. Naipauls Vater, zeitlebens arm, war Journalist. Naipaul selber konnte dank einem Stipendium an der Universität von Oxford Englisch studieren, worauf er sich definitiv in England niederliess. In Wirklichkeit hat Naipaul kein Zuhause, und die Suche nach einer Identität ist eines der Themen, die ihn als Schriftsteller begleitet haben bis hin zu seinem neusten Roman, «Half a Life». Gerade die mangelnde Verwurzelung hat es ihm jedoch ermöglicht, eine ganze Reihe von Ländern und Gesellschaften mit ebenso unvoreingenommenem wie scharfem Blick zu betrachten. Manche von Naipauls Aussagen, namentlich die über Länder der Dritten Welt, haben viele verletzt. Ich habe ihn einmal gefragt, warum er sich so oft unbeliebt macht.
«Wenn Leute schlecht sind», sagte er, «muss man es ihnen sagen, dass sie schlecht sind. Wenn sie grausam sind, dass sie grausam sind. Und wenn sie keinerlei Ambitionen haben und faul sind, muss man ihnen auch das sagen. Man kommt nicht darum herum, das gehört zur Arbeit eines Schriftstellers. Man darf es nur nicht aus Rachsucht tun. Ich habe mein Schreiben nie benutzt, Rechnungen zu begleichen.»
Naipauls Werk, das fünfundzwanzig Bücher umfasst, deckt thematisch ein weites geographisches, politisches und kulturelles Spektrum ab - von der Karibik («A House for Mr. Biswas», «The Middle Passage») über Argentinien («The Return of Eva Peron») und Afrika («A Bend in the River») bis zu den Ländern des Islam («Among the Believers», «Beyond Belief») und Indien («An Area of Darkness», «India, a Wounded Civilisation», «India: A Million Mutinies Now»).
Obschon indischen Ursprungs, hat Naipaul Indien erst in seinen späten Zwanzigern erstmals besucht. Das Buch, das darauf entstand, «An Area of Darkness», sorgte für erheblichen Aufruhr in Indien, und sein Verfasser wurde beschuldigt, antiindisch zu sein. Es gab Stimmen, die für ein Verbot des Buches plädierten. Es ist eine Tatsache, dass Naipaul abgestossen war von der Armut, dem Schmutz und der Rückständigkeit, die er in Indien überall antraf.
Inder defäkieren überall», schrieb er. «Sie defäkieren neben den Eisenbahnschienen. Sie defäkieren an den Stränden, auf den Hügeln, den Dämmen der Flüsse, in den Strassen. Sie defäkieren in aller Öffentlichkeit. Und Tatsache ist, dass viele Inder die Menschen einfach nicht sehen, wie sie dahocken und defäkieren, ja in allem Ernst leugnen, dass sie überhaupt existieren - eine kollektive Blindheit, geboren aus der Furcht vor Verschmutzung und der Überzeugung, die Inder seien das sauberste Volk der Welt.»
In einem Interview, das er mir 1989 gab und in dem er begründete, was ihn so angewidert hatte bei seinem ersten Besuch in Indien, sagte er: «Ich kann mich nicht an diese Verwahrlosung gewöhnen, sie entsetzt mich immer noch. Ebenso wenig kann ich mich mit der Unzuverlässigkeit abfinden, der Lügerei. Und dem Mangel an jeglichem ästhetischen Empfinden - das alles entsetzt mich. Die Häuser in Bombay sind schrecklich. Wenn die Leute hübsche, nette Gebäude um sich herum sähen, würde dieser Anblick ihren Geist erheben. Die Leute brauchen so etwas in ihrem Leben. Sie brauchen das Drama, und sie brauchen die Schönheit. Das alles gibt ihnen eine Idee von den Möglichkeiten des menschlichen Daseins.»
In «An Area of Darkness» fuhr Naipaul mit seiner radikalen Kritik an der indischen Gesellschaft wie folgt fort: «Es ist gut», sagte er, «dass die Inder unfähig sind, ihr Land direkt zu betrachten. Würden sie all das Elend sehen, sie würden darüber verrückt. Und es ist gut, dass sie keinen Sinn für Geschichte haben, denn sonst könnten sie nicht fortfahren, inmitten ihrer Ruinen so zu hausen. Welcher Inder vermöchte die Geschichte seines Landes der letzten tausend Jahre ohne Zorn und Schmerz zu lesen?»
Warum, fragte ich mich manchmal, war Naipaul so hart in seinem Urteil über Indien?
«Ich hatte keine Abneigung gegen Indien», sagte er mir, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken, viele Jahre später. «Es war persönliche Pein.» Und dies sei auch der Grund gewesen, weshalb das Buch dann doch auch Inder positiv beeindruckt habe. «Sie spürten den Schmerz, in dem es geschrieben war, und sie erkannten, dass das, was ich sagte, wahr war.»
Ich wollte wissen, was ihn überhaupt bewogen hatte, nach Indien zu gehen, und fragte ihn, ob er sich denn als Inder gefühlt habe, damals, als er doch ziemlich jung war.
«Der Kampf um die Unabhängigkeit Indiens hat uns, als wir aufwuchsen, sehr beschäftigt», antwortete er, als ich ihn in London besuchte. «Mein Vater gab mir die Autobiographie von Mahatma Gandhi zu lesen. Ein wunderbares Buch, so ehrlich. Der frühe Gandhi schreibt kristallklar. Man liest das rasch durch, so leicht ist es, und doch ist es so gehaltvoll, dass man, ist man damit zu Ende, gleich wieder von vorne beginnen möchte. Alles Geschriebene sollte diese Qualität haben, sollte so appetitanregend sein, dass man es gleich nochmals lesen möchte.»
Ich fragte ihn, warum in seinem zweiten Buch über Indien, «India, a Wounded Civilisation», das dreizehn Jahre nach dem ersten erschien, nichts mehr von diesen spontanen Emotionen und Empfindungen zu spüren war - warum es so analytisch war.
«Die Frage ist berechtigt», sagte er. «Doch man darf nicht vergessen, dass dies 1975 war, während des Notstandes, als Indiens Premierministerin Indira Gandhi zur Diktatur griff und die Demokratie verabschiedete. Die Leute waren nicht offen. Wenn sie offen gewesen wären, wäre es eine andere Art Buch geworden. Aber so war das Buch für mich sehr schmerzvoll zu schreiben, intellektuell schmerzhaft, gerade weil es analytisch war. Aber ich denke, es gibt ein paar hübsche Passagen darin, wie die über den Besuch in den Dörfern von Maharashtrian oder das Portrait des Reformers Vinoba Bhave. Und ich mag auch ganz gern, was ich über Gandhi geschrieben habe, einen Mann, der - so gross er war - überhaupt nie etwas über die Landschaften Indiens geschrieben hat.»
Und dann wollte ich - es war 1989 - wissen, warum sein drittes Buch über Indien, wiederum dreizehn Jahre später geschrieben, dem Land dann so überraschend Anerkennung zollte.
«Wenn man seine Einstellung zu etwas über eine lange Zeit protokolliert, stellt man fest, dass einerseits man sich selbst und andererseits sich die Sache verändert. Ich denke, Indiens Investition in Erziehung und Bildung hat Früchte getragen. Es gibt heute eine ganze Anzahl sehr intelligenter, sehr gebildeter Persönlichkeiten in Indien, und dies zeigt sich in der Presse, der Klasse von Leuten, auf die man trifft. Bombay, Madras, das sind Städte voller Bewegung und Vitalität. Sogar der Pandschab, damals vom Kampf gegen den Terrorismus beherrscht, ist lebendig.»
Und was, fragte ich, hält er von der Demokratie in Indien?
«Sie funktioniert wunderbar», sagte Naipaul. «Nimm Maharashtra, das diesen Shiv-Sena-Nationalismus durchmachte, oder Tamil Nadu mit seiner Anti-Brahmanen-Bewegung oder Westbengalen mit seinem Kommunismus oder den Pandschab mit seinem Terrorismus - wären all diese Orte abgetrennt, würden sie in die Bedeutungslosigkeit herabsinken. Die Union rettet sie vor sich selbst, hält sie vom Rand des Abgrunds zurück und gibt ihnen eine zweite und eine dritte Chance.»
Naipauls Kommentare über Kalkutta, das wir zusammen besuchten, waren allerdings nicht sehr schmeichelhaft.
«Schon seit langem hat man gesagt, Kalkutta sei eine Stadt im Sterben», sagte er. «Jetzt ist es eine tote Stadt. Die Politik der Stadt ist eine Politik des Todes. Das ganze Elend der Stadt ist das Elend des Todes. Ich kenne keine Stadt, die einen bedrückenderen Eindruck hinterliesse. Kalkutta wird von einer idiotischen politischen Doktrin zerstört, die total anachronistisch ist. Die marxistische Ideologie, die in Kalkutta herrscht, ist eine Spielart des Fundamentalismus. Sie lässt keine Fragen zu, und sie hat auf alles eine Antwort. Die Ironie der Geschichte ist, dass man in Kalkutta die tollste Umkehrung der marxistischen Theorie beobachten kann - die Revolution hat sich selber vergiftet, der Marxismus ist ihr Opium geworden. Der einzige Anschein von Leben verdankt sich dem Umstand, dass Kalkutta ein Teil von Indien ist. Nimm es von der indischen Union weg, und es ist nicht mehr als Bangladesh.»
Naipaul kehrte vor drei Jahren nach Indien zurück, nach einem Unterbruch von neun Jahren. Diesmal nicht der Arbeit wegen, sondern lediglich um zu reisen. Seine Frau Nadira begleitete ihn. Sie ist Muslimin, in Mombasa geboren und in Lahore aufgewachsen. Er hatte sie kennengelernt, als er für «Beyond Belief», sein zweites Buch über den Islam, recherchierte. Naipauls erste Frau, eine Engländerin, war an Krebs gestorben.
«Beyond Belief», in Pakistan immer noch verboten, sorgte in Teilen der islamischen Welt für ebenso viel Aufruhr wie seinerzeit «Area of Darkness» in Indien. Naipaul bezeichnete Pakistan als «kriminelles Unternehmen» und die zum Islam Konvertierten als «kolonisiertes Volk». Der Islam, sagte er, habe andere Kulturen nicht nur versklavt, sondern auch auszuradieren versucht. «Das hatte eine katastrophale Auswirkung auf die zum Islam bekehrten Völker. Denn um bekehrt zu sein, muss man seine eigene Vergangenheit, seine Geschichte auslöschen.»
Solche Kommentare haben im Kontext des Terroranschlags vom 11. September auf die USA den Zorn nicht weniger Muslime geweckt. Sie sind nicht eben glücklich, dass Naipaul den Nobelpreis bekommen hat, gerade jetzt in diesem kritischen Augenblick. Die fundamentalistischen Hindus in Indien wiederum sind überglücklich. Als die Babri-Masjid-Moschee in Ayodhya, der heiligen Stadt der Hindus, 1990 abgerissen wurde und es zu Tumulten kam, war eine der wenigen bedeutenden Stimmen, die die Aktion nicht verurteilten, sondern begrüssten, die von Naipaul.
Naipaul macht sich keine Gedanken darüber, ob er irgendjemanden glücklich macht oder ob er politisch korrekt ist. Sein Blick war immer kompromisslos, von einer geradezu stählernen Kühlheit. «Es ist falsch, sein Augenmass zu korrumpieren, indem man das, was man sieht, mit Optimismus oder Hoffnung anreichert», sagte er mir einmal. «Wenn du wirklich hinsiehst, unerbittlich genau hinsiehst, kannst du die Saat der Zukunft sehen. Schriftsteller sind keine Pamphletisten, die die Wahrheit verdrehen und verbiegen. Was mich betrifft, hätte ich es gerne, wenn man mich als einfallsreichen Schriftsteller ansähe, der Erfahrungen eine Gestalt gibt.»
Rahul Singh hat in Cambridge Geschichte studiert. Er war Chefredaktor des «Indian Express» und des «Sunday Observer» sowie Berater der Vereinten Nationen. Zurzeit ist er freier Kolumnist und lebt in Bombay.