NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Max hat es getan

Betrug, Verrat und 1187 Tage Angst. Wie sich ein anständiger Buchhalter in einen Albtraum stürzte.

Von Andreas Dietrich

Max B. kam jeden Tag unverdrossen in denselben Schuhen zur Arbeit. Er besass nur das eine Paar, und ein neues kaufte er erst, wenn das alte durchgetreten war. Auf ihn war Verlass. Pflichtbewusst in jeder Arbeit, flott im Umgang, der leichte Hang zum Eigensinn machte ihn keineswegs unsympathisch. In die Schweizerischen Bundesbahnen war er als 19-Jähriger eingetreten, Lehre, Betriebsdisponent, später Buchhaltung. Neun Jahre und drei Monate hatte er zuletzt in der Finanzabteilung der SBB-Generaldirektion in Bern gearbeitet, er war 36 und stellvertretender Dienstchef im Kreditorendienst, verheiratet und Vater zweier Mädchen, als er am 30. November 2000 den letzten Arbeitstag hinter sich brachte. Zum Abschied schenkten ihm die Kollegen arglos ein Paar schwarze Glattlederschuhe mit dicken Sohlen.

Die Gewohnheit, stets hellbraune Mokassins zu tragen, war aber das Einzige, was in Max B.s angsterfülltem Leben damals noch Bestand hatte.

Die Tat ist nicht schrecklich und das Motiv seltsam vertraut. In unregelmässig auftretenden Wallungen hatte sich Max B. über gewisse Abläufe und Vorkommnisse in der Firma geärgert sowie über gewisse Personen mit weitreichenden Befugnissen und Krawatte. Er war Buchhalter, der Buchungen ausführte, hinter denen Entscheide standen, die nicht er fällte. Ihn störte wenig, das wenige aber sehr. Zum Beispiel, dass auf SBB-Konten Millionen von Franken unbewirtschaftet lagen. War dann von Sparmassnahmen die Rede oder wurde man von Bekannten wegen der Bahnpreise gepiesackt, konnte das einem schon zu denken geben. Dass man mit dem herumliegenden Geld etwas machen müsste – warum nicht auch selber? merken würde es eh keiner –, war ein beliebtes Plauderthema, wenn Max B. mit seinen Kollegen in der Kantine den Pausenkaffee trank. Behandelt wurde es mit der Ernsthaftigkeit eines Überfalls auf den Postwagen einer Märklin-Eisenbahn.

Von den Nachlässigkeiten bei den SBB erzählte Max B. beiläufig einem seiner Brüder. Dem zweitältesten, dem Traumtänzer. Was der anpackte, kam krumm, seit er den Beruf als Konstruktionsschlosser aufgegeben hatte und sich in Consulting aller Art versuchte. Einer, der mehr will, als er kann. Die Diskrepanz zeigte sich als Schuldenberg. Doch plötzlich und wundersam stand an einem Hochsommertag im Juli 1999 nicht mehr der kleine Bruder Max vor ihm, sondern die Chance seines trüben Lebens. Er packte sie, ohne zu zögern. Und Max, halb gleichgültig, halb neugierig, treuherzig obendrein, liess sich packen.

Warum er dies tat? Er weiss es nicht. «Es entspricht mir überhaupt nicht, ich bin die Ehrlichkeit in Person. Ich habe aus Blödsinn heraus einen Blödsinn gemacht. Das ist alles: Blödsinn.» Keine Woche später führte ihn der Bruder mit einem durchaus flexiblen Finanzberater zusammen. Am Ende des Treffens lag die Gebrauchsanleitung zum pefekten Coup auf dem Tisch.

Der Plan: Max B. zweigt von einem SBB-Konto Geld ab, via eine Scheinfirma wird es so risikolos wie gewinn bringend angelegt, nach drei Monaten fliesst das Geld zurück, niemand hat einen Schaden, keiner merkt etwas. Der Finanzberater phantasiert eine wahnwitzige Rendite herbei; für jeden würden in kürzester Zeit 100 000 Franken abfallen, eher mehr. Für Max B. überdies die stille Genugtuung: Auch wenn die da oben es nie erfahren würden – er hätte bewiesen, dass es bei den Schweizerischen Bundesbahnen wirtschaftlicher zugehen könnte. Vielleicht etwas rigoros in der Form, darf es dennoch als Ausdruck jener übermässigen Identifizierung mit dem Betrieb gewürdigt werden, die hierzulande manchem Angestellten eigen ist.

Am Montag, 2. August 1999, gegen Ende eines nervösen Arbeitstages, nahm der SBB-Beamte Max B. an seinem Schreibtisch diskret den Einzahlungsschein hervor, den ihm der Bruder an der Autobahn bei Egerkingen gegeben und den er ein paar Tage lang zögernd auf sich getragen hatte. Unter seinem Benutzernamen U116639 tippte er eine Buchung von 3,17 Millionen Schweizerfranken in den Computer, zugunsten der Firma Hupac Intermodal SA, eines Geschäftspartners der SBB. Dann änderte er die Zahladresse, er hatte Herzklopfen, die Angaben schrieb er vom Einzahlungsschein ab: Marbert Consulting SA, Kontonummer 0.53505-2 10 00, Bank Sarasin & Cie., Basel. Das einzige Mobiliar der Offshore-Gesellschaft war ein Briefkasten auf Tortola, British Virgin Islands. Ihr Direktor ein Schweizer Treuhänder, den der Bruder als Strohmann eingesetzt hatte. Max B. drückte die Enter-Taste, und 3,17 Millionen Franken traten die elektronische Reise ins Dorado an.

Von da an bis zu der Minute, da ihn das Gericht mit angemessenem Wohlwollen verurteilte, verging für Max B. kein Tag ohne Angst. Es waren 1187 Tage.

Die Angst ist sofort da. Sie überfällt den rechtschaffenen SBB-Beamten Max B., sie würgt den Betrüger Max B. Sie lädt sich ungefragt zum Nachtessen ein, als der Familienvater Max B. zu Hause bei Tisch das Wichtigste nicht erzählt. Sie lärmt, als der Ehemann Max B. schweigend im Bett liegt. Am ersten Arbeitstag danach feiert sie Halloween im Hochsommer: Deine Tastatur ist eine Tatwaffe, Max! Glaubst du wirklich, die merken nichts, Max? Maxxx, wie fühlst du dich?

Er fühlt sich elend. Aber er ist Zahlenmensch, er rechnet. «Theoretisch konnte es jederzeit auffliegen. Doch die Wahrscheinlichkeit war klein.» Das Hupac-Konto, auf dem die 3,17 Millionen nicht angekommen sind, gilt intern als «Chaos-Konto». Welche Zahlen zusammengehören, ist erfahrungsgemäss erst nach etwa drei Monaten ersichtlich. Und nach spätestens drei Monaten, so ist es mit dem Bruder und dem Finanzberater vereinbart, wird das geliehene Geld zurück sein. Mehr noch: Max B. hat zur Bedingung gemacht, dass es jederzeit innert zweier bis dreier Tage ausgelöst werden kann, falls jemand Verdacht schöpft. «Es kann nichts Schlimmes passieren», beruhigt sich Max B., sobald er ein Würgen spürt.

Drei Monate, Zeit ab, die Uhr läuft.

Klappt bestens, sagt der Bruder, als sich Max B. nach dem Stand der Dinge erkundigt.

Max B. spielt den Menschen, der er bis vor kurzem war. Er spielt ihn gut. Niemandem fällt die Wandlung auf. Innen und aussen haben nichts mehr gemein. «In mir drin bin ich fast verreckt.» Einzig seine Frau sieht Indizien. Schon in den ersten Wochen. Sie denkt, ihr Mann habe eine Geliebte. Sie sagt nichts. Von ihrem Verdacht erfährt er viel später, eine ihrer Freundinnen erzählt es ihm.

Aber sicher, sagt der Bruder, alles läuft nach Plan.

In den Kaffeepausen fallen die alten Sprüche. Mit dem herumliegenden Geld müsste man doch etwas machen… Merken würde es eh keiner…
Bist du sicher, Maxxx?

Eine unsichtbare Wand steht zwischen ihm und den Kollegen, die ihm so wichtig sind; man mag sich auch ausserhalb des Büros, hat gemeinsam unvergessliche Ferientage in Chicago verbracht, hält zusammen – und er, so sieht es Max B., hat sie alle verraten. Judas in der SBB-Kantine.

Kein Problem, sagt der Bruder, vielleicht dauert es etwas länger.

«Was ist das für eine Buchung?», erkundigt sich ein Controller, der aus dem Nichts kommt. «Ach, das übliche Durcheinander», weicht Max B. aus, «das klärt sich in den nächsten Tagen.» Er hatte sich nie überlegt, was er sagen würde. Jetzt hat er sicher gestammelt. «Alles klar», sagt der Controller.

Nach den drei Monaten ist das Geld nicht zurück. «Der Fehlbetrag war nun so offensichtlich, dass ich meinen Kollegen ebensogut einen Post-it-Zettel auf den Schreibtisch hätte legen können.» Max B. muss das Loch möglichst schnell stopfen. Er scrollt sich durch das Computersystem SAP R/2, auf der Suche nach anderem herumliegendem Geld. Er stösst auf 2,67 Millionen Franken, die sich seit etwa anderthalb Jahren auf dem Konto Alptransit ausruhen (und, wie sich in den Untersuchungen herausstellen wird, vergessen gegangen waren). Den Rest holt er sich vom Konto der Eidgenössischen Finanzverwaltung, auch dieses ist als notorisches «Chaos-Konto» bekannt. Ein Loch gestopft, zwei neue offen. Und die Wahrscheinlichkeit erhöht, entdeckt zu werden.

Bald, sagt der Bruder.

Max B. schaufelt die Angst in sich hinein und würgt sie runter, bloss dass die Angst beim Einkassieren schamlos fragt: Isch es rächt gsi, Maxxx?

Überraschend prompt erkundigt sich die Finanzverwaltung nach dem Fehlbetrag. Max B. sagt wieder irgendetwas. Jetzt ist es sicher so weit. Doch wie immer ist die Auskunft des langjährigen Mitarbeiters zufriedenstellend. Er stopft das Loch. Er gräbt ein neues. Stopft, gräbt, monatelang. Er begrüsst seinen Bruder nicht mehr mit: «Hallo, wie geht’s?», wenn er ihn vom Mobiltelefon aus anruft. Er sagt als Erstes und schliesslich Einziges: «Wo ist das Geld?» Max B. beginnt in dieser Zeit stark zu schwitzen. Vielleicht liegt es nur daran, dass er wegen einer Sportverletzung kaum mehr Fussball spielt und ausser Form ist.

Meist fährt er mit dem Auto zur Arbeit, der Weg vom Dorf im Solothurnischen nach Bern dauert eine Stunde. Zwei Stunden pro Tag, allein. Alleinsein ist am schlimmsten. «Wenn ich mit andern zusammen war, musste ich mich zusammenreissen. Das war anstrengend, aber wenigstens eine Ablenkung.» Unterwegs legt er sich ein Orakel zurecht: Bei Rot zählt er bis fünf, und wenn die Ampel vorher wechselt, kommt alles gut. Am Steuer redet er mit Schutzengeln. Er betet im dunkelgrünen Hyundai Accent: «Lieber Gott, bitte mach, dass das Geld zurückkommt.»

Max B. spricht mit keinen Lebenden darüber. Im Büro kann er nicht, zu Hause will er nicht. Montags sieht er sich auf RTL die Serie «Hinter Gittern – der Frauenknast» an, dienstags «Im Namen des Gesetzes». Immer öfter, weil es ihm immer realistischer erscheint, stellt er sich vor, wie ein Vertreter des SBB-Rechtsdienstes das Büro betritt und sagt: «Herr B., wenn Sie bitte mal mitkommen möchten.» Er zuckt bei jedem Telefonanruf innerlich zusammen, bei jedem Menschen, der sich seinem Schreibtisch nähert. Die Kinder schreit er wegen jeder Kleinigkeit an, die Frau wegen jeder Nichtigkeit.

Der Albtraum steht kurz vor seinem ersten Geburtstag, als Max B. per Ende November 2000 die Kündigung bei den Schweizerischen Bundesbahnen einreicht. Sie wird allseits sehr bedauert. Er weiss nun mit der Sicherheit des Buchhalters, dass der Betrug, der nie einer hätte sein sollen, auffliegen wird. Selbst wenn die 3,17 Millionen Franken endlich eintreffen, woran Max B. nur ein bisschen zweifelt – erst kürzlich hat ihm der Bruder einen «Beleg» ins Büro gefaxt –, das Stopfen und Graben hat zu viele Spuren hinterlassen. Wenn der Rummel losgeht, soll die Familie möglichst weit weg sein. Man bereitet die Auswanderung nach Brasilien vor, in die Heimat seiner Frau.

Zwei Wochen vor Ablauf der Kündigungsfrist leitet Max B. nochmals Geld um. 350 000 Franken fliessen per Knopfdruck von einem SBB-Konto an eine weitere Scheinfirma seines Bruders, Burton Invest & Finance SA, auch sie auf den British Virgin Islands untätig. 100 000 Franken erbat der Bruder für sich, mit der Viertelmillion will Max B. die Auswanderung wirtschaftlich absichern. Er hätte sich bedeutend mehr Geld zuschanzen können, das mangelhafte Kontrollsystem der SBB liess in dieser Hinsicht keine Wünsche offen. Doch die Beschränkung hatte einen Sinn: Für annähernd den Betrag, den er nach Brasilien mitnahm, hinterliess der Buchhalter in der Schweiz Vermögenswerte in Form seines Hauses und seines Pensionskassenguthabens. Die SBB würden, nach menschlichem Ermessen, keinen finanziellen Schaden nehmen. Ein solcher Grad an Aufrichtigkeit, Reue und Willen zur Wiedergutmachung, wie Max B. ihn an den Tag gelegt habe, sei ihm in seiner Tätigkeit noch nie begegnet, wird der vorsitzende Richter später sagen.

Tadellos sitzt Max B. die Kündigungsfrist ab. Drei Tage später, am 3. Dezember, hebt das Flugzeug Richtung Brasilien ab. Auf dem Flughafen Zürich wirft Max B. einen Umschlag in den Briefkasten, Papierkram, den er beim Austritt aus den SBB vergessen hatte abzugeben. Als die Kollegen den Poststempel sehen, wundern sie sich erstmals. Schon abgereist?

Hatte Max nicht gesagt, er wolle nochmals hereinschauen? Am 7. Januar 2001 platzt der Betrug. Max B. erfährt es aus einer E-Mail, die ihm ein Bürokollege nach Brasilien schickt. Endlich kann alles raus. Max B. schreibt sofort und ausführlich zurück. Die Kollegen, nachdem sie sich gefasst haben, ermuntern ihn, möglichst bald in die Schweiz zurückzukehren, und vermitteln ihm einen Anwalt. Am Samstagabend, 13. Januar, ruft aufgeregt seine Mutter an. Der «Sonntags-Blick» habe sich bei ihr gemeldet und schlimme Sachen über ihn erzählt. «Max, du musst denen sagen, dass das nicht stimmt.»

SBB-Skandal: Buchhalter haut mit 4 Mio. ab! …und versteckt sich in Brasilien», titelt anderntags die Zeitung. Illustriert ist die «Exklusiv-Enthüllung» mit einer Fotomontage, auf der eine SBB-Lokomotive am Strand von Rio einfährt. Ein Reporterteam hat sich für die Nachfolgegeschichte bereits auf den Weg nach Brasilien gemacht, über Max B.s Dorf im Solothurnischen fallen die Medien her. Bellasi, Biggs, Brasilien, SBB und B. – die Schlagzeilen tanzen den Samba. Nachbarn und Fussballkollegen sagen in die Kamera von Tele 24, was in solchen Fällen gern gesagt wird: «Kann ich mir nicht vorstellen», «hätte ich ihm nie zugetraut», «er ist nie aufgefallen», «kaum zu glauben». Nur der Platzwart des Tennisclubs murmelt: «Max hat das super gemacht.»

«Ich habe Mist gebaut, dazu stehe ich, und jetzt bringe ich die Sache in Ordnung.» Am 28. Januar verabschiedet sich Max B. von Frau und Kindern, verlässt das Land, das ihm vor einer Auslieferung Schutz böte, und fliegt zurück in die Schweiz. An der Passkontrolle werden ihn die Polizisten abführen. Sie werden ihm, beim Halt auf der Fahrt ins Gefängnis, nicht einmal auf der Toilette von der Seite weichen. Er ahnt, was ihn erwartet, und diese Angst kommt ihm winzig vor im Vergleich zu der, die er kennengelernt hat.

Willkommen zu Hause, Maxxx.

«Herr B.», fragt ihn der Untersuchungsrichter in der Einvernahme, «was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteile, dass das Geld gar nie angelegt worden ist?»

Mit Wucht erfährt Max B., dass ihn sein Bruder von allem Anfang an und über alle Monate hinweg hintergangen hat. Der Bruder zahlte die Schulden ab. Der Bruder füllte seine Konten auf. Der Bruder kaufte einen Audi Quattro und einen Fiat Brava und Aktien und vom Besseren das Teurere. Der Bruder richtete für seine Frau eine opulente Geburtstagsparty aus. Der Bruder gab den endlich erfolgreichen Geschäftsmann. Der Bruder hatte manchen Spass und wenig Bedenken. Fast die Hälfte der 3,17 Millionen – verpulvert. Ein Teil des Geldes verschwand auf unbekannten Wegen, einzig 1,5 Millionen waren im weitesten Sinn «angelegt». Der Bruder hatte sie zuerst diesem, dann jenem Finanzjongleur zur wundersamen Vermehrung anvertraut. Bei dem Dritten geriet er an den Schlausten: Der hat das Geld für sich behalten. (Die SBB versuchen noch immer – Stand Ende 2002 – ihn zur Herausgabe zu bewegen.)

Dass sein Bruder nicht mit Geld umgehen kann, weiss Max B., seit er denken kann. Aber er hatte geglaubt, die Geschäfte führe der Finanzberater. Unter diesen Umständen überrascht ihn nicht, dass das Geld weg ist. Ihn erschüttert die Skrupellosigkeit. «Wenn man nicht einmal mehr seinem Bruder glauben kann – wem denn sonst?»

Schlagartig packt Max. B. eine neue Angst. Sie kommt ihm monströs vor im Vergleich zu der, die er kennengelernt hat. Ihm ist klar, dass er nicht einen Blödsinn begangen hat, sondern ein sogenannt schweres Wirtschaftsdelikt. Mit Anstand und gutem Willen würde er da nicht mehr rauskommen. Mit dem Geld ist auch die Boje weg, an die er sich geklammert hat. «Da wusste ich, jetzt spiele ich in einer andern Liga.»

In der Untersuchungshaft werden die beiden voneinander ferngehalten, der Bruder sitzt in Bern, Max B. in Burgdorf. «Das Schlimmste an der Untersuchungshaft ist, du weisst nicht, was draussen vor sich geht.» Für die Einvernahmen wird Max B. nach Bern gebracht, und einmal, als er in der Besucherzelle auf den Rücktransport wartet, erzählt ihm ein Häftling die drollige Geschichte, die er von seinem Zellengenossen gehört hat: Dieser habe ein Riesending gedreht, Millionen bei den SBB abkassiert, ein Kinderspiel, zusammen mit seinem Bruder, der habe sich dann nach Brasilien abgesetzt. Und dieser «Depp von Bruder», habe ihm der Typ erzählt, sei doch tatsächlich freiwillig in die Schweiz zurückgekommen.

«Und weisst du was?», antwortet Max B. «Dieser Depp, das bin ich.»

Sein Bruder wird nach 86 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen, während Max noch sitzt. Der ist überzeugt: «Jetzt läuft es gegen mich. Jetzt bleibt alles an mir hängen. Jetzt wird es erst richtig schlimm.»

Das Gebäude, wo am 14. Oktober 2002 der Prozess vor dem Wirtschaftsstrafgericht des Kantons Bern beginnt, steht direkt gegenüber der SBB-Generaldirektion. Max B. sieht seit langem wieder seinen Bruder. Sie sitzen nebeneinander, voneinander abgewandt. In den Pausen haben sie sich nichts zu sagen.

Aus der förmlichen Distanz der Gerichtsverhandlung stellt sich das Geschehen geordnet dar, als würde alles einen Sinn ergeben. Die Figuren treten überzeichnet zutage wie in einem Filmdrehbuch.

In den Hauptrollen die B.-Brüder. Der eine als der betrogene Betrüger, der schon während der Tat reumütig ist, ein lügenfreies Geständnis ablegt und in zerknirschter Bescheidenheit niemanden verantwortlich macht als sich selbst. Als Gegenpart: der verräterische Bruder, der laut seinem Anwalt getrieben ist von einem «übersteigerten Geltungsbedürfnis mit infantilen Zügen», ein «in seiner Existenz bedrohter Pechvogel», dem «die im Geschäftsleben entscheidenden Katastrophenängste fehlen». Der Anwalt trägt den Richtern ein Gedicht von Eugen Roth vor: «Ein Mensch, der spürt, wenn auch verschwommen / Er müsste sich, genau genommen / Im Grunde seines Herzens schämen / Zieht vor, es nicht genau zu nehmen.»

In den Nebenrollen die Profis: der Treuhänder, der sich ein Zubrot als Strohmann verdient und teilweise geständig ist. Der Finanzberater, der wusste, wie’s ging, aber von nichts etwas gewusst haben will. «Er war zu gutgläubig», sagt seine Anwältin. Sie isst während der Verhandlungen Gummibärchen, und um ihr Mobiltelefon stülpt sich ein buntes Plüschtier.

Max B. umklammert während des gesamten Prozesses einen Edelstein, der ihm Glück bringen soll. Der Bruder wird zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und ficht das Strafmass an. Max B. akzeptiert noch im Saal seine 18 Monate bedingt. Es ist der frühe Nachmittag des 31. Oktober 2002, und zum ersten Mal seit einer Unendlichkeit hat Max B. keine Angst.

Die Mail kommt aus Brasilien. Max B. hatte gleich nach der Urteilseröffnung seinen Pass zurückerhalten und bei der Mutter zu Hause die Koffer gepackt. Am Abend hatte er auf dem Bauschänzli, wo Zürich das Münchner Oktoberfest feiert, mit Kollegen Bier getrunken, im Auto übernachtet, und am nächsten Morgen war er zu seiner Familie nach Brasilien geflogen. Er schreibt mir: «Du glaubst es nicht, wir haben bereits den 3. Dez. 2002, und ich hab immer noch nichts von den SBB betreffend den Einzahlungsschein gehört. Habe bereits vor einer Woche eine Mail gesendet, ohne Reaktion.»

Max B. muss den SBB monatlich 500 Franken zurückzahlen. Er ist in Sorge, dass sie ihm keinen Einzahlungsschein schicken.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.