NZZ Folio 07/05 - Thema: Fleisch   Inhaltsverzeichnis

Zottel und ich

Kaum jemand wird Vegetarier, weil er Cholesterin fürchtet oder BSE. Die Entscheidung, kein Fleisch zu essen, findet im Herzen statt. Und nur dort lässt sich dran rütteln.

Von Anja Jardine

Wieder zu Atem gekommen, denke ich: Hier wäre ich auch gern Kuh. 1800 Meter über Meer. Das Albulatal öffnet sich wie ein Versprechen, es sirrt und zwitschert in der Luft, der Himmel ein blaues Leuchten, und die Kuh steht bis zum Schienbein in ihrer Mahlzeit. Als wolle sie mir zustimmen, macht sie plötzlich einen Satz, wirft seltsam unkoordiniert alle viere von sich, und prescht in einem Anfall akuter Lebensfreude den Hang hinunter. «Next to come in was Mrs. Cow, uh-huh … she tried to dance but she didn’t know how.» Ich muss an Bent denken – wie er damals auf der Weide stand, wie immer in Gummistiefeln und angesichts der springenden Kühe Bob Dylan zum Besten gab. Bent kam vom Bauernhof, er trug den Stallgeruch mit sich herum wie eine Auszeichnung, und gefragt, was er einmal werden wolle, hat er immer gesagt: Rockstar oder Bauer. Dass ich kein Fleisch esse, hat Bent persönlich genommen. Und wenn ich es jemandem schuldig bin, die Entscheidung ab und zu mal zu überdenken, dann Bent.

Es gibt Vegetarier, die sind mit missionarischem Auftrag unterwegs, ich nicht. Ich bringe zum Grillieren kein Sojawürstchen mit, das ich demonstrativ abseits der ordinären Wurstkolonnen auf dem Rost parkiere, um es dann mit verächtlichem Blick auf die Mitmenschen zu verspeisen. Dennoch taucht die Frage immer wieder auf, löst sich plötzlich aus dem Stimmengewirr am Tisch und steht im Raum wie ein Gegenangriff.

Die Antwort ist schlicht und sehr persönlich. Ich war vielleicht acht, da bin ich spätabends noch mal aufgewacht und zu meinen Eltern ins Wohnzimmer geschlurft. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über intensive Schweinemast. Das war’s. Als ich zehn Minuten später in mein Bett zurückkehrte, war ich Vegetarier. Die Empörung über Gier und Anmassung des Menschen ist geblieben. Denn ohne damals die Worte dafür zu kennen, wusste ich doch, was ich gesehen hatte: geschundene Kreaturen.

Das kann man von dieser hier nicht behaupten. Ihre ganz kleinrahmig stämmige Gestalt strahlt Wohlbefinden aus. Hin und wieder hält sie im Kauen inne und glotzt mich an, belustigt, wie mir scheint. Sie ist übrigens ein Er, kastriert allerdings, und heisst Ziro, Zeder oder Zottel, auf jeden Fall etwas mit Z, wie alle Ochsen dieses Jahrgangs aus Schmidts Stall, und ist halb Braunvieh, halb Limousin. Sagen wir Zottel – wegen der einen Strähne seines glänzend rotbraunen Fells, die ihm verwegen in die Stirn fällt. Im Winter wohnt Zottel unten in Bergün, in dem neuen Laufstall von Marco und Romy Schmidt neben den Blaudisteln hinter der Kirche. Dies ist bereits sein zweiter Sommer auf der Alp und somit sein letzter, den gilt es zu geniessen. Doch der Eindruck, Zottel würde hier Müssiggang treiben täuscht natürlich, denn während er so lässig in der Landschaft steht, ist in seinen vier Mägen der Teufel los. Bis zu 75 Kilogramm Gras und Klee wandelt er täglich in 600 Gramm Fleisch um. Ökologisch zweifelsfrei sinnvoll.

Unsere Biologielehrerin machte gebetsmühlenartig die Landwirtschaft für alles verantwortlich – vom sauren Regen bis hin zu Tschernobyl. Doch Bent hielt dagegen. Als die Kühe nach einem langen Winter auf die Koppel gelassen wurden, lud er die Klasse auf den Hof ein. Ihm ging schier das Herz über und er sprang herum wie die Tiere. Im Stall hielt er ein Referat, es hiess «Die Kuh als Hochleistungssportler: 9000 Liter weisses Gold» und er eröffnete es mit dem Satz: «Ich bin vom Innerlichen her Kuhbauer. Auch wenn ihr Dösköppe das nicht kapiert.» Leidenschaftlich erklärte er uns die Kunst des Besamens vor Abfallen der Milchkurve.

Dann bestand die Biologielehrerin darauf, auch die Mastbullen zu sehen, und dort kam es fast zum Eclat. Tatsächlich drängten sich drei kolossale Tiere auf einem Raum, der kaum grösser war als sie selbst. Natürlich würden sie die auch gern rauslassen, sagte Bent, aber den Mehraufwand bezahle ihnen keiner. Die Discounter bestimmten die Preise, und denen sei es scheissegal, ob die Bullen spazierengingen oder nicht. «Und das Schlimmste», brüllte Bent und ging einen Schritt zu nah an die Lehrerin heran, «ihr alle gebt den Discountern recht. Lieber eine Spende bei Greenpeace, als für ein Stück Fleisch anständig zu bezahlen. Lieber Mallorca, BMW und eine neue Wohnwand … aber auf uns mit den Fingern zeigen!»

Auch Marco Schmidt musste feststellen, dass an der Fleischannahmestelle für die schnell gemästeten Einjährigen mehr bezahlt wurde als für seine Zweijährigen. Der Fleischanteil in Relation zu den Knochen ist bei den Einjährigen grösser – logisch, ihr Skelett durfte nur ein Jahr wachsen. Für sich selbst allerdings bevorzugte der Metzger stets Zweijährige, «weil das Fleisch in der Pfanne nicht schrumpft, weil es Marmorierung hat, weil es einfach besser schmeckt». Was für den gut sei, sei auch für alle anderen richtig, dachte Marco Schmidt und blieb bei seiner Methode. «Ich will das nutzen, was die Landschaft hergibt, und die Tiere sollen Bewegung haben. Dann dauert es halt zwei Jahre.» Schmidts beschlossen, ihr Fleisch direkt zu vertreiben, und hängten ein Schild ins Fenster. Heute beliefern sie 1 00 Kunden in der ganzen Schweiz, und ständig entstehen neue Nester, weil sicher ein Kunde aus Zürich eine Schwiegermutter im Aargau hat.

Das Rauschen des Bachs und Zottels Glockengeläut lullen mich ein. Ich denke an Tony Reilly, Bauer aus Neuseeland, wie er mir letztes Jahr seinen Mega-Merger erklärt hat. 13 000 neuseeländische Farmer haben sich zusammengetan, um am Weltmarkt bestehen zu können. «Well», hat Tony gesagt, «ausserdem haben wir uns Nestlé ins Bett geholt, die machen den Vertrieb in Südamerika.» Im Halbschlaf sehe ich, wie rund um den Globus ganze Armeen versklavter Kühe in Stellung gebracht werden, um Bauer Schmidt aus Bergün mit seinen 40 Tieren zu umzingeln, ein apokalyptisches Szenario.

Als ich aus dem Traum hochschrecke, steht Zottel noch immer da, wiederkäuend, und überwältigt von Zuneigung, denke ich: Okay, wenn es deiner Würde dient, deiner und der von Schmidts und der von Bent, dann fress ich dich.

Romy Schmidt holt mir ein feines Stück Fleisch aus ihrer Truhe, Saftplätzli von der Huft, wir feiern den denkwürdigen Augenblick mit ihrem hausgemachten Arvenschnaps und als ich endlich im Zug sitze, die wertvolle Fracht fest auf den Knien, möchte ich die Welt teilhaben lassen. «Heute esse ich Fleisch», sage ich unvermittelt zu meinem Gegenüber, «das erste Mal seit drei Jahrzehnten.» Der junge Mann, ein Student, nickt irritiert und schweigt. Nach einer Weile fragt er: «Kennen Sie den? ‹Lass uns BSE spielen›, ruft Fritzli, ‹heute gibt es Rinderbraten. Wer zuerst mit dem Kopf wackeln muss, hat verloren!›» Und er will sich totlachen, der Student.

Als die Sache mit BSE in den 1990er Jahren hochkochte, habe ich mich eigentlich nur gewundert, dass die Menschen sich so wundern. Wenn man den Rindern Fisch- und Tierkörpermehl zu fressen gibt, darf man sich über gar nichts mehr wundern, finde ich. Einem ausgemachten Pflanzenfresser wie der Kuh gemahlenes Lamm vorzusetzen – geht’s noch?

Mein Saftplätzli enthält weder Antibiotika noch sonst einen Zusatzstoff – da lege ich für Schmidts die Hand ins Feuer. Ochsen wie Zottel haben Doping nicht nötig. Aber habe ich Zottel nötig? Plötzlich ist die Frage da, als gäbe es noch einen Weg zurück. Die Wahrheit ist: nein, nicht zwingend. Kerngesund bin ich, es mangelt meinem System weder an Eisen noch an Vitamin B 12. Andererseits: ein Stück Zottel würde mir auch nicht schaden. Tatsächlich hat die Heidelberger Vegetarierstudie von 1994 ergeben, dass sogenannte moderate Vegetarier, die hin und wieder Fleisch oder Fisch essen, am gesündesten sind.

Als ich die Pfanne auf den Herd stelle, ist es weit nach Mitternacht. Ich schiebe Dylan in den Recorder, das Plätzli brutzelt vor sich hin, und leise singe ich «Next to come in was Mrs. Cow, she tried to dance … », Bent würde sich wundern. Zwei Minuten von jeder Seite, hat Romy Schmidt gesagt, Öl, Salz, Pfeffer. Riecht gut. Eine Tischdecke muss her. Und eine Kerze. Und so beisse ich doch tatsächlich in Zottels Bruders Huft.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




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