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NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen Inhaltsverzeichnis
Die Demokratie-Pille
© Beat Kennel und Anne Christian...
Ein Forscher der Basler Pharmaindustrie wird zum Retter der Welt.
Von Arnon Grünberg
Dreimal schon hatte die Sekretärin von Jules Poitevin den Amerikaner gebeten, eine E-Mail zu schicken, aber jedes Mal hatte der geantwortet, er bestehe darauf, den Professor persönlich zu sprechen. Zu guter Letzt hatte sie beschlossen, den Professor zu stören.
«Was will der Amerikaner?» hatte der Professor gefragt.
«Das will er nicht sagen», antwortete die Sekretärin.
«Aber er ruft immer wieder an.»
Jules Poitevin ist vierundfünfzig. Er hat drei Kinder, zwei Söhne von siebzehn und vierzehn und eine Tochter von neun. Zwei Kinder hätten ihm vollauf genügt, doch seine Frau wollte gern noch ein Mädchen.
Für den Erhalt seiner Ehe muss man bereit sein, Opfer zu bringen.
«Wie heisst der Amerikaner?»
«Irgendetwas mit ‹Limsen›.»
«Limsen? Nie gehört», antwortete der Professor.
Poitevin wohnt mit seiner Familie in Badenweiler. Mit dem Auto ist er in einer Dreiviertelstunde an seiner Arbeit in Basel.
Er arbeitet auf dem Gebiet der Neuropsychiatrie und forscht für Novartis nach Heilmitteln gegen die Krankheit, die im Volksmund noch immer «Schizophrenie» genannt wird.
Jules Poitevin, Sohn eines französischen Vaters und einer flämischen Mutter, studierte in Utrecht und machte sich einen Namen mit einer bahnbrechenden Untersuchung zur Selbstverstümmelung von Jugendlichen.
Auf seinen Rat hin hatte die EU seinerzeit der Selbstverstümmelung den Krieg erklärt. Die Neigung, am eigenen Körper herumzuschnippeln, hatte wie ein Virus um sich gegriffen.
Kurz nach seiner bahnbrechenden Untersuchung stellte Novartis ihn ein, um eine Forschungsgruppe zu leiten, die neue Heilmittel gegen Geisteskrankheiten entwickeln sollte. Mit seiner damals noch jungen Familie zog er nach Badenweiler. Die Bekämpfung von Geisteskrankheiten war seine Lebensaufgabe geworden.
In Basel zu wohnen, fand er einen schrecklichen Gedanken. Mülhausen hatte ebenfalls einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht. Beim Herumfahren in der Umgebung waren sie zufällig durch Badenweiler gekommen, und er hatte beschlossen, dass die kleine Schwarzwaldgemeinde sein Wohnort sein sollte.
Entscheidungen traf er meist schnell. Obwohl er ein sanfter Mann mit stets gepflegtem Ringbart war, ein wenig in sich gekehrt vielleicht, besass er auch autoritäre Züge, aber die brauchte man auch, wenn man ein Forschungsteam leiten wollte. Seine Frau, von Haus aus Soziologin, hatte gefragt: «Was soll ich in Badenweiler denn anfangen?»
«Mach eine Pension auf», hatte er geantwortet.
Das hatte sie getan.
«Wenn er noch einmal anruft», sagte der Professor zu seiner Sekretärin, «stellen Sie ihn bitte durch.»
Zwei Tage später versuchte der Amerikaner es wieder.
«Professor Poitevin», sagte eine Männerstimme, «endlich erreiche ich Sie. Mein Name ist Patrick Lumsen. Ich spreche im Auftrag der Regierung der Vereinigten Staaten.»
«Was will die amerikanische Regierung von mir?» fragte Poitevin.
Ein gewisser Ehrgeiz war dem Professor nicht fremd, doch gleichzeitig stand er weltlichen Ehrungen eher skeptisch gegenüber. Am Wochenende wanderte er mit seiner Familie durch Feld und Natur. Wenn seine Frau den Gästen das Frühstück serviert hatte, zogen sie los. Der Professor voran, mit Rucksack und Proviant. Auch bei Regen. Der Professor mochte Regen sogar. Sein ältester Sohn wanderte mittlerweile allerdings nicht mehr mit. Ein typisches Zeichen der Pubertät.
«Das kann ich Ihnen am Telefon nicht sagen», antwortete der Amerikaner.
«Dann kann ich Ihnen nicht helfen.»
«Es geht um Paxodol», sagte der andere schnell.
Paxodol war der von Poitevin entwickelte Nachfolger des Heilmittels Fanapt.
Im Kampf gegen die Schizophrenie war Fanapt ein Etappensieg gewesen, doch den definitiven Durchbruch versprach Paxodol zu bringen.
Die Food and Drug Administration der Vereinigten Staaten stand kurz davor, das Mittel für den amerikanischen Markt zuzulassen.
«Was ist mit Paxodol?» fragte der Professor.
«Hören Sie», sagte der Amerikaner. «Haben Sie am 14. November schon etwas vor?»
«Da arbeite ich.»
«Könnten Sie nach Brüssel kommen?»
«Das wird schwierig.»
«Wir holen Sie morgens um acht bei Ihnen zu Hause ab, und abends vor sieben sind Sie wieder daheim.»
Der Professor warf einen Blick auf den Bericht, den er gerade las, dann schaute er in seinen Terminkalender.
«Einverstanden», sagte er. «Wissen Sie, wo ich wohne?»
«Wir sind informiert», sagte der Amerikaner.
«Moment», sagte der Professor, «um sicherzugehen, dass Sie sich nicht bloss einen unangenehmen Scherz mit mir erlauben, hätte ich gern eine schriftliche Bestätigung der wichtigsten Punkte, über die wir gesprochen haben. Auf offiziellem Briefpapier.»
In seiner Studentenzeit war Poitevin zwei- oder dreimal Opfer unangenehmer Scherze geworden.
«Selbstverständlich», sagte der Amerikaner. «Ganz wie Sie wünschen. Es soll Ihnen an nichts fehlen.»
Am 14. November stand Poitevin wie immer um halb sieben auf. Er half seiner Frau, das Frühstück für die Kinder und die Gäste vorzubereiten. Um diese Jahreszeit war nie viel zu tun, nur zwei von sechs Zimmern waren belegt.
Krawatten fand der Professor eine unnütze Erfindung. Im Sommer trug er am liebsten Polohemden, im Winter Rollkragenpullis. Wenn es sein musste, zog er einen seiner fünf Sakkos darüber, doch ehrlich gesagt mochte er auch keine Sakkos. Kleidung lenkte vom Wesentlichen ab.
Er schaute auf die Uhr. Zwei vor acht, er ging nach draussen. Bei sich trug er die Tasche, die er immer zur Arbeit mitnahm und die noch aus seiner Studentenzeit stammte.
Es war ein nebliger Tag.
Ein grauer Audi stand vor der Pension.
Ein Mann im Anzug stieg aus und hielt dem Professor die Tür auf.
Poitevin nahm Platz auf dem Rücksitz, wo drei Zeitungen für ihn bereitlagen. Doch er hatte sich selbst etwas zu lesen mitgenommen.
Sie fuhren zum Flughafen Baden-Baden.
Der Mann, der ihm die Tür aufgehalten hatte, brachte ihn zu einem kleinen Flugzeug. Poitevin war der einzige Passagier. Er hasste fliegen.
«Möchten Sie etwas essen oder trinken?» fragte eine Stewardess.
«Nur ein Glas Wasser», antwortete Poitevin.
Um elf Uhr waren sie in Brüssel.
Zwei Männer brachten ihn in einem Auto zum Nato-Hauptquartier. Sie waren schweigsam, doch dem Professor war das nur recht. Soziale Kontakte kosteten ihn viel Energie, und in der Regel kam wenig dabei heraus.
Im Hauptquartier wurde er in einen Raum geführt, wo acht Männer und eine Frau an einem halbrunden Tisch sassen.
Er setzte sich auf den leeren Stuhl ihnen gegenüber.
Aus der Tasche holte er einen Notizblock und einen Füller, ein Geschenk seiner Schwiegermutter. Er schraubte die Kappe ab.
Die Frau ergriff das Wort. «Mein Name ist Deborah Horton», sagte sie.
Er schätzte sie auf Mitte vierzig. Vielleicht sogar etwas jünger. Sie hatte etwas Energisches.
«Zusammen mit diesen Herren bin ich verantwortlich für die Taskforce ‹Saving Democracy›. Wahrscheinlich haben Sie noch nie etwas von dieser Taskforce gehört?»
«Nein», bestätigte der Professor.
«Die Taskforce wurde vor fünf Jahren im Auftrag des amerikanischen Präsidenten ins Leben gerufen», erläuterte Horton, «als sich herausstellte, dass die Wähler in den Vereinigten Staaten und Europa – und übrigens auch in anderen Regionen – sich immer mehr radikalisierten und dies leider auch keine vorübergehende Entwicklung war. Der Wähler reagiert nicht mehr auf Rezession oder Aufschwung oder die Zu- oder Abnahme terroristischer Bedrohung. Er ist – mit einem Wort – absolut kopflos geworden. So begannen wir notgedrungen, die Demokratie als eine vom Aussterben bedrohte Tierart zu betrachten, eine Tierart, die an einer Immunschwäche leidet, sozusagen. Der Präsident – wie Sie vielleicht wissen, ein grosser Verfechter der Demokratie – hat darauf beschlossen: Ich muss diese Spezies retten. Ich setze die besten Männer und Frauen darauf an, diese bedrohte Tierart vor dem Untergang zu bewahren. Und dies?…» – sie schaute um sich – «…ist das Ergebnis. Ich bin seit achtzehn Monaten Mitglied der Taskforce. Wir haben eine Reihe von Szenarien entwickelt, diverse Optionen erwogen, doch nach intensiven Gesprächen – mit Fachleuten von aussen, aber auch mit dem Präsidenten und seinen nächsten Beratern – sind wir einhellig zu der Auffassung gekommen, dass Sie unsere einzige Hoffnung sind. Oder anders gesagt: Die Rettung der Demokratie hängt allein von Ihnen ab.»
Poitevin steckte die Kappe wieder auf seinen Füller.
«Ich verstehe Sie nicht», sagte er.
Ein Mann ergriff nun das Wort. «Ich bin Michael Grady. Ich werde Sie nicht mit Einzelheiten belästigen, jedenfalls nicht in diesem Stadium, wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen die detaillierten Berichte zuschicken. Es hat sich herausgestellt, dass Menschen, die jeden Tag Paxodol nehmen, sechzig bis siebzig Prozent weniger Gefahr laufen, extremistische Parteien zu wählen – auf welcher Seite des politischen Spektrums auch immer –, als eine beliebige Vergleichsgruppe, die kein Paxodol, sondern ein Placebo einnimmt. Natürlich haben wir es nicht bei einem einzigen Experiment belassen. Wir haben Ihr Mittel an Menschen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen getestet: Leute mit hoher Schulbildung, Leute mit niedriger Schulbildung, Schwarze, Weisse, Latinos, Minderjährige, Alte. Die Ergebnisse, Professor Poitevin, sind ermutigend, und das ist noch mit aller Vorsicht ausgedrückt.»
«Worauf wollen Sie hinaus?» fragte der Professor.
Ein etwas älterer Herr meldete sich zu Wort: «Mein Name ist David Halperman, ich bin ethischer Berater dieser Taskforce und unterrichte Philosophie an der Universität Princeton. Es geht uns natürlich nicht darum, den Wähler oder den Bürger, den Menschen ganz allgemein, zu kontrollieren, wir wollen den freien Willen nicht eliminieren, obwohl Fachleute bezweifeln, dass es so etwas wie den freien Willen überhaupt gebe, wir wollen ihn als Konzept, als Grundlage vielmehr erhalten. Uns geht es lediglich um die Bekämpfung der Auswüchse, das Entfernen der Unebenheiten gewissermassen, vorübergehend und hoffentlich mit keinem anderen Ziel als dem, das zu retten, was uns allen so sehr am Herzen liegt: die Demokratie. Denn so wie es jetzt läuft, darüber sind fast alle sich einig, geht es nicht weiter. Die Gefahren sind uns sehr wohl bewusst, aber wir sind zu der Einsicht gelangt, dass Nichtstun noch weitaus gefährlicher wäre.»
Ein kahlköpfiger Mann fügte hinzu: «Die anderen Optionen wären: Abschaffen der Demokratie oder Abschaffung der Wähler. Ersteres wäre eine Niederlage für jeden, der die humanistischen Ideale verteidigen will, letzteres allein schon aus wirtschaftlichen Gründen eine Katastrophe.»
Deborah Horton öffnete einen Laptop. Sie sagte: «Wir haben drei Versuchsgebiete in Europa ausgewählt: das österreichische Bundesland Kärnten, die niederländische Provinz Limburg und die italienische Region Lombardei. In erster Linie, weil die Bevölkerung in diesen Gebieten noch mehr radikalisiert ist als anderswo, nicht zuletzt aber auch, weil wir die Wasserversorgungsbetriebe der Lombardei, Kärntens und Limburgs haben infiltrieren können.»
Der kahlköpfige Mann ergriff wieder das Wort: «Professor», sagte er, «Sie dürfen nicht denken, dass dies ausschliesslich eine US-amerikanische Operation ist. Hohe Vertreter der EU unterstützen dieses Programm. Und die chinesische Regierung unterstützt es nicht nur mit Worten, sie hat auch die Hälfte des Budgets übernommen. Dies ist eine weltumspannende Rettungsaktion, Professor.» Deborah Horton fügte hinzu: «Unter Ihrer fachkundigen Leitung möchten wir das Trinkwasser in ebengenannten Regionen mit zunehmenden Dosen von Paxodol anreichern.»
«Paxodol hat Nebenwirkungen», gab der Professor zu bedenken.
«Natürlich», erwiderte Deborah Horton, «verringertes sexuelles Verlangen zum Beispiel. Wir sind über alle Nebenwirkungen genau informiert.»
Der Philosoph aus Princeton sagte: «Nach Gesprächen mit zahlreichen Ethikern, Sexualwissenschaftern und Experten der Pharmaindustrie sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die beste Lösung wohl darin besteht, die Nebenwirkungen durch einen weiteren Stoff im Trinkwasser wieder zu beseitigen. Weder haben wir vor, die Fortpflanzung zu behindern, noch wollen wir der Bevölkerung ihr rechtmässiges Vergnügen am Sex rauben. Wir wollen, und dies kann nicht oft genug betont werden, niemanden kontrollieren, niemandes Entscheidung zwischen Gut und Böse vorwegnehmen, das Einzige, was wir wollen, ist: die Demokratie retten. Und es gibt eigentlich kaum einen Fachmann, der unser Projekt kennt und noch zweifelt: Diese Massnahme ist ohne Alternative, Paxodol ist unsere einzige und letzte Rettung. Und Sie haben Paxodol entwickelt.»
Deborah Horton klatschte applaudierend in die Hände. Dann applaudierten auch die anderen.
Der Professor senkte den Kopf.
Er war stolz, doch gleichzeitig auch etwas beschämt: Er war Applaus nicht recht gewohnt.
«Der Humanismus steht am Scheideweg», sagte der Philosoph. «Schlägt er die falsche Richtung ein, wird er für immer verschwinden, wählt er mit Ihrer Hilfe jedoch die richtige, können wir ihn vielleicht retten.»
Der Professor zögerte, er schaute auf seinen leeren Notizblock, doch da war es schon zu spät, intuitiv hatte er seine Entscheidung getroffen: Er konnte nicht Nein sagen. Wenn dies eine globale Rettungsaktion war, durfte er sich der Verantwortung nicht entziehen.
Die beiden schweigsamen Herren brachten ihn zum Flughafen. Mit derselben Maschine wie am Morgen war er in kaum einer Stunde wieder in Baden-Baden.
Zu Hause hatte seine Frau das Essen schon fertig, doch der Professor wollte erst noch kurz duschen. Danach setzte er sich in der Unterhose an seinen Schreibtisch.
Er legte Musik auf. Ein altes Lied von Leonard Cohen. Leise sang er mit, während er seine E-Mails las.
«It’s coming through a crack in the wall; on a visionary flood of alcohol; from the staggering account of the Sermon on the Mount, which I don’t pretend to understand at all.»
Leise tippte er mit dem Zeigefinger auf den Schreibtisch.
«Democracy is coming», sang er mit. «Democracy is coming.»
Dann ging er hinunter zu Tisch.
Übersetzung aus dem Niederländischen: Rainer Kersten, Berlin.
Zur Biographie von Arnon Grünberg
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