WER NICHTS WAGT, gewinnt nichts. Wer wagt, gewinnt vielleicht, vielleicht auch nicht. Angst und bang kann einem werden, wenn man sich diesen tausendfach überlieferten Zusammenhang ernsthaft vor Augen führt und das Leben aus dieser Sicht zu betrachten beginnt: Wer etwas entdecken will, muss sich bewegen, muss suchen, aber leicht kann er dabei vieles verlieren. Wer Gipfel erklimmt oder über Grate wandert, wer sich aufs hohe Seil wagt, kann abstürzen oder zumindest seinen Rucksack verlieren. In jeder Sekunde muss der geplagte Mensch abwägen, ob er sich nun noch einen Schritt weiter vorwagen will oder ob er innehalten und in Kauf nehmen soll, dass ihm dadurch eine Gelegenheit entgeht.
Verluste tun weh; meist ist es schmerzlicher, etwas zu verlieren, als etwas nicht zu erreichen. Deshalb neigen viele Leute zu einer nicht allzu riskanten, möglicherweise langweilig anmutenden Lebensweise. Sie kleben beispielsweise am Wochenende Fotos in ein Album, statt mit dem Fallschirm von einem Wolkenkratzer zu springen; statt ein Unternehmen zu gründen und ihr Geld zu riskieren, schreiben sie im ruhigen Büro Artikel für eine seriöse Zeitung; und insgeheim wissen sie, dass Amerika heute wohl noch nicht entdeckt wäre, wenn alle Leute so wären wie sie.
Zwar würden auch solch risikoscheue Leute gerne von erhabenen Gipfeln ins Gelände blicken oder nach einem geglückten Tanz auf dem hohen Seil den Applaus geniessen; die Gefahr, dass sie abstürzen könnten, hält sie indessen oft von solchen Wagnissen ab. Aber selbst wer fast gar nichts wagt, wird im Leben Risiken gewärtigen müssen; man kann ja auch aus dem Bett fallen und dabei den Laptop so unglücklich zerdrücken, dass die Festplatte und mit ihr kostbare Texte zerstört werden. Weil Verluste weh tun, versuchen die Menschen seit je, schlimmen Ereignissen oder wenigstens deren Folgen aus dem Weg zu gehen. Mit der Zeit haben sich Gruppen zusammengefunden, um Schicksalsschläge gemeinsam zu tragen, und in immer ausgeklügelteren Formen haben sich Versicherungen daraus entwickelt. Findige Leute suchen weiterhin nach neuen Rezepten, Risiken zu vermeiden, zu verdrängen oder zu versichern.
Mit einem Versicherungsvertrag sieht der Mensch plötzlich einen ganz anderen Pfad vor sich: Wird unter dem Grat oder unter dem hohen Seil ein Netz aufgespannt, wagen sich auch Leute mit einem durchschnittlichen Gleichgewichtssinn in die Höhe. Versicherungen geben den risikoscheuen Menschen das Gefühl, dass ihnen zumindest ein Teil der drohenden Verluste notfalls ausgeglichen würde; sie müssen nicht mehr immer mit dem Schlimmsten rechnen. Versicherungen machen Wirtschaft und Gesellschaft reicher und beweglicher, weil die Risiken vieler Vorhaben gleichsam neutralisiert, deren Chancen dagegen gewahrt werden. Fachleute sind der Ansicht, dass die Seeversicherung massgeblich zum Aufschwung von Schifffahrt und Handelsstädten beigetragen hat; ohne Transportversicherung hätte sich der internationale Handel nicht derart zügig entwickelt; und ohne Produkthaftungsversicherung wäre wohl manche Neuerung aus Angst vor Fehlern den Märkten vorenthalten worden.
Versicherungen stellen Risikoscheue allerdings vor neue Probleme: Wogegen soll man sich versichern, und bis zu welchem Ausmass lohnt sich das? Sich gegen jegliche Unbill abzusichern wäre teuer, wenn nicht gar unerschwinglich, denn jede Abgabe eines Risikos an eine Versicherung kostet eine Prämie. Der Mensch bleibt also auch so dazu verurteilt, in jedem Augenblick abzuwägen, ob er sich nun noch einen Schritt weiter vorwagen will und ob er dafür allenfalls ein neues Netz spannen muss.
Je furchtsamer ein Mensch ist, je mehr Bedrohungen er wahrnimmt oder je mehr er zu verlieren hat, desto bereitwilliger bezahlt er einer Versicherungsgesellschaft etwas dafür, dass sie ihm allfällige Verluste ausgleichen wird. Auch die Haftungsregeln eines Landes sind im Auge zu behalten - beispielsweise, wenn man vorhat, sich als Arzt in den USA an Patienten heranzuwagen. In den modernen Industriestaaten haben sich die Versicherungen zu allgegenwärtigen Begleitern von Menschen und Unternehmen entwickelt. Bei oberflächlichem Hinsehen könnte man leicht zum Schluss gelangen, das Leben in modernen Industriegesellschaften sei viel risikoreicher, als es früher war, denn mehr als 90 Prozent des weltweiten Versicherungsgeschäfts werden in hochentwickelten Industrieländern abgewickelt.
Die Schweiz zählt zu den Ländern mit der höchsten Versicherungsdichte. Es gibt hier mehr Lebensversicherungspolicen als Einwohner, und die privaten Haushalte wenden fast einen Fünftel ihres Budgets für Versicherungen aller Arten auf - oft mehr als für Nahrungsmittel. Und nirgendwo sonst auf der Welt kauften die einzelnen Bürger in jüngerer Zeit privat soviel Sicherheit wie in Japan und der Schweiz: Die fast 5000 Franken Prämien pro Kopf und Jahr übertreffen selbst die durchschnittliche Absicherung in den von strengen Haftungsregeln beherrschten USA. Absolut betrachtet stellt Nordamerika allerdings den grössten Versicherungsmarkt der Welt dar; 33 Prozent des weltweiten Prämienvolumens werden dort umgesetzt. Fast ebenso gewichtig ist indessen der Markt im versicherungssüchtig anmutenden Japan, das gut 30 Prozent der Prämien anzieht - mehr als ganz Europa zusammen (27 Prozent).
Damit ist angedeutet, dass in vielen anderen Ländern, vor allem in Entwicklungsländern, Versicherungen nur von einem ausgewählten Publikum in nennenswertem Umfang abgeschlossen werden. Ins Auge sticht allenfalls Südafrika, das nach Japan den zweithöchsten Anteil der Versicherungsprämien am Sozialprodukt (gut 12 Prozent) ausweist. Allerdings wachsen die Märkte in den versicherungsmässig noch wenig erschlossenen Ländern in jüngerer Zeit rascher als in den «reifen» Industrieländern. In den Reformstaaten Osteuropas treten seit einigen Jahren immer mehr private Versicherer an die Stelle der vormals staatlichen Organisationen zur Abfederung von Risiken. Da die Motorisierung der Bevölkerung fast in allen Ländern der Welt rasant zunimmt, beschleunigen sich entsprechend die Geschäfte mit Haftpflichtversicherungen. Und schliesslich rechnen die Versicherungsgesellschaften überall dort mit einer Ausweitung des Geschäfts, wo sich Länder der ausländischen Wirtschaft mehr und mehr öffnen. In China weitete sich das Prämienvolumen in jüngerer Zeit mit jährlichen Wachstumsraten von etwa 30 Prozent aus, wobei als Kunden Unternehmen im Vordergrund stehen.
Aus diesen Zahlen auf eine Überversicherung der einen und eine Unterversicherung der anderen zu schliessen, wäre allerdings voreilig. So ist im Auge zu behalten, dass in weniger industrialisierten Ländern informelle Absicherungen und Überwachungen in der Familie, in Gruppen oder Dörfern eine wichtige Rolle spielen, sich aber nicht als Marktleistungen zeigen. Zudem wächst die Nachfrage nach Versicherungen ungefähr mit dem Wohlstand in der Bevölkerung. Ist das Leben in den Industrieländern möglicherweise risikoreicher als in weniger entwickelten Wirtschaften? Gemessen an der Lebenserwartung scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Allerdings zeigt ein genauerer Blick in die menschliche Seele, dass Wahrnehmung und Deutung von Risiken sowie die Versicherung dagegen mit dem technischen und wissenschaftlichen Fortschritt eher schwieriger als leichter werden.
Eigentlich wäre die Suche nach der «richtigen» Versicherung einfach zu skizzieren: Der Mensch betrachtet als rationales, abwägendes Wesen die zurückliegenden Ereignisse sowie die damit verbundenen Verluste und überlegt sich, wieweit die Gesetzmässigkeiten auch weiterhin gelten. Das Risiko, das er zu gewärtigen hat, ergibt sich im wesentlichen aus der Eintrittswahrscheinlichkeit des unerwünschten Ereignisses und der Höhe des jeweiligen Schadens. Die «Dread-disease-Versicherung» etwa, die zuerst in Südafrika Fuss fasste, erfordert die nüchterne Analyse selbst des eigenen Sterbens. Dass man bei schwerer Erkrankung bereits vor dem eigenen Tod die Leistung einer Lebensversicherung fordern kann, bedeutet für etliche eine allzu weit gehende Entzauberung der Welt. Und die ebenfalls erstmals in Südafrika angebotene Lebensversicherung für HIV-Positive konfrontiert diese mit einem noch nüchterneren Kalkül: Die Versicherer gehen von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von acht bis zehn Jahren aus, und die Prämien sind entsprechend hoch.
Die Menschen scheinen oft nicht in der gleichen Weise mit Risiken umzugehen, wie Computer von Versicherungsgesellschaften dies vorsehen. Psychologische Experimente werfen ernsthafte Fragen zur Rationalität des menschlichen Verhaltens auf, sofern man das versicherungstechnische Kalkül als rationalen Massstab annimmt. Wahrnehmung und Deutung der Wirklichkeit scheinen die Einschätzung von Risiken so stark zu beeinflussen, dass die «normalen» Menschen zu anderen Schlüssen gelangen als Versicherer, die Risiken mit Schadensfällen und deren Wahrscheinlichkeitsverteilungen umschreiben. Warum etwa teilen sich Angehörige der gleichen Familie für eine vergleichsweise sichere Flugreise auf verschiedene Flugzeuge auf, haben aber im weitaus gefährlicheren Strassenverkehr keine Bedenken, sich alle ins gleiche Auto zu setzen?
Für den intuitiven Umgang mit Risiken sind qualitative Merkmale, gleichsam die Umgebung des Schlimmen, wichtig. Die Schrecklichkeit von Ereignissen führt tendenziell zu einer Überschätzung von Risiken. Die Meldung, dass in der Schweiz in einem halben Jahr 350 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen seien, erregt kaum Aufsehen, der Absturz eines Jumbo-Jets dagegen schreckt die Leute auf, obwohl die Anzahl der Toten nicht höher ist und ein solcher Absturz sehr selten vorkommt. Je mehr Tote mit einem einzelnen schlimmen Ereignis verbunden sind, desto mehr Platz verschaffen sich offenbar entsprechende Ängste im menschlichen Bewusstsein. Eigentlich ist es Laien aber nicht zu verübeln, dass sie mit versicherungstechnischen Erwartungswerten wenig anfangen können und statt dessen gebannt auf das gefürchtete Ereignis blicken: Was soll ein Tankanlagenbetreuer mit einer statistischen Eintrittswahrscheinlichkeit von 0,008 Promille anfangen, wenn der Tank in seiner Nähe dann entweder explodiert oder nicht explodiert? Und was hilft es ihm, wenn ein Experte ihm sagt, dass das Risiko auf 0,002 Promille verringert worden sei?
Besonders gefährdet fühlen sich die Menschen ebenfalls, wenn sie den Risiken ungefragt ausgesetzt werden - erst recht, wenn die unbeeinflussbare Bedrohung von anderen Menschen ausgeht und man deren Ziele missbilligt. Industriesmog, Elektrosmog oder Pestizide im Trinkwasser rufen im Vergleich mit Vulkanausbrüchen aufgebrachte Reaktionen hervor. Nicht von ungefähr hat sich die Katastrophe von Tschernobyl weit tiefer im Gedächtnis der Menschen eingegraben als Erdbeben, die mehr zurechenbare Todesopfer forderten als der Reaktorunfall. Wer hingegen eine Gefahr freiwillig in Kauf nimmt, hält die zugehörigen Risiken in der Regel für weniger schlimm, als wenn er ungefragt einer Bedrohung ausgesetzt wird. So wissen die Raucher zwar, dass ihre Sucht ihr Leben massiv verkürzen dürfte. Aber wenn einer von ihnen sich sorgenvoll überlegt, ob die Möbel vielleicht giftige Dämpfe ausdünsten, ob das Amalgam seiner Zahnfüllungen den Körper möglicherweise bereits mit Quecksilber belastet hat oder ob der Bildschirm im Büro nicht allzu intensiv strahlt, steckt er sich bei allem Nachdenken eine Zigarette an.
Wer freiwillig ein Risiko eingeht, glaubt offenbar auch gerne daran, dass er den Gang der Dinge kontrollieren kann. Autofahren ist, gemessen an der statistischen Unfallhäufigkeit, zwar ein gefährliches Unterfangen, die meisten Leute glauben aber, dass sie mit vorsichtigem Fahren die Gefahren weitgehend bannen können. Nach dem Motto «Wenn ich aufpasse, wird es mich schon nicht treffen», weigern sich «normale» Leute oft, die objektiv feststellbaren Häufigkeiten mit der subjektiv wahrgenommenen Wahrscheinlichkeit eines Unfalls in enge Verbindung zu bringen. In ähnlicher Weise biegen die Menschen sich die Wirklichkeit bei anderen Gelegenheiten zurecht. So glaubt dann ein Drittel einer Belegschaft, zum besten Zehntel im Betrieb zu gehören; und der frisch Verheiratete ist überzeugt, dass das objektive Scheidungsrisiko nur für andere, nicht aber für ihn gelte.
Da die Menschen sich durch diese verzerrten Wahrnehmungen gleichsam selber überlisten, sichern sie sich möglicherweise falsch gegen Risiken ab. Für das Selbstbewusstsein des Seiltänzers spielt es ja keine Rolle, ob unter ihm tatsächlich ein Netz aufgespannt ist oder ob er sich dies lediglich einbildet. Dementsprechend finden Experten leicht «unterversicherte» Gruppen. In Teilen der USA sollen trotz der Pflicht zur Haftpflichtversicherung mehr als ein Drittel der Autohalter unzureichend oder nicht versichert sein, weshalb spezielle Auffangeinrichtungen geschaffen wurden. Deutsche Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass zahlreiche Haushalte in mehrfacher Hinsicht unterversichert sind; offenbar wappnen sich Singles und Alleinstehende besonders nachlässig gegen Unfallkosten oder Haftpflichtansprüche. Da Menschen bei der Risikoeinschätzung und beim Versichern zur Selbstüberlistung neigen, unterstellen sie sich mehr oder weniger freiwillig einem Vormund. Viele Versicherungen sind vom Staat befohlen; und in der Sozialpolitik haben die Politiker ein so riesiges und dichtes Netz geknüpft, dass dessen Unterhalt in Industrieländern mittlerweile einen Viertel bis einen Drittel des Sozialprodukts beansprucht.
Schlimmer wird es für die Versicherungsunternehmen, wenn die Kunden nicht sich selbst, sondern den Versicherer überlisten wollen. Denn auch nach Vertragsabschluss verhalten sich viele Leute nicht modellgemäss. Eigentlich wäre die Gewissheit, dass für den schlimmsten Fall vorgesorgt ist, als dauerhafte Dienstleistung, gleichsam als ein steter Quell von Beruhigungstropfen zu verstehen. Nicht alle Kunden scheinen indessen Leistung und Gegenleistung des Versicherungsgeschäfts in diesem Sinn zu verstehen. Gemäss Umfragen möchte etwa ein Drittel der jüngeren Leute soviel Geld wie möglich aus den anonym und reich erscheinenden Versicherungsgesellschaften zurückholen; etwa ein Fünftel findet an einem Versicherungsbetrug nichts Verwerfliches.
Wenn Versicherungsschwindler Schäden vortäuschen, Verluste provozieren oder sorglos mit versicherten Sachen umgehen, führt dies in der Regel zu einem schmaleren Versicherungsangebot oder zu teureren Prämien. Wenn Kunden über ihre Risiken und ihr eigenes Verhalten viel besser Bescheid wissen als der Anbieter einer Versicherung, kann es gut sein, dass für solche Risiken gar keine Versicherung zustande kommt; zu hoch erscheint die Gefahr, dass der Versicherte unbemerkt zu einer List greift. Wäre ein Sportler gegen Misserfolge an Wettkämpfen versichert, könnte der Versicherungsvertreter im «Schadenfall» kaum durchschauen, ob sein Kunde sich tatsächlich in gebotener Weise angestrengt hat. Schwindeleien gegen Versicherer schlagen oft auch in Form von höheren Prämien auf die Versicherungsgemeinde zurück. Dies tut den schwarzen Schafen oft nicht einmal weh, da ja die grosse Gruppe der ehrlichen Versicherungskunden den Schaden ungefragt solidarisch mitträgt. Da man nie genau weiss, mit wem man im Versicherungspool in dieser unsichtbaren Weise zusammentrifft, ist selbst der Abschluss einer Versicherung riskant.
Beat Gygi ist NZZ-Wirtschaftskorrespondent in Bonn.