NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Warum bei Lloyd's die Glocke läutet

Der legendäre Versicherungsmarkt in Turbulenzen.

Von Walter Günthardt

ZWEI INSTITUTIONEN sind weit über die Finanzwelt hinaus als Symbol der Macht und der Ausstrahlung der Londoner City bekannt: die Bank von England und Lloyd's, wobei Lloyd's Versicherungsmarkt sogar um einige Jahre älter ist als die 1694 als Privatunternehmen gegründete Währungsbehörde. Im Gegensatz zu der 1946 durch eine Labourregierung verstaatlichten Bank of England, der «Old Lady of Threadneedle Street», ist Lloyd's Versicherungsmarkt noch heute privatwirtschaftlich organisiert, und es herrscht unter den Abgeordneten aller britischen Parteien ein weitgehender Konsens, dass dies auch in Zukunft so bleiben soll - trotz Verlusten in der Höhe von mehreren Milliarden Pfund in den letzten Jahren und einem Haufen von Klagen gegen die Verantwortlichen der ehrwürdigen Institution.

Doch blenden wir zurück: Als Lloyd's im «Revolutionsjahr» 1688 in seiner Urform entstand, waren genau hundert Jahre verstrichen, seitdem die «unbesiegbare Armada» Philips II. von Spanien mit Hilfe englischer Freibeuter und orkanartiger Stürme vor den Küsten der Britischen Inseln gesunken oder zerschellt war. 1588 hatte also der unaufhaltsame Anstieg der britischen Seemacht begonnen, die mit ihrer Kriegsmarine bald die Weltmeere beherrschen sollte; bis 1688 war aber auch die britische Handelsflotte auf eine Kapazität herangewachsen, die höchstens noch von der holländischen Konkurrenz übertroffen wurde. Damit bestand in London, das zudem auf dem besten Weg war, Paris als grösste Stadt Europas zu überflügeln, eine steigende Nachfrage nach jener Art von Assekuranz, die den legendären Ruf von Lloyd's zunächst begründet und dann bis ins 20. Jahrhundert aufrechterhalten hat: die Schifffahrtversicherung.

Es ist durch Inserate in der «London Gazette» verbürgt, dass ein gewisser Edward Lloyd 1688 in der Londoner City ein Kaffeehaus führte, wo namentlich Kaufleute, Reeder und Bankiers regelmässig zu informellen Geschäftsgesprächen zusammenkamen. Als sich die ersten Versicherungsmakler dazugesellten, wurde «Lloyd's Coffee House» an der Tower Street bald zum bekanntesten Treffpunkt jener Geschäftsleute, die gegen angemessene Prämien bereit waren, ihr Geld zur Deckung von Schifffahrtsrisiken einzusetzen.

Damals war die Schifffahrtsversicherung in Grossbritannien noch relativ neu; in den Mittelmeerländern besass sie jedoch eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Massgebend für die Terminologie der Assekuranz waren deshalb anfänglich auch in London die Vertragstexte der italienischen Seefahrtsrepubliken, unter welchen Genua eine führende Rolle spielte. Die älteste in London ausgestellte Versicherungsurkunde, die in den Archiven der Admiralität aufbewahrt wird, ist sogar auf italienisch verfasst: Diese «polizza» stammt aus dem Jahr 1547.

Edward Lloyd muss das Geschäftspotential der aufstrebenden Versicherungswirtschaft schnell erkannt haben, denn schon 1691 eröffnete er ein neues Kaffeehaus an der von der italienischen Bankentradition geprägten Lombard Street, wo er - ähnlich wie Baron Reuter gut 150 Jahre später mit seinem Brieftaubendienst - neben Versicherungen bald mehr oder weniger systematisch Nachrichten anbot. So publizierte er 1696 unter dem Namen «Lloyd's News» ein merkwürdiges Nachrichtenblatt, das gelegentlich sogar Berichte aus der westindischen Insel Barbados und der damaligen Kolonie Virginia enthielt, aber trotzdem nicht sehr erfolgreich war; 1702 schrieb er dagegen Geschichte, indem er erstmals in einer «List of Ships» alle Schiffe aufzählte, die in jenem Jahr entweder gesunken waren oder vermisst wurden. Diese Angaben waren für die Schifffahrtsversicherung von derartiger Bedeutung, dass «Lloyd's List» ab 1740 - als Edward Lloyd längst gestorben war - zu einer wöchentlichen Publikation wurde.

Trotz der Wandlung vom lockeren Kaffeehausbetrieb zum modernen Versicherungsmarkt sind viele Grundelemente der individuell konzipierten Privatassekuranz bei Lloyd's erhalten geblieben. Indirekt hat dazu nicht zuletzt eine Akte des britischen Parlaments aus dem Jahre 1720 beigetragen, welche die Bildung von unseriösen Körperschaften verhindern wollte. Damit wurde die Konzession für die staatlich überwachte Schifffahrtsversicherung in London exklusiv zwei Gesellschaften gewährt, die aus den anfallenden Prämien, die nicht zu unmittelbaren Schadenzahlungen aufgewendet werden mussten, Reserven für die Deckung künftiger Risiken aufzubauen hatten. Mit dieser Pflicht zur Bildung von versicherungstechnischen Rückstellungen war für die Royal Exchange Assurance und die London Assurance Companies erstmals eine der wichtigsten Grundregeln verankert, die heute weltweit für alle Assekuranzunternehmen gilt. In der gleichen Parlamentsakte war jedoch ausdrücklich festgehalten, dass Privatpersonen, die «für sich allein und unbeschränkt mit ihrem ganzen Vermögen» für eine Deckungszusage haften wollten, weiterhin Schifffahrtsrisiken zeichnen durften.

Auf dieser individuellen Basis florierte Lloyd's in völliger Freiheit weiter, so dass sich mit der Zeit auch dubiose Geschäftsvereinbarungen einschlichen, die mehr mit Glücksspiel und Wetten als mit Assekuranz zu tun hatten. Dies veranlasste eine massgebende Gruppe vermögender Finanzleute, die auf ihren guten Ruf bedacht waren, 1769 dazu, an der Pope's Head Alley, ganz in der Nähe der Lombard Street, ein «New Lloyd's Coffee House» zu eröffnen, wo ausschliesslich Schifffahrtversicherung nach seriösen Grundsätzen betrieben werden sollte. Dabei gaben sich die Mitglieder von Lloyd's - es waren damals insgesamt 79 Personen, die Versicherungen zeichneten und vermittelten - erstmals freiwillig Rahmenbedingungen, um die Zuverlässigkeit des Marktes zu erhöhen, ohne dessen Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen. Mit dieser Selbstregulierung erhöhte sich das Assekuranzvolumen derart, dass die Marktteilnehmer bereits 1771 ein Komitee wählten, das einen neuen Standort suchen sollte, und je 100 Pfund - damals eine riesige Summe - bei der Bank von England einbezahlten, um die Finanzierung grösserer Geschäftsräume zu ermöglichen. Diese wurden bald im Gebäude der Royal Exchange gefunden, wo die Kaffeehausatmosphäre, welche die ersten hundert Jahre von Lloyd's gekennzeichnet hatte, einem gestrengen Ritual weichen musste, das in einzelnen Verhaltensformen noch heute zu erkennen ist. Wie eh und je werden so zum Beispiel auf «Slip» genannten Zetteln die Deckungsquoten von Hand eingetragen.

Ganz allgemein scheint die Geschichte von Lloyd's von einer sonderbaren Jahrhundertperiodizität geprägt zu sein. Jene Parlamentsakte, welche die juristischen Grundlagen für den modernen Versicherungsmarkt festlegte, wurde 1871 verabschiedet, also genau hundert Jahre nach der Einleitung der ersten Schritte zur Selbstregulierung des Geschäftsgebarens; und die neueste Parlamentsakte, die den heutigen Status definiert, stammt aus dem Jahre 1982. Wie eine Ironie des Schicksals mutet schliesslich auch an, dass die ersten Verluste, die Lloyd's Versicherungsmarkt wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten gebracht haben, ausgerechnet für die Rechnungsperiode 1988 - also nach genau drei Jahrhunderten erfolgreicher Tätigkeit - ausgewiesen werden mussten.

Lloyd's Versicherungsmarkt hat sich ausserordentlich lange fast nur mit seinem angestammten Bereich, der Schifffahrt, befasst; hier waren seine Erfahrungen, Informationen und Expertisen weltweit konkurrenzlos. Paradoxerweise fand auch die Brandversicherung, die in vielen anderen Ländern in der Entwicklung der Assekuranz eine prominente Rolle gespielt hatte, bei Lloyd's keine besondere Beachtung, obwohl die Sitzungsräume im Gebäude der Royal Exchange im 19. Jahrhundert mehrmals ein Raub der Flammen geworden waren.

Diese Einstellung änderte sich rasch am Anfang des 20. Jahrhunderts, und in vielen Sparten, die von der Diebstahl- bis zur Industriefeuerversicherung reichen, nahmen die federführenden Assekuranzfachleute von Lloyd's plötzlich wieder eine wegweisende Position ein. Branchendiversifikation und Tradition treffen 1911 besonders deutlich aufeinander: im gleichen Jahr, in dem die «Titanic» untergeht, wird bei Lloyd's die erste Versicherungsdeckung für die zivile Luftfahrt gezeichnet. Mit der Zeit tragen auch die Motorfahrzeug- und die verschiedenen Formen von Haftpflichtversicherung in zunehmendem Masse zum wachsenden Prämienvolumen bei.

Wahrzeichen von Lloyd's bleibt aber die Bordglocke eines Schiffs, die heute noch im Grossraum des futuristisch anmutenden Hauptgebäudes an der Lime Street - dem achten Standort in der Londoner City seit 1688 - im Mittelpunkt steht. Diese legendäre Lutine Bell, die angeblich zu einer 1785 in Toulon vom Stapel gelaufenen und 1799 in der Nordsee gesunkenen Fregatte gehörte, wurde 1857 aus dem Meer geborgen und war nachher auf dem Parkett von Lloyd's mit ihrem Klang im wörtlichen Sinn tonangebend: mit einem Schlag wurden gute, mit zwei Schlägen schlechte Nachrichten angekündigt.

Die Anekdote der Lutine-Glocke ist symbolisch für die Geschichte von Lloyd's. Drei Jahrhunderte lang überwogen die guten Nachrichten an diesem einzigartigen Assekuranzmarkt, dessen Hauptakteure in einer seltsamen Mischung von vornehmer Zurückhaltung und prahlerischer Selbstsicherheit immer wieder betonen, bei Lloyd's sei alles versicherbar - von den Beinen Marlene Dietrichs bis zu einem Automobil auf dem Mond. Dies ist im Prinzip auch bei anderen Versicherern möglich, doch betonen viele Assekuranzunternehmen immer wieder, dass es Grenzen der Versicherbarkeit gebe, während man bei Lloyd's diesen Entscheid letztlich den einzelnen Syndikaten überlässt. Ein solches Syndikat wird, wie schon 1771, von einem «Underwriting Member of Lloyd's» gebildet, das sich nicht nur persönlich mit einem finanziellen Anteil für eine potentielle Schadendeckung verpflichtet, sondern auch genügend weitere Investoren als Mitunterzeichner zusammenbringen muss. Am Syndikat, das die «Titanic» für 1,4 Millionen Pfund bei Lloyd's versicherte, waren zum Beispiel 80 Einzelpersonen beteiligt, die sich für Deckungsbeträge zwischen 400 und 75 000 Pfund verpflichtet hatten.

Für solche Investoren hat sich schon früh die Bezeichnung «Names» eingebürgert, und in der Tat sollte es sich dabei um vermögende Personen mit Rang und Namen handeln, denn für die Teilnahme an einem Syndikat muss heute der Banknachweis erbracht werden, dass man über eine Summe von 250 000 Pfund verfügt. Dies ist jedoch nur der erste Schritt, und von da an kann sich ein finanzielles Engagement bei Lloyd's, je nach Art und Umfang des jeweiligen Syndikates, extrem unterschiedlich entwickeln. Wenn bei einer zugesagten Versicherungsdeckung kein oder wenig Schaden entsteht, das entsprechende Syndikat also auf Grund der eingenommenen Prämien positiv abschliesst, dann haben die daran beteiligten Names einen doppelten Ertrag; zum einen kassieren sie die Zinsen auf ihrem nachgewiesenen, aber nicht beanspruchten Bankkonto, zum anderen erhalten sie einen Anteil am Prämienüberschuss, der ihrer Deckungszusage entspricht. Hinzu kommen noch steuerliche Vorteile. Am meisten verdienen kann man also mit der Teilnahme an einem Syndikat mit hohen Risikoprämien, das ohne Schadenzahlungen abschliesst.

Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass die Names bei negativen Syndikatsabschlüssen nicht nur mit ihrer Pflichtsumme, sondern unbeschränkt mit ihrem gesamten Vermögen einzustehen haben. Solche Fälle hat es in der Geschichte von Lloyd's immer wieder gegeben; sie traten aber bis vor wenigen Jahren immer seltener ein, und viele Names wiegten sich im Glauben, ihre Investitionen am Versicherungsmarkt seien nicht nur lukrativ, sondern auch nicht mit dem geringsten Restrisiko behaftet. So schlug der Abschluss für das Jubiläumsjahr 1988, der bei einer Marktkapazität von 11 Milliarden Pfund plötzlich einen Verlust von rund 500 Millionen Pfund meldete, um so mehr wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein, als Lloyd's seine Rechnungen jeweils mit einer Verzögerung von drei Jahren vorlegt, um bei möglichst vielen Syndikaten einen definitiven Saldo ermitteln zu können. Auf Grund der 1991 publizierten Zahlen für 1988 war also bereits zu ahnen, dass es sich um den Anfang einer Reihe von Verlustjahren handelte; in der Tat ergaben sich bis zum Jahresabschluss für 1992 kumulierte Verluste von 8 Milliarden Pfund, und erst für 1993 darf wieder ein positives Gesamtergebnis erwartet werden.

Dieses Debakel ist auf zwei voneinander unabhängige Entwicklungen zurückzuführen, die sich summiert haben. In dieser Zeitspanne häuften sich auf globaler Ebene in bisher unbekanntem Masse Natur- und Umweltkatastrophen («Piper Alpha», «Exxon Valdez»), dazu kamen steigende Folgekosten aus der Haftung für frühere Asbestschäden. Die gesamte Versicherungs- und Rückversicherungsbranche sah sich dadurch massiv zur Kasse gebeten. Da aber Lloyd's nicht eine Versicherungsgesellschaft ist, die Schadenrückstellungen für solche Fälle äufnet, sondern ein Markt für ad hoc gebildete Syndikate, kamen diese unerwartet hohen Verluste direkt und teilweise kumuliert als Nachforderungen auf die unbeschränkt haftenden Names zu. Zum anderen erreichte die von einigen skrupellosen Marktagenten betriebene Anwerbung von neuen Names, die nur knapp - und zum Teil nur durch Verschuldung - ihre Bankgarantie aufbringen konnten, gerade in dieser Phase einen Höhepunkt, so dass die Verlustwelle eine Schicht von Investoren traf, die sich grundsätzlich nicht auf derart risikoreiche Geschäfte hätten einlassen sollen.

Gerade unter diesen Names hat es eine Reihe von tragischen Einzelschicksalen bis zu Selbstmorden gegeben, die - von der Boulevardpresse entsprechend ausgeschlachtet - den Ruf von Lloyd's in der britischen Öffentlichkeit schwer beeinträchtigt haben. Besonderes Aufsehen hat dabei der Fall einer Witwe erregt, die auf ihr schuldenfreies Haus eine Hypothek aufgenommen hatte, um bei Lloyd's mitzumachen, und - nach einem gewinnträchtigen Jahr - plötzlich auf Grund von Nachforderungen das Haus verkaufen und ihre Ersparnisse hergeben musste, so dass sie heute von der Fürsorge lebt.

Auf der anderen Seite gilt es festzuhalten, dass die Versicherungsnehmer nicht zu Schaden gekommen sind, weil Lloyd's als Institution in dieser Beziehung allen Verpflichtungen nachgekommen ist. Was jedoch übrigbleibt, sind massive Schulden und ein Haufen von hängigen Verantwortungsklagen von Names gegen einzelne Syndikatsführer, denen sie betrügerische Machenschaften in der Zuteilung von Risikodeckungen vorwerfen, sowie gegen Makler, die fragwürdige Kunden akquiriert haben sollen. Komplikationen ergeben sich auch daraus, dass ein beträchtlicher Teil der 32 000 Names, die 1988 aktiv waren (heute sind es weniger als 20 000), nicht in Grossbritannien leben, so dass es vor allem in den USA Klägergemeinschaften gegen verschiedene Aufsichtsorgane von Lloyd's gibt.

Gleichzeitig sind aber auch die für Lloyd's Versicherungsmarkt zuständigen Gremien und Personen nicht untätig geblieben. Die Erfahrung des letzten Jahrzehnts hat eindeutig gezeigt, dass mehr Markttransparenz, höhere Anforderungen an die Zahlungskraft und Professionalität der Names sowie strengere Richtlinien für die Marktagenten, die neue Names anwerben, unabdingbar sind. Zudem ist zur Bewältigung der entstandenen Verluste ein Equitas genannter Sanierungsplan ausgearbeitet worden, zu dem - neben den Vereinigungen aller konzessionierten Marktteilnehmer - auch jene Names einen Beitrag leisten müssen, die in den Jahren 1988 bis 1992 Gewinne erzielt haben. Um mit dem guten Beispiel voranzugehen, hat Lloyd's sogar das eigene Gebäude an der Lime Street verkauft und zur Weiterbenützung wieder gemietet, was nach den Worten von Chairman David Rowland dem Verkauf des Familiensilbers gleichkommt; nur durch einen derartigen Einsatz kann seiner Meinung nach der einzige Versicherungsmarkt der Welt überleben, der auch in der heutigen Zeit die unbeschränkte Haftung von Privatpersonen als Maxime beibehalten will.

Walter Günthardt ist Wirtschaftsredaktor der NZZ.


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