NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- «Bedenke wohl die erste Zeile!»

Von Wolf Schneider

«WIE GRÜSST der Bergwanderer? <Kein Problem>, denken viele. Schon falsch.» Eine kleine Verblüffung in drei kurzen Sätzen. Der Anfang einer Plauderei im Wochenmagazin der «Süddeutschen Zeitung». Die perfekte Lösung eines Problems, das viele nicht kennen und die meisten nicht lösen: Wie überliste ich die Menschen, die ich dafür gewinnen will, meinen Brief, meinen Artikel zu lesen - obwohl sie von einem riesigen Angebot an Lesestoff umzingelt sind, während sich gleichzeitig alles Geschriebene nur schwer gegen die Bilderwelt des Fernsehens behaupten kann?

Ob einer Journalist oder Schriftsteller ist, ob er einen Bewerbungsbrief schreibt oder einen Vortrag halten soll: Er tut gut daran, in den allerersten Sekunden um Interesse zu buhlen. Drei oder vier Zeilen haben die Nachrichtenagenturen zur Verfügung, um den Redaktor in Zeitung oder Radio zu fesseln: Nur wenn ihm dieser Textfetzen genug verspricht, holt er sich die komplette Nachricht auf den Bildschirm - eine Arbeitstechnik, die sich seit Einführung des Computers in vielen Redaktionen herausgebildet hat.

Das klingt nach ärgerlicher Oberflächlichkeit und entspricht doch einem typischen Leseverhalten überhaupt: Unsere Zeitungen und Zeitschriften sind längst so dick geworden, dass kaum noch ein Mensch jede Zeile liest. Vielmehr nimmt er ständig eine halbbewusste Güterabwägung vor: Wie verhält sich meine kleine Investition an Zeit und Zuwendung zu meinem mutmasslichen Gewinn an Information, Unterhaltung, Überraschung? Meist hat er nach wenigen Zeilen entschieden, ob er weiterliest oder nicht. Werbetexter haben sogar die Erfahrung machen müssen, dass ihr Inserat den Leser entweder binnen einer halben Zeile einfängt oder nie.

Beim Hören sind wir etwas geduldiger: Im Radio entscheidet sich im Durchschnitt innerhalb von 17 Sekunden (das sind etwa vier geschriebene Zeilen), ob sich der Hörer einem Wortbeitrag aufschliesst oder ob er «abschaltet» - das Radio abstellt oder seine Aufmerksamkeit abzieht, das läuft aufs selbe hinaus. Auch wo der Zuhörer nicht entrinnen kann, bei einem Festvortrag nämlich: Da ist zumeist nach einer ähnlich kurzen Frist entschieden, ob er die Rede mag oder lieber schon beginnt, ans anschliessende kalte Buffet zu denken.

Schön also, wenn der Vortragende sogleich Selbstironie anbietet und Kurzweil verspricht, zum Beispiel so: «Meine Freunde haben mich gefragt, ob ich nicht Lampenfieber hätte. Aber Lampenfieber kenne ich nicht. Die Lampen irritieren mich nicht im geringsten. Sie sind es, das Publikum, das mich in Panik versetzt.» Ronald Reagan eröffnete eine Rede in Moskau mit dem königlichen Satz: «Ich werde mich an das halten, was einst Heinrich VIII. zu jeder seiner sechs Frauen sagte: -Ich werde Sie nicht sehr lange in Anspruch nehmen.?»

Ironie gibt oft einen dankbaren Anfang ab. In der «Frankfurter Allgemeinen»: «Die Verwandtschaft zwischen Sport und Selbstverstümmelung ist sprichwörtlich; weniger bekannt sind die gefährlichen Nebenwirkungen des Musizierens.» Im Schweizerischen «Beobachter»: «Wanzen, Wespen und Würmer sind juristische Leckerbissen. Schon die rechtliche Zuordnung verursacht Probleme. Ist der Hundefloh - wie der dazugehörige Dackel - ein Haustier? Oder ein Untermieter? Oder bewegt er sich gar im rechtsfreien Raume?» Ein Porträt von Johannes Rau, langjährigem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, begann im «Spiegel» mit dem Satz: «Natürlich hat er das nicht so gemeint, hat er ja nie.» Kürzer und ironischer kann man nicht andeuten, dass von diesem Politiker kein klarer Satz zu erwarten ist.

Bewerbungsschreiben unterliegen anderen Gesetzen als Vorträge und Zeitungsartikel - doch die Rolle der ersten Zeilen ist deshalb nicht geringer. Liest der Empfänger den kompletten Text, so wird er gleichwohl durch den Anfang des Briefes positiv oder negativ eingestimmt; häufen sich die Bewerbungen auf seinem Tisch, so soll es Personalchefs geben, die sich genauso verhalten wie die meisten Zeitungsleser auch: Wer sich nicht in den ersten Zeilen interessant zu machen verstünde, wer gar begönne: «Nach Überwindung einer Identitätskrise habe ich beschlossen, mich dem Berufsspektrum des Journalisten zuzuwenden», ichbezogen also und aufgeblasen - der hätte den ganzen Rest umsonst geschrieben.

Mal mehr, mal weniger verhalten sich die meisten so wie der russische Ballett-Impresario Sergej Diaghilew. Der sprach einst zu Jean Cocteau: «Erstaune mich - ich warte.» In dem Meer des Gedruckten und Gesendeten greifen wir dankbar nach dem Rettungsring eines ersten Satzes, der uns spüren lässt: Hier hat einer sich bemüht, uns nicht zu langweilen. Vielleicht hat er zynisch angefangen wie der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce: «An einem Junimorgen des Jahres 1872 schlug ich meinen Vater tot - eine Tat, die damals tiefen Eindruck auf mich machte.» Vielleicht lässt er nur eine Wolke der Bedrohlichkeit aufziehen wie Hemingway in seiner Erzählung «Das kurze Glück im Leben des Francis Macomber»: «Es war jetzt Essenszeit, und sie sassen unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezelts, als wäre nichts passiert.»




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