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NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport Inhaltsverzeichnis
Schlagschatten -- Nelson, Sieger im Tod
© Angelo Boog
Er war sein Leben lang von Krankheiten und Verletzungen gezeichnet. Mit Charme und Taktik wurde der Seeheld zum britischen Volkshelden. Seinen grössten Triumph erlebte er nicht mehr.
Von Wolf Schneider
Schmächtig war er und 1 Meter 64 gross, mit 20 Jahren «ein Bübchen von Kapitän» nach dem Urteil eines Zeitgenossen, mit 40 weisshaarig und mit 47 jener Seeheld, der die Engländer so berauschte wie nie ein anderer ein anderes Volk.
1758 wurde Horatio Nelson als Sohn eines Pfarrers geboren, schon mit 12 fuhr er zur See, als 16jähriger Seekadett wäre er an der Malaria fast gestorben; bis zum Tod verfolgte sie ihn mit Fieberschüben und Schüttelfrost. 1794, bei der Erstürmung der Zitadelle von Calvi auf Korsika, verletzte ein Splitter sein rechtes Auge so, dass es für den Rest seines Lebens nur noch Hell und Dunkel unterscheiden konnte. 1797, auf Teneriffa, zerschmetterte eine Musketenkugel ihm den rechten Ellenbogen, der Arm wurde amputiert, ein halbes Jahr lang eiterte der Stumpf. In seinen letzten Lebensjahren litt Nelson an Herzrasen, Magenkrämpfen und Husten mit blutigem Auswurf; seekrank wurde er sowieso.
Dieses hinfällige Männchen aber bezwang seine Umwelt mit vielgerühmtem Charme und wurde von seinen Matrosen geliebt wie nie ein Kapitän zuvor. Den Seekrieg führte er mit überlegener Taktik und eisernem Vernichtungswillen. Den bewies er zuerst 1798 als Oberbefehlshaber der britischen Flotte im Mittelmeer in der mörderischen Seeschlacht von Abukir bei Alexandria: Dort stellte er in seichtem Gewässer die Kriegsschiffe, die den Transport der Soldaten Bonapartes nach Ägypten schützen sollten.
«Auf Pistolenschussweite» beschossen die beiden Flotten einander aus fast tausend Kanonen, mit Eisenkugeln, die Löcher in die Bordwand schlagen, Masten umreissen und die Besatzung kampfunfähig machen sollten – um die Schiffe auf Grund zu setzen oder sie zu entern. Das gelang Nelson mit zehn der dreizehn französischen Segler. Seine Kanoniere feuerten mehr als doppelt so schnell, denn aufs äusserste hatte er sie gedrillt und zur Höchstleistung motiviert: Stundenlang, schweissüberströmt, mit zerschundenen oder halbverbrannten Händen, luden, feuerten, zerrten, kühlten, reinigten sie, luden neu, justierten, zündeten – einmal pro Minute, in infernalischem Lärm, ohne Halt, auch wenn einer von den fünfzehn Mann an jeder Kanone blutend zusammenbrach.
Gegen alle Schulweisheit
In Neapel lernte der umjubelte Sieger den dortigen britischen Gesandten kennen, Sir William Hamilton, und verliebte sich stürmisch in dessen Frau Emma, 35 Jahre jünger als ihr Mann, vormals Magd, Zofe, Tänzerin und Mätresse reicher Männer. Hamilton duldete die Liaison, zu dritt reisten sie 1800 nach London, Emma brüstete sich öffentlich mit ihrem Geliebten. «Sie bläst ihm Weihrauch ins Gesicht», schrieb eine Dame der Gesellschaft, «und er schnuppert ihn freudig ein.» 1801 gebar sie ihm eine Tochter.
Im selben Jahr, nun Vizeadmiral, brachte Nelson vor Kopenhagen ein mit 74 Kanonen bewaffnetes dänisches Kriegsschiff zur Kapitulation, bloss weil er mit einem Ruderboot längsseits ging, seinen Bootsmantel zurückschlug und sich identifizierte durch den leeren rechten Ärmel und die ordensübersäte Brust.
1803 wurde er wieder Oberbefehlshaber im Mittelmeer. Der 21. Oktober 1805 war der denkwürdige Tag, an dem seine 27 Kriegsschiffe vor Kap Trafalgar westlich von Gibraltar mit den 33 Grossseglern der französisch-spanischen Flotte zusammenstiessen. Er liess das berühmte Flaggensignal setzen «England vertraut darauf, dass jeder seine Pflicht erfüllt» – nach Ansicht anderer Historiker aber «Nelson vertraut darauf …» Denn was war schon England für diese Mannschaft aus Engländern, Skandinaviern, Deutschen, Portugiesen – verglichen mit ihm, dem einäugigen, einarmigen Sieger von Abukir, dem Vater der Matrosen, dem populärsten Seemann auf Erden!
Gegen alle Schulweisheit befahl Nelson, im rechten Winkel in die feindliche Flotte hineinzusegeln und sie dadurch zu zerteilen. Seine Kapitäne traf dieser Plan «wie ein elektrischer Schlag», schrieb er wenige Stunden vor seinem Tod an Lady Hamilton. «Einige vergossen Tränen, alle stimmten zu.» Nelson war euphorisch wie stets vor und in der Schlacht. Auf dem Deck seines Flaggschiffs traf ihn die tödliche Kugel eines Scharfschützen, der ihn an seinen vier Ritterordenssternen erkannt hatte.
Die Franzosen verloren 20 Schiffe, die Engländer keines. Napoleons Plan einer Invasion in England war abgeschmettert und Grossbritanniens Herrschaft über die Meere errungen für mehr als hundert Jahre.
Zehn Jahre nach Nelson starb Emma Hamilton, einsam und verarmt. Seine Rente für sie und ihre gemeinsame Tochter hatte sie durchgebracht.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
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