DIE EINZIGEN, die heutzutage noch dumm genug seien, heiraten zu wollen, seien die Homosexuellen und die katholischen Pfarrer, meinte kürzlich einer, der sich weniger über die erste kirchliche Trauung zweier schwuler Männer in der Schweiz wunderte als über den Skandal, den sie auslöste. Nun steht es hierzulande und anderswo um den Glauben an die Ehe allerdings noch nicht so rational bestellt, wie solches Gefrotzel vermuten lassen könnte. Über Jahrzehnte der theoretischen Bankrotterklärung durch die verschiedensten Gruppierungen, über Jahrzehnte der praktischen Beweisführung durch das Leben hat sich die Institution schliesslich allen Anfeindungen zum Trotz halten können.
Heute werden im Westen ein Drittel bis die Hälfte aller Ehen geschieden - Statistiken, die jede und jeder kennt. Die Gesellschaft im ganzen verschliesst ihre Augen vor dem Zusammenbruch einer Institution, zu der Individuen auf der persönlichen Glückssuche aus allen gesellschaftlichen Lagern nach wie vor - und heutzutage oft mehrmals - pilgern, blind für die vielfältigen Beweise des Unglücks, mit denen der Aufgang zu ihren heiligen Pforten gepflastert ist. Die Politik im einzelnen werkelt an ihren bröckelnden Fassaden herum, als wäre sie ein Heimatschutzobjekt, dem man den Glanz vergangener Zeiten mit einem neuen Farbanstrich wieder verleihen könnte - so dieser Glanz denn jemals etwas anderes war als der Glitter und Tand des Patriarchates, das der weiblichen Hälfte der Menschheit den vergoldeten Käfig als Hort ihrer ursächlichen Bestimmung an Heim und Herd schmackhaft zu machen versuchte.
Viele, die mit der neuen Frauenbewegung politisch gross geworden sind, haben noch vor kurzem diesen Tand heruntergerissen und dahinter den Kerker der weiblichen Abhängigkeit und Ungleichheit aufgedeckt; jetzt, in der Mitte ihres Lebens, spazieren sie so freiwillig hinein, wie ihre Mütter und Grossmütter in jungen Jahren ohne Möglichkeiten des Widerstands hineingestossen worden sind. Simone de Beauvoirs Mahnung vor der Falle der Mutterschaft, die sich auch in den modern tapezierten Zellen der vermeintlich partnerschaftlichen Ehe gnadenlos auftut, verblasst angesichts der existentiellen Triebkräfte der biologischen Uhr, die die persönliche Reproduktion als letzte Ausflucht vor dem Alter und dem gesellschaftlichen Tod der nicht mehr gebärfähigen Frau erscheinen lassen. Wer jetzt nicht heiratet, wer jetzt keine Kinder zeugt, tut es nimmermehr. Und die alten Männer nehmen sich junge Frauen, um das Gespenst des Todes in Schach zu halten mit dem ahnungslosen Gekicher der Jugend und dem lebensprallen Gebrüll eines Babys - noch einmal will das Klimakterium virile verdrängt sein. Und die Jugend muss leben und lieben unter dem Damoklesschwert einer Seuche, die ihr noch nicht einmal jene kläglichen paar Experimente in freier Liebe erlaubt, die ihre Mütter der Pille verdanken und ihre Väter jenen ziemlich unausgegorenen Ideen von sexueller Permissivität, die sich heute gerade noch im freien Spiel der internationalen Pornographie- und Prostitutionsmärkte hat halten können - pervertiert bis zur Unkenntlichkeit, vielleicht auch nur entblösst bis zur Kenntlichkeit.
Während an allen Ecken und Enden der schönen neuen Medienwelt die immanente Wahrheit des heterosexuellen - und zwangsweise wieder monogamen - Zweierbundes, der heilen Paar- und Familienwelt suggeriert wird, klafft der Zwiespalt der Ideologien hinter der Vorstellung von der Familie als Keimzelle des Staates stetig breiter: im Hause soll gedeihen, was im Vaterland nicht mehr wachsen darf - drinnen sollen Gemeinschaft und Solidarität und Rücksicht gepflegt werden, wo draussen auf den Kampfplätzen der Wirtschaft dem Konkurrenzprinzip mit Klauen und Krallen gehuldigt wird. In der geschlechtlichen Zweiteilung der Welt ist selbstverständlich das traditionelle Frauenbild ebenfalls am sichersten aufgehoben.
Dem können auch die androgynen Modetrends der Jugendkultur samt ihrer Anpassung an den Massenmarkt wenig anhaben. Nichts hält heutige Jugendliche davon ab, ihre Zukunft exakt so zu planen, wie es ihre Grossväter und -mütter in einer fernen Vergangenheit getan haben. Nicht die Vorhersagen einer zukünftigen, radikal veränderten «öffentlichen» Welt, nicht der Umbruch der Lebensbedingungen im Global Village, wo die Arbeit knapp wird und alle Werte sich wandeln, nicht die Überlagerung der Wirklichkeit mit der Virtualität, nicht die vergreisten Instanzen der Ehe, in denen noch immer die Popanzen einer Keuschheit thronen, die der explodierenden Weltbevölkerung Sexualität nur im Dienste der Fortpflanzung erlaubt.
Das Prokrustesbett, in das wir uns zwängen, zwängen lassen, könnte unsere Differenzen und unsere Vielfalt vielleicht für eine Weile beherbergen: Sofern es den Männern und den Frauen gleich viel Platz und gleich lange Decken zugestehen würde. Denn die Gretchenfrage des weiblichen Lebenslaufes, vom modernen Schlagwort «Kinder oder Karriere» zum postmodernen «Windows oder Windeln» ironisiert, drängt auf eine Neuformulierung. Die Diskussion um den Umbau des Sozialstaates und die Entwicklung der Arbeitswelt, den die Kadermänner der westlichen Wirtschaft zurzeit unter sich führen, ignoriert die Notwendigkeit neuer gesellschaftlicher Leitbilder für die Verteilung der Arbeit unter den Geschlechtern. Sie ignoriert damit auch mögliche Gemeinschaftsformen jenseits der staatlich geschützten Ehe- und Familienstruktur, die offen oder unterschwellig marginalisiert und ausschliesst, wer sich nicht in sie einfügen will oder kann: mit lauten oder subtilen Diskriminierungen, unter denen Alleinstehende - Frauen im besonderen - in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zu leiden haben.
Doch könnte dieses Prokrustesbett genügen selbst im Falle der gesellschaftlichen Utopie, in welcher bezahlte und unbezahlte Arbeit, Macht und Prestige, Betreuung von Alten, Kranken und Schwachen, Kindererziehung und Hege des Gemeinwohls auf beide Geschlechter gerecht verteilt wären? Und was ist mit dem, nennen wir es Abenteuer der Liebe? Kann es stattfinden im Ehebett? Die Frage ist, zugegeben, rhetorisch. Früher oder später lernt jeder und jede, dass die Zeit für die Erfahrungen in der Liebe und der Sexualität zu kurz ist in jener vorehelichen Lebensphase, in welcher der Musterkatalog des akzeptierten Verhaltens solche Erfahrungen erlaubt. Selbst wenn wir in jungen Jahren bereits die Reife hätten für die Vielfalt von Leidenschaften, die das Leben bereithält, selbst wenn es uns gelänge, sie zusammenzupressen in die dafür vorgesehenen Jugendjahre, so wäre die Zeit der erotischen «Einfalt», gemessen an der heutigen Lebensdauer, so lang, dass wohl wenige Ehen sie unverdorrt an Leib und Seele überstehen könnten.
«Ein jegliches hat seine Zeit» lehrt uns die Bibel, aber nicht für jeden und jede hat alles die gleiche Stunde. Die Zeit für das eine ist für den andern manchmal die Zeit für das andere, und wenn die verschiedenen Stunden für eine Weile harmonisieren, darf man von Glück reden. Denn Leben und Liebe lassen sich nicht im Zweiertakt synchronisieren, unsere Gefühlswelten nicht chronologisch beherrschen. «I crave the simplicity of routine, not the extravagance of passion», sagt eine der notorisch ambivalenten Heldinnen in den Romanen der Britin Anita Brookner, die wie wenige den Tauschhandel der Sehnsüchte zwischen den Marktständen der leidenschaftlichen Einsamkeit und der routinierten Zweisamkeit zu registrieren weiss. Vom weiten Feld der Passionen, das sich jenseits der Grenzen der Heterosexualität erstreckt, wollen wir gar nicht erst reden. Sie dürfen, wenn überhaupt, auch in liberalen Gesellschaften oft nur verschämt blühen.
Doch die sogenannt offene Zweierbeziehung, die aus den alten definierten Paar-Defiziten neue Treue-Definitionen zu schaffen versucht, ist in der gesellschaftlichen Realität eine exotische Erscheinung. So schwer tun wir uns mit der Abkehr vom Gemeingut der Vorstellungen in Liebes- und Besitzverhältnissen, dass die meisten am Schluss doch lieber beim unheimlichen Elend bleiben, aus dem uns die Doppelmoral gelegentlich heimliche Ausbrüche zugesteht. Dass die serielle Monogamie, die mit der Akzeptanz von Ehescheidungen einhergeht, uns keine neuen Visionen von Bindungen beschert, sondern einfach die Vervielfältigung des Gleichen in der Mehrfach-Ehe, ist selbstverständlich. Bis dass der Tod die Soap Opera vom x-mal wiederholten Lebensbund beendet . . .
Es muss Gründe geben, warum so viele sich trotzdem immer wieder zusammentun, um auf die Ewigkeit - oder wenigstens ein Stück von ihr - zu schwören. Selbst die härtesten Skeptikerinnen und Skeptiker. Denn auch hier gilt, leicht abgewandelt, das schöne Wort: die grössten Kritiker der Elche sind früher oder später selber welche. Und es wäre wohl an der Zeit einzugestehen, dass die Autorin seit 25 Jahren verheiratet ist. Mit demselben Mann. Nicht ganz unglücklich. Trotzdem kann sie nur darüber spekulieren, warum so viele im sinkenden Kahn mit solcher Hartnäckigkeit auf dem schweren Ballast überholter Traditionen bestehen. Natürlich wird fast immer fast alles mit der Kinderfrage begründet: Die aber liefert, wie die Formulierung zeigt, weniger schlüssige Antworten denn viele neue Fragen. Und die wiederum werden von der Praxis mit Hohn beantwortet: Die intakte Familie, noch und noch für das Wohl der Kinder in unserer Gesellschaft heraufbeschworen, ist höchstens die angestrebte, nicht die erfüllte Norm. Zum einen ist Nestwärme nicht an eine staatlich institutionalisierte Lebensform gebunden, zum andern müssten die aufgedeckten Schrecken von Gewalt, Missbrauch und Inzest bei weitem zur Einsicht genügen, dass es sich dabei um mehr als nur private Probleme von unglückseligen Individuen handelt, die sich mit dem Boom von Psychotherapien lösen liessen.
Der Sehnsucht nach Zweisamkeit wird man aber offenbar mit den Bestandesaufnahmen der Vernunft nicht gerecht. «Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei»: Das Bibelwort hat eine Gültigkeit, die tiefer reicht als alles Wissen um die existentielle Einsamkeit des Menschen. Der Mensch ist allein, er kommt allein zur Welt, er verlässt sie allein - aber soll er auf dem kurzen Weg durchs Tal der Tränen tatsächlich nur ein Spielball der Natur sein, die im Paarungstrieb das Überleben der Spezies sichert? Es mag so sein. Doch auch das bessere Wissen wird uns nicht weismachen können, dass es klüger sei, allein mit offenen Augen auf den Abgrund zuzugehen, als ihn zu zweit in Blindheit zu verleugnen. Lieber stolpern wir im Dunkel der Illusion, als dass wir im Licht der Wahrheit aufrecht gehen - das ist der Trost, den wir mit religiöser Inbrunst von der Liebe ersehnen. Insofern wird der Bund fürs Leben in all seinem Aberglauben auch den Materialisten am Ende des zweiten Jahrtausend wohl so etwas wie ein Sakrament bleiben.
Pia Horlacher ist Filmredaktorin der NZZ.