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Tagebuch eines Steuerzahlers
Wie viel der Journalist und Tramführer Thomas Schenk an einem Tag dem Staat entrichtet.
Von Thomas Schenk
4.10 Uhr: Der Wecker piepst. Frühdienst, also rasch aus dem Bett. Noch ist der Heizkörper im Badezimmer kalt, doch bald schaltet die Gasheizung auf Tagesbetrieb. Die CO2-Abgabe, die der Bund seit Anfang Jahr erhebt, kostet mich 10 Rp. pro Tag. Das ist zu verkraften. Hauptsache, unsere 4-Zimmer-Wohnung wird warm.
4.28 Uhr: Ich stelle den Müll an die Strasse. Fr. 1.70 nimmt die Stadt Zürich pro Sack ein, macht in meinem Fall pro Tag 24 Rp. Fast gleich teuer ist die Grundgebühr für die Entsorgung, pro Haushalt und Tag 22 Rp.
4.31 Uhr: Es regnet, also nehme ich das Auto, um ins Depot zu fahren (so früh fährt noch kein Tram). Für unseren Saab (Hubraum 2000 cm³) verlangt der Kanton Motorfahrzeugsteuern von Fr. 1.08 pro Tag. Dazu kommen noch 8 Rp. Stempelsteuer auf der Autoversicherung. Das Velo, das ich im Normalfall benutze, ist steuerfrei.
5.08 Uhr: Arbeitsbeginn. Mit der Linie 3 geht’s nach Albisrieden. Als diese Strecke in den 1920er Jahren gebaut wurde, mussten die Anwohner eine Tramsteuer bezahlen.
9.59 Uhr: Pause. Die Hälfte meines Tagespensums ist absolviert. Am Abend werde ich 304 Fr. verdient haben (13. Monatslohn, Ferien- und Krankheitstage eingerechnet). Abzüglich der Berufsauslagen und Versicherungsprämien von täglich 25 Fr. ergibt dies ein steuerbares Einkommen von 279 Fr. Darauf entfallen: Gemeindesteuer an die Stadt Zürich (17 Fr.), Staatssteuer an den Kanton (13 Fr.), direkte Bundessteuer (Fr. 3.80). Macht total Fr. 34.80.
10.30 Uhr: Kaffee und Birchermüesli kosten Fr. 10.50. Davon gehen 80 Rp. (7,6 Prozent Mehrwertsteuer) an den Bund.
11.00 Uhr: Ich stehe mit meinem Tram an der Haltestelle Stauffacher und lasse die Türen offen, um die Glocken der St.-Jakobs-Kirche besser zu hören. Der schöne Klang ist mir die Kirchensteuer von 85 Rp. pro Tag wert. Ich bin reformiert und komme vergleichsweise gut weg – als Katholik müsste ich 95 Rp., als Christkatholik Fr. 1.20 bezahlen.
11.45 Uhr: Beim Paradeplatz, dem Zentrum der Zürcher Bankenwelt, muss ich an das Geld von mir und meiner Frau denken, das ebenfalls arbeitet. Der tägliche Wertschriftenertrag beträgt Fr. 4.50. Davon gehen Fr. 1.50 als Verrechnungssteuer an den Bund (füllt man die Steuererklärung richtig aus, kriegt man sie wieder zurück). Zusammen mit der Lebensversicherung beträgt unser Kapital 269 000 Fr., da sind die Vermögenssteuern von täglich 60 Rp. zu verkraften.
14.50 Uhr: Nach der Arbeit rufe ich meine Frau an, um die Einkäufe zu koordinieren (10 Rp. Mehrwertsteuer).
15.25 Uhr: An der Ladenkasse bezahle ich Fr. 75.50, darin eingerechnet die Mehrwertsteuer von Fr. 1.80 (zum reduzierten Satz von 2,4 Prozent). Indirekt habe ich auch Fr. 1.15 an Einfuhrzöllen bezahlt, die der Bund auf Lebensmitteln erhebt: auf Bananen aus Ecuador 14 Rp. pro Kilo, auf Kaffee aus Bolivien 46 Rp., auf Olivenöl aus Italien 55 Rp. pro Liter. Reis aus Thailand und Datteln aus Marokko sind zollfrei, inländische Produkte sowieso.
15.35 Uhr: Zwischenhalt an der Tankstelle. Von den Fr. 1.80 pro Liter unverbleites Benzin fliessen 73 Rp. als Mineralölsteuer an den Bund (für Strassenbau und -unterhalt). Bezogen auf die 2 Liter, die ich heute verbrauche, macht das Fr. 1.46. Klimaschutz ist billiger: 1,5 Rp. pro Liter kostet der sogenannte Klimarappen, der seit 2005 erhoben wird; für meine heutige Fahrt weitere 3 Rp., und die Mehrwertsteuer von 27 Rp. Dann kaufe ich gleich noch eine Autobahnvignette, Kostenpunkt 40 Fr. oder 11 Rp. pro Tag.
15.58 Uhr: Ich fahre nach Hause. Auf unserem Vorplatz muss ich Hundekot entfernen. Dass der Halter des Tiers täglich 38 Rp. Hundesteuer an die Stadt bezahlen muss, spendet nur wenig Trost.
18.42 Uhr: Sitze im Zug nach Luzern und zeige dem Schaffner mein Generalabonnement. Als Tramführer erhalte ich das umsonst, muss es aber mit dem neuen Lohnausweis als Einkommen versteuern, 80 Rp. pro Tag.
20.00 Uhr: Konzertbeginn im KKL. Das Ticket kostete 105 Fr. Ich weiss nicht, wie viel die Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters davon bekommen. Sicher ist nur, dass die Stadt Luzern Fr. 9.50 an Billettsteuern einnimmt; Basel, Zürich und viele andere Orte haben die Abgabe inzwischen abgeschafft.
21.20 Uhr: In der Pause trinke ich eine Stange, 8 Rp. gehen als Biersteuer an den Bund, 30 Rp. als Mehrwertsteuer. Dann gebe ich meinem Begleiter noch Kleingeld für Zigaretten; das Päckchen kostet Fr. 6.40, der Bund nimmt Fr. 3.60 als Tabak-, 45 Rp. als Mehrwertsteuer ein.
23.30 Uhr: Zu Hause rechne ich zusammen: Fr. 59.90. Der grösste Betrag entfällt auf die Gemeindesteuer von Zürich (17 Fr.). Fast gleich viel nimmt der Bund mit zehn verschiedenen Abgaben ein. Ich finde, jetzt habe ich einen Grappa verdient. Für die 4 Zentiliter habe ich damals beim Kauf der Flasche umgerechnet 46 Rp. an Alkoholsteuer bezahlt.
Leserbriefe:
Zu Tagebuch eines Steuerzahlers - NZZ-Folio Steuern (02/08)
Am Sonntag hatte ich endlich Zeit, das "Steuern"-Folio durchzulesen. Ich hatte gehofft, vor der 31. März-Guillotine für die Abgabe der Steuererklärung vielleicht noch etwas lernen zu können. Dem war aber nicht so. Ausschlag für diese Zeilen ist aber das (ansonsten gute) "Trämler Tagebuch": Wenn der Thomas Schenk ein Schweizer ist, dann stellt er sicher nicht den Müll an die Strasse, sondern den Abfallsack auf's Trottoir. Und wenn er im Zug jemandem das GA zeigen muss, ist das nicht ein Schaffner, sondern ein Billeteur. Natürlich wird die NZZ auch "im grossen Kanton" gelesen. Sie sprechen doch aber sicher primär die Schweizer Leserschaft an. Also was soll diese unschweizerische Wortwahl? Hatte während des verregneten Sommers 2007 Gelegenheit, einige ältere Folios nachzulesen, die aus Zeitmangel liegen geblieben waren. Ärgerte mich dort schon über das vermehrt grassierende "Hauchdeutsch", sodass ich sogar mal begann, einen Zettel anzulegen. Der kam mir aber wieder abhanden. Erinnere mich aber noch gut auch an die Polizeiwache, was doch bei uns Polizeiposten heisst. Peter Schnider, Dübendorf
Zu Tagebuch eines Steuerzahlers - NZZ-Folio Steuern (02/08)
Leider sprechen Sie nur von den Belastungen. Für die bezahlten Steuern erhalten wir sowohl auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene Leistungen. Dass diese erstellt werden ist nicht etwa Selbstzweck und Beschäftigung von Personal im öffentlichen Dienst sondern dahinter stehen immer Aufträge, welche vom Volk oder Parlament einmal erteilt worden sind. Und wir profitieren täglich davon - nur ist es uns viel zu wenig bewusst. Es fällt nur auf wenn eine Leistung einmal ausfällt. Es wäre doch ganz interessant wenn Sie z.B. beim "Tagebuch eines Steuerzahlers" nicht nur die Belastungen des Herrn Schenk aufzeigen würden sondern auch die Leistungen, welche er dafür konsumiert - so ganz selbstverständlich. Schon rein nur das Nutzen der Infrastrukturen wie Strasse, Bahn, evtl. die Schule für seine Kinder würden dazu führen, dass der Herr Schenk mehr profitiert als er zahlt. Aber diese Seite ist wahrscheinlich für Journalistinnen und Journalisten zu wenig interessant. Werner Bianchi, Schaffhausen
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