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NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Huber auf Huber auf Huber

© Suzanne Schwiertz, Zürich
Ernst (68) und Thomas (40) Huber: «Probleme gab es immer nur zwischen den Frauen.» Lukas (8) will Bauer werden. Linktext
Der Wirt der «Krone» in Sihlbrugg, Thomas Huber, blickt auf eine lange Reihe von Vorfahren zurück, die alle auch schon dort gewirtet haben. Er vertritt die 13. Generation.

Von Lilli Binzegger

Man wählt die Nummer des Restaurants Krone und denkt, es werde wohl jemand vom Personal abnehmen, aber am anderen Ende sagt ein Mann: «Huber.» Da hat man also gerade den Richtigen am Draht, und man sagt: «Da bin ich ja gleich beim Richtigen, Sie sind Herr Huber, der Dreizehnte auf der Krone Sihlbrugg?» Herr Huber sagt aber: «Der Zwölfte.»

Ja, klar: In einem Restaurant arbeitet meist die ganze Familie mit und oft mehr als nur eine Generation. Der Dreizehnte ist der 40-jährige Thomas Huber, Vater des oder der vielleicht einmal Vierzehnten, des 8-jährigen Lukas und der 5-jährigen Dominique. Der Zwölfte ist sein 67-jähriger Vater, Ernst, Zwölfter auf dem hablichen alten Gasthaus neben dem verwirrenden grossen Verkehrskreisel kurz vor der Auffahrt zur Autobahn Richtung Gotthard und Luzern. Das heisst: Der Zwölfte ist er nicht auf der «Krone», die gibt es noch gar nicht so lang. Und Huber ist er auch erst der Fünfte.

Alles klar?

Jetzt sind wir in der Gaststube der «Krone», wo die Ölportraits zweier Ahnen zu mahnen scheinen: Haltet in Ehren, was euch gegeben worden ist. Eine Frau in weisser Schürze deckt unter den strengen Blicken von Anna und Jakob Urner-Höhn, die 1809 das heutige Gasthaus erbauten, die Tische für den Mittag auf und fragt, ob sie vielleicht etwas mithören werde, was nicht für ihre Ohren bestimmt sei.

Aber da ist nichts, was sie nicht sowieso weiss, auch wenn man Huber Vater und Sohn nach Dingen wie den Schwierigkeiten fragen wird, die man sich nicht wegdenken kann aus einem Mehrgenerationenbetrieb, in dem es der Vater doch bestimmt anders gemacht hat als der Sohn. Die Väter und Söhne, wird man aber vernehmen, hatten miteinander nie ein Problem. Probleme hatten und machten immer nur die Eingeheirateten, und seit 1867 eine Urner einen Huber geheiratet und damit die Reihe der Huber begründet hat, waren das immer Frauen. Und die hatten die Probleme immer nur untereinander. Jede musste sich gegen die behaupten, die in der Generation vor ihr zur Familie gestossen war und sich bis zum Tag, als die Neue kam, vorgenommen haben wird: Die Nächste soll es dann einmal leichter haben als ich, ich werde ihr eine andere Schwiegermutter sein, als meine es mir die ersten Jahre war.

Zwischen Vätern und Söhnen stimme – «das ist doch fast naturgegeben, oder?» – die Chemie «fast von selbst», sagen Vater wie Sohn. Das würde man jetzt nicht ohne weiteres unterschreiben, und hätte Ernst Huber nur den anderen Sohn, Markus, dann könnte er es vielleicht jetzt auch nicht ganz so sagen. «Der hätte es aber sicher auch gut gemacht.» Markus hatte auch Koch gelernt, ihn interessierten aber eher Dancingbetriebe, und Thomas ist der kreativere Koch. Als der Vater vor elf Jahren ans Aufhören dachte, war rasch klar, dass Ältere sein Nachfolger würde.

Klar mache Thomas jetzt auch nicht alles gleich wie er, der Vater. Genau gesagt macht er «fast alles anders» (nicht zum Schaden der «Krone», die derzeit mit 16 Gault-Millau-Punkten aufwarten kann). Klar finde er, die Jungen verbrächten manchmal etwas viel Zeit mit den Pferden, drei seien auch etwas viel (was seinen Sohn einen Moment lang ein wenig verdrossen dreinschauen lässt); er selbst hatte immer nur eins oder zwei. Ernst Huber macht jetzt noch das Büro, in der Küche legt er nur Hand an, wenn Not am Mann ist. Seine Frau sei aber immer noch jeden Tag da. Die Frauen, Bernadette Huber und ihre Schwiegermutter Doris Huber, sorgen dafür – was aber beileibe auch nicht allein mit freundlicher Anwesenheit getan ist –, dass sich die Gäste wohlfühlen können: fürs Herz und die Wärme.

Thomas Huber wurde von seinen Eltern nicht dazu gedrängt, das Erbe der Vorfahren zu übernehmen. Sowenig wie seine Frau und er Lukas dazu drängen werden, der im Moment noch Bauer werden will und nicht davon abzuhalten war, heute trotz strömendem Regen nach Hirzel an die Viehschau zu gehen. Die lange Ahnenreihe hat Thomas Huber auch nie bedrückt, aber er wäre «schon nicht gern der», der sie durch Eigenverschulden beendet. Der wäre er aber auch nicht gern, wenn erst der Vater den Betrieb aufgebaut hätte.

«Doch. Ich denke, wir zwei haben es gut», sagt er. Sicher komme es vor, dass er etwas wolle, was sein Vater nicht gut finde. Aber irgendwann komme halt der Punkt, an dem der Jüngere entscheide und nicht mehr der Ältere. Wenn zwei Generationen unter einem Dach arbeiten und fast unter demselben Dach wohnen, habe das viel Gutes und Schönes. Aber es gebe schon Situationen, da wünschte er sich, er würde in einem Block mit fünfzig anderen Wohnungen leben, und keiner würde schauen, was man tut.

Ernst Huber hatte es mit seinem Vater, der Ernst hiess wie er, auch schon gut. Der war ohnehin nicht oft in der Wirtschaft, er arbeitete lieber im Wald, schnitt sonntags vielleicht einmal Speck und Schinken und ging in der Sihl Forellen holen, wenn Gäste zum Fischessen angemeldet waren. («Heute müsste da einer wahrscheinlich ein Jahr lang fischen.») Während des Kriegs war er als Hauptmann meistens nicht da, und die Gäste waren vor allem vom Militär. In der Nachkriegszeit wurde «alles anders», in die «Krone» kamen bald nicht mehr hauptsächlich die Bauern zum Milchzahltag, die vielleicht einmal ein Kotelett bestellten. In jener Zeit des allgemeinen Umbruchs gestaltete sich der Generationenwechsel von allein sanft. Jedenfalls der von Vater auf Sohn. Den Ton angegeben und gekocht hatten die Mutter und die Schwester der Mutter und eine Zeitlang eine alte Köchin, Sophie. Man ahnt, woher das mit den «Problemen immer nur unter den Frauen» stammt.

Und noch früher, wie war es da? «Da hätte meine Gotte bis vor einem Jahr noch vieles erzählen können», sagt Ernst Huber. Die Gotte hätte auch noch gewusst, wie der Weiler an der Sihl aussah, bevor Kiesabbau und planlose Strassen- und andere Bauerei ihr beispielloses Zerstörungswerk begannen. Aber jetzt ist die Gotte halt 99-jährig. Also holt er den Artikel hervor, den sie einmal für die «Zürcher Chronik» geschrieben hat. «Wir sind aber nicht sicher, ob da alles stimmt.»

Da erfährt man, dass ein Hans Jakob Urner um 1770 sich mit dem Wirt des Gasthauses zur anderen Seite der Sihl anlegte, als er, der Zöllner in Sihlbrugg, die Säumer bewirtete. Wie er sich dann «von den gnädigen Herren in Zürich» das Tavernenrecht erbat für ein Haus, das nicht «hauptsächlich von Sauf-, Tanz- und Spielgesellen» besucht würde wie das andere, und es auch bekam. Man liest von «Zapfwirtschaftsrechten», die vom «Obervogteyamt» zu erneuern waren, und dass zwei frühere Vorfahren an der Seite der Zürcher bei Kappel gefallen waren. Man liest – ein Jammer, reicht das mit Widmungen von Honoratioren reich bestückte Gästebuch nicht so weit zurück –, dass die einen Urner mit Lavater befreundet waren und andere mit den Brüdern Grimm. Oder dass eine der Urner, eine geborene Welti, das «Lied von der Abendsonne» gedichtet hat, das in der Hand von Hans Georg Nägeli zum Lied wurde und «Eingang in alle Wohnstuben und Schulstuben» fand.

Und einer der Metzger, «Kalbtriber», Fähnriche und Zöllner, die im Stammbaum aus dem 17. Jahrhundert aus dem Nebel der Geschichte aufscheinen, wird damit angefangen haben, an die Säumer Most und Speck auszugeben, und hat damit die lange Reihe der Sihlbruggwirte begründet. Danach gefragt, wer genau denn nun der Erste war, sagen der Zwölfte und der Dreizehnte: «Uns müssen Sie das nicht fragen, das mit dem Zählen war nicht unsere Idee.»

Lilli Binzegger ist stv. Redaktionsleiterin von NZZ-Folio.


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